Lukas 22,24–32
Ich aber bin unter euch wie ein Diener | Invokavit | 22.02.2026 | Lukas 22,24–32 | Anne-Marie Nybo Mehlsen |
Ich aber bin unter euch wie ein Diener…
Jesus unterbricht einen hässlichen Streit darüber, wer nun der Grösste, der Wichtigste sein soll. Vielleicht kommt Dir ein Streit unter Freunden oder in der Familie in den Sinn – ja, es ähnelt einem trivialen Erbschaftsstreit, der sich sogar über dem Kopf des noch Lebenden hinweg abspielt.
Die uralte Geschichte wiederholt sich von Macht, Neid, Eifersucht und dem Gedanken, dass nur einer der Grösste und der Einzige sein kann.
Kain erschlägt seinen Bruder in einer Mischung aus Begierde, der einzig Eine zu sein, und aus Furcht, nicht geliebt zu werden, so wie er ist. Das ist des Menschen Rezept für Verzweiflung. Kain wird versucht zu glauben, dass nur für einen Liebe genug da ist und dass sie nur dem gilt, der sich auf einer bestimmten Weise verhält – und das gerade so, wie es Kain nicht vermag. Kain kann nicht aufblicken, sondern nur hinab auf die Erde und hinein in sein eigenes Elend.
Wer ist der Grösste? Wer ist der Beste? Wer soll bestimmen? Wirf einen Blick auf die Olympischen Winterspiele, den Eurovision Song Contest, die Münchner Sicherheitskonferenz, das Nobelfest. Wirf den Blick auf die zur Schau gestellten Statussymbole. Sieh die gewöhnlicheren Statusbeweise in den sozialen Medien, wo „Likes“ und „Loves“ die Rangordnung festlegen. Es geht um nicht viel anderes als darum, wer der Grösste ist, und die Grössten posieren, während sie zu Tisch sitzen und im Blitzlicht um die Wette strahlen.
Ich aber bin unter euch wie ein Diener – sagt Jesus und stellt unsere Vorstellungen, wer am besten dasteht, auf den Kopf. Da heisst es einfach: Ärmel hochkrempeln und den Jüngsten, Kleinsten, den Unbeachteten dienen. Wenn wir damit beschäftigt sind, dort zu tragen und zu helfen, wo wirklich Dienst gebraucht wird, vergessen wir alles über das Grösst- und Erstsein.
Uns damit abzugeben, in „grösstem“ und „meistem“ zu messen, dazu hat keiner von uns Zeit. Das Leben gibt sich selbst dort, wo wir die Hände voll haben mit Dingen und Aufgaben, die weggegeben, ausgeschüttet werden sollen.
Ohne Furcht, ohne Ausmessen, ohne Hintergedanken.
Im Alltag tun wir es ohne viel Gerede. Wir dienen: Wir holen und bringen, wir kochen, kaufen ein, trocknen ab, trösten, sammeln auf, ermutigen. Wir tun es für unsere Kinder, Freunde, Partner, Ehepartner, Eltern und Geschwister, Kollegen, Vorgesetzte und völlig Fremde. Der echte Dienst ist niemals besonders wohlüberlegt, er ist oft spontan, wenngleich nicht ohne Fürsorge. Der echte Dienst geschieht, wenn wir wahrhaftig als Diener gerufen werden. Da kommen wir oft zu kurz, können nicht tun, was wir gerne wollten; aber schöpfen aus unserem Besten.
Tatsächlich ist das Schwerste im Leben überhaupt, in der Ohnmacht zu stehen. An dem Ort, wo ich nichts tun kann. In Krankheit und Leiden, das sich nicht bekämpfen lässt; in Verlust und Trauer, die ihre Zeit haben müssen; im Leben der Kinder und Freunde, wenn die Erfahrung ihnen das Herz schmerzt; in Verhältnissen, die sich nicht ändern lassen.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir trotzdem versuchen, die Macht an uns zu reissen – auch dort. Wir versuchen nervös, uns durchzuhandeln, oder nehmen Schuld auf uns: „Wenn ich nur so und so getan hätte, oder nicht so getan hätte…“, sagen wir. Mit aller Macht versuchen wir, der Ohnmacht zu entgehen, denn sie ist schlimm.
Gerade dort können wir lernen, uns als Diener einzufinden, und uns daneben zu setzen und zu schweigen, die Hand zu halten, die Wange zu streicheln, den schweren Weg mitzugehen. Der Diener ist gerufen und antwortet auf seinen Ruf.
Das tut Jesus, und stellt Begriffe von Grösse und Ehre, Anführer, König und Diener auf den Kopf. Jesus nimmt die Ohnmacht auf sich und geht an unserer Stelle. Sein Dienst ist offenbar.
Jesus liess sich nicht versuchen, die Macht zu missbrauchen.
Als wahrer Diener nutzte er seine Macht, um uns einen Platz am Festtisch zu sichern, als Kinder des Hauses im Reich Gottes.
In der äussersten Ohnmacht wird klar, wer die Macht hat. Jesus bestand darauf, dass Gott sie hat. Am Kreuz ohne Handlungsmöglichkeit, ohne Macht im weltlichen Sinne, bestand Jesus auf Gottes Macht und gab sich hin.
Die Hingabe, die Selbsthingabe – das ist die wahre Macht am rechten Ort.
Gut so! Nun wissen wir, dass es einen gibt, der nicht versagt. Der unermüdlich dient, pflegt, stärkt, sammelt, für uns betet, mit uns geht, bedingungslos liebt und zum Leben aufrichtet. Mit Jesus als Meister ist die Fastenzeit eine gute Übungszeit: Ohne allzu viele Fragen, einfach einen Schritt vor den anderen, Tag für Tag auf diesem Pfad.
Amen.
Anne-Marie Nybo Mehlsen, Maribo
amnm(a)km.dk