Lukas 9,57–62
Aufreger mit Ansage | Okuli | 08. März 2026| Lk 9,57–62| Wolfgang Vögele|
Friedensgruß
Der Predigttext für den Sonntag Okuli steht Lk 9,57–62:
„Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu [Jesus]: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Liebe Schwestern und Brüder,
wieso hat der Lehrer aus Nazareth die Menschen so fasziniert, dass sie schnell bereit waren, ihr gewohntes Leben aufzugeben und ihm nachzufolgen? Manchmal verflechten sich Aufregung, Veränderung und Weisheit zu einem sehr starken Impuls. Mit diesen drei coolen Sprüchen kann man lernen, wie im man Glauben zusammenwächst. Wer die Sprüche versteht, kommt dem Sprecher nahe, der sich so bescheiden als „Menschensohn“ bezeichnet. Der Titel verweist auf die besondere Nähe Jesu zu Gott. Und horizontal meint das: Ich bin ein Mensch wie ihr, geboren von meiner Mutter Maria. Für den Evangelisten macht Jesus auf seiner Reise nach Jerusalem eine große Veränderung durch.
Und da stellt sich die Frage: Was machen die, die ihm auf diesem gefährlichen Weg folgen? Was machen sie, wenn trotz der Nähe zu Gott der Menschensohn verhaftet, verhört und gefoltert wird? Die Frage stellt sich mitten in der Passionszeit, in der wir Jesu Leiden meditieren wollen. Ich will mit Ihnen neun Schritte gehen, um Aufregung in Weisheit und Glaube zu verwandeln.
Ein Weg des Hörens, des Betens und des Schweigens. Und der Weg ist das Ziel.
1. Aufreger
Alles beginnt mit dem Anfang, dem ersten Schritt: Ich setze einen Fuß vor den anderen. Beim Reisen wie im Leben kommt es darauf an, nicht einfach loszustürmen. Vorbereitung vermeidet erwartbare Schwierigkeiten. Vor dem Anfang wäge ich ab und denke nach. Dann erst gehe ich los. Aber das bedachte Planen wird oft von Ungeduld, Vorfreude, von Gefühlen mit eigener magnetischer Wirkung ausgebremst. Begeisterung wischt alle Bedenken beiseite. Manche Lebensreisende sind damit gesegnet, gelassen und geduldig durchs Leben zu gehen. Wir andern bewundern das und merken umso deutlicher, wie uns Aufregung und Empörung, Stress und Nervosität immer wieder ablenken. Fehler, Misserfolge, Müdigkeit, Krankheitsdiagnosen versetzen in wachsende Unruhe und Angst. Beides wächst nicht nur aus der persönlichen Lebenswelt. Wer in der letzten Woche die Nachrichten angeschaut hat, konnte Raketeneinschläge, Rauchwolken, Sprengkrater, unruhige Menschen in Schutzbunkern sehen. Das Terrorregime im Iran, das die eigene Bevölkerung bei Demonstrationen erschießen lässt; die Bürger in der Ukraine, die unter einem aufgezwungenen Drohnenkrieg leiden; schließlich der Machtpolitiker im Weißen Haus, der Völkerrecht und Verträge ignoriert.
Bei den Zuschauern nistet sich ganz hinten im Bewusstsein der Eindruck ein: Irgendetwas ist aus den Fugen geraten. Sie spüren etwas, das sie nicht genau benennen können. Es ist, als habe der nächste große Krieg angefangen, ohne richtig erklärt worden zu sein. Dabei habe ich noch gar nicht alle aktuellen Konflikte aufgezählt. Es macht sich eine Stimmung der Unruhe breit. Viele Menschen, auch in der Gemeinde, spüren das und fühlen ein Bedürfnis zu reagieren. Das ist das eine.
2. Routinen
Das andere ist: Politische Aufregung läuft häufig durch digitale Kanäle, bis sie in den Köpfen der Menschen ankommt. Trotzdem führen die meisten Familien ein Leben, das von Routinen bestimmt ist: 7.30 Uhr die Kinder zur Schule schicken. Montag, Mittwoch und Freitag im Supermarkt einkaufen. Jeden dritten Sonntag die Großeltern besuchen. Einmal im Monat zum Italiener im Nachbarviertel.
Ein geregelter Alltag braucht stabile Verhältnisse. Es verleiht Sicherheit, dass Routinen jeden Tag gleich ablaufen. An diesem Gefühl der Sicherheit sind viele beteiligt: Familie, Freunde, Nachbarn, bürgerliche Solidarität. Dorf- oder Quartiergemeinschaft, hergestellt durch Kreise und Netze der Beziehung und Freundschaft.
Konfirmanden, Gymnasiasten und Azubis finden das aus jugendlichen Gründen zum Gähnen: Sie suchen das Neue mehr als das Bewährte. Nervenkitzel und Aufregung statt Stabilität. Die Älteren mussten mühsam lernen, was die Jüngeren noch nicht wahrhaben wollten: den Nutzen von Routine und Sicherheit. Trotzdem kommen vielen Menschen auch Zweifel: Welchen Sinn hat das? Versinkt nicht jede Routine letzten Endes in Wiederholung ohne Sinn?
3. Radikal und bürgerlich
Man hat Jesu Worte über Füchse und Vögel, über die Familie und Begräbnisse als rigorose Kritik an bürgerlichen Ruhebedürfnissen gelesen. Die Nachfolger Christi sollten sich besser in hartem Schnitt aus diesen lähmenden Konventionen befreien und das Wagnis eines riskanten und abenteuerlichen Wanderlebens einzugehen. Nach dem Motto: Der nächste Tag kann bringen, was er will. Gott wird dir helfen. Hier wird es nun brenzlig: Denn darauf lassen wir bürgerlichen Gewohnheitstiere uns nicht gerne ein. Die Forderung nach dem radikalen Bruch wirkt nicht durchdacht und kurzschlüssig. Niemand kann ein halber Radikaler und zugleich eine halbe Bürgerin sein.
4. Neuanfänge
Lukas denkt nicht in stabilen Ordnungen, sondern in Anfängen. Für ihn wie für viele andere Autoren der Bibel setzt Glauben sehnsüchtige Menschen in neue Bewegung. Der erste Schritt ins Neuland, ins Hoffnungsgebiet entscheidet. Das Evangelium setzt den ersten Impuls. Denken Sie an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Denken Sie an den Hebräerbrief, der so schön vom wandernden Gottesvolk spricht. Für Lukas ist Jesus ein Reisender und Wandernder – und noch mehr ein Anfänger. Er zieht durch die galiläischen Dörfer und setzt Impulse, um in möglichst vielen Menschen Glauben anzuzünden. Durch Predigen. Durch Heilen. Durch Gespräche. Durch Streiten mit den Gegnern. Durch Theologie. Jedem Glaubensanfang wohnt ein Zauber inne.
5. Alltag in Bewegung
Glauben heißt, sich zum Anfänger des Evangeliums zu machen. Gott setzt einen Anfang, und die Menschen kommen in Bewegung. Sie lösen sich aus dem Gefüge bürgerlicher Ordnungen, in denen sie es sich zu bequem gemacht haben.
Aber die liebgewonnenen Gewohnheiten erweisen sich als zäher Brei. Das feste Gerüst der Alltagsgewohnheiten steht auf tönernen Füßen. Nur sehr langsam und unmerklich ändern sich im Leben der Glaubenden die Verhältnisse. Auch sie werden älter, verlieren Kräfte und Energie. Gesundheit wird zum kurzen Augenblick in einer langen Reihe von Gebrechen. Gedächtnis lässt nach. Gewicht nimmt zu. Knochen werden brüchig. Man kann das ignorieren. Man kann sich vorsichtig und unmerklich daran anpassen. Aber es läßt sich nicht wegdiskutieren. Wir alle steuern irgendwie, langsam, aber sicher auf Sterben und Tod zu. Jeder schleicht sich aus den Ordnungen des Alltags heraus, die er doch selbst geschaffen hat. Es gibt auch keine ewige Wiederkehr des Gleichen, von der Nietzsche gesprochen hat. Leben ist nicht Zustand, sondern dauernde Veränderung, manchmal kaum merklich. Wenn niemand diesem beständigen Veränderungsprozess entkommen kann, dann gewinnen Jesu Worte völlig neue erschließende Kraft – für die Jünger und für uns.
6. Weisheit lernen
Jesus nimmt seine Bilder aus den Räumen unter und über der Erde: Die Füchse verstecken sich in verlassenen Gruben, und die Vögel sammeln Zweige und Halme, um sich unerreichbare Nester in den Baumkronen zu bauen. Menschensohn und Jünger stehen mit beiden Beinen auf der Erde. Gruben und Nester stehen für das Haus der Gewohnheiten, die Heimat. Aber auch Vögel und Füchse verändern sich, sie werden alt, gebrechlich und sterben – wie alle Menschen. Der weisheitliche Kern dieser drei Jesusworte liegt in einer einfachen Wahrheit: Ich lerne langsam, die Veränderungen meines Lebens vom Protest der Jugend bis zum Altwerden ernst zu nehmen und anzuerkennen. Der Glaubenskern dieser drei Worte liegt in folgendem: Ich stelle mich diesen Veränderungen, indem ich langsam oder plötzlich Glaube und Vertrauen an Gott entwickle. Kein menschliches Leben ist gleichgültig, beliebig oder bedeutungslos. Das ist der Anfang des Glaubens: Leben hat Würde. Die Welt hat Bedeutung. Und der Glaube nimmt Gott ernst in der Welt.
7. Bewegungsorientierung
Jesus von Nazareth justiert das Verhältnis von Gewohnheiten und Veränderungen völlig anders, als wir es gewohnt sind. Jesus denkt bewegungsorientiert, auf Zukunft, Hoffnung und Ziele hin. Die Toten liegen in der Vergangenheit begraben. Keiner hat so eindringlich wie Jesus vom Reich Gottes gesprochen. Es ist Anfang und Ende aller Lebensveränderungen. Das Reich Gottes ist Gegenwart und Zukunft zugleich. Es fängt schon in der Gegenwart an und kommt in Gottes Ewigkeit nicht zu seinem Ende. Jesus hat das gepredigt. Jesus hat das gelebt. Jesus ist dafür gestorben.
Lasst die Toten die Toten begraben: Das ist keine alternative Sozialkritik am Spießertum. Das ist der Glaube, die Zukunft Gottes, nichts anderes ist sein Reich, ernst zu nehmen. Und Jesus Christus hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Botschaft zu verbreiten. Habt keine Angst vor den Veränderungen eures Lebens. Am Ende steht das Reich, das Gott selbst euch bringen will und wird.
8. Selbstfindung?
Jesus hat gesagt: Macht euch keine Sorgen. Gottes Reich kommt. Geht ihm entgegen. Leider ist diese Botschaft auch mißverstanden worden. Geht ihm entgegen, hieß dann: Bastelt euch dieses Reich einfach selbst. Das ist dann der Fall, wenn Glaubende anfangen, in gehechelter Atemlosigkeit die Kirche in allen Nebensachen zu reformieren. Das ist dann der Fall, wenn Glaubende anfangen, politische Veränderungen in kirchlicher Absicht für wichtiger zu halten als das Evangelium von Jesus Christus. Dieser Jesus verstand sich aber nicht als politischer Platzanweiser, nicht als Lehrer für Selbstverwirklichung oder Selbstfindung. Er wollte kein christliches Yoga lehren, wie das einige Pfarrer im Moment vor dem Altar praktizieren. Neben dem Wohin der Zukunft ist auch das Davor der Gegenwart wichtig: Wir Glaubenden lernen von Jesus Christus, dass Gott mit dem Wort von seinem kommenden Reich diesen Sinn seiner Schöpfung längst gestiftet hat.
9. Gottes Reich
Es geht in diesen drei Sprüchen um zwei einfache Wahrheiten und um eine Person.
Die erste Wahrheit: Leben setzt ein Gerüst aus Alltagsordnung, Gewohnheiten und Routine voraus. Das ist unabdingbar, aber eben nicht endgültig. Die Festigkeit von Ordnungen täuscht. Menschliches ist wie alles andere auch in dauernden Prozessen der Veränderung begriffen.
Die zweite Wahrheit: Diese Veränderungen führen nicht von selbst zu einem vorher bestimmten Ziel. Theorien des menschlichen oder historischen Fortschritts haben sich als vergeblich erwiesen. Sie laufen nicht auf das hinaus, was wir uns ausgedacht haben. Resignierend könnte man daraus schließen: Sie sind dem Zufall unterworfen. Es passiert eben, was sich gerade ergibt. Aber da sagt der Glaube: Nein. Nein. Das stimmt nicht. Wir gehen auf das zu, was Gott bestimmt hat, auf sein Reich. Die Welt ist nicht von Gewohnheiten und nicht von Zufällen bestimmt. Sie ist bestimmt von dem, was Gott für sie vorgesehen hat.
So verbindet Jesus Weisheit und Glauben. Wer sich in Hoffnung auf Gottes Reich ausrichtet, der kann glauben. Der kann vertrauen. Und der ist getröstet. Wie die Füchse. Wie die Vögel. Wie wir sehnsuchtsvollen Menschensöhne und -töchter. Amen.
Prof. Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
wolfgangvoegele1@googlemail.com
Wolfgang Vögele, geboren 1962. Apl. Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Heidelberg. Er schreibt über Theologie, Gemeinde und Predigt in seinem Blog „Glauben und Verstehen“ (www.wolfgangvoegele.wordpress.com). Neuerscheinung: Jenseits der Abbruchkante. Unterwegs zu einer postklerikalen Theologie, Münster 2025.