Hiob 42,1-6

· by predigten · in 1. So. n. Christfest, 18) Hiob / Job, Aktuelle (de), Altes Testament, Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 42 / Chapter 42, Kasus, Predigten / Sermons, Wolfgang Vögele

Im Schatten der Wunderkerze | 1. Sonntag nach Weihnachten | 28.12.2025 | Hiob 42,1-6 | Wolfgang Vögele |

Friedensgruß

Der Predigttext für den ersten Sonntag nach dem Christfest steht im Hiob 42,1-6:

„Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. ‚Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?‘ Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. ‚So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!‘ Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

das flackernde Weihnachtslicht in der Krippe wirft auch schnell Schatten. Neugierig gemacht von den Engeln, pilgern die Hirten vor den kleinen Stall. Später leitet ein heller Stern die Weisen aus dem Morgenland in das winzige Bethlehem. Aber die Weisen müssen schon eine List anwenden, um den hinterhältigen Herodes zu übertölpeln. Maria und Josef müssen mit dem Neugeborenen aus der Wärme des Stalls fliehen, um den Kinder mordenden Schergen des Königs zu entkommen.

Wir später Geborenen singen aus dem alten Choral: Ich steh an deiner Krippe hier. Wir mischen uns bescheiden unter die Menge der Krippenbesucher und holen Weihnachten ins Wohnzimmer. Unter den glitzernden Nordmanntanne stehen kleine Krippen mit bunten Tonfiguren. Weihnachten findet seine Reiseroute in Wohnungen und Herzen. Wir wollen es warm haben, wünschen uns Ruhe, Hoffnung, neuen Aufbruch – mitten im kalten Winter. Was aber, wenn das Funkenlicht der Wunderkerzen erloschen ist? Was aber, wenn Maria und Josef ihr Kind retten müssen?

Sämtliche Geschichten der Bibel kreisen gleichzeitig um die Abgründe des Lebens und um Hoffnung, Heil und Rettung in großer und größter Gefahr. Der Teufel bringt Hiob in Versuchung, dieser verliert Reichtum und – noch grausamer – Kinder. Später streitet Hiob unverdrossen mit den drei Freunden. Gegenüber Gott klagt er Gerechtigkeit und sein unschuldiges Leid ein. Bei Maria liegt der Fall anders. Sie beginnt in Demut, freut sich über ihre Schwangerschaft. Sie tut nach der Geburt alles, um ihr kleines Kind vor allen Bedrohungen zu retten. Später wird sie sich Sorgen machen, weil ihr Sohn sich nicht um die Bedrohungen durch Menschen schert.

In Bethlehem wird Gott ein kleiner, hilfloser Mensch. Diese wunderbare und einzigartige Geschichte steht im Zentrum der Bibel. Alle anderen Geschichten kreisen darum herum, gerade die Geschichte von Hiob.

Für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen könnte man als Beziehungsstatus angeben: Es ist kompliziert. Neutraler formuliert: Es ist vielfältig, voller kräftiger Nuancen und verstörender Details. Hiobs Achterbahnfahrt zwischen Demut, Trotz und Gerechtigkeit, seine Version der Gottesbegegnung ist oft vernachlässigt worden.

Heute ist darüber zu reden. Der erste Sonntag nach dem Christfest kommt im Kirchenjahr nicht oft vor. Er geht verloren, wenn der Heilige Abend oder die Weihnachtstage selbst auf einen Sonntag fallen. Im Predigttext von heute scheint Hiob eine Niederlage einzugestehen. Er beugt sich der Allmacht Gottes. Das klingt aufs erste Hören merkwürdig. Mit ihr erscheint Hiob als tragische, gebrochene Figur.

In langen Gesprächen mit drei Freunden bestand Hiob darauf, dass er nichts Unrechtes getan habe. Sein Unglück könne darum keine Bestrafung für Vergehen oder Sünden sein. Diese Gespräche führen ins Leere. Am Ende antwortet Gott selbst. Er spricht in einem Sturm. Gott betont: Ich bin es, der die Welt erschaffen hat. Zwischen mir, dem Schöpfer, und dir, dem Geschöpf, besteht ein nicht zu überbrückender Unterschied.

Und da setzt der Predigttext ein: Hiob akzeptiert diesen Unterschied. Er nimmt seine Einwände zurück und scheint sich vor Gott zu beugen. Diese Lösung, liebe Gemeinde, war schon zur Zeit der Entstehung des Hiobbuches umstritten. Denn in diesem – poetisch genannten – Schluß des Hiobbuches wird gerade keine Gerechtigkeit geschaffen. Hiob wird für seine Verluste und sein Leiden gerade nicht entschädigt. Die Gerechtigkeitsfrage bleibt verstörend offen und ungelöst. In der Bibel schließt deshalb an den poetischen Schluß eine zweite, verharmlosende Schlußpassage an. In ihr kommt Hiob wieder zu Reichtum und heiratet erneut.

Der Hiob des Predigttextes gibt sich erschöpft, beinahe geschlagen. Er muckt nicht mehr auf. Mit dem Gott, der die Welt geschaffen hat, läßt sich nicht von Angesicht zu Angesicht, auf Augenhöhe diskutieren. Das verstört uns Zuhörer, genauso wie sich daraus Trost ziehen läßt. Die Gerechtigkeitsfrage ist noch nicht geklärt.

Man kann sagen: Hiob gibt dem Mächtigeren nach. Hiob wird gekränkt. Der glaubende Mensch erscheint nicht mehr als selbständiges, freies Wesen, das aufrechten Gang einübt und seine Entscheidungen mit eigenem Willen trifft. In dieser Hinsicht ist Hiob noch kein moderner Mensch, sondern wie in einer traditionellen Gesellschaft unterwirft er sich dem Mächtigeren. Diese unterwürfige Demut kratzt und nagt am modernen Bewußtsein.

Für den Glauben gilt: Menschen sind frei. Sie sind nicht fremden Herren oder Gesetzen unterworfen. Aber Freiheit des Menschen bedeutet nicht unbegrenzte Macht. Moderne Menschen sind Grenzen unterworfen, auch wenn die sozialen Medien oft weismachen wollen, dass diese nicht existieren. Menschen bleiben sterblich, verletzlich, begrenzt. Sie werden in aller Freiheit eben auch alt, sie werden krank und sie sterben schließlich. Der Tod bleibt ein Rätsel für die Entscheidungsfreiheit des Menschen.

Hiobs Demut gegenüber Gott kann auch als Trost verstanden werden. Hiob beugt sich gegenüber dem Gott, der die Welt geschaffen hat. Freie Menschen können ihr Leben frei gestalten, aber sie können keine Welt erschaffen. Insofern erkennt der demütige Hiob seine eigenen Grenzen und lernt, sie zu akzeptieren. Bei aller Freiheit – Menschen sind auch schwache, begrenzte, verletzliche Wesen. Das ist eine Erkenntnis, die nicht jedem passen wird, auch der gute Hiob hat offensichtlich Mühe, sich dazu durchzuringen. Aber diese nüchterne Erkenntnis der Demut gegenüber dem Schöpfergott hilft zu einem Leben im Glauben und Wahrheit.

Dabei ist die Gerechtigkeitsfrage mit der Gottesrede und Hiobs folgender Antwort noch gar nicht geregelt. Viele Fragen bleiben offen. Wie antwortet Gott auf Hiobs Bekenntnis? Wird seine Leidenszeit beendet? Die offene Gerechtigkeitsfrage, wenn man das so nennen kann, muss Hiob aushalten. Und wir Menschen von heute müssen aushalten, dass eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten dieser Welt noch nicht abschließend geklärt sind. Keine der Antworten, die gefunden wurden, vermag so richtig zu befriedigen. Die Gerechtigkeitsfrage war für Hiob offen, und sie ist noch heute offen. Und für den Glauben ist das eine Anfechtung, die ihn trotz Weihnachten und Wunderkerzen in eine Krise führt.

Hiob bekennt am Ende seiner Geschichte: Bisher kannte ich Gott nur vom Hörensagen, nun habe ich Dich, Gott, gesehen. Diese Krise der Gerechtigkeit zieht sich durch die Bibel bis zur Krippe in Bethlehem. Maria kann sagen: Bisher kannte ich nur den herrlichen Engel der Verkündigung, nun liegt Gott vor mir in der Krippe. Joseph und ich wollen alles tun, um ihn zu schützen. Sehr bald schon werden sie aus Bethlehem aufbrechen, um nach Ägypten zu ziehen. Denn der kleine Jesus muss vor dem Kinder mordenden König Herodes bewahrt werden. Mit dem schrecklichen Leid dieser ermordeten Kinder stechen die Fragen Hiobs nach Gottes Gerechtigkeit mitten in die freundlich beleuchtete Weihnachtsgeschichte hinein.

Doch das kleine Baby in der Krippe weist den Weg auf den Versuch einer Antwort. In ihm, in diesem winzigen Menschen zeigen sich Schwäche und Verletzlichkeit Gottes. Wenn Joseph und Maria sich nicht liebevoll um ihn kümmern würden, hätte er die ersten Jahre seines Lebens nicht überstanden. Dieser Jesus, der zum Prediger und Wunderheiler heranwachsen wird, wird auch derjenige sein, der an Karfreitag den bitteren Tod am Kreuz stirbt. Näher kann Gott den Menschen nicht kommen, als die eigene Allmacht aufzugeben und bei dem zu sein, an dem brutale, mörderische Gewalt ausgeübt wird.

Gott ist Mensch geworden. Das bedeutet: Er ist verletzlich, schwach und ohnmächtig geworden, zuerst in der Krippe, dann am Kreuz. Der Gedanke an Karfreitag darf bei aller Weihnachtsfreude nicht ausgeblendet werden. Weihnachten begegnet ein schlafendes, kleines Kind den Fragen der Menschen nach Gerechtigkeit. Es wird sie nicht so lösen, dass es wie ein himmlischer König Macht und Autorität ausübt und zurechtrückt, woran Menschen gescheitert sind. Es wird sie so lösen, dass es in aller Schwäche mit den bedürftigen Menschen solidarisch wird. Auch damit ist die Gerechtigkeitsfrage noch nicht gelöst. Aber damit ist ein Weg gewiesen. Gott macht sich zum leidenden Menschen: Das bleibt eine Hoffnung über Abgründen, die nicht zugeschüttet werden. Und diese Gewissheit rechnet mit der menschlichen Gegenwart Gottes in Jesus Christus. Sie hofft auf Gottes Barmherzigkeit.

Und der Friede Gottes, der aus der Zukunft in die Gegenwart hineinleuchtet, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


Prof. Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
wolfgangvoegele1@googlemail.com

Wolfgang Vögele, geboren 1962. Apl. Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Heidelberg. Er schreibt über Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog „Glauben und Verstehen“ (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, Münster 2025.