Hesekiel 37,24–28

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Zu schön, um wahr zu sein | Christvesper | 24.12.2025 | Hesekiel 37,24–28 | Christoph Kock

I. Driving home for Christmas

Alle Jahre wieder. Ein Fest: drei Tage und Wege, die damit verbunden sind. Wann zu deinen Eltern und wann zu meinen? Oder feiern wir zu zweit? Mit Kindern fällt die Entscheidung einfacher, am eigenen Ort zu feiern. Wenn genug Platz ist, machen sich Eltern auf den Weg, um das Fest mit ihren Enkelkindern zu verbringen. Rollen wechseln.

Erinnerungen gehören dazu. Gewohnte Rituale. Der Duft, den das Tannengrün verbreitet. Die Lieder. Das Festtagsmenu an den Feiertagen, der Geschmack der Plätzchen, die meist die Mutter gebacken hat. Wie lang als Kind sich die Zeit bis zur Bescherung gestreckt hat. Erinnerungen an die Menschen, die das Fest verbindet. Gerade, wenn man sie vermisst. Veränderungen haben es schwer. Denn Weihnachten fühlt sich an wie nach Hause kommen. Das Fest vermittelt das Gefühl, geborgen und gut aufgehoben zu sein. Oder zumindest ist das ein Anspruch, den viele mit dem Fest verbinden. Es ist in einer verunsicherten Gesellschaft selten geworden, in der der Zusammenhalt schwindet.

Und in der Kirche? Es ist schön, auf alte Bekannte zu treffen: Einen strahlenden Weihnachtsbaum. „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“, die Geschichte von dem Kind in der Krippe. „Es begab sich aber zu der Zeit …“.

Und doch ist das Fest erst der Anfang. Mit dem Kind in der Krippe sind Worte verbunden, die über Weihnachten hinausgehen. Sie erzählen sie dem, was vergangen ist, nehmen damit aber Zukunft in den Blick. Mit Worten, die zum Fest gehören und eine lange Tradition haben: Hirte, David, König, Frieden. Sie sind zum Platzhalter geworden für Sehnsüchte und für Bedürfnisse, die vielerorts unterfüllbar sind.

Wie die Vision von einem Land, in dem Menschen gut miteinander auskommen. Weil Krieg und Gewalt längst vergessen sind. Tatsächlich alles gut ist, ganz und heil. Frieden sich überall ausbreitet. Weil Gott zum Zug gekommen ist. Daran erinnert der Blick auf die Krippe, als Zeichen für eine himmlische Botschaft. Heiligabend wohnen wir in diesem Land zur Probe. Zumindest in Gedanken, gerade wenn die Realität eine andere Sprache spricht.

Hören wir auf eine Vision aus dem Buch des Propheten Ezechiel, aus dem 37. Kapitel:

II. Gott hat das Wort

24 Mein Knecht David wird ihr König sein,
ein einziger Hirte für das ganze Volk.
Sie werden meine Gebote beachten
und meine Anordnungen bewahren und befolgen.
25 Sie werden in dem Land wohnen,
das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe.
Dort haben schon ihre Vorfahren gewohnt.
Jetzt werden sie, ihre Kinder und Enkel
für alle Zeit dort wohnen.
Und mein Knecht David wird
für alle Zeit über sie herrschen.
26 Dann schließe ich einen Bund des Friedens mit ihnen.
Dieser Bund wird für alle Zeit gelten.
Ich gebe ihnen das Land
und sorge dafür, dass sie sich vermehren.
Für immer wird mein Heiligtum in ihrer Mitte sein.
27 Ich werde unter/über ihnen wohnen und ihr Gott sein.
Und sie, sie werden mein Volk sein.
28 Mein Heiligtum wird für alle Zeit
mitten unter meinem Volk stehen.
So werden die Völker erkennen,
dass ich, der HERR, Israel heilig mache.

III. Alte Bekannte

Aus dem Mund des Propheten Ezechiel redet Gott. Wir hören Zukunftsmusik aus alter Zeit. Als Gottes Volk Israel einer fremden Großmacht unterworfen war. Dass es sinnlos ist, Krieg gegen die Babylonier zu führen, hatte sich angekündigt. Den Krieg trotzdem zu führen hat dann zu einer verheerenden Niederlage geführt. Jetzt klingt an, was viel zu schön ist, um wahr zu sein.

Ezechiel gehört zu den Kriegsgefangenen, die in die Hauptstadt der Sieger verschleppt worden sind. Nach der ersten Niederlage. In Babylon erreichte ihn nach einigen Jahren die Nachricht, dass die Heimat vollständig besiegt worden ist. Kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Der Tempel in Schutt und Asche. Viele werden anschließend nach Babylon verbannt, müssen für die Sieger arbeiten. In dieser Katastrophe kündigt der Prophet seinen Leuten eine Zukunft in der alten Heimat an. In goldenen Farben malt er sie aus. Verewigt Gottes zukünftige Gegenwart mit Bildern aus der Vergangenheit. Ein Hirtenjunge wird zum König. Der Tempel wird neu gebaut. Gott ist gegenwärtig. Das Volk Israel mit Gott verbunden. Weil Gott es versprochen hat. Ein Ja, ohne jedes Aber. Ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Frieden, der so viel mehr bedeutet, als dass Krieg und Gewalt auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Der Prophet idealisiert die Geschichte seines Volkes. Sie wird zur „guten alten Zeit“, die sich in der Zukunft ausdehnen wird, „für immer“ und „für alle Zeit“. Weil Gott mit ins Exil gekommen ist. Dadurch gewinnt ein Paradies Kontur. Mit Worten, die andere später mit Jesu Geburt verbinden werden:  König, Hirte, David, Frieden. In den Ohren seiner Leute im Exil sind es alte Bekannte, voller Sehnsucht nach dem, was verloren erscheint.

IV. Anklänge

Diese vertrauten Worte, die der Prophet verwendet, klingen in der Geschichte vom Kind in der Krippe wieder an. Hervorgeholt aus der Kiste biblischer Traditionen, mit eigenen Akzenten.

Der Prophet Ezechiel proklamiert den „Knecht David“ als König, der an Gottes Auftrag gebunden ist und Gottes Willen umsetzt. Der Evangelist Lukas nimmt einen anderen Herrscher in den Blick und lässt Kaiser Augustus eine Schätzung anordnen. Sie dient der steuerlichen Ausbeutung der römischen Provinzen und zwingt Tausende, sich auf einen beschwerlichen Weg zu machen, unter ihnen Josef mit der hochschwangeren Maria. So geht es zu in der Welt. Macht und Willkür Hand in Hand. Autoritäre Herrscher bestimmen die Schlagzeilen und das Leben vieler Menschen.

Der Prophet erinnert an David, der König wird, aber Hirte bleiben soll. Lukas nimmt uns in seinem Evangelium mit auf ein Feld. Reale Hirten zeigen, was gute Hirten ausmacht. Sie hüten ihre Herde. Sie sind die ersten, die von der „großen Freude“ hören, „die allem Volk widerfahren ist“.

Der Prophet stellt sich vor, wie Gott über seinem Volk wohnt. In der Weihnachtsgeschichte ist Maria und Josef das Wohnen verwehrt. Zusammen mit Tausenden sind sie auf kaiserlichen Befehl unterwegs, den Gefahren der Straße ausgeliefert. Und in Bethlehem gibt es kein Bett für den Säugling. Das Kind verbringt seine ersten Tage in einem Futtertrog, „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ In ungastlicher Umgebung wird wundersamerweise eine Krippe zum Zeichen dessen, was Gott verspricht.

Was der Prophet einem ganzen Volk in Aussicht stellt, hat Auswirkungen auf alle anderen Völker: Sie werden erkennen, dass der Gott Israels heilig ist. Wer von Jesus erzählt, wird diesen Gedanken aufgreifen. Weil Jesus die Tür zum Gott Israels für alle anderen Völker öffnen wird.

V. Zukunftsmusik

Die Vision des Propheten Ezechiel geht mit der Rückkehr der Kriegsgefangenen nicht in Erfüllung. Ebenso wenig geht sie mit Jesu Geburt in Erfüllung. Nach wie vor ist die Wirklichkeit ernüchternd. Frieden auf Erden, von der IGS Domviertel in diesem Jahr mit der Stahltanne auf dem Großen Markt als Kinderwunsch inszeniert, bleibt ein Wunsch. Ein Präsident, der auf Gewalt setzt, bekommt einen Friedenspreis. Der Krieg in der Ukraine geht bald ins 5. Jahr. Die Wehrpflicht rückt wieder in Reichweite. Das Geschäft mit Waffen verzeichnet große Wachstumsraten. Das Verbindende droht in unserer Gesellschaft verloren zu gehen. Und doch. Der Prophet Ezechiel und die Weihnachtsgeschichte erinnern je auf ihre Weise daran, dass das weder zwangsläufig noch selbstverständlich ist. Der Prophet hat erfahren, dass Gott über ihm und seinen Leuten erstaunlicherweise in der Fremde wohnt. Lukas erzählt von Weihachten so, als ob Gott vorübergehend sogar über einem Futtertrog in einer überfüllten Herberge zu Hause ist. Hirte, David, König, Frieden. Alte Worte, die zugleich anklingen lassen, dass die Zukunft anders aussehen kann. Stell dir nur vor, wie das wäre: Heilung statt Zerstörung. Gerechtigkeit statt Willkür. Wohlergehen für alle, voll und ganz. Macht wird zum Wohl der Menschen ausgeübt. In dem Land, in dem sie gut miteinander auskommen. Das Grenzen hinter sich lässt. Weil Gott im Spiel ist. Wer auf die Krippe schaut und von solcher Zukunft träumt, holt sie in die Gegenwart. Wohnt in diesem Land zur Probe. Was für eine Hoffnung in unbehausten Zeiten. Vielleicht fühlt sich Weihnachten deshalb an wie nach Hause kommen. Weil du bei Gott willkommen bist, egal woher du kommst.


Pfarrer Dr. Christoph Kock
Wesel
E-Mail: christoph.kock@ekir.de

Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.