Sacharja 2,14-17
„Denn schon regt er sich vom Hag seiner Heiligkeit“ | Sacharja 2,14-17 | 24. Dezember 2025 | Christnacht | von Dr. Rainer Stahl |
Liebe Leserinnen! Liebe Leser!
Liebe Schwestern und Brüder!
An den Anfang stelle ich das Bibelwort für die Predigt aus Sacharja 2,14-17 entsprechend der Lutherbibel, revidiert 2017:
- 14a „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!
- 14b Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.
- 15aα Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden
- 15aβ und sollen mein Volk sein.[i]
- 15bα und ich will bei dir wohnen.[ii]
- 15bβ – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. –
- 16aα Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil
- 16aβ in dem heiligen Lande.
- 16b und wird Jerusalem wieder erwählen.
- 17a Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN;
- 17b denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte.“
Schon lange arbeite ich mit einer Broschüre unter dem Titel „Texte und Lieder für die Sonn- und Feiertage. Herausgegeben vom Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck“ aus dem Jahr 1997. Bei den verschiedenen Bibelworten für „Weihnachten: Heiligabend“, denen Liedvorschläge zugeordnet sind, fehlt unser Bibelwort aus Sacharja 2. Es ist also erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Bibelwort für den Heiligen Abend ausgewählt worden – nämlich mit der neuen „Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder“ ab dem Kirchenjahr 2018/2019. Ich selbst habe noch nie über dieses Wort als Bibelwort für unser christliches Weihnachten nachgedacht. Deshalb greife ich seine abschließende Feststellung als Motto auf – und zwar in der Gestalt der Verdeutschung durch Martin Buber und Franz Rosenzweig und in der Gestalt der Übersetzung durch Martin Luther:
„Denn schon regt er sich vom Hag seiner Heiligkeit“[iii]
/ „Denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte“
(Vers 17b).
Sacharja 2 können wir nur zu Weihnachten predigen, wenn wir es über das Verstehen seitens unserer jüdischen Nachbarn hinaus auf alle Menschen beziehen, die einer entscheidenden Einsicht folgen:
„Freue dich und sei fröhlich du Gemeinschaft der Christgläubigen aus allen Völkern.
Denn siehe, ich komme und will bei euch wohnen, spricht Gott.
Kommt! Ihr alle aus vielen Völkern und wendet euch zu Gott und werdet sein Volk.
So will Gott bei euch wohnen.
Und ihr werdet erkennen, dass Gott Jesus Christus gesandt hat!“
(vgl. die Verse 14a.b und 15a.b).
Dürfen wir das sagen? Nur unter einer Bedingung: Wenn wir den Gesandten Gottes in Jesus Christus erkennen! Wenn wir erkennen, dass Jesus Christus der Gesandte Gottes ist!
Denn diese Person ist der Inhalt der Botschaft und des Glaubens von Weihnachten. Wie nach dem Zeugnis des Lukas der Engel der Weihnacht den Hirten eindeutig mitgeteilt hatte:
„Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“
(Lukas 2,10-11).
Vor dem Hintergrund mancher Diskussionen und besonders vor dem Hintergrund der Irrwege der Deutschen Christen unterstreiche ich: Der Jude Jesus aus Nazareth, der für uns Christen der Christus ist, ist der Gesandte Gottes:
„Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat!“
/ „Und ihr werdet erkennen, dass Gott Jesus Christus gesandt hat!“
(vgl. Vers 15bβ).
Mir ist ganz wichtig, das eigenständige Verstehen biblischer Worte durch unsere jüdischen Nachbarn wahrzunehmen und anzuerkennen. Heute aber, zur Weihnacht, müssen wir uns zur christlichen Deutung dieses Bibelworts aus Sacharja 2, dieser alten jüdischen Hoffnung etwa aus der Zeit des 5. Jahrhunderts vor Christus, also vielleicht aus dem Jahr 480 vor Christus, bekennen. Ende der 80-iger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte Alfons Deissler festgehalten: „Dieser unvisionäre »Worttext« ist in dieser Gestalt das Werk der Redaktion. Wieviel auf Sacharja zurückgeht, ist nicht auszumachen. […] Diese Botschaft ist sowohl für Israel wie für die Kirche ebenso unverzichtbar wie kostbar.“[iv] Wir müssen also beide Weisen des Verstehens festhalten und gelten lassen:
1) Eine Person aus dem Kreis unserer jüdischen Nachbarn wird die Bestimmung dieses Gesandten offenhalten oder auf Gott direkt beziehen: Sie wird weiterhin auf diesen Gesandten / auf Gott warten.
2) Wir aus dem Kreis der Christen werden diesen Gesandten in der Person des Jesus aus Nazareth erkennen: Er ist für uns der Gesandte Gottes! Er ist für uns die Gestalt des gekommenen Gottes! Unser Warten heute richtet sich auf sein Wiederkommen zum Ende der Zeiten.
Vor Jahren hatte ich von dem siebenbürgisch-sächsischen Pfarrer Siegfried Schullerus und seiner Frau ein kleines Büchlein bekommen: „Verdichtetes“.[v] Dort wird eine bewegende Begegnung erzählt, die der Sohn des Rabbiners von Sibiu-Hermannstadt während des Krieges erlebt – und überlebt hatte, der selber nach dem Krieg Aufgaben des Rabbiners in Sibiu-Hermannstadt übernommen hatte:
Christl Servatius Schullerus und Siegfried Schullerus hatten die Erlebnisse ihres Bekannten in besonderer Weise „verdichtet“. Wenn wir jetzt diesen Text lesen werden, wird sich uns der Eindruck vertiefen, dass dieses „Verdichtete“ unser Bibelwort ganz großartig mit Weihnachten verbindet:
„Joseph in der Herberge
[…] Er gehörte dem alten Bundesvolk an. Das war Grund genug. In Viehwagen waren sie tagelang gefahren, bis das Lager sie aufnahm.
Harte Arbeit im kalten Winter, unter freiem Himmel, hinter Stacheldraht. Ein Tag war wie der andere.
Joseph war Verbindungsmann zwischen Lager und Kommandostelle.
Eines späten Nachmittags geht er wieder seinen Weg durch Schnee und Kälte. In die zunehmende Dunkelheit fällt Licht aus den Fenstern eines Wärterhauses. Joseph sieht das Licht und ahnt die Wärme. Er wird davon gewaltig angezogen. Diese Kraft ist stärker als Vorschriften und Vorsicht. Er klopft an.
»Herein!«
Er tritt ein – und steht in einem Kreis von Soldaten. Er grüßt.
»Wie heißt du?«
»Joseph.«
»Was bist du für ein Landsmann?«
»Siebenbürger.«
»Dein Ausweis.«
Es wird ihm heiß und kalt. Er hat zwei Ausweise: den mit dem Davidsstern und einen andern. Er fingert in seiner Brusttasche herum und bekommt den andern zu fassen. Er reicht ihn dem Soldaten. Der liest:
»Joseph X – Mitglied des Siebenbürgischen Karpathenvereins.«
»In Ordnung. Du hast es gut getroffen. Weißt du, was heute ist?«
»Nein.«
»Es ist Heiliger Abend. Kannst du Stille Nacht singen?«
»Ja.« – Er hatte es mit den sächsischen Freunden in der Schule gelernt.
»Achtung! Eins, zwei …«
»Stille Nacht, heilige Nacht,
alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar …«
Die Männer singen, und Joseph singt mit.
Das Lied verklingt. Es folgt eine Stille. Es ist warm und gut im engen Raum. –
»Hast du den Eßnapf bei dir?«
»Ja.«
»Heute gibt’s was Besonderes. Zuerst die Suppe.« – Der Mann füllt die Näpfe. Sie löffeln. Es durchströmt Joseph wohlig. Dann folgt ein Stück Braten und dann Wein. Joseph hält einen Blechbecher hin, und der Soldat schenkt ihm voll ein.
Er fühlt sein Herz schmelzen wie die Kerze auf dem Tisch …
Da meldet sich der Verstand: Joseph wo bist du hier? Wer bist du? Hast du vergessen …? Wenn jetzt die Tür aufgeht und es tritt einer herein, dem dein SKV-Ausweis nicht genügt …?
Joseph erhebt sich: »Kameraden, ich dank euch. Ich hab einen Auftrag. Ich muß gehen.«
»Schade, Joseph. Aber Dienst ist Dienst – auch am Heiligen Abend. Frohe Weihnachten!«
»Frohe Weihnachten!« – sagt Joseph und gibt jedem die Hand. Er tritt aus der Tür in die beginnende Nacht. Der Wind weht ihm den Schnee ins Gesicht, während er weiter geht. Er trägt aber ein Stück Weihnachten mit sich, und es ist ihm warm. –
Jahrzehnte sind vergangen. Doch wenn Heilig Abend ist, denkt Joseph an die Herberge und wünscht den Christen »Frohe Weihnachten«.“[vi]
Genauso wünschen wir uns bei den Gottesdiensten die wir zu Weihnachten feiern wollen, gegenseitig „Frohe Weihnachten!“, tragen ein Stück Weihnachten mit uns und lassen es uns warm werden.
Amen.
—
Lied: „Stille Nacht, heilige Nacht…“ – EG 46, Strophen 1-3.
—
[i] Die Septuaginta bietet: „und sie werden ihm ein Volk sein“.
[ii] Die Septuaginta bietet: „und sie werden in deiner Mitte wohnen“. Vgl.: Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, hrg. von Wolfgang Kraus und Martin Karrer, Stuttgart 22010, S. 1217. Außerdem verweise ich auf die beiden Anmerkungen zu V. 15 in der Textausgabe der Biblia Hebraica Stuttgartensia.
[iii] Bücher der Kündung. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig = Die Schrift 3, Stuttgart 1992, S. 729.
[iv] Alfons Deissler: Zwölf Propheten III, Leipzig 1988, S. 145.
[v] Christl Servatius Schullerus und Siegfried Schullerus: Verdichtetes, Hermannstadt 2001.
[vi] Vgl. a.a.O., S. 26-28. Schon einmal hatte ich diese Schilderung in einer Predigt verwendet – nämlich zum 4. Advent, am 18. Dezember 2011, in Möhrendorf bei Erlangen. Vgl. auch: Rainer Stahl: Predigten für die Diaspora. Durch das Kirchenjahr zu Gast in Gemeinden von Minderheitskirchen, Saarbrücken 2014, S. 23-29.