Joh 14,1–6

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Ankommen | Neujahrstag | 01.01.2026 | Joh 14,1-6 | Paul Wellauer |

| Psalmgebet im Wechsel | Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen | Psalm 121 | ERG 137 |© Zürcher Bibel 1996*
I  Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher wird mir Hilfe kommen?
II Meine Hilfe kommt von Ihm, der Himmel und Erde gemacht hat.
I  Er lässt deinen Fuss nicht wanken; der dich behütet schlummert nicht.
II Siehe, nicht schlummert noch schläft der Hüter Israels.
I  Er ist dein Hüter, er ist der Schatten zu deiner Rechten.
II Bei Tage wird dich die Sonne nicht stechen noch der Mond des Nachts.
I  Er behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben.
II Er behütet deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.
I+II AMEN

| Lesung Predigttext | Johannes 14,16 | Jesus und der Vater | © Die Zürcher Bibel, 2007**
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2 Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg. 5 Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen? 6 Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.

Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach lebt. Amen

| Predigt | Ankommen
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Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern durch die Liebe und Gnade Gottes

In den letzten Tagen über Weihnachten sind wohl viele von euch nach Hause gereist oder ihr habt in eurem Zuhause Kinder, Enkel und weitere Verwandte willkommen geheissen. Vertraute Gerüche, lieb gewonnene Erinnerungen, viele kleine Details, welche Geschichten aus der Vergangenheit aufleben lassen und vor allem Menschen, die einem lieb und nahe sind: All das macht ein Zuhause zu einem Zuhause. Ich hoffe sehr, ihr konntet dieses tiefe Gefühl von Heimat, von Ankommen und willkommen Sein mit euren Liebsten in den Weihnachtstagen erleben.

Zwei Tage vor Heiligabend ist der englische Sänger Chris Rea verstorben, der den sehr emotionalen Song «Driving Home for Christmas» [Nach Hause fahren für Weihnachten] geschrieben hat. Das Lied beschreibt auf ergreifende Weise, wie er sich danach sehnt, zu Weihnachten nach Hause zu gelangen. Allerdings steht er noch mit dem Auto im Stau. Umso wehmütiger steigen in ihm die Erinnerungen auf. Und er freut sich, bald «auf heiligem Boden» stehen zu können. So beschreibt er die Gemeinschaft mit seinen Liebsten und die «tausenden Erinnerungen».

Jesus spricht im heutigen Predigttext von einem ewigen, himmlischen Zuhause, vom Ankommen in der göttlichen Heimat, von «heiligem Boden» in eigentlichem Sinne. Wie mögen sie wohl aussehen, diese himmlischen Wohnungen, die Jesus für uns vorbereitet? Wird man sich dort in die Arme schliessen, gemeinsam feines Essen geniessen, miteinander fröhlich sein? Gibt es dort himmlische Polstergruppen, in die man sich hineinkuscheln kann? Wird es ein romantisches Cheminée-Feuer geben, an dem man sich die Hände wärmt, nachdem man draussen an der kühlen Luft war? Werden im Garten um das Haus unvorstellbar bunte Blumen blühen und köstliche Früchte gedeihen?

Ich persönlich träume gerne von den himmlischen Wohnungen und stelle mir vor meinem inneren Auge vor, wie es dort sein könnte. Die Bibel beschreibt die «himmlischen Wohnungen» im «neuen Jerusalem» leuchtend hell, glitzernd und funkelnd wie Edelsteine [Vgl. Offenbarung 21]. Es muss dort unvorstellbar schön sein! Im Psalm 23 vom guten Hirten wird erzählt, dass Gott selbst uns den Tisch deckt und den Becher voll einschenkt. Jesus erzählt mehrmals von Festessen oder einer Hochzeitsfeier, wenn er von Gottes kommendem Reich spricht. Es wird dort wohl unvergleichlich feines Essen geben. Und Jesus selbst wird uns einen Platz [Topos τόπos] vorbereiten und dorthin begleiten. Und er traut seinen Jüngern zu, dass sie den Weg dorthin kennen.

Ganz so klar scheint dies jedoch nicht zu sein. Gott sei Dank fragt der neugierige Jünger Thomas nach: «Wie gelangen wird dorthin, zu den himmlischen Wohnungen?» Thomas hat gemäss den biblischen Berichten mehrmals gute und kritische Fragen gestellt, wir können ihm dafür nicht genug dankbar sein. Er hat damit Jesus zu einzigartigen Aussagen und Handlungen herausgefordert. Es ist bis heute sehr wichtig, immer wieder Fragen zu stellen, in der Schule, in Freundschaften, im Beruf und auch Gott und Jesus gegenüber, wenn wir etwas nicht verstehen oder genauer wissen möchten! Thomas fragt also: «Herr, wir wissen nicht einmal, wohin du gehst! Wie sollen wir dann den Weg dorthin kennen?»

Ein Vergleich mit irdischen Wohnungen, zu denen wir den Weg zunächst finden müssen: Wenn wir in die Ferien reisen, können wir das auf verschiedene Art organisieren.
– Wir könnten ins Auto steigen und einfach losfahren, immer der Nase nach: «Mol luege!», würden wir Schweizer sagen. Was immer uns begegnet, wir stellen uns spontan darauf ein.
– Andere organisieren ihre Reisen sehr präzise und vorausschauend: Jeder Tag ist genaustens geplant, was besucht oder angeschaut und wohin gewandert wird. Da gibt es kein «Mol luege!». Alles ist fein säuberlich organisiert und eingefädelt.

Ich persönlich bevorzuge eine Mischform der beiden Möglichkeiten: Wo es hingeht und wie die Reise gestaltet wird, möchte ich gerne vorher organisiert haben, damit ich mich darauf verlassen kann und keinen kurzfristigen Stress habe. Ich möchte wissen, wann abgereist wird, mit welchem Verkehrsmittel und bei unserer grossen Familie auch, wer alles mitkommt. Und vor Ort handle ich nicht ungern nach dem Prinzip «Mol luege!»: Die Ferientage gestalten wir gemeinsam nach dem aktuellen Befinden. Doch die Ferienwohnung oder das Hotelzimmer und die Reise sollte vorher geklärt sein.
Und wie ist es mit unseren «ewigen Ferien» nach dem Tod? Funktioniert das nach dem Prinzip «Mol luege», ganz spontan und intuitiv? Oder lässt sich alles vorgängig planen und reservieren? Im Sinne von: «Ich wäre dann einmal gerne auf Wolke sieben mit einer goldenen Harfe und möchte den ganzen Tag Halleluja singen!» Ich befürchte, auf beide Arten kommen wir nicht wirklich ans Ziel – und landen allenfalls an einem Ort, wo keiner von uns hinwill.

Die «Mischform» wird sich hier am ehesten bewähren: Ich schaue für das Wenige, das mein Anteil ist. Und Gott überlasse ich die grossen Fragen: Jesus Christus ist der einzige Mensch auf Erden, der wirklich Bescheid weiss über Zeit und Ewigkeit, über Diesseits und Jenseits. Er war schon vor seiner Geburt in Gottes Herrlichkeit, ist zurückgekommen aus dem Totenreich und verfügt über Wissen und Erfahrung, wie es dort ist und sein wird. Und er erklärt in seiner Zeit auf Erden, wie wir hier leben sollen, was wir jetzt schon glauben können und was wir jederzeit hoffen dürfen, damit wir schliesslich in die «Wohnungen des Vaters» gelangen. Das neue Jahr, das vor uns liegt, schenkt uns 365 Tage, um unseren Glauben zu vertiefen, unsere Hoffnung zu erweitern und unsere «Reisepläne für die Ewigkeit» zu klären.

Die Jünger und Jüngerinnen um Jesus waren 2-3 Jahre mit Jesus unterwegs, hörten viele Predigten, sahen einige Wunder, konnten Begegnungen, Gespräche und Diskussionen miterleben. Doch offenbar herrscht dennoch Unklarheit darüber, wohin Jesus gehen wird und wie man dorthin gelangt. «Den Weg zu dem Ort, an den ich gehe, den kennt ihr ja.», sagt Jesus Christus zuversichtlich. Jesus traut seinen Jüngern und Jüngerinnen etwas zu, er mutet ihnen etwas zu: «Das solltet ihr jetzt aber wirklich wissen!»

Gott und Jesus trauen uns etwas zu, wir alle sind selbständig denkende Menschen: Er hat uns nicht als ferngesteuerte Roboter mit einem «Glaubens-Chip» im Kopf geschaffen, die er fernsteuern könnte, sondern als selbständige, mündige, freie Wesen, die selbst denken, entscheiden, glauben und hoffen dürfen – und auch zweifeln und Fragen stellen.

Genau das tut der kritische, zweifelnde oder einfach ehrlich interessierte Jünger Thomas: Er fragt bei Jesus nach, wie wir zu diesen Wohnungen gelangen: «Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?»

Die Antwort, die Jesus darauf gibt, ist beim ersten Hinhören herausfordernd, vielschichtig, sogar etwas frech und beantwortet die Frage nur ansatzweise. Jesus spricht zu Thomas: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.»

Mutig, selbstbewusst sagt Jesus von sich: «ICH BIN der Weg.» Nicht bloss: «Ich weiss den Weg!» oder «Ich zeige euch den Weg!» ICH BIN: «Wenn ihr mich anschaut, mein Leben, mein Wirken, meine besondere Berufung, dann seht ihr den Weg, den Gott zum Himmel bereithält.»

Und genauso sagt Jesus nicht: «Ich weiss die Wahrheit oder erkläre euch die Wahrheit», sondern: «ICH BIN die Wahrheit.» Wer Wahrheit erkennen möchte, muss demnach Jesus betrachten, sein Vorbild, seine Worte und Taten.

Und das Dritte: «ICH BIN das Leben!» Jesus wird den Tod erfahren: Einen grausamen Tod am Kreuz. Doch er wird nicht im Grab bleiben, sondern zu neuem Leben, ewigem Leben auferweckt. Deshalb kann er sagen: «Ich bin das Leben – auch über den Tod hinaus.» Und gemeint ist damit auch: Ich gebe dieses Leben jedem, der zu mir kommt, mir vertraut, sich auf mich verlässt, im Leben, im Sterben und für ewig.

Im Vergleich mit der Reise, von der ich zu Beginn gesprochen habe, fragt Jesus dich und mich: «Darf ich dein Reiseleiter sein, der dich durch das Leben und den Tod in die Ewigkeit begleitet? Darf ich dir einen Weg anbieten, der zum Ziel in Gottes himmlischen Wohnungen führt, willst du in mir eine Wahrheit kennenlernen, wie sie die Welt nicht anbieten kann und ein Leben, das beim Tod nicht endet, sondern ganz neu beginnt?»

Für mich persönlich ist es enorm beruhigend, diese Fragen von Herzen mit «Ja, gerne!» zu beantworten. Jede und jeder darf und muss diese Frage ganz persönlich beantworten: «Darf Jesus mich an jedem Tag in diesem neuen Jahr und weit darüber hinaus bis ins ewige Leben begleiten?»

Ich bin überzeugt, Jesus Christus ist der beste Reiseleiter im ganzen Universum und die ewigen Wohnungen im Haus des himmlischen Vaters sind schöner als alles, das wir uns in unserem Kopf und Herz vorstellen können.
Amen

Liedvorschläge
ERG 353 Von guten Mächten (Melodie Otto Abel)
ERG 548 Nun lasst uns gehn und treten
ERG 553 Herr der Stunden Herr der Tage
ERG 554 Der du die Zeit in Händen hast
ERG 680 Befiehl du deine Wege
ERG 838 Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt
RW 72 In Christus ist mein ganzer Halt
RW 93 Lass die Worte, die ich sag
RW 97 Sein wie du
RW 118 Meine Zeit steht in deinen Händen
RW 121 Von guten Mächten (Melodie Siegfried Fietz)


Pfr. Paul Wellauer, Bischofszell, Schweiz | Mail: paul.wellauer@internetkirche.ch
www.internetkirche.ch | https://internetkirche.ch/livestream.html | www.evang-tg.ch
Geb. 1967, Pfarrer und Mitglied im Kirchenrat der evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, Schweiz. Seit 2009 in Bischofszell-Hauptwil, 1996-2009 in Zürich-Altstetten, davor 1993-1996 Seelsorger und Projektleiter im Sozialwerk Pfarrer Sieber, Zürich, www.swsieber.ch

Literatur
*) Die Zürcher Bibel, Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas, Johannes; Die Psalmen, Fassung 1996, © Genossenschaft Verlag der Zürcher Bibel
**) Die Zürcher Bibel, Ausgabe 2007, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich
ERG = Gesangbuch Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, © Friedrich Reinhard Verlag Basel, & Theologischer Verlag, Zürich 1998
RW = Rückenwind, Lieder für den Gottesdienst, Hrsg. Evang Landeskirche des Kantons Thurgau, Theologischer Verlag, Zürich 2017