Epheser 3,1–7
Epiphanias | 06.01.2026 | Eph 3,1–7 | Nadja Papis |
Weisst du schon…?
Hast du gehört?
Ja, wer eingeweiht ist, gehört dazu. Wer ein wenig mehr weiss, fühlt sich involviert und wichtig. Beachtet.
Darum werden Geheimnisse rasend schnell zu Dorfgerüchten. Ich sag´s niemandem weiter – nur dir. Behalt´s für dich! Es wissen´s noch nicht alle, es ist vertraulich.
Eine Kirchgemeinde ist da keine Ausnahme, im Gegenteil, mir scheint, manchmal gehen wir mit Vertraulichem allzu locker um, weil wir einander ja vertrauen. Und alle einen Sinn für Gemeinschaft haben. Niemand soll nichtwissend sein, denn alle gehören dazu.
Oder rede ich, um mich selber wichtig zu machen? Um zu zeigen, dass ich wer bin?
Oder um mich mit anderen zu verbünden? Für oder gegen etwas?
Um dabei zu sein?
Grundsätzlich finde ich Gerüchte und Getratsche nichts Schlimmes. Vieles lässt sich so nicht nur schnell verbreiten, sondern auch schnell verarbeiten. Und der vermeintlich schlimme Sturm geht harmlos vorbei. Ich rede auch gern und tausche mich sehr gern aus, das ist für mich Gemeinschaftsbildend und wichtige Beziehungsarbeit.
Als Amtsperson kenne ich mich aber mit der Notwendigkeit und dem Bedürfnis nach Vertraulichkeit aus. Meine Arbeit untersteht dem Berufs- und Amtsgeheimnis und das ist mir nicht nur wichtig, sondern es ist auch recht so. Menschen, die sich mir in der Seelsorge anvertrauen, sind geschützt. Vieles kann nur deshalb überhaupt einmal ausgesprochen werden, manchmal auch nur angedeutet, vorsichtig, immer mehr angeschaut werden. Interessanterweise fällt mir das Amtsgeheimnis nie schwer, obwohl ich mich gerne mit anderen austausche. Ich spüre die Grenze klar. Und ich habe mit der Supervision ein Gefäss, um für mich Belastendes aussprechen zu können.
Weisst du´s schon? Hast du´s schon gehört?
In unserem Predigttext verrät Paulus ein Geheimnis – eines, das er durch eine Offenbarung in einer Christuserscheinung erhalten hat. Er verrät es einfach – scheinbar allen. Lässt es in einem Brief an die Gemeinde von Ephesos aufschreiben, im Wissen, dass seine Briefe auch an andere Orte weitergegeben wurden.
Zur Zeit des Urchristentums gab es viele Geheimkulte. Nur den Eingeweihten war bekannt, um was es ging, was Rettung und Heil verschafft. Das Aufnahmeprozedere war streng. Da gehörte nicht einfach jeder und jede dazu.
Mich erinnert dieser Abschnitt aus dem Epheserbrief ein wenig daran. Paulus offenbart, was ihm durch die Christuserscheinung verheissen wurde für alle, die zum Christentum gehören. Sie werden dadurch hineingenommen in eine Gemeinschaft, die mehr weiss als andere. Ihnen wurde durch den Apostel eine Offenbarung von Gott vermittelt.
Und was ist es denn, dieses offenbarte Geheimnis? Dass alle Menschen, egal von welchem Volk sie sind, durch die Taufe Christen und Christinnen werden können.
Na gut, das ist für uns ja kein grosses Geheimnis mehr. Es ist selbstverständlich, oder? Und heute leben wir in einer Zeit, wo wir in der Kirche sowieso alle nehmen, die auch nur im entferntesten Mitglieder sein wollen. Bei uns können alle mitmachen, wir sind sogar sehr froh, wenn es noch ein paar mehr hätte, die bei der Kirche dabei sein wollen. Zu Prüfen, ob sie glauben und was, fällt uns dabei nicht ein. Oder von ihnen einen aktiven Beitrag zur Kirchgemeinde verlangen zu wollen. Als ich einmal jemanden Ungetauftes in die Kirche aufnehmen sollte, der keine Taufe wünschte, meinte unser Kirchenjurist ganz trocken: Weisst du, bei uns muss jemand nur Steuern zahlen, um Mitglied zu sein. Die Taufe gehört nicht zu den Voraussetzungen der Mitgliedschaft. Ich habe leer geschluckt, das kann ich Ihnen sagen. Und mich dann gefügt, wenn auch widerwillig. Es gibt heute keine Aufnahmebedingung mehr ausser dem eigenen Willen dazuzugehören. Und auch bestehende Mitglieder werden kaum angesprochen, ausser sie finden von selbst den Weg an eine Veranstaltung oder in einen Gottesdienst.
Bei uns können also alle mitmachen – solange sie zahlen. Damit wäre Paulus sicher nie einverstanden gewesen, aber er hat die Tür zu dieser Offenheit aufgestossen. So wurde im Urchristentum lange darüber diskutiert, ob nur jüdische Menschen Christinnen werden können, ob nichtjüdische Menschen, die Christen geworden sind, die jüdischen Gesetze einhalten müssen, oder ob die Heilsverheissung auf die sogenannten Heiden, also Andersgläubige ausgedehnt werden kann. Paulus hat dieser Diskussion ein Ende gemacht und sich in der urchristlichen Diskussion durchgesetzt – durch die Offenbarung, die er in seiner visionären Erscheinung Christi bekommen hat. Christus erschien ihm und beauftragte ihn mit der Mission der nichtjüdischen Menschen. Damals ein klares Argument, heute na ja. Wir leben in einer Zeit, die Offenbarungen und vor allem auch Erscheinungen gegenüber sehr kritisch ist. Ich persönlich wüsste gar nicht, wie damit umgehen. Die Öffnung jedoch für alle Menschen, die entspricht unserem Zeitgeist und meiner Überzeugung.
Wer gehört dazu? Alle! Das scheint mir heutzutage ein wichtiges Credo, nicht nur in der Kirche. Schon bei den Kindern unternehmen wir ganz viel, um alle zu integrieren. Nur ja keine Aussenseiter und Ausgeschlossene mehr! Unsere sozialen Lernprozesse zielen auf Gleichheit und Gleichwertigkeit. Zum Glück! Und doch scheitern wir immer wieder daran. Gleichwertigkeit schafft noch keine Einheit, noch kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Manchmal scheint es mir sogar, dass eher die Abgrenzung gegen andere das bewerkstelligt. Eine gemeinsame Identität wird stark im Kampf gegen die andern. Ich habe es in Fusionsprozessen innerhalb der Kirche erlebt: Auch vorher zerstrittene und gespaltene Kirchgemeinden fanden in dem Moment zu einer enorm starken gemeinsamen Identität, wo eine andere Kirchgemeinde per Fusion dazukam. Das «Ihr und wir», welches vorher innerhalb der Kirchgemeinde geherrscht hatte, stand nun für die eigene und die fremde Gemeinde. Ich habe das oft staunend beobachtet und mich gewundert. Und dann begonnen, mit all meiner Kraft am Gemeinsamen zu arbeiten, Vertrauen zu schaffen und Menschen zusammenzubringen.
Wer gehört dazu? Ist keine alte Frage, sie stellt sich jedem Menschen immer wieder. Gehöre ich dazu? Will ich dazu gehören? Wie erreiche ich wirkliche Zugehörigkeit?
Amen
Pfrn. Nadja Papis
Langnau am Albis/Sihltal
nadja.papis@refsihltal.ch
Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz. Seit 2003 tätig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.