Lukas 1,67-80
Hoffnung des Kindes | Dritter Advent | 14.12.2025 | Lukas 1,67-80 | Marianne Frank Larsen |
An jenem Tag im Jahre 1952, als ihr Mann von den Kommunisten in Prag verhaftet wurde, setzte sich Heda morgens auf den Fussboden und schaute auf ihren kleinen Sohn mit seiner Spielzeugeisenbahn. Er war völlig in seinem Spiel versunken. Im beiläufigen Ton erklärte sie ihm, sein Vater hätte nochmals eine längere Geschäftsreise antreten müssen. Der Junge nickte nur, denn solches kam ofter vor. Dann schrie er auf, weil sein Zug umkippte. In ihrem Buch mit dem Titel „Under a Cruel Star“ {deutsch: Eine Jüdin in Prag: Unter dem Schatten von Hitler und Stalin, Rowohlt 1992} erzählt Heda Kovaly ihre Lebensgeschichte, die erst vom Nationalsozialismus und dann vom Kommunismus bestimmt wurde. Es vergehen Monate. Aus dem Gefängnis wird der Mann nicht entlassen. Wenn der Junge fragt, erklärt sie jedes Mal überzeugend, wo er sich aufhält, und sie liest aus Briefen des Vaters vor. Wenn kein Brief kommt, erfindet sie selbst Worte des Vaters an das Kind. Obwohl sie fast kein Einkommen hat, legt sie jede Woche genug beiseite, dass sie mit dem Sohn jeden Samstag mit der Strassenbahn in den Wald am Stadtrand von Prag fahren können. Sie setzen kleine Boote aus Rinde in den Bach, der sich unweit der Strassenbahnhaltestelle durch das Tal schlängelt.
Für Heda Kovaly versteht es sich von selbst, warum sie dem Jungen nicht erzählt, dass sein Vater mit einem drohenden Todesurteil in Haft ist, warum sie ihm aus Briefen des Vaters vorliest und mit dem Kind jede Woche in den Wald fährt. Sie möchte ihm die Hoffnung nicht nehmen. Sie war selber Häftling im KZ und verlor beide Eltern in Auschwitz. Sie weiss, wie Menschen einander die Hoffnung nehmen können. Dieses Wissen soll dem Jungen erspart bleiben. Kein Erwachsener sollte es jemals wagen, ein Kind mit Hoffnungslosigkeit zu infizieren. Man kann für sich selber alle denkbaren bitteren Erfahrungen aufhäufen. Nur Eines dürfe man sich nicht anmassen, sagt der dänische Philosoph Løgstrup: einem Kind die Hoffnung zu nehmen. Das Dasein hat stärkere Überzeugungskraft in der Erwartung des Kindes als in der Enttäuschung des Erwachsenen, behauptet Løgstrup. Diese Erwartung bringt Heda dazu, aus ihrem Bett aufzustehen und weiterzuleben, auch nach der Hinrichtung ihres Mannes. Es ist die Erwartung des Kindes, die nicht zerstört werden darf.
Heute, am dritten Adventssonntag, kommt Johannes zur Welt mit dieser kindlichen Erwartung. Zacharias und Elisabeth, das alte Paar, haben längst aufgehört zu hoffen. Doch gelobt sei der Herr, der Gott Israels: sie bekommen ein Kind als Wunder ihres Lebens. Das heutige Evangelium ist der Lobgesang Zacharias, als das Kind beschnitten wurde und den Namen Johannes erhielt. Worte, die aus sein altes Herz quellen, dankbare und hoffnungsvolle Worte über die Erwartungen, die nicht an ihm selber liegen, sondern am Kind in seinen Armen. Es sind Hoffnungen, die weit über das eigene Glück der kleinen Familie hinausreichen. Es ist die Hoffnung, dass Gott selber uns alle barmherzig aufsuchen wird und uns befreien, erlösen und vor unseren Feinden retten. Eine Hoffnung, die sich in der Geburt von Johannes nähert wie die Morgenröte vor dem Sonnenaufgang.
Denn nicht Johannes selbst ist die Erfüllung der Hoffnung. Das erkennt der Vater durch den Heiligen Geist. Er ist es nicht! Noch nicht. Aber es ist kurz davor! Denn Johannes ist Wegbereiter für den Herrn, der kommt. Darum hören wir sowohl am dritten als auch am vierten Adventssonntag über den Johannes. Er stimmt unser Gemüt und erweckt unsere Sehnsucht. Er richtet unsere Erwartung auf den, der zu Weihnachten kommt. Das aufgehende Licht aus der Höhe, wie es mit schönen Worten heisst, ist gekommen, um jenen zu leuchten, die in Finsternis und Schatten des Todes sitzen. Jede unserer Hoffnungen können zerbersten. Wir wissen dies aus bitterer Erfahrung. Die Hoffnung, die mit ihm mitten in Finsternis und Schatten des Todes zur Welt kommt, ist jedoch eine besondere Hoffnung. Sie lässt sich nicht durch Verlust oder Schmerz oder Tod auslöschen. Denn sie erhebt sich aus dem Grab als ein aufgehendes Licht. Christus steht auf aus dem Grab. Mit den Worten eines Kirchenliedes üben den Adventkranz {dänisch „Det første lys er Ordet talt af Gud“}: „das dritte Licht hat kein Auge gesehen, es leuchtet durch das Herzensleid und meldet: Unmögliches ist geschehen, das dritte Licht ist Ostermorgen“. Über diese Barmherzigkeit singt Zacharias: die Befreiung, die Erlösung, die Rettung vom Tod und von allen Feinden unseres Lebens und unserer Freude. Jesus bringt nicht bloss diese Hoffnung. Er ist sie selber: die Hoffnung, die zu uns kommt, das aufgehende Licht, das nie ausgelöscht wird.
Diese besondere Hoffnung, die unerschütterliche Hoffnung in Finsternis und Schatten des Todes, erkennen wir in der Erwartung jedes Kindes. Sie hilft uns, die unerschütterliche Hoffnung zu verstehen und nach ihr zu greifen. In der Erwartung des Kindes erkennen wir die menschliche Hoffnung in unserer Existenz. Christus antwortet auf unsere menschliche Hoffnung, indem er unsere besondere Hoffnung wird. Paulus formuliert was das für unser Leben bedeutet. Im Äusseren ändert sich nichts, und doch verändert sich alles. Wir sind bedrängt, aber ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir sind zu Boden geschlagen, aber nicht verloren. Früher oder später werden die Erwartungen des Kindes bersten, das gehört zum Erwachsenwerden. Aber es bleibt ein Überschuss, ein noch Mehr als Verzweiflung und Zerbrochenheit.. Dank ihm, der kommt und uns besucht, auch in den Worten, die wir heute hören und singen.
In Wien war ich einst im Gottesdienst am Sonntag vor dem ersten Advent. Nach dem Gottesdienst erlebte ich vor der Kirche den Weihnachtsmarkt. Es gab Glühwein und Adventskränze zu kaufen. Die Kerzen waren violett, genau wie die Bänder an unserem Adventskranz hier in der Kirche und wie die Kasel, die ich heute zum Abendmahl anlege. Es ist die Farbe der Busse, die Farbe des Ernstes. Sie gehört zur Adventszeit, weil wir uns auf das Licht vorbereiten, das zu Weihnachten kommt. Wir nehmen die Finsternis ernst, in unserem Leben und in uns selbst. Aber eine Kerze auf den Adventskränzen in Wien war nicht violett. Sie war rosa. Es war die Kerze für heute, den dritten Adventssonntag. „Gaudete“ heißt dieser Tag auf Latein, das bedeutet: Freut euch! Ein heller Ton dringt in den Ernst, denn Zacharias singt seinen Lobgesang. Die Farbe ist rosa wie das Morgenrot am Himmel kurz vor dem Aufgang der Sonne.
Amen.
Marianne Frank Larsen
Ev. Pfarrer, Vor Frue Kirke in Aarhus
Mail: mfl(a)km.dk