Matthäus 3,13-17
Der Himmel steht offen | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mt 3,13-17 | Barbara Signer |
Predigt
Liebe Brüder und liebe Schwestern
Den Predigttext, der für den heutigen 1. Sonntag nach Epiphanias vorgesehen ist, steht im Matthäus-Evangelium. Für die Evangelisten war es enorm wichtig, das Verhältnis zwischen dem Täufer Johannes und Jesus zu bestimmen, gab es doch zwischen den ersten Christen und den Jüngern des Johannes eine Rivalität. Die Täuferbewegung hat Johannes überlebt, denn heute noch gibt es im Irak eine Glaubensgemeinschaft, die Mandäer, die auf die Jüngergemeinde von Johannes dem Täufer zurück geht. Die Forschung geht heute davon aus, dass Jesus ursprünglich ein Jünger und Schüler des Johannes war und von ihm die Taufe erhielt.[1] Erst später hat er sich vermutlich von seinem Lehrer gelöst und ist eigene Wege gegangen. Es ist also kein Wunder, wenn ein christlicher Evangelist die Notwendigkeit verspürte, die Beziehung von Johannes und Jesus zu klären.
Bei Matthäus stellt schon die Vorgeschichte mit Geburt und Flucht nach Ägypten klar, dass Jesus etwas ganz Besonderes, ja dass er der auserwählte Sohn Gottes war. Warum also sollte er sich überhaupt taufen lassen, muss man sich in dieser Situation fragen.[2] Wenn wir den Text genauer anschauen, merken wir, dass die Initiative zur Taufe nicht etwa von Johannes ausgeht, sondern von Jesus. Er kommt speziell von Galiläa an den Jordan, in der Absicht, sich taufen zu lassen. Die Stelle am Ostufer des Flusses, wo Johannes tauft, ist von besonderer symbolischer Bedeutung. Es ist der Ort, an dem sich die Israeliten unter Josua bereit gemacht hatten, nach 40 Jahren der Wüstenwanderung den Jordan zu überqueren und endlich in das Land zu gelangen, das Gott dem Volk versprochen hatte.[3] Was damals der Ort des Übergangs in eine heilvolle Zukunft im gelobten Land war, wird nun wieder zum Schauplatz eines Übergangs von grosser Tragweite: Der Himmel wird sich öffnen und das Reich Gottes anbrechen.
Doch Johannes empfängt Jesus nicht etwa mit Freuden und voller Begeisterung. Nein, er versucht, Jesus dieses Vorhaben auszureden: Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Johannes sieht sein Gegenüber, Jesus, als den Stärkeren an. Spannend ist auch die Beobachtung, dass Johannes nicht zur Busspredigt ansetzt und verlangt, dass Jesus seine Sünden bekenne, so wie er es bei den Pharisäern, Schriftgelehrten und allem anderen Volk tut. Johannes scheint sofort klar zu sein, dass dies der Mann ist, von dem er zuvor gesagt hat: Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich; mir steht es nicht zu, ihm die Schuhe zu tragen. Er wird euch mit heiligem Geist und mit Feuer taufen. (Mt 3,11) Spätere Exegeten haben aus diesem Verhalten geschlossen, dass Jesus ohne Sünde sei, für Matthäus hingegen diskutiert diesen Aspekt gar nicht.[4]
Was nun folgt ist in zweifacher Weise wichtig und zentral: Jesus antworten auf Johannes’ Einwand. Im Matthäus-Evangelium ist es das erste Mal, dass Jesus überhaupt spricht. Was das Gewicht dieser Erwiderung noch erhöht, ist eine weitere Tatsache. In den Taufgeschichten bei Markus und Lukas bleibt Jesus nämlich stumm. Was Jesus in diesem Augenblick bei Matthäus sagt, muss also wichtig sein: Lass es jetzt zu! Denn so gehört es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt. Es geht Jesus darum, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, wobei an dieser Stelle nicht von vornherein klar wird, was genau damit gemeint ist. Weist er mit dieser Bemerkung auf seinen Tod als leidender Gottesknecht voraus? Will er den Christ:innen ein Vorbild geben, wie sie sich selbst verhalten sollen? Oder geht es um die Erfüllung einer Weissagung?
Um das zu entscheiden, müssen wir den griechischen Originaltext zur Rate ziehen. Was ist mit Gerechtigkeitwohl gemeint, was mit erfüllen? Das Wort, das im griechischen Urtext für Gerechtigkeit verwendet wird, ist für Matthäus sehr wichtig, verwendet er es doch immer wieder in seinem Evangelium. Grundsätzlich gibt es im biblischen Kontext zwei Bedeutungsmöglichkeiten: Einerseits könnte es um eine Verhaltensnorm gehen, die Gott von Menschen fordert. Er fordert beispielsweise von uns, dass wir unsere Mitmenschen nicht ermorden. Auch Jesus scheint sich einer Forderung Gottes zu stellen: Die geschilderte Situation am Jordan lässt darauf schliessen, dass es nötig ist, seine Taufe durchzuführen. Denn er besteht darauf, trotz des Widerstand des Johannes.
Andererseits kann der Begriff Gerechtigkeit auch viel abstrakter verstanden werden. Oft wird er in der hebräischen Bibel verwendet, um die umfassende Rechts- und Heilsordnung zu bezeichnen, die Gott geschaffen hat. Die Frage ist nun, ob dieser Rechtsbegriff mit gemeint ist, wenn Jesus vorhat, durch seine Taufe alles zu tun, was die Gerechtigkeit verlangt. Hier müssen wir uns darauf besinnen, dass die Taufe des Johannes nicht zu diesem traditionellen System von Geboten und Heilszusagen gehört. Sein Taufritual war in Durchführung und Bedeutung quasi eine Innovation des Johannes. Es war nicht ein Reinigungsbad, wie es damals üblich war und von jeder Person selbständig durchgeführt werden konnte. Das besondere an der Taufe des Johannes war, dass es zwei Menschen dazu brauchte: einen Täufling und einen Taufenden. Das war ein Novum.[5] Somit ist es eher unwahrscheinlich, dass Jesus mit seinem Ausspruch gemeint hat, dass er nur das Gesetz des Mose erfüllen wolle.[6] Der Ausdruck alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt, deutet darauf hin, dass es Jesus darum geht, Gottes ganzen Willen zu tun. Dieser Wille geht über die Gebote der hebräischen Bibel hinaus und ist viel umfassender. Das alles in Jesu Antwort an Johannes weist darauf hin, dass es nicht darum geht, ein spezielles Ritual für den Messias durchzuführen. Wir haben aus dem Mund von Johannes selbst erfahren, dass er diese Prozedur gar nicht nötig hat. Es geht vielmehr darum, dass Jesus den Christ:innen den Weg weisen will zu dieser neuen, viel umfassenderen Interpretation des Begriffs Gerechtigkeit. Weil Jesus sich taufen lässt, sollen auch Christen sich taufen lassen. Diese weiter gefasste Gerechtigkeit ist Jesus ein sehr wichtiges Anliegen und er will, dass die Christen ihm auf diesem Weg folgen. So hören wir in der Bergpredigt dazu: Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen. (Mt 5,20) und am Ende des Evangeliums: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. (Mt 28,21-20).
Wir sehen, welch riesigen Bogen diese erste Rede Jesu im Matthäus-Evangelium aufspannt. Es wird in sich selber zu einer Art Grundsatzerklärung für sein Wirken. Die Taufe durch Johannes ist nicht an sich diese neue, „bessere“ Gerechtigkeit, sondern Teil davon. Indem Jesus sich der Taufe durch Johannes unterzieht, zeigt er seinen Gehorsam unter Gottes umfassenden Willen und wird so zum Vorbild aller Christen.[7]
Wir haben uns vorhin auch noch vorgenommen, den Begriff erfüllen im Griechischen noch etwas genauer anzuschauen. Das Verb, das wir im griechischen Urtext finden, wird im biblischen Kontext besonders für das Erfüllen von prophetischen Weissagungen verwendet und kann in diesem Sinn auch als verwirklichen wiedergegeben werden. Interessant ist, dass dieser Begriff im Matthäus-Evangelium nur für das Handeln von Jesus selbst verwendet wird, beim Handeln der Jünger wird immer andere Tätigkeitswörter verwendet. Das kann als Hinweis darauf gedeutet werden, dass es hier um das Handeln des Messias geht, der Gottes Willen umfassend tut.
Den Taufakt selbst beschreibt Matthäus kaum. Es geht ihm nicht darum, den Ritus und seine korrekte Durchführung zu erklären, sondern lediglich darum, dass die Taufe vollzogen wurden. Viel wichtiger ist, was Matthäus unmittelbar danach berichtet: Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen. Für alle, die es sehen können oder wollen, wird hier klar, dass es sich bei Jesus um einen besonderen Menschen handeln muss, denn nun liegt der Geist Gottes auf ihm. Vielleicht klingt in Ihnen noch die Weissagung des Jesaja nach, die Sie heute als Lesung aus der hebräischen Bibel gehört haben: Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, das Recht trägt er hinaus zu den Nationen. (Jes 42,1)
Der Höhepunkt der Erzählung von Jesu Taufe ist jedoch der letzte Vers unseres Predigttextes: Und siehe da: Eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Hier klingt gleich noch einmal die Stelle aus Jesaja 42 nach: Seht meinen Diener, ich halte ihn, meinen Erwählten, an ihm habe ich Gefallen. (Jes 42,1) So viele erfüllte Prophezeiungen tun uns natürlich in der Seele gut. Doch geht dabei ein wesentliches Detail beim Lesen leicht unter. Im Advent singen wir oft inbrünstig „O Heiland, reiss die Himmel auf“. Und jetzt im Augenblick der Taufe geschieht es: Der Himmel steht offen. Das Portal zu einer anderen Welt hat sich geöffnet. In Film und Fernsehen gibt es immer wieder einmal Science-Fiction zu sehen, bei dem solche Portale eine grosse Rolle spielen. Dort ist das Vorhandensein solcher Portale oft mit ziemlich viel Ärger für die Menschheit verbunden und am Ende sind alle froh, wenn sie sich wieder schliessen. Aber bei Matthäus steht das Portal zum Reich Gottes offen und die ganze Gerechtigkeit Gottes hat nun Gelegenheit in unsere Welt zu kommen.
Wie diese Gerechtigkeit aussieht, erfahren wir insbesondere in der Bergpredigt auf vielfältige Weise. Da geht es zum Beispiel darum, dass man niemanden aus niederen Beweggründen töten soll, ja noch mehr, schon wenn man jemanden „Trottel“ nennt, hat man aus Gottes Blickwinkel schon einen Mord begangen und wird mit drastischen Strafen belegt. (Mt 5,21) Das gehört auch zu Gottes umfassender Gerechtigkeit! Die Autofahrer unter uns wissen, wie oft wir da fast täglich in Versuchung geführt werden, je nach Temperament. Ich bin glücklicherweise meistens allein im Auto, dann bleibt das zwischen mir und meinem Schöpfer. Und es gibt noch so vieles mehr. Ein weiteres Beispiel, das uns regelmässig im Alltag einholt, ist, dass wir nicht richten sollen. Wie oft ver- und beurteilen wir Menschen in unserem Alltag: wegen der Kleidung, vielleicht wegen eines Parfüms oder Aftershave, wegen der Hautfarbe, wegen des Autos, das man fährt, oder der Sprache, die man führt. Mir erklärte einmal eine Kursteilnehmerin, es gehe gar nicht, ein so altes Auto zu fahren, wie ich es tue. Und diese Weihnachten habe von einem riesigen Familienkrach vernommen, der sich daran entzündet hat, dass die hochaltrige Grossmutter einen Wortschatz verwendet hat, den wir heute nicht mehr gebrauchen würden, ja nicht mehr brauchen dürfen. Gerade die Sprache zeigt uns die Problematik auf, wenn wir über jemanden urteilen: Wir vermeiden gewissen Ausdrücke, aber das Konzept oder das Problem, das wir mit einer Person haben, bleibt. Wir versuchen es mit der Sprache zu verschleiern, statt das Problem an der Wurzel zu packen.
Der Anspruch von Gottes umfassender Gerechtigkeit liegt hier darin, dass wir einander in Liebe annehmen, so wie wir eben sind. Ich war einmal mit einem Kameraden aus dem Militär im Auto unterwegs zu unserem jährlichen Wiederholungskurs. Während der Fahrt haben wir natürlich vergangene Heldentaten und Eskapaden Revue passieren lassen, als mein Kamerad plötzlich bemerkte: „Weisst du, du bist aber auch ein bisschen speziell.“ Ich lächelte und dachte bei mir: „Ja, mein Lieber, ich finde dich auch etwas speziell.“ Laut gesagt habe ich allerdings: „Sind wir nicht alle auf unsere Art speziell und machen das Leben so reicher und vielfältiger?“ Er verdrehte die Augen und schaute zum Autofenster raus. Er wusste ja, dass ich gerade ein Theologiestudium angefangen hatte. Nun das sind nur wenige Beispiele, wie wir Gottes Gerechtigkeit schon im Kleinen leben können. Ich bin sicher, Sie haben da noch viel mehr und vor allem bessere Ideen als ich.
Im Matthäus-Evangelium erleben wir, wie Jesus uns den praktisch gelebten Weg zu dieser besseren Gerechtigkeit Gottes zeigt, die er uns in der Bergpredigt beschreibt. Er predigt diesen Weg der Gerechtigkeit nicht nur, sondern er geht ihn seinen Jüngern voraus – und so auch uns. Im Bewusstsein, dass der Himmel jetzt offensteht, können wir ihm unbeirrt folgen. Wie Jesus uns verheisst: Selig, die verfolgt sind um der Gerechtigkeit willen – ihnen gehört das Himmelreich. (Mt 5,10) Amen.
Barbara Signer
St. Gallen
E-Mail: barbara.m.signer@gmx.ch
geb. 1963, Pfarrerin zu je 50% in der Kirchgemeinde Walzenhausen, Kanton Appenzell Ausserrhoden, und der Kirchgemeinde Unteres Rheintal Standort Rheineck, Kanton St. Gallen.
[1] Persönliche Notizen zu Jean Zumstein, Grundkurs Neues Testament, Universität Zürich, 2004.
[2] Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, Bd. 1, Mt 1–7 (EKK 1,1), Neukirchen-Vluyn 52002 , S. 211.
[3] Christian Zeiske, 1. Sonntag nach Epiphanias: Mt 3,13−17 »Aber Liebes, wir sind doch getauft!«. in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe II. Kadmos: Berlin 2025, S. 74.
[4] Luz, Matthäus I/1, S. 211.
[5] Zeiske, S. 72.
[6] Luz, Matthäus I/1, S. 212.
[7] Luz, Matthäus I/1, S. 213.