Jesaja 66,10-14
„Freut euch mit Jerusalem!“ | 4. Sonntag der Passionszeit – Lätare | 15.3.2026 | Jes 66,10-14 | Rainer Stahl |
„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!“
Liebe Leserin, lieber Leser!
Liebe Schwestern und Brüder!
An den Anfang stelle ich die Übersetzung der Zürcher Bibel, weil diese sehr nahe am hebräischen Original ist:
»Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen[ii] wie
und ihr werdet trinken.
V.12b auf der Hüfte werdet ihr getragen, und auf den Knien werdet ihr geschaukelt.
Wie kann dieses Bibelwort für uns gepredigt werden? Für uns zum Beispiel in Zürich, wohin diese Predigt gesendet werden wird, dass sie in die Homepage der Göttinger Predigten im Internet hochgeladen werden kann? Für uns zum Beispiel in Göttingen, denn eine der Göttinger Predigten soll sie werden? Für die Stadt und Gemeinde in Erlangen, in der ich lebe, zu der ich gehöre? Mir ist ganz wichtig, einen ersten Zugang zu diesem Wort zu benennen:
1) Es wird unsere Mitfreude mit denen sein, die ursprünglich angesprochen worden waren:
Die ersten in Jerusalem und Juda wieder Geborenen, deren Eltern aus dem Exil in Babylonien hatten zurückkehren können. Also Judäer und Israeliten, die kurz vor 500 vor Christus in der Stadt und in den Dörfern um sie herum geboren worden waren. Einer von ihnen – seinen Namen kennen wir nicht – hatte diese große Hoffnung von Gott her begriffen:
„Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt!
Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!
Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts,
damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust
Denn so spricht der HERR:
»Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen wie
einen flutenden Fluss,
und ihr werdet trinken.
auf der Hüfte werdet ihr getragen, und auf den Knien werdet ihr geschaukelt.
Wie einen, den seine Mutter tröstet,
so werde ich euch trösten, und getröstet werdet ihr in Jerusalem.
Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Knochen werden
erstarken wie junges Grün“ (VV. 10a-14a).
Es gab wieder eine Zukunft im alten Zu-Hause. Mit Tatkraft wurden die neuen Möglichkeiten ergriffen und konkret gestaltet. Obwohl sicher vieles nur mühsam und unter Beschwernissen gestaltet werden konnte, lassen sie sich von Gott auf das Positive hinweisen:
Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!
Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts,
damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust“ (VV. 10a-11b).
Ich denke, dass sich niemand an die Situationen als neugeborenes Baby erinnern kann. Umso mehr ist uns wichtig, beobachten zu können, wie Babys durch ihre Mütter betreut und gesäugt werden: So bin auch ich einmal versorgt worden – können wir uns bewusst machen. Diese Beobachtung wird hier als Bild für die Fürsorge Gottes für uns verwendet: Gott ist so fürsorglich, so versorgend – wie eine Mutter mit Hilfe der im eigenen Leib produzierten Milch! Können wir dieses Gottesbild »erfassen« und »verstehen«? Ich denke: Nicht. Aber »aushalten« können wir es. Und »aushalten« sollten wir es! Dazu lade ich Sie alle ein.
Wenn ich wieder auf meinen ersten Gedankenkreis zurückkommen darf, möchte ich erst einmal Zurückhaltung üben und noch nicht darüber grübeln, auf welche positiven Wendungen unseres Lebens in Deutschland und in der Schweiz wir dieses Wort beziehen könnten. Zuallererst will ich festhalten: Egal, wie es uns geht, so können wir uns doch über diese lange vergangenen Veränderungen mitfreuen. Diese Mitfreude ist mir das erste und wichtigste Gefühl, das wir zulassen sollten.
Einen Zusammenhang will ich hier noch einmal benennen: Ich hatte in meiner Internetpredigt zu Deuteronomium / 5. Mose 6 für den 31. Oktober 2025, die auf Ihrer Homepage hochgeladen worden war, auf die direkten Prozesse der Freilassung der israelischen Geiseln aus Gaza hingewiesen. Inzwischen wurde auch die letzte verstorbene Geisel zurückgegeben – wie ich aus einer Nachrichteninformation im Fernsehen gelernt habe. Vielleicht haben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, liebe Schwestern und Brüder, wie ich diese Wendung neben Erstarren auch mit Mitfreude miterlebt:
„Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!“ (V. 10b).
2) Einen zweiten Schritt des Verstehens und des Aneignens darf ich versuchen:
Die Wirklichkeit „Jerusalem“ wage ich auf unsere christlichen Gemeinden zu beziehen – zum Beispiel auf die Gemeinde in Zürich, in Göttingen, in Erlangen. Wird Gott auch auf uns hin einen „Strom des Friedens“ lenken? Wird Gott auch uns den „Reichtum der Nationen“ erschließen?
Ich war 18 Jahre lang Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes, also des evangelisch-lutherischen Diasporawerkes, das Kirchen und Gemeinden in Minderheitssituationen tatkräftig unterstützt und stärkt. Dies übrigens in Gemeinschaft mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland, mit dem Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes und mit dem Geschwister-Diasporawerk – dem Gustav-Adolf-Werk –! Diese Unterstützung, diese Gemeinschaft in Gemeinden in vielen Nationen, rund um unseren Erdball, war mir die Erfahrung des „Reichtums der Nationen“.
Gegen Ende meiner Dienstzeit war für uns die Unterstützung des Baus der Kirche in Saku, südlich von Tallinn, Estland, ein besonderes Projekt. Lebendig erinnere ich noch meinen Besuch in der Gemeinde dort, die damals ein einfaches Holzhaus, das traditionelle Bethaus, verwenden konnte. Natürlich dauerte der Bau der Kirche eine längere Zeit. Aber nach der Corona-Phase wurde am 21. Dezember 2020, dem Tag des Apostels Thomas, die „Toomase Kogudus“ / die „Thomaskirche“ geweiht.[iv]
Dieses neuerbaute Kirchengebäude ist jetzt das wahre „Zu-Hause“ der Gemeinde, ihr „Jerusalem“ – wenn ich so schreiben darf! Bei einem solchen Projekt helfen zu können, ist für mich eine konkrete Verwirklichung der Hoffnung unseres Bibelwortes:
„Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt!“[v] (V. 10a).
3) Und ein dritter Schritt ist noch nötig:
Wir dürfen nicht in unserer Zeit und bei unseren Chancen und Schwierigkeiten bleiben. Bei allen Versuchen, diese Hoffnung für uns in einer christlichen Gemeinde konkret werden zu lassen, sollten wir meines Erachtens immer auch bereit sein, über uns hinaus in die Zukunft zu sehen. Wie der Apokalyptiker Johannes gehofft hatte, was jetzt in seinem Werk „Offenbarung des Johannes, Kapitel 21“ festgehalten ist:
[…].
»Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen!
mit ihnen sein, ihr Gott.
und der Tod wird nicht mehr sein,
und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein;
denn was zuerst war, ist vergangen.«
»Siehe, ich mache alles neu!«“[vi]
Ist das nicht ein großartiger Abschluss – mit dem Satz, der für uns in diesem Jahr die Jahreslosung ist:
„Siehe, ich mache alles neu!“
Ja, das ist ein großartiger Abschluss!
Amen.
„Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn!“
Liedvorschläge:
EG 358: „Es kennt der Herr die Seinen…“
EG 380: „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin…“
Dr. Rainer Stahl, Erlangen
[i] Martin Buber und Franz Rosenzweig haben hier noch näher am hebräischen Original verdeutscht: „an der Brust ihres Ehrenscheins“.
[ii] Martin Buber und Franz Rosenzweig haben verdeutscht: „der Erdstämme Ehrenschein“.
[iii] Die Aufteilung der Verse auf a und b orientiert sich wieder am Atnach. Für den Text führe ich an: Biblia Hebraica Stuttgartensia 7, Stuttgart 1968. Für die Übersetzungen haben ich beigezogen: Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig: Bücher der Kündung = Die Schrift 3, Stuttgart 1992, und: Zürcher Bibel, Zürich 2007 / 3. Auflage 2009.
[iv] Vgl. https://et.wikipedia.org/wiki/Saku_Toomase_kogudus (Zugriff am 29.1.2026).
[v] Ich danke meinem Nachfolger, Generalsekretär Michael Hübner, der mir am 29.1.2026 die Homepage-Information über die Gemeinde Saku und die Fotos zur Verfügung gestellt hatte.
[vi] Auch hier gebe ich die Übersetzung der Zürcher Bibel.