Lukas 2,19
Eins-Zwei-Drei-Vier | Christnacht | 24.12.2025 | Lk 2,19 | Wolfgang Vögele |
Eine Weihnachtsgeschichte
Auf der weißen Tischdecke machte sich ein Fleck von Erdbeermarmelade breit. Das Esszimmer war großzügig und hell gestaltet, doch verstreute alte Zeitungen und Krümel ließen es unordentlich erscheinen. Herr Gravenhorst, von dessen Butterbrot die Erdbeermarmelade heruntergetropft war, saß beim Frühstück und las die Zeitung. Als einziger im Haus ließ er sich diese noch in Papierform in den Briefkasten werfen.
Konrad Gravenhorst war ein liebenswürdiger pensionierter Mathematiklehrer, der ehrenamtlich Nachhilfeunterricht für bedürftige Kinder erteilte. In einem Vorort von Kiel, in Gaarden, war er seit Jahrzehnten fest verwurzelt. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Postleitzahl von Gaarden 24012 lautet. Konrad Gravenhorst befand sich seit Monaten in trotzigem Widerstand gegen seine Vergesslichkeit. Er kämpfte mit Zahlen dagegen an. Zahlen waren ihm vertraut, er konnte damit souverän jonglieren, summieren, kürzen, die Wurzel ziehen. Aus 2-4 und 1-2 bildete er Ketten von Merkzahlen, alle aus der Gaardener Postleitzahl. Und er war an einem 12. Juni geboren. 12 verdoppelt ergibt 24. Seine PIN für Girokonto und Handy lautet 1224. Wenn er sein geparktes Auto suchte, dann achtete er auf die Nummernschilder. Sein verbeulter silbergrauer Golf trug das Schild KI-RC-2412.
Herr Gravenhorst kämpfte mit den Waffen der Mathematik freundlich-tüdelig gegen seine Vergesslichkeit. Mit wenigen arithmetischen Regeln konnte er seine Passwörter herleiten. Warnungen vor allzu einfachen PIN-Nummern und Passwörtern übersah er. Für den alten Herrn galt: Im Leben ist alles Mathematik. Zahlen schließen Türen und Konten auf.
Lange klappte das sehr gut. Aber in einem besonders kalten Dezember waren nach einer besonders fröhlichen Weihnachtsfeier nicht nur die PIN-Zahlen, sondern auch ihre Herleitung aus seinem Gedächtnis verschwunden. Der einfache Rechenweg der PIN-Zahlen ging nicht mehr auf. In dem alten Herrn breitete sich langsam Verzweiflung aus. Er begann, wieder mit Bargeld zu bezahlen. Aber die Enkel hatten in schön verzierten Briefen Geschenkwünsche notiert, und dafür reichten drei Zwanzig-Euro-Scheine nicht. Wegen der fehlenden PIN konnte er nicht mehr mit dem Handy telefonieren, als die Gesichtserkennung plötzlich ausgefallen war. Es war, als ob er aus seinem Alltag herausfallen würde. Er war angezählt.
Beim Gang in die Einkaufsstraße sah er ein Werbeplakat: „Am 24.12. erfüllen sich Ihre Träume!“ Das löste keine Erinnerung in ihm aus. Ebenso nicht das tägliche Öffnen eines Türchens im Adventskalender, den eine seiner Töchter ihm gebastelt hatte. Herr Gravenhorst stellte mit Erschrecken fest, dass er nun ein gravierendes Problem hatte. Er sah sich schon im Pflegeheim, der Mathelehrer als greiser Hochstapler entlarvt. Er sank in sich zusammen und schämte sich. Niemandem gegenüber wollte er sich etwas anmerken lassen.
Müde füllte er zuhause die Kaffeemaschine mit Wasser und zündete eine Kerze an, um sich zu erleuchten. Er aß zwei Stücke Lebkuchen und malträtierte dabei sein Gedächtnis. Kein Passwort. Keine PIN. Nichts. Er holte die Weihnachtspost seiner früheren Kollegen aus dem Briefkasten, adressiert an Konrad Gravenhorst, Norddeutsche Straße, 24012 Kiel. Aber selbst dieser Wink, früher der Königsweg in seine Erinnerung, löste nichts mehr aus im Kopf.
Am vierten Advent ging er in die Kirche und besuchte den Gottesdienst. Ein Kinderchor sang: Wir sagen euch an, den ersten, zweiten, dritten, vierten Advent. Die erste, zweite, dritte, vierte Kerze brennt. In Gedanken spielte er ratlos mit den Zahlenreihen, obwohl ihn in der kalten Kirche die ganze Zeit fröstelte. Ein Kirchenältester sagte bei den Abkündigungen: Am Heiligen Abend, am 24.12. finden drei Gottesdienste statt: Kindergottesdienst, Christvesper und Christmette.
Er seufzte und zog die Schultern hoch. Er fragte sich, ob Gott ihn auch vergessen würde, wie er seine Zahlen vergessen hatte. Das schmerzte ihn. Er schwieg. Aber vielleicht waren Lied und Abkündigung doch ein Hinweis. Herr Gravenhorst beeilte sich, nach Hause zu kommen und es ein letztes Mal zu probieren. Vielleicht klappte es.
Er tippte in sein Handy 2412 ein. Nichts.
Dann versuchte er es mit 12-34 wegen des Lieds. Auch nichts.
Er ließ das Handy liegen und probierte es nach dem Mittagessen ein zweites Mal mit den gleichen Zahlen. Immer wütender wiederholte er die Ziffern, bis er sich einmal vertippte: 1224 statt 2412. Ihn überkam ein warmes Gefühl. Die richtige Nummer war ihm durch den Ärger hindurch zugefallen. Er war glücklich. Am nächsten Tag zog er los und ging Geschenke kaufen.
Am Heiligen Abend erzählte er seinen Töchtern und Schwiegersöhnen kein Wort von seinen Zahlenproblemen. In Wahrheit hatte er es vergessen. Als die jüngste Enkelin vor der Bescherung die Weihnachtsgeschichte vorlas, fiel ihm zum ersten Mal ein Vers auf: „Maria aber behielt alle diese Worte in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). An den fünfundsiebzig Heiligen Abenden davor hatte er diesen Vers nie beachtet. Jetzt leuchtete ihm dieser unscheinbare Satz mitten hinein in sein Großvaterleben. Denn er wusste sehr genau, dass die Löcher des Vergessens bald zunehmen würden.
Am nächsten Nachmittag, als die übrige Familie beim Weihnachtsspaziergang unterwegs war, klopfte er an der Tür seines Enkels. Der installierte ihm einen Passwortmanager – eine kleine Brücke in die Welt, die ihm langsam entglitt. Danach setzte er sich vor den glitzernden Tannenbaum. Das Handy lag vergessen neben ihm und in der Stille spürte er eine wärmende Gewissheit des Herzens. Alles, was heute zählte, schimmerte im Kerzenlicht.
Prof. Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
wolfgangvoegele1@googlemail.com
Wolfgang Vögele, geboren 1962. Apl. Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Heidelberg. Er schreibt über Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog „Glauben und Verstehen“ (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, Münster 2025.