Matthäus 1,18-21.24

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Christfest II | 26.12.2025 | Predigt zu Matthäus 1,18-21.24 | verfasst von Dr. Hansjörg Biener

Weihnachten, wenn man sich so umschaut, dann ist das wohl das größte Fest der Christenheit. Und tatsächlich hat es sich auch in anderen Kulturen ausgebreitet. Kaum ein christliches Fest spricht so sehr die Sinne an und unsere Gefühle. „An Weihnachten sind wir doch alle wieder Kinder“, meint die aktuelle Werbung einer Schokoladenmarke. Vieles in der Adventszeit und an Weihnachten macht Freude und tut gut: Kerzenschein. Glühwein. Die Leckereien im Advent und das gute Essen am 1. Weihnachtsfeiertag, – natürlich auch die Geschenke am Heiligen Abend. Manches andere rückt dabei in den Hintergrund, und das hat auch sein Recht. Wir vergessen für einige Momente die Frage nach den Menschen in unserer Stadt und in der Welt, denen es nicht gut geht. (Do they know it’s Christmas time at all?) Tatsächlich könnten wir gar nichts mehr feiern, wenn wir ständig an das Elend der Welt denken würden.

Manchmal tritt bei all diesem Weihnachtsfeiern auch das Christkind in den Hintergrund, das bekanntlich kein Geschenkebote war, sondern selbst das Geschenk. Bei Ihnen, die Sie heute im Gottesdienst sind, ist das anders. Sie verbinden Besinnlichkeit und Besinnung auf das Wesentliche oder setzen gar den Akzent ganz auf das, worauf es ankommt. Das bringt uns in die Welt der Bibel, die uns nicht immer vertraut ist und manchmal auch richtig fremd. Zu den vielgehörten und doch auch fremden Geschichten gehört die, die heute für die Predigt vorgesehen ist. Ich lese den Predigttext nach der Basis-Bibel, weil die unserem Verständnis schon ein bisschen aufhilft:

Predigttext

„Zur Geburt von Jesus Christus kam es so:

Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt.

Sie hatten noch nicht miteinander geschlafen.

Da stellte sich heraus, dass Maria schwanger war –

aus dem Heiligen Geist.

Ihr Mann Josef lebte nach Gottes Willen,

aber er wollte Maria nicht bloßstellen.

Deshalb wollte er sich von ihr trennen,

ohne Aufsehen zu erregen.

Dazu war er entschlossen.

Doch im Traum erschien ihm ein Engel des Herrn

und sagte:

»Josef, du Nachkomme Davids, fürchte dich nicht,

Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.

Denn das Kind, das sie erwartet,

ist aus dem Heiligen Geist.

Sie wird einen Sohn zur Welt bringen.

Dem sollst du den Namen Jesus geben.

Denn er wird sein Volk retten:

Er befreit es von aller Schuld.« […]

Josef wachte auf und tat,

was ihm der Engel des Herrn befohlen hatte:

Er nahm seine Frau zu sich.“

(Matthäus 1,18-21.24)

Eine schwierige Schwangerschaft

Manches klingt vertraut, anderes nicht. Von göttlichen Träumen ist die Rede, vor allem aber von einer göttlichen Schwangerschaft. Reden wir zunächst von dieser. Ein Kind vom Heiligen Geist? In der Jesus-Zeit, aber auch Jahrhunderte davor und danach hatte man von vielen großen Männern besondere Umstände bei der Geburt zu erzählen. Ob immer alles so war, wie erzählt, das bezweifelt nicht erst der moderne Mensch. Es war damals aber nicht wichtig, weil man ausdrücken wollte, dass dieser Mensch wichtig war. Also musste auch in der Sicht der ersten Christen und in der Erwartung der Nicht-Christen Jesus eine besondere Geburt haben. Das war allen klar, selbst wenn keiner dabei gewesen war. Ich nehme zwei Beispiele aus anderen Weltreligionen. Da ist zunächst aus dem sechsten oder fünften Jahrhundert vor Christus Siddharta Gautama, der Begründer des Buddhismus. Der Buddha trat laut buddhistischer Überlieferung aus der rechten Seite seiner Mutter Maya heraus. Auch Maya hatte das Kind nicht auf normalem Weg empfangen. Und ein Beispiel aus dem sechsten Jahrhundert nach Christi Geburt: Die Mutter Muhammads hat ihn laut islamischer Überlieferung ohne Schmerzen geboren. Eine andere Überlieferung erzählt, dass sich ein Kriegselefant in Muhammads Geburtsjahr geweigert hat, Mekka anzugreifen. Er habe sich vielmehr niedergekniet.

Angesichts dieses Tausendjahrzeitraums müssen wir akzeptieren, dass jahrhundertelang die Besonderheit von Menschen anders ausgedrückt wurde als heute. Die ersten Christen und ihre Gegenüber haben gefragt, was es Besonderes über Jesu Geburt zu erzählen gab. Was für die ersten Christen erst mal kein Problem war, ist für uns technisch-naturwissenschaftlich geprägte Mitteleuropäer zum Problem geworden. „Parthenogenese“, zu Deutsch „Jungfrauengeburt“, liegt außerhalb unserer Erfahrungen. In der Tierwelt gibt es das, bei Menschen nicht. Wenn bei uns ein Mädchen schwanger wird, dann wird sich dazu auch ein Junge finden. So denken wir. Ähnlich hat nach unserer Geschichte Josef gedacht. Er ist mit Maria verlobt. Das ist nach damaligen Verständnis schon wie verheiratet. Das einzige: Die Ehe war noch nicht vollzogen, wie man in früheren Jahrhunderten sagte. Man lebte noch nicht zusammen und hatte auch keinen Sex. Nun ist Maria aber schwanger. Das heißt für Josef: Offensichtlich hat sie einen anderen. Und jedenfalls nach den Gesetzen Israels ist das Eingetretene eine schlimme Sache. Die Gebote waren eindeutig: Wenn zwei miteinander schliefen, war das eine Verpflichtung zur Heirat. Wer fremdging, war zu töten, ob nun verlobt oder verheiratet. Und wenn eine Frau vergewaltigt wurde, dann sollte das den Täter das Leben kosten. So schwierig eine uneheliche Schwangerschaft also heute sein mag und so ärgerlich für einen Verlobten, wenn es nicht sein Kind ist, – in der Weihnachtsgeschichte ist alles noch viel schwieriger.

Eine schwierige Entscheidung

Es ist absolut nachvollziehbar, dass Josef hin und her überlegt. Er tut das, was ein Mann auch heute wohl tun würde: „Wie soll es jetzt weitergehen? Mit mir und mit der Frau und mit dem Kind von einem anderen?“ Aber Josef überlegt, so wird gesagt, auch als frommer Mann. Das heißt: Er sucht in allem auch nach göttlicher Weisung. Eines ist für ihn klar: Er will keine Rache, wie sie Betrogene nach damaligem Recht hatten. Er will, dass Maria lebt. Damit bringt er mehr Größe auf als viel zu viele Männer heute in verletztem Mannesstolz. Da reicht es schon, wenn sie ihn verlässt, und „mann“ begeht einen Mord. Josef ist anders. Darin zeigt sich, so Matthäus, seine Frömmigkeit. Ich setze mal hinzu: auch seine Liebe. Sein Thema ist Liebe, nicht Besitz. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den viele Männer über Jahrhunderte hinweg nicht begriffen haben. Josef denkt sogar daran, die Schande stellvertretend auf sich zu nehmen. Er überlegt, Maria heimlich zu verlassen. Das klingt beim ersten Hören wie eine Schlechtigkeit, weil sich in unserer Zeit so viele schlechte Männer schon den einfachsten Unterhaltspflichten entziehen. Beim Fall Josef und Maria liegt der Fall anders. In diesem Fall würde es der schwangeren Maria helfen: Wenn Josef Maria sitzen lässt, dann wäre Josef der Böse, nicht Maria. Und Maria wäre wieder frei. Sie müsste nie die Wahrheit sagen und könnte den nehmen, den sie wirklich wollte.

Der Josef unseres Predigttextes steckt in großen Nöten. Und unser Predigttext erzählt ganz ähnlich, wie es heute gehen kann. Irgendwann steht man auf und weiß: Jetzt ist es so. Wie Sportler, die mitten in der Saison ihren Abschied verkünden, oder andere, scheinbar plötzlich, wissen, dass sie ihr Leben radikal ändern wollen und das auch durchziehen. Da gibt es keine pro-und-contra-Listen auf einem Zettel, und es ist mehr, als eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Bei Josef wird die seelische Not aus der Seele beantwortet, in der Sprache der Träume, die vor Zeiten auch als Sprache der göttlichen Eingebungen galt:

„Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: ‚Josef fürchte dich nicht, Maria zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, ist von dem heiligen Geist.’“

Die Entscheidung ist gefallen. Der Traum ist für Josef wie ein Gotteswort. Und wo man Gott vernimmt, da kann der Mensch nicht anders als folgen. So nimmt Josef das Kind, das da kommen wird, an, auch wenn es nicht von ihm ist.

Josefs besondere Aufgabe

Es geht, modern gesprochen, nicht mehr darum, „Vergangenheit zu bewältigen“. Es geht darum, Zukunft zu gestalten. Nicht mehr „was, wann, wo, warum“, sondern „wozu, um Gottes Willen“. Das heißt für Josef nun: Er wird dem Kind ins Leben helfen. So wird Josef zum Vater, egal wie die Umstände der Zeugung waren. Und ich setze hinzu: So wird jeder Mann zum Vater. Nicht durch Biologie, sondern durch Verantwortungsübernahme. Vielleicht kennen Sie die Geschichte, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel durch sein Interesse und gute Fragen die religiösen Gelehrten verblüfft hat. In dieser Geschichte werden noch beide Eltern erwähnt. Daraus können wir schließen, dass Josef Jesus tatsächlich durch die Kindheit gebracht hat. Damit ist er ein Vorläufer der vielen Väter heutzutage, die ich als Väter im Vollsinn bezeichnen will. Selbst wenn sie nicht biologische Väter sind, kümmern sie sich nach Kräften um die ihnen anvertrauten Kinder.

Und so wie sich Eltern viel Gutes für ihre Kinder erhoffen, hat Josef auch für den ihn anvertrauten Knaben eine besondere Vision. Schon im Namen gibt er sie Jesus mit:  Jeschua, in diesem Namen steckt das Wort „jascha“ drin, „helfen, retten, zu Hilfe kommen“.

Du sollst ihm „den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten. Er befreit sie von aller Schuld.“

Hier liegt das Ziel dieser biblischen Geschichte, und so ist dieser Vers in der Lutherbibel auch fettgedruckt. Es geht nicht um die Jungfrauengeburt; es geht auch nicht um eine heilige Familie oder ein unheiliges Familiengeheimnis. (pater semper incertus.) Es geht um das Jesus-Kind, das geboren wird, um ein Mensch für andere sein. Um es in einem Wortspiel zu sagen: Jesus ist nicht besonders, weil die Zeugung besonders war, sondern die Zeugung war besonders, weil Jesus etwas Besonderes war. In diesem Kind nämlich haben die Menschen später Gott gefunden. In der Art und Weise, wie Jesus mit den Menschen umging, verbindend und integrativ. Vielleicht hat er da sogar etwas von der Art Josefs mitgenommen.

Jesu besondere Aufgabe

Und weil die Bibel von „Rettung“ spricht, lassen Sie mich kurz noch darauf eingehen, warum Weihnachten wirklich gefeiert wird.

(1) Jesus gab Rettung durch sein Wort von Gott. Sünder und Zöllner gewannen wieder Gottvertrauen und fanden, wie der Zöllner Zachäus, einen Neuanfang.

(2) Jesus gab Rettung durch sein Tun. Menschen entkrampften sich in seiner Nähe und fanden nicht nur seelische Heilung, sondern verschiedentlich auch körperliche. Was übrigens auch von den historischen Gegnern nicht bestritten wurde.

(3) Jesus gab Rettung durch sein Leben und Sterben. Das ist wohl genauso schwer zu verstehen wie sein Weg ins Leben. Im Kreuz und in der Auferstehung hat er nach dem Glauben der Christenheit sein Versöhnungswerk auch zwischen Menschen und Gott fortgesetzt. Man hatte damals kaum andere Deutungsmöglichkeiten für das Unerklärliche, als dass Jesus stellvertretend für die Sünden der Menschen gestorben ist. Dass man durch Opfer Götter besänftigt, das war damals Standardglaube, so wie man eben von besonderen Menschen standardmäßig auch eine besondere Geburt erwartete. Also sagten auch die Christen: Um seinetwillen soll uns nichts mehr von Gott trennen, nicht gefühlte Schuld und auch nicht echte Schuld. Der Tod, der durch Schuld ins Leben hereinreicht, ist überwunden, und durch die Auferstehung ist auch der Tod überwunden, der unter Gutes und Schlechtes in einem Leben einfach ein Exitus setzt. Den Leben soll bei Gott ankommen.

Josefs besonderes Vermächtnis

Abschließend noch einmal ein Hoch auf alle Väter, die sich um Kinder kümmern, egal ob sie biologische Väter sind oder nicht. Von Josef hören wir in den Evangelien nicht mehr viel. Die Bibel erwähnt Geschwister Jesu. Daraus wissen wir, dass Josef definitiv auch auf natürliche Weise  Vater wurde. Ob Josef die göttliche Mission des Herangewachsenen noch erlebt hat, erscheint zweifelhaft. Die nachbiblische Tradition löst das so, dass Joseph deutlich älter war als Maria. Von Maria wissen wir, dass sie gläubig wurde, von Josef wissen wir es nicht. Er hat das getan, was für ihn zu tun war. Das Beste im Mann sind nicht seine Samen oder die Gene. Es geht vielmehr darum, wer „mann“ ist und was „mann“ anderen mitgeben kann.

Amen.

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Dr. Hansjörg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg tätig. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)