Johannes 8,42-51
Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen | Okuli (dänisch Tredje søndag i fasten) | 8. März 2026 | Joh 8,42-51 | Tine Illum |
„Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen“
Eine Kindergruppe besuchte den Pfarrer in der Kirche. Sie sprachen über das Beten. Ein kleines Mädchen meinte, das wisse sie ganz genau: „Man legt eine Bettdecke auf den Heizkörper, und wenn sie schön warm ist, wird man hineingewickelt – und dann betet man das Vaterunser.“ Man kann es fast spüren, wie gut und warm und geborgen es für das Mädchen ist, das Vaterunser zu beten. Wie ein Schutzwall gegen alles Böse. Wir haben es vorhin besungen, als Anna getauft wurde: „Denn kein Teufel soll dir schaden“ (Dän. Kirchenlied von Grundtvig, „Sov sødt, barnlille“, a.d.Ü.).
Wir Erwachsene können darüber nachdenken: Als Grundtvig dieses Kirchenlied schrieb, dachte er nicht in erster Linie an die ganz kleinen Kinder – es war eigentlich nicht für sie geschrieben. Tatsächlich schrieb er es als 60-Jähriger, in der vielleicht tiefsten Depression seines Lebens, für sich selbst. Er spürte es stark: Alles Böse hatte die Macht über ihn – und gerade da schreibt er, dass derjenige, der getauft ist, die Gewissheit hat: Der Teufel kann nichts schaden – niemals. Licht und Leben sind für die Getauften da – und für ihn. Die grundlegende Wahrheit über unser Leben ist: Wir sind in eine warme Decke eingehüllt und gehören zu Gott. Das sollen wir von uns selbst wissen – und das sollen wir von anderen wissen.
Zugleich sehen wir alle Zeichen, dass die Welt buchstäblich den Bach hinuntergeht – mit despotischen Tyrannen, glühenden Lügen und einem teuflischen Machtmissbrauch. Und in meinem eigenen Leben weiß ich nur zu gut, wie alles verzerrt und verlogen werden kann – und ich bin nicht außerhalb dieser Verzerrungen und Lügen. Das gilt nicht nur, wenn ich etwas Böses tue, sondern auch wenn ich passiv das Gute unterlasse.
Wir können grübeln und alles in Frage stellen und hin und her wenden – und die Welt wird eben dadurch verdreht und auf den Kopf gestellt. – „Wenn ich die Wahrheit sage – warum glaubt ihr mir dann nicht?“, sagt Jesus heute. „Die Wahrheit ist unbeliebt“… da nimmt man lieber eine verkleidete Lüge! … die wir uns dann allmählich selbst als Wahrheit einreden, denn sie ist in der Situation am bequemsten. Denn bei mir liegt die Kontrolle und die Macht, und mein Wille soll geschehen…
Zu diesem Verdrehten gehört leider auch, dass Bibeltexte, aus ihrem Zusammenhang gerissen, zum Machtmissbrauch benutzt wurden – das gilt auch für das, was wir heute gehört haben. Das Gespräch zwischen Jesus und den Schriftgelehrten der Juden wurde als Begründung für abscheulichen Antisemitismus missbraucht – und umgekehrt werden Texte aus dem Alten Testament als Begründung für illegale Siedlungen und die Vertreibung von Palästinensern missbraucht. Und durch die Geschichte hindurch: zur Ermordung von Homosexuellen, zur Ausgrenzung von Müttern und ihren Kindern, zur Rechtfertigung von Völkermord – und wir könnten so weiterfahren.
Mitten in einem unmenschlichen Krieg sagte ein Mann: „Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.“ Und mehr ist nicht zu sagen – keine andere Wahrheit gilt, wie sehr sie auch verdreht und noch so schön zum Schein gebracht wird – auch heute nicht: „Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.“
Das bedeutet nicht, dass es in unserem eigenen Leben und im Leben der Welt keine Dilemmata gibt – aber es bedeutet, dass die Bibel niemals dazu in Anspruch genommen werden kann, einen anderen Menschen als etwas anderes denn als kostbar in Gottes Augen zu behandeln. Oder wie eine alte Frau es ganz einfach sagte: „Wenn man nicht recht weiß, was man wählen soll, soll man immer das Liebevollste wählen!“
Wie kann das, worüber wir heute hören, für uns einen Sinn ergeben? Hier spricht Jesus: wer Gott zum Vater hat, ringt nicht um Privilegien, um alte Traditionen oder darum, einem besonderen Volk oder einer besonderen Familie anzugehören. Es geht darum, zu ihm zu gehören, zu Jesus, und dadurch zu Gott. Genau das, was wir hörten, als Anna getauft wurde: „Empfange das Zeichen des Kreuzes“ – sichtbar, als Zeichen dafür, dass keine Dämonie und kein Böses dein Leben bestimmen soll. Du bist kostbar in Gottes Augen. Niemand darf dich ansehen oder behandeln als wäre es anders. Und so sollst du auch dein Leben leben.
„Gott ist mein Vater“, sagte Jesus. Jesus ist ganz das, was er bei Gott gehört und gesehen hat. Und das will er nicht für sich behalten. Es soll allen Menschen zuteilwerden.
„Unser Vater im Himmel“, sagt er – wenn ihr zu ihm betet, sollt ihr sagen: „Vater unser im Himmel…“ Das ist die liebevolle Wärme, die uns umhüllt, wenn wir das Vaterunser beten – hier in der Kirche bei der Kindertaufe, zu Hause miteinander oder allein.
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, so sagt Jesus. Kein kaltes Dogma, das wir mit ausgestrecktem Arm halten und messen und wiegen und anderen um die Ohren hauen können – sondern eine himmlisch warme Geschichte, die sich um jeden von uns legt wie eine Decke, eine Geschichte, die sich in uns hineinschreibt und uns Teil von Gottes großer Geschichte sein lässt. Eine Wahrheit, die Gericht hält über unsere Lügen und Herzlosigkeit.
„Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.“
Das Teuflische ist, dass die Lüge sich breit macht und sich herausputzt… Wir sehen es so deutlich jetzt in den machthungrigen Lügen und der Gefolgschaft der Superreichen. Wir sehen, wie gefährlich das ist – die Lüge an sich, aber vielleicht vor allem, dass sie sich als Güte verkleidet und sich als Wahrheit ausgibt.
Manchmal muss die Wahrheit schräg erzählt werden – in Form einer Geschichte. Und aus Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ haben wir eine der Geschichten, die uns am deutlichsten zeigt, wie die Lüge die Falschheit der Macht verdeckt. Der Kaiser kannte selbst die buchstäblich nackte Wahrheit – jeder, der ihn ansah, kannte sie, und doch waren alle einig, dass der nackte Kaiser alles andere als die Wahrheit war – denn seine Nacktheit durfte unter keinen Umständen die Wahrheit sein.
Aber die Wahrheit ist die Wahrheit, ob sie uns gefällt oder nicht. Der Kaiser war splitternackt, ganz gleich wie viele schöne Kleider man ihm andichtete. Die Lüge wird sich immer verbergen und verkleiden – als goldenes Kalb, als Hospitalschiff (Anspielung auf einen jüngstem Post von D. Trump über Grönland, a.d.Ü.), als Rücksichtnahme oder sonst etwas – und sich als ihr Gegenteil ausgeben: als das Wahre, das Schöne, das Gute – ja als Gott selbst – genau wie Jesus es uns heute erzählt… Und in diesem Sinne kann man wohl sagen, dass es uns so ergehen kann, dass wir wählen, woanders zu Hause zu sein als bei Gott. Die Unbarmherzigkeit zu wählen, die Selbstgerechtigkeit und das Teuflische.
Das völlig Unbegreifliche – und völlig Wunderbare – ist: Wenn wir getauft werden, hören wir: Du gehörst also zu mir – nun soll kein Teufel dir schaden. Ich halte dich fest, auch an deinem dunkelsten Tag der Selbsterkenntnis. Du bist kostbar in meinen Augen. Du lebst in meiner Vergebung und in meinem Leben.
Wir könnten es ein Taufgeschenk nennen – für Anna und für jeden von uns. Und es ist eine Taufaufgabe für uns: als Eltern, Paten und Großeltern – als Gemeinde – Kinder wärmend in das Vaterunser einzuhüllen: eine Decke aus menschlicher Liebe und Wärme, wie das Kind sie kennt; und wir müssen von ihm erzählen und auf ihn hinweisen, der selbst die Liebe ist, Christus. Zuerst und immer und in Ewigkeit sind wir Gottes Kinder. Das ist die tiefste lebendige Wahrheit. In unserem eigenen Leben – und in der Art, wie wir es leben: „Christus hat uns gelehrt, jeden Menschen als kostbar in Gottes Augen zu sehen.“
Amen.
Tine Illum
Pastorin in Sønder Bjert
ti(a)km.dk