Lukas 18,31–43

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Der Blinde, der sehen konnte | Estomihi | 15.2.2026 | Lukas 18,3143 | Anna Jensen |

„Der Blinde, der sehen konnte“

In genau 49 Tagen ist Ostersonntag. Am Ostermorgen versammeln wir uns in der Kirche und feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und dass die Liebe die größte Macht der Welt ist. Es ist noch lange hin. Vor uns liegt die Fastenzeit. Es scheint wie eine Wüstenwanderung, bis wir das Fest erreichen. Das Fest wollen wir gerne – sind wir jedoch bereit, das Evangelium zu hören, wie Jesus sein Leben für uns hingab? Oder sind wir blind für diese ernste Seite vom Leben Jesu?

Wenn eine Wahrheit zu grauenvoll für uns ist, kommen wir leicht dazu, ein Auge zuzudrücken. Wir weigern uns, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Vor einigen Jahren las unser Lesekreis Linn Ullmanns kleines Buch „Unruhe“ [Norwegischer Titel „Nåde“ (Gnade), a.d.Ü.]. Im ersten Kapitel trifft sich Johan mit dem Arzt zu einem ernsten Gespräch. Der Arzt hat Johan zu erklären, dass er Krebs hat und daran sterben wird. Wir folgen dem Gespräch durch Johans Gedanken. Sie schweifen ab und haften an alles Mögliche – nur nicht an das Wesentliche. Johan denkt an das Haar seiner Frau Maj, er denkt daran, dass der Arzt nach Schweiß riecht, und dann denkt er daran, wie irritierend es ist, dass der Arzt ihn immer wieder mit dem Vornamen anredet. Es ist, als wollte Johan das Schreckliche, das der Arzt ihm erzählt, nicht hören, als könnte er es nicht hören. Später im Buch verschliesst die Schwiegertochter ihre Ohren. Sie kommt ins Krankenhaus, um Johan zu besuchen. Hochschwanger, eine Woche über dem Termin: „Ich gehe nur hier herum und wiege und warte“, sagt sie leichthin. „Ich auch,“ sagt Johan, „ich warte auch nur.“ Aber während die Schwiegertochter auf das Leben wartet, das beginnen soll, wartet Johan auf den Tod, der sein Leben beenden soll. Seine Bemerkung wird völlig überhört und fällt zu Boden.

Man soll die Wahrheit sagen – das haben wir als Kinder gelernt. Aber in diesen Jahren scheint der Wahrheitsbegriff zu zerbröckeln. Sowohl Politiker als auch KI-Roboter verbreiten Unwahrheiten, die Wirklichkeit wird verdreht. Wir werden geblendet von den Nachrichten, die am lautesten schreien und am meisten Raum einnehmen. Wir vergessen, die Wahrheiten zu erkennen, die am klarsten sind. Das Wirkliche, das Wahre zu sehen, erfordert Mut. Heute, auf halben Weg durch die 2020er Jahre, zeichnet sich für mich ein Bild ab: Der Hedonismus als die dominierende Lebensanschauung unserer Zeit. Wir suchen ausschließlich, was Freude und Lust bereitet, und meiden konsequent Schmerz und Unbehagen.

Jesus sagte seinen Jüngern die Wahrheit. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem“, sprach er. „Dort wird der Menschensohn verspottet und misshandelt, man wird ihn geißeln und töten, und am dritten Tag wird er auferstehen.“ Die Jünger verstanden nicht, was Jesus sagte. Sie kommentieren es nicht einmal. War es vielleicht für sie zu schwer zu begreifen? Sie waren Jesus eine Zeit lang gefolgt. Sie hatten seine Predigten gehört, sie hatten gesehen, wie er Kranke heilte und einen Sturm auf dem See Genezareth stillte. Nun sollten sie nach Jerusalem gehen, sagte Jesus. Daran war nichts Ungewöhnliches – zur Passahzeit zogen viele Juden auf Pilgerreise nach Jerusalem, um das Passahfest mit Opfern im Tempel zu feiern. Aber die Wahrheit, dass Jesus in diesem Passahfest leiden und sterben würde, wollten die Jünger nicht hören. Jesus war ja dabei, Kultstatus zu erlangen. Die Gerüchte über ihn eilten voraus. Überall, wo er hinkam, scharten sich die Menschen um ihn.

Bei Jericho saß ein blinder Mann und rief: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Der blinde Bettler nannte Jesus „Sohn Davids“. Eigentlich war Jesus der Sohn Josefs – „Sohn Davids“ ist ein Königstitel. Als der blinde Bettler Jesus so nannte, bekannte er damit: Jesus ist der König! Der Bettler hatte eine einzige Bitte an Jesus, und es handelte sich nicht um Geld. Nein, der Blinde erbat sich dieses eine: sehen zu können.

Jesus gab dem Mann sein Augenlicht zurück, er wurde geheilt – das war ein Wunder, denn nun konnte er sehen. Aber selbst als der Mann blind war, sah er mehr als die Jünger. Der Mann konnte sehen, dass Jesus nicht bloß Jesus aus Nazareth war, sondern der Sohn Davids, der neue König.

Wir reden uns gerne ein, dass wir wahrheitssuchend sind, wir handeln nicht mit Territorien oder Menschen [Anspielung auf aktuellen den Besitzanspruch Trumps auf Grönland, A.d.Ü.], denn wir tun das Richtige! Wir sind – nun ja, vielleicht nicht gerade Jesu Jünger, aber zumindest Jesu Anhänger. Aber sind wir eigentlich bereit, die radikale Botschaft von Ostern zu hören? Können wir als rationale, wissenschaftliche und wahrheitssuchende Menschen glauben, dass Jesus sein Leben für uns hingab? Können wir an die Auferstehung glauben?

Ist es wirklich wahr, was in der Bibel steht? So fragen die Konfirmanden. Ja, es ist wahr. Die Liebe brachte Jesus dazu, stehenzubleiben und den blinden Bettler zu heilen. Und es war die Liebe, die Jesus den Weg nach Jerusalem fortsetzen liess. Er setzte einen Fuß vor den anderen und ging weiter, obwohl er wusste, dass der Weg in Leiden, Kreuz und Tod enden würde. Jesus ließ sich kreuzigen, er ging den ganzen Weg, um uns zu zeigen, wie groß Gottes Liebe ist. Gottes Liebesmacht ist so groß, dass sie selbst den Tod überwinden kann.

Wir verstehen es nicht, wir können diese letzte Pilgerreise, die Jesus unternahm, nicht erfassen. Würden wir selbst unser Leben für andere hingeben? Ja, vielleicht für unsere eigenen Kinder und die, die wir lieben. Aber für fremde Menschen? Nein, wohl nicht. Wir können versuchen zu erklären, warum Jesus am Kreuz sterben musste und wie er am Ostermorgen auferstand, aber wir können es nicht wirklich verstehen.

Die Liebe kann nicht verstanden werden. Sie kann nicht bewiesen werden. Wenn jemand sagt, dass er uns liebt, müssen wir darauf vertrauen, dass es wahr ist. In der Liebe ist man verwundbar, denn man kann leicht getäuscht werden und sich irren. Die Liebe kann nicht bewiesen werden. Der Liebe muss man mit Vertrauen begegnen, sie muss geglaubt werden. Paulus schreibt im Hohelied der Liebe, dass die Liebe das Größte von allem ist. Wenn wir alles könnten und alle Geheimnisse kennten und prophetische Gaben hätten, aber keine Liebe hätten, wären wir nichts. Die Liebe bedeutet, dass wir, die wir blind sind, von dem gesehen werden, der mit den Augen der Liebe sieht. Gott sieht durch all das Unwesentliche hindurch und blickt auf uns mit Milde und Geduld.

In Linn Ullmanns Buch ist die Schwiegertochter so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie Johans Leiden nicht sieht. Johans Frau Maj kann es kaum ertragen, dass Johan todkrank ist, obwohl sie Ärztin ist und um die Vergänglichkeit des Lebens weiß. Es ist schwer für uns, wenn unsere Geliebten leiden, denn was sollen wir tun? Die Ohnmacht versucht uns, den Blick abzuwenden.

Gottes Heiliger Geist kann uns Mut eingeben, sodass wir es aushalten, in der Ohnmacht zu sein. Die Gnade ist: Wir, die wir heute nur undeutlich sehen und die so oft sowohl blind als auch taub für Gott sind, wir werden einmal am Ende der Zeiten von Angesicht zu Angesicht sehen und vollständig erkennen, so wie wir auch selbst vollständig erkannt sind. Es endet gut.

Und dann werden wir und das ganze Volk sehend werden und Gott preisen.

Nun liegen die sieben Wochen der Fastenzeit vor uns. Lasst uns sie nutzen, um uns im Sehen zu üben. Der Wahrheit ins Auge zu sehen, selbst wenn sie schmerzt. Einander zu sehen, auch wenn wir leiden. Jesus zu sehen, der für uns nach Jerusalem geht.

Denn wenn wir uns am Ostermorgen hier in der Kirche versammeln, dann nicht, um zu feiern, dass wir alles verstanden haben. Wir versammeln uns, um gemeinsam im Glauben zu sein. Wir versammeln uns, um zu glauben, dass die Liebe gesiegt hat. Dass das Grab leer war. Dass der Tod seine Macht verloren hat.

Und bis dahin tragen wir die Hoffnung mit uns: Es endet gut.

Amen.


Anna Jensen
Pfarrerin in Odense
ansj(a)km.dk