Johannes 6, 24-37

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Das gestohlene Bild | Lätare (dänisch: Midfaste) | 15. März 2026 | Joh 6, 24-37 | Laura Lundager Jensen |

Ein großes Altargemälde von Emil Nolde wurde im Jahr 2014 aus der Kirche zu Ølstrup gestohlen. Darüber war man in Ølstrup sehr erbost, nicht zuletzt weil es ein bedeutendes Bild war – auf zehn Millionen Kronen geschätzt. Und es war in der Tat eine unerhörte Dreistigkeit. Stellen Sie sich vor: Die Diebe waren am hellichten Tag in die unverschlossene Kirche eingetreten, hatten die Leinwand aus dem Altarrahmen herausgeschnitten, sie zusammengerollt und waren wieder gegangen.

Ich verstehe sehr gut, dass man in Ølstrup darüber betrübt war, eine Sache im Wert von zehn Millionen verloren zu haben. Ich verstehe es auch, weil Nolde ja ein berühmter Künstler ist, auf dessen Altarbild man stolz sein darf. Vor allem aber kann ich verstehen, dass die Gemeinde in Ølstrup das Bild liebgewonnen hatte – die Freude an den Farben, an der Botschaft, an der Tiefe und dem Gedanken, der in das Bild eingeflossen war. Die Freude daran, ein Gemälde zu besitzen, das Sonntag für Sonntag wie eine zusätzliche Stimme in den Gottesdienst hineinsprach – ein weiteres Kapitel zur Predigt oder ein schöner Anhang zu den Liedern. Doch darüber stand in der Zeitung nichts – nur, dass das Gemälde auf zehn Millionen Kronen geschätzt wurde – und das ist wahrhaftig viel Geld.

Die Geschichte hinter dem Gemälde ist bemerkenswert. Emil Nolde ist ein Künstler, den wir freilich ein wenig mit Deutschland teilen – weil er aus Nolde direkt an der Grenze stammt. Gewiss: Er hegte nationalsozialistische Sympathien, aber seine Kunst liess davon wenig erkennen. Er heiratete eine Dänin, erwarb später die dänische Staatsbürgerschaft und erlangte schließlich Weltruhm, und so rühmen auch wir Dänen uns seiner.

Und eben diese Heirat mit einer Dänin gehört zur Geschichte des Bildes. Ada, die Schauspielschülerin in Kopenhagen war, stammte aus Ølstrup, wo ihr Vater Propst war. Aus Dankbarkeit dafür, dass er die Tochter des Propstes zur Frau nehmen durfte, malte Nolde das Bild und schenkte es 1904 der Kirche als Altarbild.

Für ihn war es eine bedeutsame Schenkung. Es wird berichtet, dass er um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts von einer tiefen Schwermut heimgesucht wurde, die ihn – soweit ich es zu beurteilen vermag – tief in religiöse Anfechtungen geführt hatte. Er entstammt einem ernsthaft gläubigen Missionsmilieu, das ihn durch die gesamte Kindheit und Jugend geprägt hatte. Und wenn man seine religiösen Gemälde sonst betrachtet, so lassen die Farben und ihre Vehemenz keinen Zweifel daran, dass er um etwas gerungen hat.

Das Bild in Ølstrup ist anders geartet – es ist eines seiner früheren Werke und nicht so farbenintensiv. Es stellt die Erzählung von Emmaus dar: die Erzählung von jenen zwei Jüngern, die nach Ostern auf dem Weg zum Dorf Emmaus waren, wo sie dem Auferstandenen zu begegnen hofften. Unterwegs hatten sie Gesellschaft eines Fremden bekommen, dem sie alles erzählt hatten, was sie in der Zeit mit Jesus erlebt hatten. Und was sie auf jener Reise erfuhren, war dies: dass alles, was sie von Jesu Worten und Taten nicht hatten verstehen können – dass es plötzlich Sinn ergab, als sie es dem Fremden erzählten und der Fremde danach fragte. Das Schöne an der Erzählung aber ist: Als sie Emmaus erreichen und sich mit dem Mann zu Tisch setzten und er Brot und Wein nahm und es segnete – in dem Augenblick erkennen sie, dass es Jesus selbst war, der mit ihnen gewandert war.

Emil Nolde hat in Ølstrup die Szene gemalt, wie Jesus in Emmaus das Brot bricht. Er sitzt in der Mitte, umgeben von einem starken, fast weißen Licht, und die beiden Jünger sitzen zu seinen Seiten – der eine mit lauschend zugewandtem Gesicht, der andere mit gesenktem Kopf. Und obgleich es farblich bei weitem nicht so stürmisch hergeht wie in anderen Bildern Noldes, liegt im Gemälde eine gewaltige Kraft. Man zweifelt nicht daran, dass Erkenntnis – Verklärung – bei diesem Mahl und in diesem Licht gegenwärtig ist. Es ist, als sänge man: „Lichtflut hinter Lichtflut in den Himmel hinein” {Zit. eines dän. Kirchenlieds „Se nu stiger solen“: „Lysvæld bag ved lysvæld i himlen ind“, A.d.Ü.} – so scheint Gott selbst in jenem Licht gegenwärtig.

Das Schöne aber ist, dass das Tischtuch, auf dem Wein und Brot bereitet stehen, sich gleichsam aus dem Bild heraus und hinab auf den eigentlichen Altartisch faltet. Die Gemeinde in Ølstrup sitzt beim Abendmahl zusammen mit Jesus und den Jüngern in Emmaus zu Tische.

Auf diese Weise hat Nolde nicht nur die biblische Erzählung gemalt, sondern Ølstrup – und den Propst – in die Christenheit hineingezogen. Das ist in der Tat etwas Großartiges.

Das einzige Problem war, dass die Gemeinde in Ølstrup das Bild ursprünglich gar nicht mochte – es wurde zwanzig Jahre lang durch ein anderes Bild ersetzt. Erst 1939, als Nolde berühmt geworden war, hängten sie es wieder auf. Nun ist es zehn Millionen wert – so lautete jedenfalls die Schlagzeile in der Zeitung im Jahr 2014.

Ich musste an diese Geschichte denken, als ich mich mit dem heutigen Text befasste. Denn auf eine gewisse Weise ist es dasselbe Thema, das hier im Spiel ist – das Thema zwischen Verkündigung und Glauben – und einer Bewertung von zehn Millionen Kronen. Dazu komme ich zurück.

Die heutige Erzählung ist die Geschichte von Jesus, der dafür sorgt, dass mehrere tausend Menschen von fünf Gerstenbroten und zwei Fischen satt werden. Das bringt eine grosse Schar von Juden dazu, ihn anzubeten. Jesus jedoch wendet sich davon ab – und das auf höchst merkwürdige Weise.

In vielerlei Hinsicht ist das ja ein großartiges Wunder – und man kann den Juden nicht verdenken, dass sie denken: „Er ist in Wahrheit der Prophet, der in die Welt kommen soll.” Doch Jesus hört, dass sie ihn zum König machen wollen – er spürt, dass sich eine Bewegung formiert, die auf einen gesellschaftlichen Umsturz hinarbeiten will, bei dem er an die Spitze des neuen Volkes gestellt werden soll. Und nicht nur, dass dies vor allem für Jesus selbst lebensgefährlich werden kann – was es ja auch wird –, es ist auch nicht, was er will.

Später in Jerusalem sagt er zu Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt” – und als Pilatus ihn direkt fragt, ob er der König der Juden sei, antwortet er: „Du sagst es – nicht ich.” Jesus ist nicht gekommen, um Teil der bestehenden Welt zu werden, sondern um zu zeigen, dass es ein anderes Reich Gottes gibt – aus dem man schöpfen und in das man eintreten kann.

Jesus sieht, dass alle, die nun begonnen haben, ihm zu folgen, mehr wollen – ihn als ihren Führer haben wollen, weil er klug ist und weil er ihnen gewiss auch Nahrung verschaffen kann. Sie wollen ihn gesellschaftsnützlich machen, ihn verwenden – ihn zum König machen. Sie haben endlich das Gute und das Wahre gefunden – und nun wollen sie etwas darauf gründen – das Schöne soll umgesetzt werden, damit es Wert erhält.

Das will Jesus nicht. Er will nicht in die gewöhnliche Weltordnung eingepasst werden. Sein Reich ist eben nicht von dieser Welt. Denn was er gekommen ist zu sagen und zu zeigen, ist: dass es in dieser Welt etwas gibt und geben soll, das nicht von dieser Welt ist – dass etwas Größeres, Wahreres und Schöneres unserem Leben zugrunde liegt. Wir brauchen nämlich ein Reich, das wir nicht instrumentalisieren können – wir brauchen etwas, das das Leben, das wir leben, bereichern kann, das sich aber nicht in Moral oder Macht, Gerechtigkeit oder Geld verwandeln lässt.

Das Christentum soll nicht eine bloss bessere Gesellschaft sein. Denn die Gesellschaft muss nach einer Logik, einer Vernunft, einem gemeinsamen menschlichen Willen eingerichtet sein. Aber das Reich Gottes baut auf Glauben und Vertrauen – auf die Gewissheit, dass es quer durch Recht und Unrecht, Falsch und Wahr, Strafe und Vergebung hindurch eine Wahrheit und eine Liebe gibt, die uns umfasst.

Und es geht um weit mehr als darum, dass Jesus Zeichen wirken und allen Nahrung geben konnte – weit mehr als tägliches Überleben. Der Glaube lässt sich nicht mit einem Preis versehen – aber er kann unter uns geteilt werden – wie zwei Fische Verständnis und Gemeinschaft für fünftausend Menschen zu schenken vermögen. Oder so, wie ein Licht, das aus einem Altarbild in einer Kirche in einer kleinen westjütländischen Kirche strömt, zum Glauben und Vertrauen einladen kann, wenn wir uns am Altartisch niederlassen und Wein und Brot miteinander und mit jenen aus Emmaus teilen.

Vielleicht war es deshalb, dass mich der Zeitungsartikel so verstimmte: Es stand nicht darin, dass die wunderbare Erzählung von Emmaus aus der Kirche zu Ølstrup verschwunden war – sondern dass die Gemeinde ein Gemälde im Wert von zehn Millionen Kronen verloren hatte.

Doch ich glaube, Nolde hat mit seinem Gemälde etwas verstanden: Jesus – und um dies darzustellen braucht es wirklich große Kunst – lädt uns ein, hereinzukommen. Er deckt den Tisch für uns und spricht mit uns, sodass wir endlich begreifen, wie gut es der Welt tut, dass nicht alles mit einem Preis versehen werden kann. Wir leben vielmehr allein von dem Leben, das entsteht, wenn Brot gebrochen und Wein gesegnet wird und uns die Augen aufgehen, dass Gott sich zum Glück nicht in all dem aufhält, was wir täglich bewerten und umrechnen und in gesellschaftlichen Wert überführen – sondern in jenem Licht ist, jener Lichtflut, die zu uns in die Welt strömt und uns die Energie und die Lust und die Freude schenkt, füreinander da zu sein.

Im Jahr 2019 wurde das Gemälde wiedergefunden und heimgebracht. Nun können die Gottesdienstbesucher in Ølstrup die Einladung von Emmaus wieder sehen – aber man darf hoffen, dass sie nun nicht allein die zehn Millionen sehen, sondern im Nachklang der Entbehrung gerade auch die Einladung erblicken, das Reich Gottes wahrzunehmen, das überall hervorbricht – gänzlich unmöglich zu bewerten und gänzlich unmöglich zu entbehren.

Amen.


Laura Lundager Jensen

Pastorin in Osted

luke@kp.dk