Matthäus 6,5–13
#ThemToo | Neujahr | 01.01.2026 | Matt 6,5-13 | Poul Joachim Stender |
#ThemToo
Präsident Donald Trump ist für vieles weltbekannt. Unter anderem für den Slogan: America first. Darüber waren wir in Dänemark zutiefst empört. Doch als die Impfstoffe gegen Corona seinerzeit beschafft werden sollten, machten wir uns den Slogan des Präsidenten zu eigen. Denmark first. Dann kam die #Me-Too-Bewegung, die äußerlich ein Aufbegehren gegen den Sexismus war und ist. Die Bewegung war ein notwendiger Protest gegen das Verhalten ungebildeter Männer und Frauen. Doch zugleich hat sie auch ihrem Namen #Me-Too alle Ehre gemacht. Die Bewegung handelte von persönlichen Kränkungen der Menschen in einer Kultur, in der wir trotz des Einflusses des Christentums und seines Aufrufs, einander zu vergeben, weiterhin als eine Abwandlung von Donald Trumps Slogan leben: me first. Im Vaterunser beten wir: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Gottes Vergebung liegt unter unserem Leben wie ein Fundament. Er vergibt uns.
Deshalb sollten wir versuchen, einander zu vergeben. Auch in diesen #Me-Too-Zeiten, in denen es scheint, als existiere die Möglichkeit der Vergebung nicht mehr. Nun gehen wir ins Jahr 2026. Was wir uns für das neue Jahr wünschen können, ist, dass eine Bewegung namens #ThemToo entsteht. Im neuen Jahr sollten es die Kränkungen der anderen sein und nicht unsere eigenen Kränkungen, auf die wir uns in erster Linie konzentrieren. Wenn wir im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe“, dann deshalb, weil wir wünschen, dass Gottes Wille in uns und bei uns Wirklichkeit werde. Und Gottes Wille ist es, dass wir mehr mit ihm und unseren Mitmenschen beschäftigt sein sollen als mit uns selbst. Oder anders gesagt: #Themtoo, die anderen, vor #Me-Too, ich selbst. Die Frauen in Afghanistan unter dem neuen Taliban-Regime haben es furchtbar. Es gibt keine Frauen in der Führung des Landes. Die Frauen dürfen keinen Sport treiben. Sie müssen bei Reisen über 72 km von einem männlichen Familienangehörigen begleitet werden. Warum gerade 72 Kilometer? Die afghanischen Frauen müssen in der Öffentlichkeit Burka tragen. Sie dürfen nicht in Fernsehserien mitwirken. Alles deutet darauf hin, dass höhere Bildung für Frauen verboten sein wird. Dänische Frauen waren gut darin, ihre Stimme zu erheben, wenn es um eigene Kränkungen oder fehlende Rechte ging. Doch wo ist die Stimme der Frauen, wenn ihre Schwestern in Afghanistan, im Nahen Osten, in arabischen Ländern brutal gekränkt werden?
Ein anderes Beispiel ist die Verfolgung von Christen. Weit über 275 Millionen Christen werden verfolgt. Wir sorgen in Dänemark dafür, dass niemand religiös gekränkt wird. Religionsfreiheit ist grundlegend. Was ist mit den Menschen in aller Welt, die Gefahr laufen, hingerichtet zu werden, wenn sie zum Christentum konvertieren oder sich zu erklärten Atheisten werden? #ThemToo! Vor einigen Jahren verbot die hindu-nationalistische Regierung in Delhi, Indien, dass einer christlichen Wohltätigkeitsstiftung, die von Mutter Teresa gegründet wurde, Unterstützung gegeben werden durfte. Warum wurde sie verboten? Um die christliche Minderheit zu schikanieren. Doch hierzulande herrscht eisiges Schweigen über diese Verfolgungen, und das liegt vermutlich wieder einmal daran, dass #Me-Too wichtiger ist als #ThemToo. Die Menschen regen sich darüber auf, wenn es Christentumsunterricht in der Volksschule gibt, schweigen aber, wenn Christen im Ausland wegen ihres Glaubens getötet werden. Wenn wir im Vaterunser Christus bitten, uns von dem Bösen zu erlösen, geht es nicht ausschließlich um das Böse, das uns selbst treffen kann. Wir beten auch dafür, dass andere Menschen mit Gottes und unserer Hilfe vermeiden mögen, vom Bösen getroffen zu werden.
Zum Beispiel müssen wir im Augenblick für die Juden beten. Es hinterließ einen schlechten Geschmack, als die {dänische} Partei „Freie Grüne“ während des Kommunalwahlkampfes in Dänemark schändlicherweise Wahlplakate mit dem Text aufhängte: Befreit Kopenhagen vom Zionismus. Wenn die Freien Grünen „Kopenhagen vom Zionismus befreien“ wollen, ist es unmöglich, das als etwas anderes zu sehen als einen schlecht verhüllten Versuch, den wachsenden Antisemitismus in Stimmen bei der Kommunalwahl umzumünzen. Hätte es doch nur einige Plakate gegeben, auf denen stand: Befreit Kopenhagen vom Judenhass. Es ist eine Tatsache, dass wir in Dänemark bewaffnete Polizei vor jüdischen Schulen haben. Es ist auch eine Tatsache, dass Juden nicht mit dem Davidstern um den Hals gehen oder eine Kippa auf dem Kopf tragen können, ohne überfallen zu werden. Das jüngste Beispiel für offenen Judenhass ist die Schießerei während des jüdischen Lichterfestes Chanukka am Bondi Beach in Sydney, Australien. 16 wurden getötet. Nach der Schießerei trat ich am selben Tag in meiner Ohnmacht über die Judenverfolgungen dem Dänischen Zionistenbund bei, der dafür arbeitet, dass Juden auf gleicher Grundlage wie alle anderen Völker der Welt ein Recht auf eine Heimat haben, wo das jüdische Volk nach seinen kulturellen, historischen und religiösen Traditionen leben kann. Neujahrsvorsätze sind unglaublich unambitioniert. Die zehn beliebtesten sind: Gewichtsabnahme. Mehr Bewegung. Mit dem Rauchen aufhören. Einen Partner finden. Weniger Alkohol trinken. Weniger arbeiten. Mit dem Nägelkauen aufhören. Die Familie öfter sehen. Mit dem Fluchen aufhören und weniger Kaffee trinken. Doch stellen Sie sich vor, wenn wir folgenden Neujahrsvorsatz haben könnten: #Themtoo, die anderen, vor #Me-Too, ich selbst. Lassen Sie uns an Silvester oder am Neujahrsmorgen zu uns selbst sagen: Im neuen Jahr werden wir uns bemühen, Gott und unsere Mitmenschen vor uns selbst zu setzen. #ThemToo vor #Me-Too. Das wäre ein Neujahrsvorsatz, der nicht nur unseren Nächsten zugutekäme. Es wäre gut für die ganze Welt. Unter anderem für die afghanischen Frauen und die verfolgten Christen und die Juden. Doch es wäre auch nützlich für uns selbst. Leider ist es schwer, Gott und seinen Nächsten vor sich selbst zu setzen. Wenn wir Glück haben, gelingt es uns vielleicht ein paar Mal im Laufe des Jahres 2026. Wir sind Menschen. Und aus diesem Grund bitten wir im Vaterunser Gott, dass er sein Reich zu uns kommen lasse, und wir beschließen das Gebet mit den Worten: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Wir Christen haben die Hoffnung, dass Christus zu uns zurückkehren und sein Reich aufrichten wird. Und an dem Tag, an dem dies geschieht, soll der Tod nicht mehr sein, auch keine Frauenunterdrückung, auch keine Verfolgungen, auch kein Leid, kein Geschrei und keine Pein und keine Kränkungen, die zu #Me-Too-Fällen führen. An diesem Tag wird die Liebe das letzte Wort haben. Doch wenn das gesagt ist, bedeutet es nicht, dass wir nicht gerade jetzt danach streben sollten, die Liebe so hoch zu setzen, dass unsere Mitmenschen wichtiger werden als wir selbst. Oder mit einem Slogan gesagt, der der Slogan für 2026 sein sollte: #ThemToo anstelle von #Me-Too. Gott befohlen und gesegnetes neues Jahr.
Amen.
Poul Joachim Stender
Pastor in Kirche Saaby/Kisserup
pjs(a)km.dk