Lukas 9,57-62
Mit offenen Augen den Weg gehen | Okuli | 08. März 2026 | Lk 9,57-62 | Peter Schuchardt |
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen! Amen
Liebe Schwestern und Brüder,
ich war letztes Jahr wandern in Norwegen. Es war eine herrliche Tour, die mich durch Wälder, ins Gebirge und über Felder führte. Ich orientierte mich immer an den kleinen brauen Hinweisschildern. Wenn ich eines davon sah, dann wusste ich: Ich bin auf dem richtigen Weg. Ich weiß noch, einmal war ein sehr heißer Tag. Ich war in Gedanken versunken. Ich übersah einen Wegweiser und verpasste so die richtige Abzweigung. Ich lief weiter, ohne es zu merken. Erst als ich immer weiter in den Wald kam und ein Weg nicht mehr zu erkennen war, wurde mir klar: Ich war falsch! So musste ich die ganze Strecke zurückgehen. Es dauerte ziemlich lange, bis ich wieder auf dem richtigen Weg war. Aber seitdem passte ich immer auf, dass ich ja nicht noch einmal einen Wegweiser übersah.
Der heutige Sonntag trägt den Namen Okuli. Meine Augen, heißt das übersetzt, und er bezieht sich auf einen Vers im Psalm 25, denn dort heißt es: Meine Augen sehen stets auf den Herren! Das will mir sagen: Wenn du auf Gott guckst, auf ihn achtest, auf ihn hörst, dann bleibst du auf dem guten Weg. Dann verirrst du dich nicht, so wie ich, als ich den Wegweiser übersah und auf dem falschen Weg weitergelaufen bin.
Der Sonntag heute stellt uns die Frage: Wo hast du deine Augen? Wo guckst du hin? Achtest du auf den Weg, auf die Hinweise, oder gehst du gedankenverloren deinen Weg durch die Zeit? Dann kann es gut sein, dass du dich irgendwann wunderst, wo du angekommen bist. Mancher von euch kann da sicher Geschichten erzählen, wie ihr abgekommen seid vom richtigen Weg. Das geht ganz schnell, das kann ich euch sagen!
Unser Predigttext für heute erzählt von drei Begegnungen von Menschen, die Jesus auf seinem Weg treffen:
Unterwegs sagte jemand zu Jesus: »Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« Jesus antwortete: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann.« Einen anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!« Aber der sagte: »Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.« Aber Jesus antwortete: »Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!« Wieder ein anderer sagte zu Jesus: »Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.« Aber Jesus antwortete: »Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes.« (Lk 9, 57-62 Basisbibel)
Drei Begegnungen, liebe Schwestern und Brüder, die von der Sehnsucht erzählen: Ich möchte mit dir gehen Jesus. Und eigentlich sollte Jesus sich doch freuen! Super, dass du bei uns mitmachen willst. Ich freue mich, dass du nun zu uns gehörst. Aber das sagt Jesus nicht. Es sind drei Begegnungen, die in denen Jesus fragt: Hast du richtig hingeguckt? Hast du erkannt, mit wem du den Weg gehen willst, wem du nachfolgen willst? Jesus ist bekannt, sein Ruf verbreitet sich schnell. Menschen kommen von überall her zu ihm[1]. Doch Er ist eben viel mehr, ja etwas ganz anderes als einer der zahlreichen Wunderheiler. Er ist kein Star, in dessen Glanz man sich sonnen kann. Er ist der Sohn Gottes. Und der Sohn Gottes geht nun seinen Weg zum Kreuz. Jesus erzählt seinen Jüngern davon, dass er bald leiden und sterben wird[2]. Denn, liebe Schwestern und Brüder, es ist ein besonderer Wegabschnitt, den Jesus eingeschlagen hat. Kurz vor diesen drei Begegnungen schreibt Lukas: Dann war es so weit: Die Tage kamen näher, an denen Jesus die Welt verlassen und in den Himmel aufgenommen werden sollte. Jesus machte sich fest entschlossen auf den Weg nach Jerusalem.[3] Es ist also nicht irgendein Weg, auf dem diese drei Menschen Jesus begegnen, es ist der Weg in das Leiden, in die Passion Jesu hinein. Wir sind ja nun in der Passionszeit. Sie führt uns das Leiden und Sterben Jesu besonders deutlich vor Augen.
Lukas sagt uns in seinem Evangelium: Jesus weiß, wo der Weg ihn hinführen wird. Doch sehen das auch diese Menschen? Jesus weiß: viele projizieren ihre Sehnsüchte, ihre Träume, all ihre Wünsche in ihn hinein. Er soll nun die Welt retten, er soll das Böse überwinden. Mit ihm soll die neue Zeit beginnen[4]. Und das alles wird auch geschehen, doch dazu muss Jesus durch das Leiden hindurch. Das ist schwer zu begreifen. Sogar Petrus versteht das zu Anfang überhaupt nicht[5]. Jesus will deutlich machen: Überleg dir gut, worauf du dich einlässt. Dieser Weg ist kein Jubelweg, auch wenn Menschen uns zujubeln werden[6]. Dieser Weg führt in das Leiden und in den Tod hinein. Dieser Weg verlangt deine volle Konzentration und Aufmerksamkeit. Wenn du das alles weißt, dann kannst du mit mir gehen. Das klingt erst einmal hart und schroff, doch es ist für Lukas ganz wichtig. Diesen Weg mit Jesus zu gehen, das ist eine Entscheidung. Da heißt es Abschied zu nehmen von alten Verbindungen: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber öffne deine Augen für das Leben, das mit dem Reich Gottes zu euch kommt. Denn da, wo das Reich Gottes verkündigt wird, ist Leben. Lass die alten Vorstellungen, vom Denken, das nur zurückguckt, hinter dir. Mach es wie der Bauer, der weiß: Um das Feld gut vorzubereiten, muss ich beim Pflügen nach vorne gucken, nicht zurück. Nur so wird die Spur, die der Pflug zieht, gerade und gut. Ihr merkt, liebe Schwestern und Brüder: Jesus will den Blick nach vorne lenken.
Wir lesen nichts von den Antworten und Reaktionen dieser drei Menschen, die doch so gern mit Jesus gehen wollen. Und das macht Lukas ganz bewusst so. Er fragt damit uns: Was wirst du tun? Hörst du diese gute Nachricht? Siehst du, erkennst du das Neue, das mit Jesus in die Welt gekommen ist und das dein Leben prägen will? Das Leiden, die Unbehaustheit, das Schwere, das kommt natürlich auch im Leben von uns Christenmenschen vor. Doch wir sehen mit unseren Augen frohen Herzens in die Zukunft. Diese drei Fragen sind Wegzeichen Gottes au unserem Weg. Denn die Zukunft gehört Gott. Und das zeigt sich gerade am Kreuz, an dem Ort, wo Jesus wie ein Verbrecher hingerichtet wird. Die Menschen, die um das Kreuz herumstehen, sehen, wie Jesus am Kreuz stirbt. Für sie ist er gescheitert. Einer der vielen Prediger, denen man eine Zeitlang folgt und die dann vergessen werden. Doch Gott wird diesen Weg, den Jesus geht, nicht im Tod enden lassen. Lukas schreibt von dem Leiden und Sterben Jesu. Er erzählt auch von der Auferstehung. Er erzählt von dem ungläubigen Staunen der Jünger, als die Frauen vom leeren Grab erzählen. „Das ist doch unsinniges Geschwätz, was ihr das sagt!“[7]. Und er berichtet noch einmal von Menschen, die auf dem Weg sind, auf dem Weg nach Emmaus[8]. Das sind zwei Jünger, die auch nicht nach vorne gucken, die von Trauer und Tod erfüllt sind. Sie blicken nur zurück auf das Leben Jesu und verstehen es nicht. Warum musste Jesus sterben? Auf diesem Weg kommt Jesus zu ihnen. Doch sie erkennen ihn nicht. In der Bibel heißt es: Ihre Augen wurden von der Trauer gehalten. Jesus, der Auferstandene, legt ihnen dann die Schrift aus, er deutet sein Leben und Sterben mit den Worten der Bibel. So erreichen sie das Dorf Emmaus und laden Jesus zum Essen ein. Erst als Jesus das Abendmahl mit ihnen feiert und das Brot bricht, da erkennen sie ihn. Da gehen ihnen die Augen auf. Der Weg Jesu führt durch das Leiden hin zum Leben. Auch der Weg ans Kreuz ist ein Weg ins Leben. Und er will auch unser Leben durch das Leiden hindurchführen. Denn der Weg Jesu ist der Weg, der in das Leben führt. Die ersten Christen haben das ganz tief begriffen. Sie nannten das, was sie von Jesus erzählten, und an die Menschen weitergaben, den „neuen Weg“[9]. Ja, wir vertrauen auf Jesus, der von sich selber sagt: „Ich bin der Weg.“[10] Diesem Jesus folgen wir. Nach ihm, Christus, tragen wir als Christen und Christinnen seinen Namen. Wir verschließen nicht die Augen vor der Wirklichkeit, in der wir leben. Wir gehen mit offenen Augen durch diese Welt. In uns ist eine besondere Haltung zum Leben, zum Tod, zu dieser Welt. Denn wir wissen: Leiden und Tod geschehen, doch das ist nicht alles. Gott öffnet uns die Augen für die Spuren seiner Liebe, die Wegzeichen, die uns zeigen: überall wächst schon jetzt das Leben. Und indem wir davon erzählen, legen wir eine Spur der Hoffnung in diese Welt. Und diese Hoffnung braucht sie gerade jetzt besonders. Lasst uns also zu Hoffnungsboten werden und getröstet, fröhlich und zuversichtlich von unserem Gott erzählen, der diese Welt mit allem in seinen guten Händen hält. Amen
Liedvorschläge
Wir haben Gottes Spuren festgestellt, Durch Hohes und Tiefes 298
Jesu, geh voran EG 391
In dir ist Freude EG 398
Kreuz, auf das ich schaue, Himmel, Erde, Luft und Meer (Beiheft der Nordkirche) 21
Pastor Peter Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: peter.schuchardt@kirche-nf.de
Peter Schuchardt, geb. 1966, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), seit 1998 Pastor an der St. Nikolai Kirche in Bredstedt/Nordfriesland (75%), seit 2001 zusätzlich Klinikseelsorger an der DIAKO NF/Riddorf (25%).
Fussnoten
[1] Lk 6,19
[2] Lk 9,22; 43b.44
[3] Lk 9, 51
[4] Lk 24,21
[5] Mt 16,22
[6] Lk 19,35-38
[7] Lk 24,11
[8] Lk 24,13-35
[9] Apg 9,2; 19,9.23; 22,4; 24,14
[10] Joh 14,6