Hebräer 13,8

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Himmelserscheinung(en)  |   Predigt über Hebr 13, 8 | Altjahrsabend | 31. 12. 25 | verfaßt von  Jochen Riepe |

 

                                                              I

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit‘.

Nicht wahr, das ist einer dieser wunderbaren Sätze, die man, nein, nicht an die Wand, aber an den Himmel schreiben sollte. In Leuchtbuchstaben, damit alle den Kopf heben, sich strecken und ‚aufsehen‘ (12,2). Der beste Lichtkünstler wäre gerade gut genug.

                                                                             II

Ronny, der Raketenfreund. Manche Nachbarn lieben ihn, andere schimpfen. Punkt Mitternacht wird gezündet und dann ‚geht die Post ab‘ – nach oben. Um kurz vor eins im Neuen Jahr wird die  Gasse im Dortmunder Westen so verraucht oder vernebelt sein, daß die Silvestergäste kaum noch einander erkennen.

Wir Böller-Skeptiker schütteln jährlich die Köpfe: Geldverschwendung aus Prestigebedürfnis, Luftverschmutzung, Mißbrauch durch Gewaltbereite,  Gefährdung der Kinder… Aber gerade die werden wie immer begeistert dabei sein und selbst mitzündeln. ‚Ich weiß gar nicht, was ihr habt, ein uralter Brauch‘, wird Ronny eigenwillig, historisch nicht ganz abgesichert, sagen. ‚Das alte Jahr ist vergangen und seine bösen Geister müssen vertrieben werden‘. Viele Kulturen kennen ja ähnliche Spektakel.

                                                                                III

Ja, die ‚bösen Geister‘ – die Mächte des Unheils, der Resignation, der ‚Sünde‘ (12,1)… auch im Hebräerbrief wird gleichsam Jahresbilanz gezogen und versucht, eine  beschwerte und müde Leserschar in Bewegung zu bringen. Der Autor,  ein ‚spekulativer Kopf‘, ein ‚Vordenker‘( M. Backhaus), sieht die Lage seiner Adressaten kritisch und hält ihnen den Spiegel vor: ‚träge und harthörig‘ (5,11) und noch schlimmer: lern- und erfahrungs- und leidensunwillig seien sie geworden. Man geht für seinen Glauben, sein ‚Anderssein‘, kein Risiko ein. Eigentlich müßten sie die ‚feste Speise‘ (5,14), das mitunter harte Brot des Christseins vertragen, stattdessen könne man ihnen nur Milch, schnell und leicht verdaulich, anbieten.

Die Folge ist für den Briefschreiber klar: Der Glaube gerät flach und formelhaft, ohne Leidenschaft und Feuer, eben geistlos, für denkende Zeitgenossen unattraktiv. Und dazu: die Gemeinde zerfällt, eine Art ‚Club ohne Rückgrat‘, ohne Resilienz. Sie bekommt durch ihre Leitung nicht die Unterstützung, die sie braucht, um mutig ihrer Umwelt Jesus Christus zu bezeugen und ihr Zeugnis zu verantworten. ‚Die Kraft des Anfangs hat sich verbraucht‘ (E. Grässer).

                                                                                  IV

Eine nüchterne, eine kritische Bilanz, die  so manche Gemeinde heutzutage nachvollziehen kann, und vielleicht auch wir persönlich, wenn wir am Altjahrsabend nachdenklich zurückblicken und das Endliche, das Unterlassene, Verpaßte, Fehler- und Schuldhafte unseres eigenen, kleinen Lebens bedenken. ‚Wo ist die Zeit, wo sind die guten Vorsätze geblieben?‘, ‚Ja, damals‘, ‚Früher war das anders‘ – das sind Redewendungen, mit denen nicht nur die Jahresberichte der Presbyterien gespickt sein können. Je älter wir werden, desto mehr kann uns ein Gefühl der Vergeblichkeit befallen. Die ‚bittere Wurzel‘(12,15) eines Lebens ohne Gnade, ohne Vergebung und Neuanfänge, wächst dann heran und stiftet ‚Unfrieden‘ mit den anderen und mit uns selbst.  Und, als sei  es nicht genug, gesellt sich mit den Jahren die ‚Furcht vor dem Tod‘ (2,15) dazu, der schließlich dem Fragmentarischen meines Lebens das letzte Siegel aufdrücken wird.

Das Alte ist vergangen‘ (2.Kor. 5,17), wir stehen in einem ‚neuen Bund‘ (8,13; Jer 31,31), schreiben der Hebräer wie auch Paulus und Jeremia, aber wie kann ich die bösen Geister vertreiben,  wie kann ich an den Lebensstrom, der einst in Jesus auf die Erde gekommen ist, Anschluß finden, ihn aufnehmen und eben so lebendig zu werden? Er, der ‚Sohn Gottes‘, ist doch in den ‚Himmel‘ (9,24) eingegangen ins Allerheiligste, der Vorhang ist zerrissen. Er steht vor Gott, und ich bin hier unten und stehe ‚im vorderen Teil der Stiftshütte‘ (9,8). Und die bösen Geister ‚kleben‘ (12,1) an mir und ziehen herab.

                                                                                  V

Fremdvertraut ist uns diese Lagebeschreibung, dieses ‚Gleichnis für die gegenwärtige Zeit‘ (9,9), und ich denke noch einmal an den Feuerwerker aus dem Dortmunder Westen. Wir Skeptiker, wir Umweltfreunde und besorgte Pädagogen schütteln den Kopf, aber er wird weiter sprechen. Ich höre ihn  schon:  Er wolle nicht nur die bösen Geister verjagen, sondern mehr noch das Neue Jahr willkommen heißen und  Mut machen, es als Chance annehmen. Gerade heute, wo viele angesichts der wirtschaftlichen Krise bedrückt seien, Kriegsängste und Anschläge die einen quälten , ‚Friedensängste‘ die anderen.

Und dann etwa so: ‚Seht doch zum Himmel, mein(e) ‚Post‘ steigt empor und klappt die Welt auf. Er zischt und knallt  – auf ein Neues, auf die Zukunft‘. Und wir? Wir werden wirklich emporblicken und  einen Sternenregen aufstrahlen sehen, der wundersam bunt und kitschig, pfeifend und heulend zu uns herniederkommt  und dann – verpufft und verschwindet. ‚Ah‘ und ‚Oh‘, rufen die Kinder und die Großen werden zurückhaltend und zögernd es ihnen gleichtun. Ein Neujahrsgruß?

Ich frommer Kopfschüttler sollte mich vielleicht an dieser Stelle an ein Wort Jesu erinnern. Den Tag seiner Wiederkunft, das Kommen des Reiches Gottes, vergleicht er einmal mit einem ‚Blitz‘, der ‚von einem Ende des Himmels bis zum andern‘ (Lk 17,25) aufblitzt und leuchtet, der uns erschreckt und in einem die Welt ‚entrückt‘, ‚verfremdet‘ und plötzlich anders sehen läßt. Ist ein Feuerwerk nicht soz. die menschliche, oft kunstvolle Entsprechung zu dieser natürlichen Himmelserscheinung?

                                                                               VI

Ronny wird sich viel Mühe geben und eine Brücke vom Himmel zu unseren Gemütern bauen. Wir alle bedürfen des Trostes und der Ermutigung, um nach den Aufgaben und Mühen des vergangenen Jahres, angesichts der ‚Reste‘, die wir nicht verarbeiten konnten, der Lasten, der Erschöpfung  und der dunklen Schatten, die ‚müden Hände und wankenden Knie‘ (12,12) wieder zu beleben.

 Der Hebräer hat mit uns Ähnliches vor und sein anspruchsvolles, gedankenvolles Schreiben ruft nach der kritischen Bilanz eine positive Botschaft aus: ‚Laßt uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens‘  und ‚ablegen alles, was uns beschwert‘(12,1f). ‚Aufsehen‘, ja, zum Himmel blicken… und zugleich Jesu irdische Geschichte immer wieder hören.  Er, der in der Ewigkeit Gottes ist, der gestern und heute derselbe ist, er ist treu. Der Lebensstrom, den er gebracht hat, ist nicht im Himmel eingeschlossen. Die ‚Klarheit‘ (Lk 2, 9) seiner Tage, die ‚Klarheit des Herrn‘, wird unsere Welt weiterhin erhellen, erschrecken und beglücken. Er, der Unschuldige, er, der litt wie wir, der schrie und verzweifelte, er ist bleibend gegenwärtig.

Vielleicht ist dieser Gedanke tatsächlich zu ‚intellektuell‘ und die Leser des Hebräer mögen ihn als abstrakte Lehre vernommen haben. Aber man kann ihn ja zunächst distanziert-wohlwollend hören, im Vertrauen darauf, daß Leben und Erfahrung ihn bewähren: Christus war einmal auf Erden, er brachte einmal sein Leben für uns als ‚Opfer‘ (10,10) hin, aber dieses Einmalige in seiner versöhnenden Leuchtkraft hat Geltung für immer. Er ließ uns die Welt anders sehen,

                                                                                VII

Woran erweist sich eine Gemeinde, die im Lebensstrom des Christus steht? Daran, daß sie ihre Trägheit erkennt, selbstkritisch durcharbeitet und aus ihr lernt. Auch die ‚bösen Geister‘ müssen uns dienen. Aus den Angepaßten, die ihre Besonderheit nicht mehr leben können und lieber weltlichen Parteien oder Bewegungen nacheilen, können Menschen werden, die in der ‚Ruhe Gottes‘ (4, 9), gelassen, ja, ‚in sich selbst vergnügt‘(eg 369.3) und altersweise, darüber nachdenken, welcher Auftrag, welches Ziel ihnen in diesem endlichen Leben bestimmt ist.

Aus Lernunwilligen und Lustlosen, die sich nicht gern etwas sagen lassen, erst recht komplizierte Gedanken scheuen, können solche werden, die ihre Lehrerinnen und Lehrer achten und ihnen ‚heute!‘ zuhören. Aus solchen, die ihre Häuser verschließen, werden Gastgeber und erfahren das Glück, Engel zu beherbergen. Und der, der Nachteile und Unangenehmes fürchtet, wird sehen, wie stark er wird, wenn er die feste Speise, das harte Brot, aus Gottes Hand nimmt.

Nein, ‚Gotteskrieger‘ sind wir nicht. Auch nicht fromme Aktivisten. Wir ‚wandern‘ auf der Erde, aber über uns der offene Himmel Gottes. Die Gemeinde Jesu muß sich nicht vor einer gegenüber dem Glauben gleichgültigen Welt verstecken. Sie wird sich vom Friedensweg Jesu erleuchten lassen, ihn verkünden und sein Mahl feiern. Sie verläßt das Lager der starren Meinungen, der Brandmauern und Ideologien, um ‚draußen‘  der Gewalt entgegenzutreten, der offenen oder versteckten Aggressivität, die ‚in alle Poren des täglichen Lebens‘ (H. Arendt) eingedrungen ist: ‚Entfeindung‘ (P. Lapide), Zivilität im Namen Jesu.

                                                                             VIII

Ronny hat den Impuls gegeben, und wenn wir Punkt Mitternacht anstoßen, hinaustreten und zum Himmel aufsehen, wenn  der Vorhang sich hebt und ein Kunstwerk aus Licht, Farben und Formen erscheint, die Ungeister erschreckt, abschüttelt und verjagt, mögen wir ihn lesen am Firmament – den wunderbaren Satz des Hebräer:

‚Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit‘.

Ein gesegnetes, leuchtendes  Neues Jahr 2026.

(Gebet nach der Predigt: ) Lieber Vater im Himmel. Darum bitten wir: Daß deine Klarheit über uns aufleuchtet und unsere Zeit erhellt. Daß wir aufsehen zu deinem lieben Sohn und uns von ihm leiten und begleiten lassen. Er ist dein Wort und dein Versprechen und wird uns Müden und Lustlosen die Kraft und die Frische schenken, die wir brauchen. Gestern. Heute. Morgen.

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Lieder: eg 39,7  (Jakobs Stern ist aufgegangen); eg 66,5.8.9 (Jesus ist kommen); eg 369 (Wer nur den lieben Gott läßt walten) ; G.F. Händels ‚Feuerwerksmusik‘ für die Orgel: https://www.youtube.com/watch?v=cQav1G0qsAo (G. Isenberg)

Lit.: M. Backhaus, Der sprechende Gott   Ges. Studien zum Hebräerbrief, 2008, S. 4   / E. Grässer, An die Hebräer (Hebr 1-6), EKK XVII / 1, 1990, S. 26   / J. Loffeld, Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, 2024/ H. Arendt (zit. n. H.M. Enzensberger, Ausblicke auf den Bürgerkrieg. Der Spiegel 25/ 1993 https://www.spiegel.de/kultur/ausblicke-auf-den-buergerkrieg-a-7ec30bfb-0002-0001-0000-000013683377)