Genesis 3,1–19 (20–24)

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Die Güte Gottes und das Versagen des Menschen | Invokavit | 22.02.2026 | Gen 3,1–19 (20–24) | Thomas Bautz |

 

Die Güte Gottes und das Versagen des Menschen

Liebe Gemeinde!

Diese Erzählung gehört zu den noch bis heute bekanntesten Texten der Urgeschichte des Menschen. Als ein wichtiger Teil der hebräischen Bibel erzählt der Mythos,[1] wer der Mensch ist. Er ist nicht nur ein literarisches Genre; er ist „eine Welt- und Lebensauffassung“,[2] grundlegende Weltanschauung,[3] die uns wie ein Spiegel[4] vorgehalten wird: inspirierte Poesie und Philosophie aus unbekannter, unvergänglicher, aber vernehmbarer Quelle. Es bedarf nur ernsthafter Offenheit, Bescheidenheit und Öffnung für offene Geheimnisse, die nicht etwas begründen oder erklären wie die Wissenschaften, sondern uns in Wahrheiten gründen und Bestand haben. Neugier, sich begeistern können, staunen mit offenem Mund angesichts dessen, was uns im Mythos begegnet – dies sind angemessene Voraussetzungen, wenn man sich ihm aussetzt, wobei Wissbegier auch wissenschaftlicher Forschung eignet. Mythos ist ein „von der modernen Zivilisation noch nicht überformtes, anthropologisches Wissen“, eine „Kulturleistung eigener Art“.[5]

Die mythische Erzählung von Adam und Eva hat eine enorme Rezeption in der christlichen Kunst hervorgebracht[6] und die christliche Ikonographie für einzelne Elemente wie Baum[7] und Schlange[8] bereichert. Berühmt ist die Darstellung des Sündenfalls in der Wiener Genesis (Seite 1). Dabei sind in der ersten erhaltenen Miniatur drei Stadien der Erzählung „ohne Szenentrennung nebeneinander gereiht“: Adam und Eva, wie sie ihm die Frucht[9] reicht; „dann gebeugt von der Scham über die erkannte Sünde“; schließlich „wie sie sich in dem Busch verstecken und die aus den Wolken gereckte Hand … Rechenschaft (verlangt).“ Alle drei Szenen fließend nebeneinander, ohne trennende Glieder, so dass dieselbe Figur auf demselben Bild erscheint, ungeachtet der Erfahrung, „daß nur dasjenige zugleich gesehen werden könne, was zur gleichen Zeit vor sich geht, also unmöglich dieselbe Person im selben Augenblicke mehrmals in demselben Raume.“[10] Die Kunst nivelliert das Raum-Zeit-Gefüge.

Mythos (Religion) und Naturwissenschaft (Physik) sind aber kein Widerspruch. Der Mythos weiß auf eigene Weise, „dass das Unerforschliche wirklich existiert, und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlende Schönheit offenbart, von der wir nur eine dumpfe Ahnung haben können; dieses Wissen und diese Ahnung sind Kern aller wahren Religiosität.“ Dem Mythos verwandt ist das Mystische:

„Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.“[11] (Albert Einstein)

„Es scheint mir, dass es die wichtigste Funktion der Kunst und der Wissenschaft ist, dies Gefühl unter den Empfänglichen zu erwecken und lebendig zu erhalten. Ein Zeitgenosse [Max Planck] hat nicht zu Unrecht gesagt, dass die ernsthaften Forscher in unserer im allgemeinen materialistisch eingestellten Zeit die einzigen religiösen Menschen sind.“ – „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“[12] (Albert Einstein)

Dennoch haben Religion und Mythos auch ihre dunklen Seiten; eine hervorstechende Eigenschaft des Mythos ist die Nähe zur Täuschung, zur Lüge. Diese Fähigkeit, statt Wahrheit zu verkünden, auch Falsches zu lehren oder zu vermitteln, wurde bereits im Alten Orient und in der griechischen Antike gebrandmarkt. Altphilologisch geschulte Leser finden aber grammatische Konstrukte, semantische Hinweise, die Eindeutigkeit erzeugen. Das wird z.B. in Homers Epen Ilias und Odyssee[13] wie auch in Hesiods Theogonie deutlich. Der Mythos hat jedenfalls das Bestreben, „das faktisch Wahre“ sein zu wollen.[14] Auf markante Weise wird die Ambivalenz in Hesiods Theogonie verdeutlicht:

„Dieses Wort aber sprachen zuerst die göttlichen Frauen zu mir, / die olympischen Musen […]. / täuschend echte Lügen wissen wir viele zu sagen, / Wahres jedoch, wenn wir wollen, wissen wir gleichfalls zu künden.“ / Solches sprachen die beredten Töchter des großen Zeus […].“[15] Mythos hat im klassischen Griechisch folgende Bedeutungen:[16] Wort, Rede (häufig bei Homer); öffentliche Rede; Gespräch; Gesagtes; Faktum, Geschehenes; Gedachtes; Bericht, Botschaft; Erzählung; Sage, Fiktion (Gegensatz zum Logos oder der Historie). Für den Epos Homers ist „die Identität von Darstellung und Dargestelltem“, ist „das Darstellen des Darstellbaren, des Faktischen“ charakteristisch.[17]

Menschen der Antike denken und empfinden für Mythos und Dichtung eine enge Wechselwirkung, weshalb Themen, Sujets des Mythos „nur in hoher Dichtung, im Epos, im Hymnos, in der Tragödie ausgesagt [behandelt] werden“ können. Ein Mythos berührt Hörer und Leser; „er bewirkt etwas, denn er enthält einen Rat“, häufiger „eine Warnung“; darin besteht „zugleich Aufgabe und Vorrecht des Dichters.“ Der „Mythos muß durch das Erlebnis von Dichtung erfahren werden.“[18]

Der Dichter, der seine Stoffe dem Mythos entnimmt, ist in der Auswahl und Gestaltung frei, „notfalls unter Abänderung überlieferter Details“; frei auch indem er den Mythos „für die Problematik seiner Zeit nutzbar“ macht und auf sie anwendet.[19] Mit Mythos kann der Dichter oder Epiker auch „einen schlichten Tatbestand“ benennen.[20]  Griechisch meint Mythos „ursprünglich das wahre Wort, die unbedingt gültige Rede“; „die Rede von dem, was ist“.[21]

Man kann über einen Mythos stolpern wie über einen Pflasterstein, der ein wenig über die Reihe anderer Bausteine auf der solide gebauten Straße emporragt. Man hält eben nicht immer die Augen offen, sondern geht seines Weges im gewohnten Schritt. Mythos als Begriff wird diskreditiert, indem man eine Nachricht oder eine Meinung deklassiert: „Das ist doch nur ein Mythos!“ Man wird dem keinen Glauben schenken; die Sache bleibt aber harmlos. Anders, gravierender verhielte es sich heute, wollte jemand dem Mythos den Charakter von „Fake News“[22] geben oder unterstellen: bewusst manipulierende, falsche Nachrichten, „Lügenpresse“.

Die geschickte, raffinierte Verdrehung der Fakten und was in Wahrheit (durch Gott) gesagt wurde, verdeutlicht die Erzählung vom Paradiesmythos durch die Worte der Schlange. Sie verdreht die Wahrheit, indem sie unterstellt, Gott habe gesagt, sie sollten von keinem der Bäume im Garten essen. Sie stellt die Tatsachen auf den Kopf, denn alle Bäume stehen zur Verfügung (mit Ausnahme eines einzigen); sie sind zugänglich und bieten „einen bequemen Lebensraum“. Die Frau wurde irritiert, erweiterte das Verbot des Essens um das Verbot des Berührens, wodurch sie „der Schlange eine Angriffsfläche“ bot. Denn durch bloßes Berühren des Baumes kämen sie nicht ums Leben. Hernach liest man zwischen den Zeilen: „Siehst du, du bist nicht gestorben! Wie der Tod nicht durchs Berühren zu dir gekommen ist, so wird er nicht durchs Essen kommen.“[23]

Die Schlange verstärkt ihr Lügengeflecht: Ihr werdet überhaupt nicht sterben, sondern: „Gott weiß, dass ihr in dem Moment, da ihr davon esst, euch die Augen aufgehen werden und ihr sein werdet wie Gott (Götter?), wissend um Gut und Böse“ (Gen 3,4–5). Das mochte sich auch so verhalten haben, jedoch mit der Konsequenz des Todes. Die Schlange galt als listig, durchtrieben, schlau (ערומ); das Wort ist ein Begriff „der alten Weisheitstradition in Israel“ und meint zunächst Klugheit als Tugend. Die Schlange aber mag eine „Jahwe entgegengesetzte Macht“ repräsentieren, so dass der Mythos auf eine Auseinandersetzung von „Weisheit Gottes“ versus Schlangen-“Weisheit“ hinweist; letztere wäre dann „im Sinne einer Jahwe gegenüber autonome Weisheit“ aufzufassen.[24]

Wir wissen, wie die Erzählung weitergeht. Beschränken wir uns nur noch darauf, dass der Mensch – Frau und Mann – begehrte, Anteil zu bekommen an der Erkenntnis des Guten und des Bösen, was er dann auch durchsetzt. Aber er zahlt dafür einen hohen Preis: „Schmerz, Drangsal, Unterdrückung, Arbeit und Tod“ als „Strafen“, „als Verhängnis über unsere Spezies hereingebrochen“, „und zwar einzig deswegen, weil Adam und Eva, vor die Wahl gestellt, die falsche Entscheidung“ trafen.[25] Die Rede vom „Sündenfall“ wird häufig mit dem Begriff „Erbsünde“ verbunden. „Sünde“ (Verfehlung) ist zwar „zuerst durch Adam in die Welt gekommen, aber alle Nachkommen haben eigenen Anteil an ihr. In der hebräischen Bibel wird nirgendwo Sünde auf das Versagen des ersten Menschenpaares zurückgeführt.[26] Es ist anrüchig und unangemessen, „das Mysterium des menschlichen Leidens“ „als Lohn der Sünde Adams und Evas“ verstehen zu wollen. „Die Frage: Warum leiden wir, und warum müssen wir sterben?“[27] beantwortet uns kein Mythos, aber er könnte uns Wegweisung sein. Darin ist er wieder bedeutsam.

Der Mythos hat in der Wissenschaft ein „Comeback“ gefeiert,[28] indem sich die Forschung mit der verschiedenen Herkunft, unterschiedlichen Bedeutungen, dem Vorkommen in unterschiedlichen kulturellen, religiösen Traditionen beschäftigt. Dabei wurde auch die Frage nach der Wahrheit des Mythos wieder virulent.[29] Ebenso versuchte man, die Funktion des Mythos in unserer modernen Gesellschaft zu eruieren. Darüber hinaus galt es, in Theologie und Kirche den Mythos wieder fruchtbar werden zu lassen. Insgesamt entdeckte man wieder, dass Mythos und Rationalität keine Gegensätze sind; vielmehr enthalten Mythen auch „rationale Orientierungsmuster“.[30]

Der Theologe Rudolf Bultmann (1884–1976) wies zunächst auf die Diskrepanz zwischen Mythos und  alltäglichem Leben und Denken der Menschen in der Moderne hin:[31] „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ Ähnliches ließe sich analog auch von Mythen der hebräischen Bibel sagen. Bultmann wollte aber nur  mythologisches Denken, Dichten und Reden vom historischen und naturwissenschaftlichen Denken unterscheiden. Biblische Texte durch Ausleger und Bibelleser ihrerseits mythologisch verstehen zu wollen, wäre nicht sinnvoll und den Inhalten nicht angemessen.

Der Mythos gibt keine Antworten wie wissenschaftliche Forschung, die eifrig nach Erkenntnis strebt: Kosmologie, Anthropologie, Kognitionswissenschaften, Psychologie und Philosophie – sie alle bemühen sich redlich, elementaren Menschheitsfragen zu begegnen, objektiv oder wenigstens intersubjektiv, am effektivsten interdisziplinär. Inadäquat wäre es nun, wollte man Ergebnissen der Wissenschaft, die ohnehin vorläufig bleiben, besserwisserisch gegenübertreten, indem man die Inhalte des Mythos scheinbar objektiviert und dem eigenen Denken einverleibt.

Nach Bultmann muss man mythische Texte als „bevollmächtigte Worte über unsere Existenz“ verstehen. Damit liegt aber auch deren Exegese „jenseits der Zuständigkeit des kritischen Studiums“, weil „ich das Wort der Bibel als ein persönlich an mich gerichtetes Wort höre“ und ihm Vertrauen schenke.[32] Nach Bultmann wäre es „nicht mythologisch objektivierend“, von Gottes verborgenem „Handeln“ zu sprechen. Diese Rede bleibt zwar mythologisch, „verliert (aber) ihren mythologischen Sinn, wenn sie als Sprache des Glaubens dient.“ Das Wort vom handelnden Gott schließt die eigene Existenz mit ein. „Die Begegnung mit Gott kann nur für den Menschen hier und jetzt ein Ereignis sein, da der Mensch innerhalb der Grenzen von Raum und Zeit lebt.“[33]

Die Einsicht einer existentiellen Begegnung mit Gott in der Sprache des Mythos bedeutet auch, dass man Gott nur glauben kann, ihm vertrauensvoll Gehör schenken muss, aber in Freiheit, in freier Tat: „Solche Tat ist Gehorsam“: „sich einem Müssen in freier Tat fügen. Sie bedeutet kein Werk, zu dem wir uns um Gottes Willen entschließen müßten.“ „Sie bedeutet völlige Abhängigkeit, aber nicht als frommes Gefühl, sondern eben als freie Tat, denn nur in der Tat sind wir selbst.“[34] „Glaube kann nie ein Standpunkt sein, woraufhin wir uns einrichten, sondern stets neue Tat, neuer Gehorsam. Stets wieder unsicher […], sobald wir über ihn reflektieren, sobald wir über ihn reden; nur sicher als Tat.“ „Wir wissen nie von Gott; wir wissen nie von unserer eigenen Wirklichkeit; wir haben beides nur im Glauben an Gottes Gnade.“ „All unser Tun und Reden hat nur Sinn unter der Gnade der Sünden-vergebung, und über sie verfügen wir nicht; wir können nur an sie glauben [darauf vertrauen].“[35]

Gott und Mensch handeln interaktiv. Davon erzählt der Mythos in Genesis 3 auf eine (wie ich meine) spannende Weise, wo anschaulich, teils symbolisch vom Garten Eden, dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, vom Baum des Lebens,[36] vom Menschen und der Mutter aller Lebenden,[37] vom Wort JHWHs, von der Verführbarkeit durch die Schlange und vom Handeln JHWHs erzählt wird. Der Mythos vom Paradies kündet und bedeutet: Vom handelnden Gott derart reden, „daß wir Gott gegenübergestellt sind, angesprochen, gefragt, gerichtet oder gesegnet von Gott.“[38]

In der Tiefe geht es nicht nur um die Angst, „Gott zu verlieren und von ihm getrennt zu werden, sondern es handelt sich im Ursprung um die Angst, aus einer Einheit in Gott herauszufallen, in der Gott dem Menschen nicht ‚gegenübersteht‘, sondern ganz und gar den Menschen umfängt und in sich schließt.“[39] Daher ist der Garten, wohl ein Obstgarten, für den Menschen geschaffen. „Des Menschen Ort ist der Ort der Erquickung [Wonne] Gottes“, „wo sich Gott in der Morgenkühle erholt. Das war das Paradies.“ Nach dem verbotenen Genuss vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen aber wird aus dem „Bild der Eintracht und der Harmonie ein Bild der Furcht des Menschen“, und er muss sich verstecken vor Gott, obwohl er sich denken kann, dass er vor den Augen Gottes nie verborgen bleibt. „Dem Blick dieses Gottes ist nicht standzuhalten. Es gilt ihm auszuweichen.“[40]

Die Erzählung scheut sich nicht vor weiteren Anthropomorphismen, die darin kulminieren, dass Gott den Menschen ruft: „Wo bist du?“ Der Mythos unterstellt positiv: Gott sucht den Menschen, während Philosophie, Theologie und Frömmigkeit nicht müde werden, ihrerseits „Gott“ zu suchen. Oft denken sie, man könne ihn gleichsam wie einen Gegenstand oder Begriff ihres Nachdenkens erfassen, fühlen sich berufen, ihre Gotteserkenntnisse zu verbreiten. Sie vergessen, dass sie mit all dem das wahre Ziel verfehlen; sie trennen sich von der Gemeinschaft mit Gott, der ihre Existenz in seine hineinnehmen will. Daraus erwüchse ein freies Handeln des Menschen im abhängigen Gehorsam des Vertrauens. Dabei ist der Anspruch Gottes auf den Menschen nicht diskutabel.

In seiner Genesisauslegung hat Martin Luther erklärt, Adams Sünde wäre eigentlich nicht gewesen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen, „sondern dies, daß er sich einließ auf die Frage: sollte Gott gesagt haben? das ‚disputare de deo‘, das so sich außerhalb Gottes stellen, um den Anspruch Gottes auf den Menschen“ zu problematisieren, zu hinterfragen.[41] Im Mythos werden „mir Möglichkeiten meiner selbst erschlossen, die ich nur verstehen kann“, soweit ich für diese auch „erschlossen bin und mich erschließen lassen will. Ich kann das Gesagte nicht einfach als Mitteilung akzeptieren, sondern ich verstehe nur bejahend oder verneinend.“ „Verstehen ist also immer zugleich Entschluß, Entscheidung.“ Es geht also nicht um Aneignung von Wissen über unbekannte „Fakten“ oder über „etwas Irrationales“, auch nicht um „etwas Unwissenschaftliches“.[42] Vielmehr geht es um „die kritische Frage an unser Daseinsverständnis und seine Begrifflichkeit“ und sein Begreifen.[43]

Der Mythos will auf seine Weise gelesen werden; er antwortet nicht auf der Basis „nachprüfbarer Erfahrung mit Hilfe logischer Schlüsse“, sondern durch das menschliche Vermögen des Denkens, der subjektiven Erfahrung, „der Phantasie und Intuition und der verschiedenen Empfindungen, wie Angst, Ohnmacht oder Geborgenheit in Gott [!].“ „Mythos ist unbewußt-bewußtes“, seelisch-geistiges Wahr-nehmen, „willensmäßiges Urteil“.[44] Wissenschaft „fehlt das Wesentliche des Mythos“: die Fähigkeit freien Gestaltens, „seine Lebendigkeit, sein Anthropomorphismus im höchsten Sinn, seine Poesie.“ Ein Mythos ist „auf Dauer tröstlich, auch wenn er furchtbar klingt, und eine naturwissenschaftliche Erklärung des Weltlaufs auf die Dauer trostlos, auch wenn sie harmlos klingt“.[45]

Anthropomorphe Wahrnehmung des Göttlichen, der Götter durch Projektion und Überhöhung menschlicher Eigenschaften wird bei bildhafter Sprache und bildlichen Darstellungen offenbar. Der Anthropomorphismus ist wohl unvermeidbar, wird aber missbraucht, wenn man meint, sich dadurch scheinbare Eigenschaften Gottes dienstbar machen und ihn darauf festlegen zu können, „denn da machen wir uns einen Gott, […] wie wir ihn am leichtesten zu unserem Vorteil gewinnen […].“[46] Viel wichtiger wäre es doch, ein realistisches Menschenbild zu entwerfen, eine Vorstellung von uns selbst mit allen Stärken und Schwächen. Wir brauchen ein differenziertes Menschenbild, das nicht ohne Korrekturen aus Bereichen des Transzendenten und der Religion auskommt.

Die Dichtung Homers hatte den Menschen auf unterhaltsame Art einen Spiegel vorgehalten, indem er die Götter sich unter die Menschen mischen ließ. Auch die Götter der Völker in Mesopotamien (im Alten Orient) waren menschliche Projektionen. Natürlich blieb das Göttliche eine Steigerung des Menschlichen. Im Alten Israel kulminierte das Göttliche allmählich zur Gestalt eines einzigen Gottes, dem einerseits wiederum menschliche Attribute zuteil wurden, dem aber im Mythos vom Paradies der Mensch als sein Gegenüber geschaffen wird. Man könnte den Inhalt der hebräischen Bibel als Suche nach dem geeigneten Menschenbild beschreiben, nicht ohne Sehnsucht nach Verankerung im Verhältnis zu JHWH.[47] Es zeugt von Respekt, dass der höchste Name Gottes in der hebräischen Bibel und im Judentum – als Tetragramm – nicht ausgesprochen wird, ergo unaussprechlich ist.

Aus Ehrfurcht vor dem Gottesnamen in Gestalt des Tetragramms verwendet der Erzähler in Gen 3,5 nicht mehr die Doppelform JHWH Elohim für Gott, sondern nur noch Elohim, wäre es doch geradezu blasphemisch, dem Menschen auch nur zu attestieren, er könne JHWH gleich sein – „sein wie Jahwe”, „eine im AT unmögliche Vorstellung“,[48] deren Unmöglichkeit vollends ausgedrückt wird , indem JHWH Elohim den Menschen daran hinderte, auch vom „Baum des Lebens“ zu essen, „und so ewig lebe!“[49] Allerdings: „Nun ist der Mensch geworden wie einer von uns, wissend um Gut und Böse“ (Gen 3,22).

Dem Mythos nach ist das kein Vorteil – im Gegenteil: der Mensch lebte in Harmonie und Eintracht, auch mit den Tieren und genoss den für ihn geschaffenen Garten mit seinen Früchten. Und Adam blieb nicht allein: Jahwe schuf ihm eine Entsprechung, ein persönliches Gegenüber. Gutes und Böses kannte er nicht, blieben ihm fremd. Dann aber befielen ihn Zweifel: „Sollte Gott gesagt haben…?“ Er versuchte, all das ihm Anvertraute, Geschenkte rational zu erfassen, zu begreifen, anstatt es wie ein Kind naiv und vertrauensvoll anzunehmen. Das war seine Zielverfehlung („Sünde“)! So ereignet es sich bis heute, dass der Mensch sowohl Böses wie auch Gutes erkennt und leider auch beides tut. Später sehnt er sich wieder nach einem von Gott geschenkten Menschenbild (Psalm 8,5–7):[50]

„Was ist der Mensch, daß du sein gedachtest, / Das Menschenkind, daß du es angeschaut? / Du machtest ihn wenig geringer denn einen Gott, / Mit Ehre und Hoheit [Erhabenheit] kröntest du ihn. / Du gabst ihm die Herrschaft über deiner Hände Werke; / Alles legtest du ihm zu Füßen.“

Amen.


Pfarrer Thomas Bautz
(„im Unruhestand“)
Bonn
bautzprivat@gmx.de

 

Fussnoten:

[1] TRE 23 (1994), Art. Mythos. (III.) Alttestamentlich (625 – 644): Drei Gundauffassungen (626 – 628): Mythos als Wort oder Erzählung; Mythos als Denk- oder Vorstellungsweise; Mythos als Ausdrucksform von Religion (Werner H. Schmidt).

[2] Mythos und Rationalität, hg. v. Hans Heinrich Schmid (1988): Das Ringen der atl. Überlieferung mit dem Mythos (Jan Heller), 127–133: (I.) Klärung der Begriffe, 127–128: 127.

[3] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff Weltanschauung vieldeutig ist und sehr unterschiedlich benutzt wird; Jürgen Mohn: Mythostheorien. Eine religionswissenschaftliche Untersuchung zu Mythos und Interkulturalität (1998): Zum Begriff des Mythos: Abgrenzungen und Derivate: Ideologie, Weltanschauung und Weltbild, 64–68: 65 (A. 2); cf. Bultmanns strikte, begründete Ablehnung von Weltbild und Weltanschauung, weil diese entworfen sind „unter Absehung von unserer eigenen Existenz“, worin wir selbst „als ein Objekt unter andern Objekten betrachtet“ werden; Rudolf Bultmann: Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze I (81980): Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?, 26–37: 34.

[4] „Gottes Wort ist der Spiegel – beim Lesen oder Hören soll ich mich im Spiegel betrachten.“ Freilich nicht im Sinne theologischer, exegetischer Studien; Sören Kierkegaard. Die Leidenschaft des Religiösen. Auswahl aus Schriften und Tagebüchern. Einl. v. Liselotte Richter (1981): Das Gottesverhältnis (19–54): Selbstbetrachtung im Spiegel der Bibel, 25–34: 25; Kierkegaard lehnt „gelehrtes Lesen“ nicht ab, aber wissenschaftliche Auslegung soll sich nicht „zwischen das Wort und mich“ drängen (34). Nach Martin Luther ist die Bibel nicht nur Lese-, sondern vor allem „Lebewort“.

[5] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, hg. v. Ansgar Nünning (5., aktual. u. erw. Aufl. 2013), Art. Mythos, 552 (Annette Simonis).

[6] Jutta Seibert: Lexikon christlicher Kunst. Themen, Gestalten, Symbole (2002), Art. Adam und Eva, 11–15; LCI: Lexikon der christlichen Ikonographie 1 (Sonderausg. 1994), Art. Adam und Eva (42–70): Der Sündenfall, 54–62; Das Gericht, 62–66; Die Vertreibung, 66–67. Der Sündenfall ist das bedeutendste Thema des Zyklus (54).

[7] Seibert: Lexikon christlicher Kunst (2002), Art. Baum, 52–54; LCI: Lexikon der christlichen Ikonographie 1 (Sonderausg. 1994), Art. Baum, Bäume, 258–267.

[8] Seibert: Lexikon christlicher Kunst (2002), Art. Schlange, 277–278; LCI: Lexikon der christlichen Ikonographie 4 (Sonderausg. 1994), Art. Schlange, Schlangen, 75–82.

[9] „Apfel“ wegen der Homophonie von malum (das Böse) und malum (Apfel), legendarisch auf die lateinische Bibelübersetzung durch Hieronymus’ Vulgata bezogen.

[10] https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hartel1895bd1/0005/image,info; s. dazu Die Wiener Genesis. Eine kunstwissenschaftliche Bilderbuchgeschichte. Von Karl Clausberg (1984); zu Begriffen wie „kontinuierende“, „konsekutive“ und „komplettierende“ Darstellung, S. 29–31 (A. 13ff; Abb. 1; S. 5; Abb. 20, S. 31).

[11] Cf. Albert Einstein: Religion und Wissenschaft, in: Dürr (Hg.) Physik und Transzendenz (2010), 55–59.

[12] Ernst Bergemann: Kosmische Religiosität (Albert Einstein). Eine ganzheitliche und menschliche Perspektive. Zum 60. Todestag von Max Planck (1858–1947) am 4. Oktober 2007 [alle Zitate von A. Einstein dort mit Quellenangaben] (2007), 44–45 und 121 (Anm., Literaturverzeichnis).

[13] Karl Kerényi: Griechische Grundbegriffe. Fragen und Antworten aus der heutigen Situation, Albae Vigiliae NF 19 (1964): Mythos in verbaler Form. Zur Wortgeschichte als Geistesgeschichte, 59–67: 61–66.

[14] Kerényi: Griechische Grundbegriffe (1964): Mythos in verbaler Form, 63 (mit vielen weiteren Belegen).

[15] Hesiod: Theogonie. Griechisch/ Deutsch, übers. u. hg. v. Otto Schönberger (1999; bibliogr. erg. Ausg. 2011): Theogonie 24c–29; cf. Kerényi: Griechische Grundbegriffe (1964): Mythos in verbaler Form, 64–65.

[16] Liddell & Scott: A Greek-English Lexicon (1843; 1940; erw. Neuaufl. 1996), s.v. mythos, 1151.

[17] Bruno Snell: Der Aufbau der Sprache (1952): Die Dichtarten (A) Epos, 188–191: 189.

[18] Heinrich Dörrie: Sinn und Funktion des Mythos in der griechischen und der römischen Dichtung, RhWAW. G 230 (1978), 7–28: 7.

[19] H. Dörrie: Sinn und Funktion des Mythos (1978), 8.

[20] Kerényi: Griechische Grundbegriffe (1964): Mythos in verbaler Form, 62.

[21] Walter F. Otto: Der ursprüngliche Mythos, in: Karl Kerenyi (Hg.): Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos, WdF 20 (1989), 279–289: 285.

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Fake_News.

[23] Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen 1 (1986): Das Versagen des Menschen (Gen 3,1–19.(20–24), S. 38–52: Der Text in der Exegese, S. 42–51: 46–47.

[24] Johannes Loh: Paradies im Widerspiel der Mächte. Mit e. Geleitwort v. Werner H. Schmidt, BEAT 43 (1998): Die Paradieserzählung (163–209): Der „Sündenfall’, 164–209: 202 (A. 192); cf. BHS, s.v. ערומ.

[25] Elaine Pagels: Adam, Eva und die Schlange. Die Theologie der Sünde (1988; 1991): Die Natur der Natur, 261–304: 261–262.

[26] https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/suende-suender-at; Jörn Kiefer: Sünde / Sünder (AT), 2017: „Sündenfall“ und „Ursünde“, wibilex, pdf-Datei, S. 30f: Ob Gen 3 von einem „Sündenfall“ redet, ist umstritten; entsprechende Vokabeln tauchen in der biblischen Urgeschichte erst später auf.

[27] Pagels: Adam, Eva und die Schlange. Die Theologie der Sünde (1988; 1991): Die Natur der Natur, 261.

[28] Indes wollte Gerhard von Rad die „Urgeschichte“ nicht als Mythos lesen: Theologie des AT I (1960, 81982): Die Urgeschichte (149–178): Der Einbruch der Sünde und ihr Überhandnehmen, 167–174: „Mythisch sollte man diese Erzählungen vom Sündenfall bis zum Turmbau nicht nennen“ (168).

[29] Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos (1985); der Philosoph verfolgt einen wissenschaftstheoretischen Ansatz, erfasst systematisch die Deutungen des Mythos, bevorzugt den Begriff des Mythischen, befragt Erfahrungen und Kontexte des Mythischen sowie dessen Rationalität im Vergleich zur Wissenschaft.

[30] Ingolf U. Dalferth: Jenseits von Mythos und Logos, QD 142 (1993): (I) Mythos und Logos: (3.) Mythen und Rationalität, 20–28; (4.) Rationale Orientierungsmuster, 28–35.

[31] Bultmann: Neues Testament und Mythologie, Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch, hg. v. Hans-Werner Bartsch (41960), Vortrag 21. April 1941 vor Gesellschaft für evangelische Theologie.

[32] Rudolf Bultmann: Jesus Christus und die Mythologie. Das Neue Testament im Licht der Bibelkritik (1958; 1964, 1975): (IV.) Moderne Bibelauslegung und die Existenzphilosophie, 50–68: 60–61.

[33] Bultmann: Jesus Christus und die Mythologie (1975): (V.) Die Bedeutung Gottes als des Handelnden, 69–101: 78–79.

[34] Bultmann: Glauben und Verstehen I (81980): Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?, 34; Gehorsam als freie Tat lässt an den Aufruf Jesu zum Handeln in der Bergpredigt denken.

[35] Bultmann: Glauben und Verstehen I (81980): Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?, 37.

[36] Zum Lebensbaum und zum Baum der Erkenntnis; Loh: Paradies im Widerspiel der Mächte (1998), 188–193.

[37] J. Alberto Soggin: Das Buch Genesis. Kommentar (1997): Die Vertreibung aus Eden 3,20–24: 20.

[38] Bultmann: Jesus Christus und die Mythologie (1975): (V.) Die Bedeutung Gottes als des Handelnden, 80.

[39] Eugen Drewermann: Strukturen des Bösen. Band II. Die jahwistische Urgeschichte in psychoanalytischer Hinsicht (1988): Die Dynamik der Angst (Gen 3,1–5), 152–178: 158.

[40] Drewermann: Strukturen des Bösen. Band I. Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer Hinsicht (1988): Schuld und Verbannung (Gen 3): Einzelauslegung (b) Im Versteck und auf der Flucht (Gen 3,8–13), 79–86: 79.

[41] Bultmann: Glauben und Verstehen I (81980): Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?, 27.

[42] Bultmann: Glauben und Verstehen I (81980): Die Bedeutung der „dialektischen Theologie“ für die ntl. Wissenschaft (1928), 114–133: 127.

[43] Bultmann: Glauben und Verstehen I (81980): Die Bedeutung der „dialektischen Theologie“ für die ntl. Wissenschaft (1928), 128.

[44] Emma Brunner-Traut: Frühformen des Erkennens. Aspektive im Alten Ägypten (31996): Religion (2.) Mythos, 120–128: 126–127 (in scharfer Abgrenzung zum vernunftmäßigen Logos).

[45] Brunner-Traut: Frühformen des Erkennens (31996): Religion (2.) Mythos, 127–128.

[46] Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1978):  Vom allgemeinen subjektiven Grunde des Religionswahnes, [257–260: 257f (A.*, 257), S. 188–190: 188–189.

[47] Cf. Rudolf Bultmann: Glauben und Verstehen II (5., erw. Aufl. 1968): Adam, wo bist du? Über das Menschenbild der Bibel, 105–116.

[48] Loh: Paradies im Widerspiel der Mächte (1998), 165.

[49] Soggin: Das Buch Genesis (1997), 93.

[50] Zit. Bultmann:  Glauben und Verstehen II (1968): Adam, wo bist du? Über das Menschenbild der Bibel, 108.