Lukas 9,57-62

· by predigten · in 03) Lukas / Luke, Aktuelle (de), Archiv, Beitragende, Bibel, Deutsch, Kapitel 09 / Chapter 09, Kasus, Nadja Papis, Neues Testament, Okuli, Predigten / Sermons

Gefordert | Okuli | 8. März 2026 | Lk 9,57-62 | Nadja Papis |

Es ist Zeit, wir gehen heim. Niemand geht allein. Gott kommt mit, Schritt für Schritt, nah und weit und jederzeit.

So ungefähr lautet der Text eines (schweizerdeutschen) Liedes von Andrew Bond, welches wir jeweils am Schluss des Unterrichts singen.

Es ist in schönes, behütendes Gottesbild – Gott als einer, der mit mir geht, Gott als eine, die mit mir unterwegs ist. Engel, die über mich wachen. Jesus, der Bruder und Freund, der mir vorausgegangen ist, auf dass ich ihm nachfolge.

Auf dem Weg sein – dieses Bild für das Leben ist uns vertraut und nahe. Ja, der Lebensweg führt uns durch ganz unterschiedliche Zeiten, Schritt für Schritt, manchmal fröhlich hüpfend, manchmal mühselig kämpfend gehen wir weiter. Und das Ziel? Schlicht und einfach: das Leben leben. Immer wieder ankommen und immer wieder aufbrechen. Die Aussicht geniessen, Neues entdecken, etwas zu erzählen haben, dem Abgrund entgehen, ein Abenteuer bestehen, eine steile Steigung überwinden, ein Hindernis auf die Seite räumen. Und das Ziel? Ja, eben: das Leben leben.

Der Evangelist Lukas braucht die Wendung «auf dem Weg» auch für das Leben, für die christliche Existenz, für das Leben mit Christus, diesem Messias, der auch unterwegs ist. Wer ihm nachfolgen will, muss sich auf den Weg machen, muss aufbrechen und muss abbrechen. In drei Minidialogen wird klar: Dieser Weg ist nichts für Zaudernde und Zögernde. Wer mit auf dem Weg ist, muss alles andere hinter sich lassen. Da ist kein Platz für (alte) Gefühlsbindungen, für ein früheres Zuhause, ja, noch nicht einmal die Trauer um die Verstorbenen hat Platz. Die Nachfolge fordert einen existentiellen Bruch, um wirklich aufbrechen zu können.

Puh… Da stehe ich wieder mal, mitten in der Welt, mitten in meinem Beziehungsnetz, meiner Familie, meinen Freundinnen, meinem Dorf. Ich habe nichts hinter mir gelassen, das muss ich zugeben. Und meine – unsere Kirche ist auch nicht mehr unterwegs oder auf dem Weg. Nein, sie steht fest und solide gebaut mitten im Dorf. Mauern, die Jahrhunderte überdauern, mittlerweile geschützt von der Denkmalpflege und somit unveränderlich. Und auch drinnen Traditionen, die ebenso schwer zu verändern sind.

Diese radikale Nachfolge ist unbequem. Ja, schon diese drei Minigespräche, die Jesus führt, tönen unangenehme: Weisst du eigentlich, worauf du dich einlässt, wenn du mit mir kommst? Keinen Ruheplatz, keine Familie, kein Zuhause. Diese Forderungen lösen ein Dilemma aus, ich kann es richtig spüren: Soll ich oder soll ich nicht? Ich möchte mitgehen, aber ich möchte nicht alles hinter mir lassen. Ich möchte aufbrechen, ohne zu brechen. Geht das wirklich nicht? Auch heute nicht?

Wir leben nicht mehr in dieser radikalen Anfangszeit des Christentums. Damals gehört es zur Glaubensentscheidung dazu, Entbehrungen in Kauf zu nehmen, sein Leben der Gefahr von Verfolgung auszusetzen, alles aufzugeben. Heute glauben wir bequem. Natürlich gibt es Anfechtungen, die Kirche ist nicht im Trend, aber es ist noch genug Achtung da. Was also nehmen wir von diesem Bibeltext mit?

Wir sind auf dem Weg zur Passion. Der christliche Glaube weiss um die Brüche im Leben, um das Leid, die schweren Wegetappen. Immer wieder begleite ich Menschen, die aufbrechen wollen oder aufbrechen müssen: Traumatisierte Menschen zum Beispiel oder solche, die in toxischen Beziehungen feststecken. Menschen, die sich selbst entdecken müssen und auch ihre Andersartigkeit. Dafür müssen viele mit Altem brechen, sie müssen sich – oft mühselig – von Menschen, Mustern, Überlebensstrategien, gesellschaftlichen Normen trennen, um wieder zurück auf den Weg des vollen Lebens, der vollen Lebendigkeit zu finden. Die Last des Erlebten bleibt, aber es entsteht in der Arbeit daran ein neuer, lebensbejahender Umgang mit sich selbst. Dieser Weg ist ein radikaler, er braucht die volle Akzeptanz für das eigene Leben und Sein. Es geht nicht halb so und halb so. Und das Verändern vom einen zum anderen ist eine anstrengende und schmerzhafte Arbeit. Die Forderung von Jesus aufzubrechen in die Nachfolge tönt auf den ersten Moment so, wie wenn ich einfach einen Schalter umkippen könnte und dann wäre es geschafft. Ich glaube mehr an ein Hineinwachsen, an eine erarbeitete Entwicklung, die uns zum Leben führt, zum vollen Leben. Die Kraft dafür finde ich im Vertrauen auf Christus, der selber den Weg ans Kreuz und durch den Tod hindurch auf sich genommen hat. Er ist an unserer Seite, in allem. Und er weiss, was es heisst, zu leben – dieses Leben zu leben mit allem, was es bringt.

Mich hat noch eine andere Frage fasziniert in der Vorbereitung dieser Predigt: Was fordert Gott von mir? Ja, die fordernde Seite Gottes vernachlässige ich immer, ich gebe es zu. Viel lieber predige ich von der gebenden, liebenden Seite. Auch in meinem persönlichen Glauben erfahre ich Gott vor allem zugewandt. Und nun dies: Ich darf nicht einfach glauben und mich lieben lassen, ich muss etwas. Nicht gute Werke, das ginge ja noch, nein, ich muss mein Leben aufgeben, um christlich leben zu können. Gott fordert sozusagen meine ganze Existenz. Ohne Sicherheitsnetz, ohne Vorsorgevertrag, ohne den Halt der Gesellschaft. Kann ich diese Forderungen überhaupt erfüllen oder müsste ich dazu in ein Kloster gehen? Oder losziehen in die Welt wie eine Wanderpredigerin?

Ich will dir folgen, wohin du gehst. Ja, das möchte ich doch. Auch wenn meine Kirche fest gebaut ist, auch wenn ich ein Zuhause und einen Ruheplatz habe, auch wenn ich in meiner Familie und meinem Freundeskreis lebe.

Auf dem Weg sein ist das Bild, welches Lukas für die christliche Existenz und auch die Kirche braucht. Für mich kann es ein äusseres, aber auch ein inneres Bild sein. Ich kann auf dem Weg sein, auch wenn mein Leben feste Orte kennt. Innerlich, mit mir, mit dem, was mein Leben ist und beinhaltet. Und mit Christus. Und ja, ich kann auch diese Forderungen so verstehen: Brich auf – zu dir selber, zu dem, was du bist, was dich umtreibt, was dich dem Göttlichen nahebringt. Brich auf – aus dem, was dich gefangen hält, was dich klein macht, was dich lähmt. Brich auf – aus dem, was dich erstarren lässt, was dich an der Entwicklung hindert, was dich beziehungsunfähig macht. Brich auf – hin zu dem, wozu du gemeint bist, zu dem, was dich erfüllt, begeistert, lebendig macht, zu dem, was wahrhaftig ist. Diese Aufbrüche kosten genau so viel Mut und Kraft und sie sind auch genauso genährt aus der christlichen Hoffnung auf eine Lebendigkeit, die den Tod überdauert, auf eine Zuflucht bei Gott und auf eine Sicherheit, die ganz anders hält als jede irdische.

Amen


Pfrn. Nadja Papis
Langnau am Albis/Sihltal
nadja.papis@refsihltal.ch

Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich/Schweiz. Seit 2003 tätig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal und seit 2010 Ausbildungspfarrerin.