Matthäus 3,13-17

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Erstens kommt es anders | 1. Sonntag nach Epiphanias | 11. Januar 2026 | Mt 3,13-17 | Sven Keppler |

I. Liebe Gemeinde, ich denke noch nicht an den Ruhestand. Nach menschlichem Ermessen werden bis dahin noch einige Jahre vergehen. Ich weiß deshalb auch nicht aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt: Wenn die Rente nahekommt. Aber ich habe das bei anderen natürlich öfter erlebt. In Seelsorgegesprächen. Oder in der Verwandtschaft

Fast immer sind es gemischte Gefühle, die das näher rückende Arbeitsende mit sich bringt. Auf der einen Seite natürlich Sehnsucht: endlich mehr Freizeit, endlich selbstbestimmt sein, die Tretmühle hinter sich lassen. Die eigenen Aufgaben müssen nun andere erledigen.

Aber da kommen schon die Zweifel: Werden die Nachfolger es denn genauso gut machen wie ich? Kann ich ihnen guten Gewissens all das anvertrauen, was ich über die Jahre aufgebaut habe? Oder, wenn jemand weniger selbstbewusst ist: Was wird meine Nachfolgerin bloß denken, wenn sie sieht, was ich ihr übergebe? Wird sie nicht bloß den Kopf schütteln? Wird meine Leistung Bestand haben?

Ganz zu schweigen von den Ängsten, jetzt überflüssig zu sein. Keine erfüllenden Aufgaben zu finden. Vielleicht ja auch die Sorge, dass nun zuhause ein beharrlicher Kleinkrieg ausbrechen wird, wenn man sich nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Oder dass nun die Krankheiten kommen.

Vielleicht tröstet dann der Blick auf all die anderen Ruheständler, die das Ziel schon erreicht haben. Und die sich über Langeweile oft nicht beklagen können: Deren Kalender voller ist denn je. Und die sich tatsächlich mit dem beschäftigen können, wovon sie immer schon geträumt haben: dem Hobby, dem Ausschlafen, oder den Enkelkindern.

II. Liebe Gemeinde, im heutigen Predigttext geht es um keinen 60-jährigen. Es geht um Johannes den Täufer. Aber etwas verbindet diesen Propheten mit einem Menschen vor dem Ruhestand. Sein Blick geht ganz auf seinen Nachfolger.

„Der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen.“ Auch Johannes scheint ein zweischneidiges Verhältnis zu seinem Nachfolger zu haben.

Einerseits ist es seine wichtigste Aufgabe, auf den hinzuweisen, der nach ihm kommen soll. Und er betont immer wieder dessen Bedeutung. Andererseits vermittelt ihm diese Aussicht das Gefühl, selbst ganz unbedeutend zu sein.

Unser heutiger Predigttext handelt von der berühmten Szene, in der beide sich begegnen: Johannes, der Prophet, der das nahe bevorstehende Kommen des Messias ankündigt. Und der Angekündigte selbst, der Johannes am Jordan aufsucht. Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus, dem dritten Kapitel [Mt 3,13-17].

III. Mit welchen Gefühlen mag Johannes auf Jesus geblickt haben? Er hatte erwartet, dass ein strenger Richter nach ihm kommen würde. „Er hat die Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.“

So hatte Johannes gepredigt und das Volk gewarnt. War er nicht auch selbst von der Angst getrieben? Von der Furcht, selber vor diesem strengen Richter nicht bestehen zu können? Die radikalen Bußprediger sind ja oft selbst voller Angst. Voll von tiefem sittlichem Ernst. Und von der Verzweiflung darüber, diesen Ansprüchen selbst nicht gerecht werden zu können.

Wir sollten damit rechnen, dass Johannes zumindest nicht frei war von der Sorge, selbst zur Spreu zu gehören. Selbst am Ende verbrannt zu werden von der feurigen Gerechtigkeit dessen, der da kommen sollte.

Aber hat er nicht vielleicht auch noch eine andere Sorge gehabt: Die Furcht, selbst bedeutungslos zu werden, wenn der Verheißene endlich da sein würde. Ich will nicht sagen, dass Johannes es genossen hat, wie die Massen zu ihm an den Jordan strömten. Wie sich die unterschiedlichsten Menschen von ihm taufen ließen: Arme Landleute und reiche Städter, Handwerker und Schriftgelehrte, Familien und Ordensleute von den Pharisäern.

Aber Johannes wird von der Wichtigkeit seiner Aufgabe durchdrungen gewesen sein: Den Menschen vor Augen zu führen, dass sie nur noch eine letzte Chance haben. Und zwar jetzt. Ihr Leben von Grund auf zu verändern. Sich ganz neu auf Gott auszurichten. Und dieser Umkehr ein Zeichen zu geben, indem sie sich von ihm taufen ließen.

Mit dieser Aufgabe würde es zu Ende sein, wenn der Verheißene da war. Das spürte Johannes. Hin und wieder wird ihn das bedrückt haben.

Aber manchmal beschlich ihn vielleicht auch die gegenteilige Sorge: Dass der Verheißene niemals kommen werde. Dass Johannes bis zu seinem Lebensende predigen müsse. Und sich am Ende seine Botschaft als Irrtum erwies.

Aber wie jeder angehende Ruheständler wird Johannes nicht nur von Ängsten bestimmt gewesen sein. Er wird die Sehnsucht gekannt haben, Anerkennung zu finden für seine Vorarbeit. Er wusste sich von Gott in seine Aufgabe eingesetzt: Zu rufen, zu warnen, vorzubereiten.

Wenn der Verheißene endlich kam, müsste er ihn nicht würdigen? Würde er ihm nicht recht geben und ihn bestätigen? „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, der wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ So hatte Johannes gepredigt. Durfte er nicht darauf hoffen, selbst mit diesem Heiligen Geist getauft zu werden?

War damit nicht auch der Wunsch verbunden, dass den Zweiflern die Augen geöffnet würden? Dass sie die Berechtigung seiner Warnungen einsehen mussten. Dass er bestätigt würde durch die Ereignisse und sein Auftreten nachträglich beglaubigt wurde. „Seht Ihr, Ihr Zweifler!“

Und schließlich mag er auch die Sehnsucht gekannt haben, sich endlich ausruhen zu dürfen. Die schwere Aufgabe an einen anderen weiterzugeben. Kein süßes Nichtstun, das hätte nicht seinem Wesen entsprochen. Aber befreit zu sein von der Last der unaufhörlichen Bußpredigt.

IV. Dann war Jesus gekommen. Und alles war anders als erwartet. Jesus kam nicht, um Johannes abzulösen. Um an seiner statt zu taufen. Um die Taufe mit Wasser durch die Taufe mit dem Geist zu ersetzen.

Sondern Jesus bat Johannes, dass dieser ihn taufen möge. Kein Wunder, dass Johannes verwirrt reagierte. Verlegen, fast befremdet: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“

Johannes muss sofort gespürt haben, wer da vor ihm stand. Er hat erkannt, dass Jesus der Verheißene war. Aber Jesus verhielt sich völlig unerwartet, bescheiden. Er ordnete sich unter. Allein in der Bestimmtheit seiner Antwort zeigte sich seine Vollmacht: „Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns.“

Und mit der Taufe kommt das Unerwartete auf die Spitze: Gottes Geist kommt auf Jesus, wie eine Taube. Johannes selbst hat also mit dem Heiligen Geist getauft. Johannes hatte gesagt, der Kommende würde mit dem Geist taufen. Nun hatte er es selbst vermocht.

Zwei Dinge sind in dieser berühmten Szene geschehen: Einerseits hat Jesus sämtliche Erwartungen des Johannes auf den Kopf gestellt. Die Ängste und die Sehnsüchte, die Johannes mit seinem Nachfolger verbunden hatte, musste er miteinander über Bord werfen.

Er hatte keinen strengen Richter vor sich. Er wurde nicht abgelöst, konnte sich auch nicht zur Ruhe setzen. Sein Werk wurde nicht verworfen, aber auch nicht in der Weise bestätigt, wie er es sich vielleicht erhofft hatte.

Andererseits hat Jesus ihn auf überraschende Weise ausgezeichnet. Er hat die Taufe des Johannes dadurch bestätigt, dass er sich selbst von ihm taufen ließ. Er hat Johannes für würdig befunden, weiterzumachen. Vielleicht hieß Johannes erst von da an mit vollem Recht „der Täufer“, weil er nicht nur ganz allgemein getauft hat, sondern weil er es war, der den Christus getauft hat.

V. Liebe Gemeinde, ich glaube, so ist das oft, wenn ein Mensch mit Jesus in Berührung kommt. Auch heute. Wenn Gott in einem Leben an Bedeutung gewinnt. Man von ihm angerührt ist. Ohne dass man vielleicht genau sagen könnte, wie.

Man hat ja vielleicht sehr hochfliegende Vorstellungen, wie das wäre. Wenn Gott mir plötzlich nahekommt. Wenn ich in seine Gegenwart gerate.

Auf der einen Seite die Ängste: Kann ich vor Gott bestehen? Werde ich mein Leben völlig ändern müssen? Oder auch: Werde ich vielleicht ganz enttäuscht sein von diesem Gott?

Auf der anderen Seite die Hoffnungen: Von Gott geliebt und wertgeschätzt zu werden. Von ihm getragen zu werden. Sorgen und Aufgaben abgeben zu können und sich vertrauensvoll ihm zu überlassen. Vielleicht auch die Hoffnung, dass alles im eigenen Leben von da an radikal anders wird.

Und dann ist es soweit. Wie das geschieht, kann ganz unterschiedlich sein: Vielleicht das Gefühl, von Gott in einem bestimmten Moment behütet worden zu sein. Vielleicht die Gewissheit, dass Gott mir einen bestimmten Menschen geschickt hat und mir dadurch nahegekommen ist. Vielleicht auch einfach, dass mir ein bestimmtes Bibelwort wichtig geworden ist und ich es als Gottes Wort höre, dass er ganz persönlich zu mir gesprochen hat.

Solch eine Begegnung mit Gott kann dann ganz anders sein, als erwartet. Keine grundstürzende Veränderung. Kein Gericht. Aber auch kein Ruhestand. Sondern Gott sagt ja zu dem, was du bisher getan hast. Und er sagt: Mach weiter. Es war gut, ich brauche dich. Ich werde dir neue Aufgaben geben. Und auch die Kraft, sie zu bestehen.

So kann es gehen, wenn Gottes Geist zu einem Menschen kommt. Und wenn Gott spricht: Du bist mein lieber Sohn. Oder meine liebe Tochter. An dir habe ich Wohlgefallen. Amen.


Pfarrer Dr. Sven Keppler

Versmold

sven.keppler@kk-ekvw.de

Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Vorsitzender des Versmolder Kunstvereins. Autor von Rundfunkandachten im WDR.