Offenbarung 21,5

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Die neue Schöpfung | Jahreslosung 2026 | 11.01.2026 | Offb 21,5 | Klaus Wollenweber |

„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“

Liebe Gemeinde,

Hurra! Ein neues Jahr! Eine neue Jahreslosung! Eine neue Chance für Veränderungen und Begegnungen. Neue Möglichkeiten im gewöhnlichen, oft langweiligen, immer gleichen Alltag! Wie herrlich! Alles wird neu gemacht. Das ist doch toll! Wie schön das Neue, wenn es glänzt und blinkt und noch unberührt erscheint! Neues macht auf jeden Fall neugierig!

Ich denke: Die Worte „neu“ und „alles“ haben eine gewisse Ambivalenz in sich. Neues ist nicht immer gut und schön. Der Versuch, alles neu zu machen, endet doch häufig mit dem Ergebnis: wieder alles wie immer! Und was ist eigentlich mit dem Alten, an dem mein Herz hängt, wenn alles neu wird? Also lieber: Nein!? Nicht schon wieder alles neu! Ich habe mich gerade eingewöhnt und möchte nicht schon wieder eine Veränderung. – So können nicht nur Worte einer geflohenen Ukrainerin oder eines Asylanten lauten.

Ich war z.B. im Advent als Besucher in einem Gemeindegottesdienst. Die Vikarin hatte nur neue Adventslieder ausgesucht. Neue Melodien, neue Texte, für uns alle unbekannt. Beim anschließenden Kaffeetrinken erlebte ich eine ziemlich einheitliche Stimmung: zu ihr in den Gottesdienst gehe ich nicht mehr; kein einziges bekanntes Adventslied! Schade! Alles neu, nicht gut!

Liebe Gemeindeglieder, ich stelle mir die Frage: Wo bleibt das Altbewährte, die gute alte Tradition, wenn alles neu wird? Können wir einfach alles wegtun, loslassen? Da gibt es z.B. die Überlegungen, dass keine Zeitung mehr auf Papier gedruckt wird. Alles neu! Nur noch digital zu lesen! Und dazu brauche ich neues Einarbeiten, neues Denken, neues Lernen und Empfinden und ebenso einen neuen Umgang mit neuen Geräten. Alles neu? Schrecklich! Wir lieben es doch, wenn bekannte Dinge und Ereignisse gleichbleiben. Das schafft doch auch Sicherheit und Verlässlichkeit!

Nochmal ein anderes Beispiel: Da sind Konfirmanden und junge Erwachsene von der digitalen Welt begeistert. Endlich weg mit den alten Zöpfen. Ein Neuanfang mit Gottesdiensten. Klasse: Schlagzeug statt Orgel; rockige Musik, tanzende Bewegungen in der Kirche! Events als Gottesdienste! Supercool! Außerdem brauche ich keine Bücher mehr; ich habe alles im Smartphone – auch die Bibel! Alles neu? Wunderbar! Junge Leute entdecken mit der neuen Technik einen neuen Lebensabschnitt, vielleicht sogar eine neue Liebe. Man freut sich auf jeden Fall.

In diese vielfältigen Stimmungen unserer Zeit hinein hören wir die Jahreslosung: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ Die ambivalente Haltung zum „Neuen“ bleibt. Denn „Neues“ ist nicht immer gut und schön. Und die Frage bleibt auch: was ist mit dem Alten, an dem mein Herz hängt? Außerdem ist mit dem Wort „alles“ ein enormer Anspruch erhoben, der uns mit Recht skeptisch werden lässt.

Der biblische Kern der Jahreslosung ist eine Vision, die schon für unser Leben jetzt Auswirkung hat: Sie will Hoffnung und Trost bewirken. Denn dahinter steckt das Bild von dem Kampf zwischen Gutem und Bösem und der Orientierungslosigkeit und der Verzagtheit des Menschen, das Bild von dem alten, tödlichen Leben in der Welt mit Kriegen, Machtkämpfen, Ungerechtigkeiten, Klimakatastrophen, Hungersnöten, Hass und Feindseligkeiten. Gott schafft Neues, neues Leben im Miteinander, neuen Glauben, neue Orientierung, neues Vertrauen zum Nächsten, neue Einstellung zum andersdenkenden Mitmenschen. – Doch auch dabei, wenn ich dieses höre und lese, bin ich nicht frei von einer gewissen skeptischen Verwunderung: Muss ich alles, was ich in meinem Glaubensleben gelernt habe, loslassen? Mir sind biblische Geschichten sehr vertraut, außerdem das gemeinsame Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Muss wirklich alles neu gemacht werden? Oder rechne ich schon geheim mit Ausnahmen?

Liebe Gemeinde, wie gehe ich, wie gehen Sie mit der biblischen Jahreslosung um? Freuen Sie sich oder schrecken Sie zurück oder beides zugleich? Nun betone ich und halte als erstes Merkmal fest, dass G o t t spricht! Also keiner von uns. Wir sind nicht die Akteure des Machens! Dieses entlastet uns zunächst. Wir können zwar Kirchengemeinden zusammenlegen, Strukturen verändern und neue Gottesdienstformen kreieren und gestalten. Dann sind wir die Macher. Aber das ist etwas grundsätzlich anderes als das, was die Jahreslosung uns mit Gottes Wort verheißt.

In der Bibel steht dieser Satz am Ende des letzten biblischen Buches, im letzten Kapitel. Das Wort Gottes wirkt wie eine summarische Aussage, eine abschließende Zusammenfassung von all dem, was Gottes Geschichte mit Jesus Christus und uns Menschen offenbart hat. Gottes Geschichte mit uns ist keine Geschichte des Endes, keine Schlussgeschichte, sondern immer neu eine Geschichte des Anfangs.

Gott hat als Schöpfer der Welt einen Bund mit seinen Geschöpfen geschlossen, ist schließlich selbst als Mensch geboren und gestorben. Inhalt der christlichen Botschaft ist: Gott begegnet als Mensch dem Menschen. Und das Neue, das er gemacht hat, beginnt mit der Überwindung des Todes durch Jesus Christus. Das ist etwas grundsätzlich Neues: Jesu Tod ist das Ende der Macht des Todes, und sein Tod will uns die Angst vor dem eigenen Tod nehmen. Wir bezeichnen das versprochene neue Leben in der Nähe Gottes mit dem Ausdruck „Auferstehung“. Wir können dieses Neue nur umschreiben; wir haben keine rechten Worte, um dieses Neue “alles“ zu definieren. Denn das neue Leben haben wir Menschen nicht gemacht, sondern allein der Schöpfergott in seiner Barmherzigkeit und Liebe zu uns. Gott hat noch einmal Neues geschaffen und damit alles neu gemacht. Denn er möchte nicht, dass unser Leben im Glauben mit dem Tod endet. Er möchte, dass wir Vertrauen und Hoffnung haben, dass wir trotz des irdischen Todes in seiner Nähe bleiben.

In dem Wort „machen“ steckt eine Dynamik des Werdens und Wachsens. Wenn wir etwas machen, dann sind wir noch mittendrin; wir sind noch nicht fertig; wir probieren, entwickeln, verwerfen, verändern und vieles mehr. So hat Gott auch mit dem Ende der Macht des Todes Neues in Gang gesetzt, Neues gemacht, das sich im Werden befindet und noch nicht fertig zu Ende ist. Mit der Auferstehung Jesu hat Gott Neues gemacht, das weitergeht und Auswirkung hat. Das neue Geschehen hat eine Auswirkung auf uns glaubende Menschen. Denn uns ist ebenso verheißen, in der Nähe Gottes zu bleiben. Biblisch gesprochen heißt das Neue: „leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn; deshalb – wir leben oder sterben – wir gehören dem Herrn.“ Diese verheißene Zugehörigkeit zum Schöpfergott beinhaltet das, was Gott alles neu macht. Wir gehören nicht der alten Macht des Todes, sondern der neuen Zusage des Lebens. Das ist das Neue, das allein Gott macht. Und wir sind die Empfänger, die sich darüber freuen können; sich freuen auch mit den alten Worten des Vaterunsers und des Glaubensbekenntnisses.

Liebe Gemeinde, die Jahreslosung ist wie ein Anruf, wie ein Ausruf: „Siehe!“ sagt Gott ganz persönlich zu Ihnen und mir und lässt uns gemeinsam aufhorchen. Mach die Augen auf! Dämmer nicht einfach so durchs Leben! Sieh dich um! Straff den Rücken! Sie und ich, wir sind aufgefordert, nicht nur das Neue, das mit Jesus angefangen hat, zu hören, sondern auch zu sehen. Halten wir also Tag für Tag die Augen offen: Wo spüren wir echtes Leben im Miteinander, dankbares Leben, Freude, Zuversicht, Freiheit – alles trotz der anderen Realität in unserer Welt? Wo erleben wir, dass Verwandte, Freunde und Bekannte ohne Angst vor dem Tod den geschenkten heutigen Tag genießen? Siehe! Keiner von uns möchte langwierig und schmerzvoll sterben; vor dem Sterben haben wir Angst. Aber das Erleben im sehenden Glauben und Vertrauen an die Überwindung des Todes, – das ist das Neue, das will Gott ins uns bewirken. Oder sagen wir mit unserer Glaubenshoffnung offener: dieses Neue hat Gott mit Jesus Christus in uns bereits eingepflanzt, geschaffen, gemacht. Wir müssen es sehen lernen: in der Beachtung, was in uns selbst vor sich geht, und in der Beachtung und Empathie auf unsere Begegnung und unser Leben mit anderen Menschen. Siehe! Das Neue ist schon von Gott gemacht!

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Liedvorschläge: EG Nr. 440      All Morgen ist ganz frisch und neu

                              EG Nr. 369      Wer nur den lieben Gott lässt walten

Fürbittengebet

Gott, du Schöpfer aller Dinge, du kannst alles wenden. Du vermagst, Altes aufzubrechen und Neues zu schaffen – auch da, wo wir es nicht für möglich halten. Wir sind dir dankbar und bitten für die, auf die niemand mehr schaut, auf die Ausgestoßenen und Entrechteten, die unter Gewalt leiden und körperlich und seelisch verwundet sind. Zeige du uns Wege, um diese Menschen in unsere Gemeinschaft wieder aufzunehmen.

Gott des Lebens, wir bitten für die, die sich einsam und verlassen fühlen, die an einer Krankheit leiden, die ihnen den Lebensmut nimmt, und für die Traurigen, die für sich keine Zukunft mehr sehen. Zeige ihnen Wege aus ihrer Verzweiflung in eine neue Lebensmöglichkeit mit dir.

Herr, wir bitten für die, die immer meinen, sich über andere heben zu müssen, für die Machthaber und egozentrischen Menschen, und für die, die andere Menschen missachten oder sogar verachten und bloßstellen. Schenke ihnen Einsicht in das gemeinsame Leben und in die Würde jedes einzelnen Menschen.

Gott des Lebens, wir bitten für uns, die wir in diesem neuen Kalenderjahr deinen Geist und Beistand brauchen. Lass uns festhalten an dem Vertrauen, dass du mit deiner Liebe uns Menschen in der Welt verwandeln und mit deinem Geist unseren Blick erneuern kannst.

In diesem Vertrauen sprechen wir gemeinsam mit den Worten, die Jesus mit seinen Jüngern gebetet hat: Vater unser im Himmel, …


Klaus Wollenweber