Jesaja 61,1-3.10f

· by predigten · in 2. So. n. Christfest, 23) Jesaja / Isaiah, Aktuelle (de), Altes Testament, Beitragende, Bibel, Deutsch, Eberhard Busch, Kapitel 61 / Chapter 61, Kasus, Predigten / Sermons

Sättigung der Hungrigen ist ein Menschenrecht | Predigt zu Jes. 61,1-3.10f | 4.1.2026 | Eberhard Busch

Der Geist des Herrn liegt auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unseres Gottes, zu trösten alle Traurigen, zu schaffen Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer. Schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werde, dass sie genannt werden ‚Bäume der Gerechtigkeit‘, ‚Pflanzung des Herrn‘, ihm zu Preise.

Hören wir genau hin! Der Sprecher dieser Worte legt Wert darauf, dass er sie sagt in höchstem Auftrag. Er hat sie nicht klug ausgedacht, hat auch nicht bloß seine Meinung geäußert. Er richtet seine Botschaft aus wie ein Briefträger, der nicht selber verfasst hat, was er überbringt. Für den Inhalt der Sendung steht ein Anderer grade. Der legt dafür Seine Hand ins Feuer. Das macht mich nicht überflüssig. Er braucht mich als seinen Meldegänger.

Und das ist es, was es zu melden gilt: „Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen“. Die frohe Botschaft, das Evangelium zielt genau in diese Richtung: nicht nach oben, wo alle hingucken, sondern nach unten. Hin zu denen, die miserabel dran sind, im heulenden Elend. Man vergisst allzu leicht die Vergessenen! Genau dorthin weist uns die frohe Botschaft. Wer etwas von dieser seiner Spitze abbricht, hat das Evangelium nicht verstanden. Wer sich dessen schämt, der schämt sich dessen, ein Christ zu sein. Dabei geht es nicht um bloße Worte. Es geht um Heilung von einer ansteckenden bösen Krankheit. Und zuweilen geht uns auf, dass auch Worte, am rechten Ort gesprochen, heilsam sind.

Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen. Er. Der Höchste! Der Bote mag denken, was er will. Aber er hat nicht zu reden, was er will. Er hat zu reden im Auftrag Gottes. Doch Vorsicht! nicht jedem, der angeblich im Namen Gottes daherkommt, dürfen wir Gehör schenken. Hören wir auf den, der ein Ohr hat für die, deren Stimme zu leise ist, um in dem allgemeinen Getöse gehört zu werden! Auf diesen Gott gilt es zu hören. Ihm gehen sie zu Herzen. Und da bleiben sie nicht liegen. Denn so verläuft der Weg, den Gott selber gegangen ist, den er auch heute geht, wie es in der Bibel zu lesen ist : „Er schämte sich nicht, ihr Gott zu heißen“ (Hebr.11,16), derer, denen nichts übrig bleibt, als sich an den zu halten, der sie hält.

Wir haben vor acht Tagen Weihnachten gefeiert. Ist uns in der heil’gen Zeit einmal das begegnet, was das heißt: an den Rand der Gesellschaft geraten zu sein? Denn das konnten wir von der Geburt Jesu hören: Für die war „kein Raum in der Herberge“. Abgewiesen! Und die in der Nacht waren, ausgestoßen ins Nirgendwo, die stets als Letzte an die Reihe kamen, die vernahmen jetzt als Erste: „euch ist heute der Heiland geboren“. Und Maria, unverheiratet, mit einem Kind versehen, samt ihrem Mitläufer Josef, sie mussten fliehen in ein fremdes Land, vor der tödlichen Gewalt. Waren sie gar illegitime Flüchtlinge?

Wer sind solche Flüchtlinge? Der Genfer Reformator Calvin weist in einer Predigt seine Hörer zurecht: „Ihr kennt keine Geschwister, außer sie seien uns blutsverwandt“. Außer sie nützen uns. Nicht die Anderen, die ihrerseits Hilfe brauchen! Dem setzt er entgegen: doch „wir können es nicht schaffen, dass alle Menschen nicht unsere Nächsten sind.“ Sie sind es. Alle Menschen! Gemeint sind die, die Gott uns gerade heute nahe rückt. Sie sind unterschiedslos unsere Mitmenschen. Und so fährt Calvin fort – und er sagt es nicht bloß den Damaligen: Gott „legt sie uns vor die Füße, so dass wir nicht außerhalb ihrer Armut stehen und sie nicht getrennt sind von unserem Reichtum“. Ein fester Ring ist um uns beide gelegt.

Wohlverstanden, Gott liegt es keineswegs daran, dass die, die am Boden liegen, dort liegen bleiben. Er will, dass sie hoch kommen, auf eigenen Füßen stehen. Und er will das nicht nur. Er geht uns mit gutem Beispiel voran: „Er richtet auf, die niedergeschlagen sind.“ (Ps 146,8). Niedergeschlagenheit ist nicht in seinem Sinn. Aufrichten ist angesagt. Die am Rand stehen, die stellt er in die Mitte. Die draußen stehen, die lässt er heimisch werden. Darum geht es ihm: „den Gebundenen verkünden, dass sie frei und unbeschwert sein sollen.“ Und das ist nicht bloß eine einmalige Aktion. „Das gnädige Jahr des Herrn“, wovon weiter die Rede ist, endet nicht an Silvester. Es ist auf Dauer angelegt.

Jahrhunderte später greift Jesus dies wörtlich auf in einer Predigt in Nazareth (Lk 4,18f.): Was der Prophet einst gesagt hat, das ist längst nicht veraltet; das ist jetzt erst recht brandaktuell. Und Er sagt das nicht bloß. Er tut, was er kann, dass es gelingt, was er sagt. Dazu ist er heruntergekommen, um den aussichtslos im Käfig des Elends Gefangenen ihre Befreiung mitzuteilen: ihre frohe Entlassung aus einem drangsaliertem Leben. Herbei mit euch an die frische Luft! „Mutig. mutig, Schwestern, Brüder, / Gebt das bange Sorgen  auf! / Morgen geht die Sonne wieder / freundlich an dem Himmel auf.“

Was soll mit den aus dem Elend Entlassenen geschehen? Psalm 22, Vers 26 gibt die hilfreiche Antwort: „Die  Elenden sollen essen, dass sie satt werden.“ Das tönt schön materialistisch. Da werden nicht Wünsche ins Himmelblau geschrieben. Da wird der Himmel auf die Erde gestellt. Und keine Vertröstung auf ein andermal gibt es. „Brich dem Hungrigen dein Brot“, heute! (Jes 58,7f) Und kein Übervorteilen der Einen auf Kosten der Übrigen.  Es geht um eine befriedigende Erfüllung  des Gebets: „Gib uns unser tägliches Brot heute“. Nicht eine milde Gabe wird erbeten, sondern ein Einstehen für Gerechtigkeit. Die Sättigung der Hungrigen ist ein Menschenrecht. Der französische Philosoph Denis Diderot hat dazu einen beachtenswerten Hinweis gegeben: „Es wäre besser, an der Verhütung des Elends zu arbeiten, als Zufluchtsplätze für die Elenden zu vermehren“ oder zu verweigern. Denken wir dem nach!  Da gibt es für uns noch einiges zu tun.                                                                                                                                                                          Aber was ist mit denen, die das Elend verursachen? O, die sind im Himmel schlecht angeschrieben. Denn das ist keine Lappalie. Denen gebührt eine große Abreibung, am „Tag der Rache unsres Gottes“, mit unsrem Text zu reden: am Tag des Widerspruchs, des Widerstands gegen die, die dieses Elend billigend in Kauf nehmen. Die werden sich tüchtig schämen müssen. Aber sehen wir genau hin: Nicht wir haben Rache zu üben. Das ist allein Gott vorhalten. Und das führt er so aus, dass wir uns wundern werden. Es wird eine Maßnahme sein im Zusammenhang seiner Unternehmung, „zu trösten alle Traurigen“.

Wie es am Anfang der Predigt hieß: das alles macht uns nicht überflüssig. Wir werden gebraucht. Inmitten von viel Ungerechtigkeit traut uns Gott zu, so etwas zu sein wie „Bäume der Gerechtigkeit“. Vielleicht vom Schicksal gekrümmt und doch standhaft. Vom Winde zerzaust und doch ungebeugt. Sensibel und doch mutig.  Schwach, aber wenn’s drauf ankommt, stark.  Das biblische Wort für Gerechtigkeit heißt: Gemeinschaftstreue. Im Einsatz für Gerechtigkeit kämpft ja keiner für sich und für sich allein. Dabei steht jedem und jeder Gott treulich zur Seite. Und dabei sind seine Engel mit euch unterwegs.