Hesekiel 2,1–3

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Sexagesima | 8.2.2026 | Hesekiel 2,1–3 | Andreas Schwarz |

Kein Gottesdienst ohne Menschen.

Menschen, die reden, die hören, die musizieren, die singen.

Kein Gottesdienst ohne Musik.

Kein Gottesdienst ohne Worte.

Worte die wir sagen, weil wir Gott danken für das, was er uns schenkt:

Für Essen und Trinken, Kleidung und Wohnung,

für Menschen an unserer Seite,

für eine Hoffnung auf das, was kommt.

Weil wir Gott um seine Hilfe bitten, wenn etwas fehlt,

Gesundheit zum Beispiel, oder Menschen.

Worte, die wir hören.

Es sind seine Worte.

Oft wirken sie fremd.

Manchmal schmecken sie nicht, sind sie bitter, kaum runterzukriegen.

Aber es sind seine Worte.

Gott sei Dank, dass wir sie haben.

In der Bibel.

In unserer Erinnerung.

In unseren Herzen.

In unserer Seele.

Was sollten wir hier auch sonst sagen, wenn Menschen zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern?

Meinungen gibt es viele, Behauptungen auch,

Ideen und Überzeugungen.

Ob die helfen, wenn es eng wird?

Ob die tragen, wenn es schwer wird?

Lesung des Predigttextes aus Ez. 2, 1-5

1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.

Du Menschenkind, so fängt Gott an zu reden.

Er spricht einen Menschen an, persönlich.

Du Menschenkind.

Kind von Menschen.

Geboren, um zu leben – eine Zeit lang.

Geboren, um zu sterben – irgendwann.

Wie alle Menschen vor dir, und alle Menschen nach dir.

Sündig, wie alle Menschen.

Getrennt von Gott.

Ausgeliefert all dem, was Menschen erleben und erleiden:

krank zu werden, Schmerzen zu haben, arm zu sein,

hilfsbedürftig, ausgestoßen, missverstanden,

Opfer von Gewalt, Vertreibung und Unterdrückung.

Du Menschenkind, der du einer bist von all denen, die so sind und so leben.

Mit dir rede ich.

Dich spreche ich an.

Steh auf, sagt Gott, wenn ich mit dir rede.

Lass uns reden von Angesicht zu Angesicht.

Auge in Auge.

Mit Ehrfurcht und Respekt.

Und doch anders, als wenn wir Menschen miteinander reden.

Da schauen wir auch einander an.

Da nehmen wir einander ernst.

Wir hören einander zu, lassen einander ausreden.

Aber wir reden auf einer Ebene.

Manchmal wichtig, manchmal belanglos.

Schön, dass wir darüber gesprochen haben.

Aber dann ist es auch vorbei.

Lesung des Predigttextes aus Ez. 2, 8-9

8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

 

Der Herr und das Menschenkind sind nicht auf einer Ebene. Und wenn er redet, der Herr,

dann geschieht etwas.

Dann bleibt das Leben nicht so, wie es vorher war.

Das Menschenkind Hesekiel spürt etwas.

Eine Kraft, die ihn aufstehen lässt.

Wie gut, denn oft genug geht es nicht.

Die Füße tragen nicht mehr, die Beine haben nicht genügend Kraft.

Herr, Pfarrer, ich würde gerne zum Gottesdienst kommen, aber meine Beine wollen nicht mehr.

Na, sie wollen vielleicht schon, aber sie können nicht mehr.

Und manchmal mag man nicht aufstehen.

Warum auch?

Wofür soll es sich schon lohnen, aufzustehen?

Es macht keine Freude mehr.

Es hat keinen Sinn mehr, aufzustehen.

Gott sagt nicht nur: Steh‘ auf.

Er schickt seinen Geist.

Und dann ist da eine Kraft, die das Menschenkind nicht hatte.

Es gab einen Sinn aufzustehen.

Es gab einen Grund zu leben, zu hören, zu gehen und zu reden.

Was Gott sagt, setzt in Bewegung.

Das Menschenkind bleibt nicht, wo es ist.

Es bleibt auch nicht, was es ist.

Alles verändert sich.

Das versetzt nicht unbedingt in Begeisterung.

Gott fordert.

Er fordert auch heraus.

Auf ihn zu hören, erschreckt auch, verunsichert.

Es deckt schonungslos auf und entlarvt.

Wer will das schon hören?

Menschenkinder sind gerne gut.

Jedenfalls sollen alle das denken.

Und was nicht gelingt, muss verborgen bleiben.

Es soll nicht bekannt werden, nicht ans Licht kommen.

Gott redet und deckt das Misslungene auf.

Wer will den hören, der das sagt?

Niemand.

Ich nicht. Du nicht.

Auch Gottes geliebtes Volk Israel nicht.

Vernichtend ist Gottes Urteil:

Abtrünnig sind sie, widerspenstig,

sie haben sich gegen ihn aufgelehnt.

Sie kennen sein Wort, aber interessieren sich nicht dafür.

Sie haben gehört, was er zu sagen hat, aber haben es beiseitegeschoben.

Tolle Aussichten für das Menschenkind.

Was kommt auf ihn zu, wenn er ihnen das sagt?

Was blüht ihm von den Widerspenstigen, von denen, die aggressiv und giftig sind wie Skorpione?

Die abwinken, wenn er Gottes Worte an sie weitergibt;

Die ihn bedrohen, damit er schweigt.

Sie wollen nicht hören, dass sie kritisiert werden.

‚Fürchte dich nicht vor ihnen`, sagt Gott zu dem Menschenkind.

Sie hören dir zu – oder sie lassen es.

Sie lassen sich kritisieren – oder sie wehren sich dagegen.

Sie ändern sich – oder sie bleiben, wie sie sind.

Menschen hören, was Gott zu sagen hat.

Aber was sie damit tun, ist offen – und spannend.

Für das Menschenkind Hesekiel.

Für uns heute.

Aber Gott lässt nicht locker, er gibt nicht auf.

Er hört nicht auf zu reden.

Er gibt seine Menschenkinder nicht auf.

Sie sollen doch leben.

Er kommt ganz nah.

So erreicht es nicht nur sein Ohr, damit er hören kann, was Gott zu sagen hat.

Da geht es ja manchmal auf der einen Seite rein und aus der anderen wieder raus.

Schnell ist das Gehörte vergessen.

Nicht nur dem Auge nähert es sich, um in der Schrift zu lesen, was er gesagt hat.

Es nähert sich dem ganzen Körper, was der Herr mitzuteilen hat.

Nicht nur den Sinnen.

Es lässt sich einverleiben, durch den Mund.

Das Menschenkind kann kauen, schlucken, essen.

Es nimmt Wohnung in ihm drin.

Lesung des Predigttextes aus Ez. 3, 1-3

1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Wie gut, wenn wir nicht nur hören und sehen, sondern spüren und schmecken,

dass Gott da ist.

Es ist nicht nur schön zu hören: Fürchte dich nicht.

Es tut auch gut, eine Hand zu spüren, die deine Hand nimmt und hält;

die sich auf deinen Kopf legt und dich segnet;

die dir zu essen und zu trinken gibt.

Wie gut, Menschen nicht nur zu hören und zu sehen, sondern auch zu spüren,

weil sie dich umarmen,

weil sie dich halten, wenn du fällst,

weil sie dir aufhelfen, wenn du gestürzt bist.

Gott ist an deiner Seite.

Er spricht mir dir.

Er hört dir zu.

Er sorgt sich um dich, um deinen Körper und um deine Seele.

Das ist süß wie Honig.

Es ist nahrhaft und wohlschmeckend.

Das tut dem Leben gut.

Gott sei Dank.

Amen


Andreas Schwarz