Johannes 3,25-36
Predigt zum Vierten Sonntag im Advent | 21. Dezember 2025 | Johannes 3,25-36 | Von Jan Asmussen |
Masslose Gerechtichkeit
Mathematik und Gerechtigkeit haben nicht viel miteinander zu tun. In den USA werden Übeltäter in den Todesgängen „der Gerechtigkeit zugeführt”, wie man sagt. Auf die Frage, ob der Gerechtigkeit Genüge getan werden kann, muss die Antwort lauten: niemals!. Die Gerechtigkeit kann nicht dadurch erfüllt werden, dass man das Leben der Opfer mit dem Leben der Täter bezahlt.
Auch Liebe und Gerechtigkeit haben nicht viel miteinander zu schaffen. In wenigen Tagen beschenken wir diejenigen, die uns am nächsten stehen und uns Gutes wollen. Unabhängig von der Grösse des Geschenks wird es viel zu gering sein im Vergleich zu dem, was wir unseren Eltern, Ehepartnern und Kindern schulden. Liebe lässt sich nicht unter dem Weihnachtsbaum verrechnen.
Man könnte eine Fülle ähnlicher Beispiele anführen. Welcher schuldbeladene Mensch hat je empfunden, dass die Vergebung verdient gewesen wäre? Wer möchte ernsthaft die Dauer des Lebens, gemessen in Jahren und Jahrzehnten, zum alleinigen Kriterium für Lebensqualität und Glück machen? In unserer Welt, die mit „geben un nehmen” rechnet und in der wir andere danach messen, was sie für uns tun, passt dieses Mass nicht. Viele Dinge, gerade die entscheidendsten, werden nicht nach Mass gegeben.
Immer dann, wenn das Mass gedehnt wird, damit es dort passt, wo es eigentlich nicht passen dürfte, ist etwas ganz Bestimmtes im Gange. Der Verbrecher spürt es in seiner Zelle, wenn das Urteil gemildert wird. Der Weihnachtsgast spürt, dass es überhaupt nicht nötig ist, sich noch weiteres Jahr Liebe zu erkaufen. Das ist eine Wahrheit, die in unser Leben hineingelegt ist und die auftaucht, wann immer wir erleben, dass wir weit mehr empfangen, als wir leisten und verdienen.
Für diese Erfahrung, dass das Mass gedehnt wird und auch das Krumme und Unregelmässige als gerade erachtet wird, verwendet das Christentum ein ganz bestimmtes und präzises Wort, das all das bezeichnet, was in unserem Leben unverdient geschieht. Dieses Wort ist „Geist”.
Der Geist wird nicht nach Mass gegeben. In einigen Tagen singen wir von dem Kind, das in Bethlehem geboren ist. Eines unter unzähligen, in ferner Zeit und fern von uns. Eine Geburt genau wie jene, die wir selbst unsere Existenz verdanken. Dieses ganz unscheinbare Ereignis ist das Zentrum von Weihnachten: „Und die Zeit kam, da sie gebären sollte, und sie gebar ihn und wickelte ihn in Windeln.” So, wie es bei jeder Geburt geschieht.
Aber Gott gibt den Geist nicht nach Mass. Was „der Aufgang aus der Höhe” genannt wird – dass Gott zu den Menschen kommt – ist kein gross inszeniertes Ereignis. Für einen kühlen Blick war nichts Imposantes an ihm, der in der Krippe lag und später am Kreuz schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Doch der Geist wird nicht nach Mass gegeben: Das Mass wird gedehnt, sodass die mächtigen Taten des Herrn, die Ankunft des Heiligen Israels, der Aufgang aus der Höhe – all diese grossen Dinge – ihre Erfüllung haben im ganz Kleinen, im Kind von Bethlehem.
Hier liegt der Kern des Christentums: Gott das dehnt das Mass, sodass alle Erwartungen an das Heil, alle Sehnsucht nach dem Einen und dem Auserwählten ihre Erfüllung im Kleinsten finden. Das Himmelreich, das Heil, der Messias – all diese Worte klingen so gross wie Berge. Doch Gott zerbricht den Berg und wirft alle Felsbrocken beiseite, um einen einzigen Stein zu finden, der wie die anderen aussieht – aber über diesen sagt Gott: Das ist mein Auserwählter, der Geliebte, der Eckstein. Gott gibt den Geist nicht nach Mass. Im ganz Unscheinbaren und Kleinen nimmt die Fülle Wohnung.
Die Welt hat es mit all ihrer Macht immer schwer gehabt, das zu akzeptieren. Wenn das Mass gedehnt wird, sodass Jesus der Retter wird, schrumpfen Herodes und der Kaiser und müssen sich und die alte Ordnung verteidigen, in der das Grosse gross und das Kleine klein zu sein hat. Wenn die Steine verworfen werden, müssen sie sich erheben und den Eckstein zerschmettern. Darum wurde er gekreuzigt: als Demonstration, dass Macht Recht ist und dass ein Nagel durch die Handfläche ein sicheres Mittel sei, den dreieinigen Gott festzuhalten. Aber Gott gibt den Geist nicht nach Mass.
Wir feiern Weihnachten in der Gewissheit, dass Gott uns mit dem elastischen Mass misst, das „Geist” heisst und aus dem alle Liebe und Vergebung und Lebensfülle in unserem eigenen Leben stammen. Und die zentrale Handlung des Geistes und der Gnade ist diese: dass Gott den erwählt hat, der nichts ist, damit er alles sei. Dass alle Verheissungen Gottes ihr Ja in ihm gefunden haben. Jesus sprach als Erwachsener oft über dies Kleine, das entscheidende Bedeutung gewinnt. Das anschaulichste Bild ist der Sauerteig, der ein grosses Brot zum Gehen bringt, obwohl er nur eine winzige Menge ist. So, sagt Jesus, wirkt die Gnade in dieser Welt. Dadurch, dass das, was fast nichts ist, alles wird.
Und da wird er in wenigen Tagen wieder liegen: das Kind in der Krippe. Ohne Pracht und Schmuck, ganz klein. Mit der einzigen göttlichen Bestimmung, „grösser zu werden”, wie Johannes der Täufer sagt: „Ich muss abnehmen, er aber muss zunehmen.” Vom Grossen zum Kleinen – das ist der Weg des Todes und der Vergänglichkeit. Vom Kleinen zum Grossen – das ist der Weg des Geistes. Und das feiern wir an Weihnachten mehr als alles andere: dass der, der nichts ist, machte Gott zum Zeichen seines Geistes in der Welt gemacht wurde. Alle Verheissungen Gottes haben ihr Ja in ihm gefunden, der nicht kleiner werden kann, sondern nur grösser bei uns und in uns, bis Gottes Fülle erreicht ist. Denn Gott gibt den Geist nicht nach Mass.
Amen.
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Jan Sievert Asmussen
Ev. Pfr. in Farum, Dänemark
jsas(s)km.dk
Übs. Jan Asmussen