Markus 9,14–29

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Gebet und Glaube | Reminiszere (dänisch: Anden søndag i fasten) | Mk 9,14-29 | Leise Christensen |

Es geht heute um Gebet und Glauben. Den Glauben daran, dass durch das Gebet das Unglaubliche geschehen kann. Ich begann über das Spannungsfeld zwischen Glauben und Gebet nachzudenken – und darüber, was im Gebet eigentlich geschieht – als ich mich hinsetzte, um diese Predigt zu schreiben. Haben wir das Gefühl, dass alles Gute geschehen kann, wenn wir nur genug glauben und genug beten? Verschwindet dann eine lästige Krankheit, sodass wir wieder an allem teilhaben können? Hört der Krieg in der Ukraine auf, wenn ich nur genug glaube? Oder der im Nahen Osten? So empfinden wir es wohl kaum. Ich zumindest nicht.

Ich wuchs mit zwei anderen Kindern in unserer Nachbarschaft auf – einem Jungen und einem Mädchen –, die beide eine grosse Rolle in meiner Welt spielten. Wir gingen zusammen zur Schule und blieben zusammen, bis wir unser Abitur machten. Mit einem von beiden studierte ich auch gemeinsam. Es sind Freundschaften, die bis zum heutigen Tag bestehen. Aber wie es in den meisten Leben so ist, geschah auch bei uns unterwegs manches. Das Mädchen wurde streng religiös erzogen und lebte lange damit, lehnte sich jedoch auf, als sie sich der 30 näherte, und verwarf entschlossen alles. Der Junge wurde zur selben Zeit schwer krank und musste lange dem Tod ins Auge sehen, überwand die Krankheit jedoch schließlich – zumindest weitgehend. Doch während seiner Krankheit sagte die Mutter des Mädchens – die den Jungen natürlich auch gut kannte und ihn liebte –, das Mädchen solle für ihn beten, damit er gesund werde. Und das Mädchen, das mitten in seinem notwendigen Aufbegehren war, fragte voller Verachtung, ob die Mutter wirklich glauben würde, dass die Genesung und das Leben des Jungen von den Gebeten irgendeiner zufälligen Person abhingen.

Darin liegt im Grunde das Anliegen des Gebets und das Verhältnis der Menschen zum Gebet in einer Nussschale: Nützt es überhaupt etwas – und warum nützt es dann nur manchmal, aber längst nicht immer? Warum konnten die Jünger im heutigen Evangelium nicht bewirken, was Jesus konnte, nämlich dass der Junge von seiner Epilepsie geheilt wurde? Glaubten sie nicht genug? Beteten sie nicht gut genug? Die meisten haben wohl erlebt, kein Gehör zu finden, es nicht gut genug gemacht zu haben und damit zu erleben, dass überhaupt nichts in Richtung dessen geschah, worum sie gebeten und woran sie geglaubt hatten. Dass sie mit leeren Händen dastanden.

Das Elend entsteht wohl, weil wir Menschen die Neigung haben, Gott mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln – was du dir wünschst, das sollst du bekommen, wie es in einem beliebten Weihnachtslied heißt. Unsere heutige Gesellschaft ist dem Gebet gegenüber schlecht gerüstet. Es gibt mehrere Dinge, die den Gedanken an das Gebet erschweren können.

Zum einen ist es für viele beschäftigte Menschen in unserer Gesellschaft eine Grenzüberschreitung, überhaupt zuzugeben, dass man ganz am Ende ist und Hilfe braucht – nicht nur vom Nachbarn beim Tragen des neuen Sofas, sondern im existenziellen Sinne; dass das Leben wehtut; dass das Leben leer oder oberflächlich erscheinen kann. Wer innerlich auf Grund gelaufen ist, spürt plötzlich ein erschreckendes Bedürfnis zu beten. Doch Gebet ist vielen fremd geworden, wenn es keine vertraute Tradition mehr ist. Ja, es kann erschreckend sein, als Mensch auf das Gebet verwiesen zu werden – auf etwas Immaterielles, von dem man nicht sicher ist, ob es wirkt. Da nimmt man dann doch lieber eine Tablette und etwas Handdesinfektionsmittel.

Zum anderen leben wir in einer Gesellschaft, die gegenüber Religion und religiösen Ausdrucksformen eine immer härtere Rhetorik pflegt, in der etwas wie das Gebet verlacht wird – was soll Beten schon bringen, ehrlich gesagt? Ist das nicht bloß ein Weihnachtsmann, ein Hampelmann, ein Trostpflaster, das wir an die Himmelspforten verwiesen haben? Und braucht der selbstbestimmte Mensch, der Chefredakteur seiner eigenen Lebenszeitung, überhaupt das Gebet? Kann man nicht einfach das übliche sagen: „Daran arbeite ich“, oder „Das werde ich schon schaffen“, oder „Das kann der Arzt sicher regeln“ – Ausdrücke, die auf der Annahme beruhen, dass der Mensch das schon hinbekommen wird, wenn er es nur genug will oder genug arbeitet.

Dennoch glaube ich, dass die Wahrheit des Gebets irgendwo liegt zwischen dem, was die Mutter meiner Freundin behauptete – nämlich dass unser gemeinsamer Freund durch die fürbittende Vermittlung meiner Freundin gesund werden könnte –, und der etwas einfältigen Ablehnung des Gebets als rein kindlicher Trostpflaster-Maßnahme. Es ist klar – wenn nicht anders, dann zumindest aus Erfahrung –, dass das Gebet nicht dasselbe ist wie ein Bestellformular, das man an einen Online-Versandhändler abschickt. Aber das ist auch nicht das Wesen des Gebets.

Nicht überraschend kommt das Gebet oft zur Sprache, wenn die Not am größten ist – und die ist bekanntlich oft im Zusammenhang mit Krankheit, der eigenen oder der der Familie, und in diesem Fall der des Kindes. Darüber hat ein Schriftsteller nachgedacht. Der englische Autor C. S. Lewis – der Schöpfer der Narnia-Bücher – heiratete in hohem Alter eine amerikanische Frau, die er sehr liebte. Sie hatten nur wenige Jahre miteinander, bevor bei ihr Knochenkrebs diagnostiziert wurde und sie nach einer Zeit schwerer Krankheit starb. Lewis betete für sie, für die Überwindung der Krankheit, für Leben, Segen und glückliche Tage – so wie die Jünger für den kranken Jungen beteten. Aber sie starb. Da wurde ihm bewusst, schreibt er in seinem Tagebuch, dass das Gebet nicht Gott verändert, sondern den Menschen.

Was Lewis sagt, lässt sich auf mehrere Weisen verstehen, so wie das Wesen des Gebets selbst. Eine der Einsichten, die Lewis gewann und die ich für sehr wichtig halte, ist diese: Das Gebet verwandelte ihn: vom Menschen, der das Unabwendbare ändern wollte, zum Menschen, der der Wirklichkeit ins Auge blickte und der angesichts dieses Anblicks sowohl seine Ohnmacht als auch sein Vertrauen in Gott bekannte: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“. Die Verwandlung, die das Gebet bewirkte, liegt hier in der neu entstandenen Möglichkeit des Menschen, die Situation zu tragen, die unerträglich und unmöglich schien. Das Gebet veränderte den Menschen, veränderte C. S. Lewis. Aber es ist ein schwieriger Weg, dorthin zu gelangen – das erfuhr Lewis, wie viele von uns es erfahren müssen.

Gebet ist in diesem Sinne eine Art existenzielles Atemholen, das eine Auszeit vom Alltag und von den bisweilen schwierigen Situationen gibt. Gebet ist die Übung der Seele. Aber, wird manch einer fragen, hilft das Beten dann konkret – wenn es nur eine Art existentielle Ventil ist? Das Atemholen des christlichen Glaubens ist das Gebet, und dort können wir uns im Leben neu ausrichten. Gebet ist Neuausrichtung. Es sind neue Lebenswege. Aber Gebet ist auch Gebetserhörung – das Gebet ist ein Begegnungsort mit Jesus. Es ist auch ein Ort, an dem wir in unserer Ohnmacht und vielleicht in unserem Unglauben gehört werden. Gottes Horizont ist ein anderer als der des Menschen, auch wenn wir glauben, von dort, wo wir stehen, alles gut überblicken zu können.

Ich glaube, dass die meisten Menschen diese Erfahrung machen: dass die Lösung eines Problems sich als völlig anders erweist, als man gedacht, erbeten und vorausgesetzt hatte. Auch das ist Gebetserhörung – auch eine sich öffnende verschlossene Tür gehört dazu. Etwas anderes wird gegeben. Gebet ist, einen Ort zu haben, an dem man seine unüberwindbar großen Sorgen und tiefen Schmerzen ablegen kann – einen Ort, an dem man sagt: „Ich kann nicht mehr, trage du für mich, Gott. Ich glaube, Gott, hilf meinem Unglauben.“

Was meine beiden Freunde betrifft: Der junge Mann, der nun genauso in die Jahre gekommen ist wie ich, wurde fast gesund. Seitdem habe ich mit ihm und unserer Freundin über den Streit zwischen ihr und ihrer Mutter gesprochen, über Gebet und Fürbitte. Wie das zusammenhängt, können wir nicht wissen, aber eine andere Seite des Wesens des Gebets – zumindest des Fürbittgebets, also des Betens für das Leben und das Wohlergehen eines anderen Menschen –, ist, dass es dem notleidenden Menschen Kraft und Dankbarkeit gibt. Unser Freund war bewegt davon, dass jemand für ihn betete – auch als er selbst nicht mehr konnte und die Hoffnung verloren hatte.

Im äußersten Fall wird Jesus für uns beten, wenn wir es selbst nicht mehr können. Ganz allein in der Not werden wir nie sein. Mitten im Getümmel der Welt gibt es nicht viele Dinge, die Bestand haben, aber einige wenige tun es; einige wenige Verhältnisse tragen das Gepräge der Unveränderlichkeit: Das Wesen und die Möglichkeit des Gebets, die Kraft und Gnade der Taufe und Gottes unveränderlicher Wille, uns Menschen mit Liebe zu erreichen. Das erlebte der Vater im heutigen Evangelium, als er in seinem Unglauben glaubte. So ist es auch für uns.

Amen.


Leise Christensen
Pastorin in Aarhus
lec(a)km.dk