Hesekiel 37,24–28

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Wünsche zu Weihnachten Christvesper | 24.12.2025 | Hesekiel 37,24-28 Nadja Papis

Was wünschst du dir eigentlich zu Weihnachten?
Eine gute Stimmung
Zeit mit der Familie
Die schönen Lieder
Geschenke
Sentimentalität
Und ein wenig Tiefsinn darf auch sein, aber nicht zu fordernd und auch nicht herausfordernd
ein wenig Nächstenliebe
Frieden

An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu Christi.
Die Geburt des Erlösers.
Des Messias.
Diese schöne Geschichte vom Stall, den Hirten und Engeln.
Friede auf Erden!
Wunderbar…

Geht´s Euch gut? So mit dem feinen Weihnachtsessen im Bauch? Den lieben Menschen rund herum? Der wunderschön geschmückten Kirche? Den ergreifenden Weihnachtsliedern? Geht´s euch gut?

Ja, uns geht´s gut – den meisten jedenfalls. Zufrieden können wir auch über allfällige Spannungen zwischen Menschen, das ganze schlechte Gewissen wegen dem Überfluss und den etwas störenden Fokus auf Geschenke und Glitzer hinwegsehen. Das gehört dazu. Und auch das leise Gefühl von Stress, das mit den Feiertagen verbunden ist. Weihnachten ist schön! Weihnachten ist für viele neben dem Geburtstag der wichtigste Feiertag in der Familie. Und einfach schön. Bist du zufrieden?

Was wünschst du dir an Weihnachten?
Geht´s dir gut?
Bist du zufrieden?

Lesung des Predigttextes: EZ 37,24-28

Jetzt habe ich Euch so schön eingelullt in diese friedliche, wunderbare Weihnachtsstimmung. Und nun wird´s theologisch, ja, schon fast hochtheologisch. Mein Kopf muss sich ziemlich anstrengen, um die Worte des Propheten Ezechiel zu erfassen. In diesem Predigttext kommt nicht mal der Stall vor oder die Hirten und Engel, ja, noch nicht mal Christus. Passt das überhaupt hierhin?

Nein, denn dieser Text stammt aus einer anderen Zeit, aus der Zeit, als das Volk Israel alles verloren hatte. Erobert wurde das Land durch die Übermacht Babylons. Die Hälfte der Bevölkerung wurde deportiert ins Exil, in die Fremde. Die Heimat war zerstört. Und wohl auch der Stolz in der Volksseele. Vernichtend geschlagen, unterdrückt, fremdbestimmt.

Und jetzt? Sich an das Fremde anpassen oder dagegen kämpfen? Aufgeben oder hoffen?

Und falls hoffen, worauf genau?

Der Prophet Ezechiel schildert in einer göttlichen Zusage die Wiederbelebung Israels. Der Bund zwischen dem Göttlichen und seinem Volk besteht und wird erneuert werden. Es ist ein Friedensbund. Erkennbar wird Gott bei seinem Volk wohnen, es zahlreich machen und segnen.

Die Nationen werden erkennen, dass Gott sein Volk heilig macht.
Mitten im Elend erhalten die Menschen durch diese Zusage eine Perspektive und Hoffnung. Mitten in der Unfreiheit, mitten im Unfrieden, mitten im verletzten Stolz und der verletzten Seele.

Zur Zeit von Christi Geburt waren die Menschen in Israel wieder unterdrückt. Das Römische Reich hatte das Land erobert und beherrscht es. Unfrei und auch im Unfrieden lebten die Menschen. Die einen passten sich an, die anderen erhoben sich gegen die fremde Herrschaft. Die Botschaft von der Wiederbelebung des Volkes, von der Gegenwart Gottes und seiner Zusagen für das Volk tönte auch in diese Zeit.

Die Nationen werden erkennen, dass ICH es bin, der Israel heilig macht!
Der Bund, welcher bisher auf das Volk Israel beschränkt war, wird im Neuen Testament ausgeweitet auf die Christinnen und Christen (vgl. 1Kor 11,25). Die Perspektive gilt ihnen ebenso, diese Wiederbelebung, diese Verheissung.

Und ich heute? Ich fühle mich frei. Abgesehen von einigen Zeitgeist-Zwängen habe ich so viele Rechte und Freiheiten wie kaum je Menschen in der Geschichte. Ich lebe hier in meinem Land in Frieden. Anderswo gibt es Krieg, das bin ich mir durchaus bewusst, aber mich betrifft das nur am Rande, in meinem Mitgefühl, nicht in meiner Existenz. Ich brauche keine Perspektive, ich habe ja meine eigenen. Ich weiss, was ich mit meinem Leben noch will und habe auch die Mittel, es anzugehen. Was also soll ich mit diesem alten Bund? Was kann der mir schon bieten?

An Weihnachten bietet Gott sich uns an. Das ist sozusagen das göttliche Weihnachtsgeschenk: die Gegenwart Gottes. Mitten unter uns, in uns und um uns herum – für immer.

Die Nationen erkennen, dass ICH es bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer in ihrer Mitte ist.
Es ist das Angebot einer Beziehung. Ich werde bei euch sein, an euch festhalten, durch alles hindurch, sogar durch eure Untreue. Denn, ja, auch das kann ich aus der Geschichte des Volkes Israel lernen: Immer wieder wurde das Volk Gott untreu. Die menschliche Gabe an den Bund überforderte und wurde vergessen, verdrängt, durchbrochen. Gott hat festgehalten am Bund. Und immer wieder Menschen geschickt, welche auf das Angebot des Bundes hingewiesen haben, ihn erfüllt haben. Die Knechte und Diener, wie es in unserer Stelle heisst. Der grosse und doch auch nicht perfekte König David, Mose, Abraham, Jakob und dann vor allem Jesus Christus. Die herausragenden Figuren der Geschichte des Volkes mit Gott werden als Knechte bezeichnet, das fasziniert mich immer wieder neu. Knechte, die sich in den Dienst stellen, die vertrauen auf die göttliche Macht und hinweisen auf die Gegenwart dessen, der erlöst, wiederbelebt, aufrichtet: auf Gott.

Weihnachten bietet viel an, vieles, was sehr wichtig und auch richtig ist für unser Leben: die Gemeinschaft mit anderen Menschen, die materielle und auch seelische Versorgung durch Geschenke, Essen und das Fest der Liebe, die Erinnerung an das Licht, welches mitten in die Dunkelheit scheint, und – die Zusage einer treuen und vertrauenswürdigen Beziehung zum Göttlichen, die Verheissung von Hoffnung trotz allem, die Verkündigung einer Perspektive, selbst dann, wenn ich keine mehr habe.

Es ist ein Angebot.
Es ist ein Geschenk.
Schau´s dir an und entscheide, ob du es annimmst.
Amen


Pfrn. Nadja Papis
Langnau am Albis/Sihltal
nadja.papis@refsihltal.ch

Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz. Seit 2003 tätig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.