Hebräer 13,12-14
Judika | 22.03.2026 | Hebr 13,12-14 | Hansjörg Biener |
Predigttext
12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräerbrief 13,12-14)
Erweiteres Kyrie
Ein Vers aus dem heutigen Predigttext ist in der Luther-Bibel fett gedruckt. Das bedeutet: Er ist ein Kernvers, den man sich besonders merken soll:
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)
Ich habe mich gefragt: Für wen ist das hilfreich? Wann ist das tröstlich? Die Tradition hat bekanntlich folgendermaßen geantwortet: Beim Sterben gehen Christen in die himmlische Stadt. Im Lauf der Jahrhunderte ist der Lernvers, weiß Gott, sicher viel gebraucht worden. Ob er immer tröstlich war? Ich weiß es nicht. Vielleicht deckte er die Not nur noch mehr auf. Denn nur die Sterbenden gingen vielleicht in eine ewige Stadt; die Lebenden hatten weiter mit den Herausforderungen des Lebens zu tun.
Ich habe diese Gedanken in ein erweitertes Kyrie eingebracht. Mir sind so viele Situationen eingefallen, wo dieser Vers etwas Wichtiges sagen könnte und viele trotzdem antworten würden: „Vertröstung.“ Ich lade Sie ein, diese Beispiele zu hören, und über das Leben mitzuseufzen. Wir bringen diese Situationen vor Gott mit den Worten „Herr, erbarme dich.“ Und ich werde die biblische Erinnerung dazustellen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
„Als das Kleine sich anmeldete, wussten wir: Unsere Wohnung ist zu klein. Also begannen wir überall Zettel aufzuhängen. ‚Junges Paar sucht bezahlbare Wohnung.‘ Aber in unserer Stadt ist das schwierig.“
Als Gemeinde sagen wir: „Herr, erbarme dich.“
Und die Bibel erinnert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
Als das Semester nahte, wurde es hektisch. Immer noch keine WG am Uni-Ort, geschweige denn eine Wohnung. Am Ende wurde es ein Zimmer bei entfernten Bekannten der Eltern, von dem aus er weitersuchen sollte. So hatte er sich die neue Freiheit des Studentenlebens nicht vorgestellt.
Als Gemeinde sagen wir: „Herr, erbarme dich.“
Und die Bibel erinnert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
Die Kleinstadt war ihr immer zu klein gewesen. Jeder kannte jeden. Jeder wusste alles. Und jeder konnte über sie mitquatschen. Und so war sie in die weite Welt gezogen. Großstadtluft hat sie frei gemacht. In Berlin. In Rom. In New York. Sie hatte Bekannte in aller Welt, vielleicht auch den einen oder anderen Freund. Am Ende aber war sie nirgendwo auf Dauer „angekommen“. „Wo gehöre ich eigentlich hin?“
Als Gemeinde sagen wir: „Herr, erbarme dich.“
Und die Bibel erinnert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.
„Wissen Sie, Herr Pfarrer, wir haben das hier mit eigenen Händen gebaut. Hier haben wir unsere Kinder erzogen. Hier habe ich meinen Mann gepflegt. Und jetzt ist das Haus so groß…“
Als Gemeinde sagen wir: „Herr, erbarme dich.“
Und die Bibel erinnert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
„Hier bringt Ihr mich nur im Sarg hinaus“, sagte er trotzig. Jahrzehntelang hatte er diese Wohnung bewohnt. Seine Frau hatte sie noch auf die Warteliste fürs Seniorenheim setzen lassen. Aber irgendwie hatten sie den Absprung verpasst. Jetzt, wo der Pflegefall eingetreten war, war es schwierig.
Als Gemeinde sagen wir: „Herr, erbarme dich.“
Und die Bibel erinnert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
Gnadenzuspruch
Nur einige Beispiele und nicht die krassesten. Es sind Beispiele für, wenn das Leben, sagen wir mal, in „normalen Bahnen“ läuft. Ich kann mir noch viele „nicht normale Bahnen“ des Lebens denken, wo man unfreiwillig Wohnungen, Häuser und Städte verlässt. Krieg, Flucht und Vertreibung, Dürre und marodierende Banden, erzwungene Migration.
In diese Welt spricht die Bibel ganz nüchtern:
(1) Sei realistisch im Blick auf die Welt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“
(2) Aber bleibe für die Zukunft offen: „Die zukünftige Stadt suchen wir.“ Es gibt eine Stadt, in der alles Leiden abfällt, die Stadt Gottes, in die Du eines Tages umziehen kannst.
Und bis dahin sollten wir es mit einem Lied aus der katholischen Kirche halten:
„Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh
mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.
Die Wege sind verlassen, und oft sind wir allein.
In diesen grauen Gassen will niemand bei uns sein.
Nur einer gibt Geleite, das ist der Herre Christ.
Er wandert treu zur Seite, wenn alles uns vergisst.“
(Georg Thurmair/Adolf Lohmann 1935)
Predigt
Einen Vers aus dem heutigen Predigttext
habe ich in diesem Gottesdienst/ist in den Luther-Bibeln im Druck
schon hervorgehoben.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
Dieser Vers ist in der Luther-Bibel als Kernvers fett gedruckt. Das geht tatsächlich bis auf Martin Luther zurück. Der Reformator wollte einen Grundbestand von Bibelversen und -geschichten in den Köpfen und Herzen der Menschen. Und er ging dabei das Risiko ein, dass manche Bibelverse ein Eigenleben bekamen. Ein Gegengewicht dazu kann die Auslegung sein, z. B. in der heutigen Predigt. Der Bibelvers ist eben keine allgemeingültige religiöse Sentenz. Er gründet in dem, was Jesus getan und ermöglicht hat.
Wir werden im Folgenden über Städte nachdenken und über uns in ihnen. Wir werden über Jerusalem und Golgatha reden und über Neu-Jerusalem, aber zuvor über Städte, die wir vielleicht besser kennen. Ich nenne ein paar Namen und bin sicher, Ihnen fällt etwas dazu ein. Sie müssen dazu nicht einmal dort gewesen sein.
Städte mit Klang im Namen
Ich sage mal „New York, Rio, Tokyo“ (Trio Rio 1986) und schon fällt uns was ein. [Und weil ich hier mit Musiktiteln arbeite, sage ich mal: „Podmoskownyje Wetschera – Moskauer Nächte“ (Wassili Solowjow-Sedoi/Michail Matussowski 1956), die Erkennungsmelodie des Hauptsenders Majak. Wer in der Sowjetunion und Russland gelebt hat, wird Tränen in die Augen bekommen.]
Vertiefen wir es:
Paris – Hauptstadt der französischsprachigen Welt [Frankophonie]: Eiffelturm, Louvre, Seine-Ufer und Notre-Dame, „Oh, Champs-Elysées“ (Joe Dassin 1969), Triumphbogen und so viel mehr. Und überhaupt: „Paris – die Stadt der Liebe.“
Rom – Zentrum der katholischen Christenheit – Kolosseum und Trevi-Brunnen, Petersdom und Pantheon, Spanische Treppe und dolce vita im Café. Und überhaupt: „Rom – die ewige Stadt“.
New York – Hafen der Ankunft für Europas Auswanderer: Freiheitsstatue, Manhattan und seine Skyline, Broadway, Central Park. Und überhaupt: „New York – die Stadt, die niemals schläft“. Ich bin nicht Frank Sinatra, aber vielleicht hören Sie ihn mit: „Start spreadin‘ the news / I’m leavin‘ today / I want to be a part of it / New York, New York“ und „If I can make it there, I’ll make it anywhere.“ Und eben auch „I want to wake up in a city that never sleeps“. (Frank Sinatra 1978) „Ich möchte in einer Stadt aufwachen, die niemals schläft.“
Berlin – deutsche Hauptstadt mit schwieriger Geschichte: Brandenburger Tor, Siegessäule, Fernsehturm und Alexanderplatz. Und überhaupt: „Babylon Berlin“ in mehr als einer Hinsicht. Goldene Zwanziger und braune Dreißiger, Hitler-Hauptstadt und hippe Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands.
Sie haben es gemerkt: Ich nenne eine Stadt, und wir haben Bilder im Kopf, vielleicht auch Erinnerungen an historische Ereignisse. Es sind nicht immer glorreiche Momente. Es sind immer wieder auch tiefe Verletzungen. New York – Ground Zero, wo das World Trade Center stand, bis es 2001 durch zwei spektakuläre Flugzeugangriffe von al-Qaida-Terroristen gefällt wurde. Berlin – Trümmerberg am Ende des von Hitler-Deutschlands ausgelösten Weltkriegs, mit Leichengeruch schon weit vor den Stadtgrenzen, geteilte Stadt bis 1989 mit Mauer und Todeszone.
Alle diese Städte haben ihre Geschichte, vor allem aber Geschichten. Es geht um ein Flair, eine Aura, eine Atmosphäre, eine Vorstellung, die etwas erfasst, wenngleich nicht alles. Touristen werden eine Stadt stets anders erleben als die Einheimischen. An Paris interessieren eben nicht die Vorstädte / banlieues, an Berlin nicht die Plattenbauten. Solchermaßen vorbereitet können wir die Stadt in den Blick nehmen, die der Predigttext im Blick hat: Jerusalem.
Jerusalem
Ich fange wieder mit Assoziationen an wie bei den anderen Städten:
Jerusalem – Mittelpunkt der jüdischen Welt, besungen in den Zionspsalmen, die Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ (vor 1529) inspiriert haben, mehrfach erobert und zerstört, Zankapfel zwischen den Religionen.
Zur Zeit Jesu stand der Tempel des Herodes noch. Er war der unbestrittene Mittelpunkt der Stadt und der jüdischen Welt. Dreimal im Jahr war er Ziel der Pilgerschaft von ganz Israel. Dann wuchs Jerusalem von vielleicht 100.000 auf mehrere 100.000 Menschen. Dörfler und Kleinstädter aus allen Landesteilen müssen tief beeindruckt gewesen sein. „Wer nie den Tempel von Herodes gesehen hat, hat nie im Leben ein prächtiges Bauwerk gesehen.“ So die jüdische Überlieferung.
Als der Predigttext entstanden ist, stand der Tempel nicht mehr. Er wurde im jüdischen Krieg zerstört, in dem die Römer einen jüdischen Aufstand mit aller Macht niedergeschlagen haben. Nicht nur der Tempel wurde zerstört, auch Jerusalem als Ganzes. Die jüdische Bevölkerung wurde aus der Stadt verbannt. Wieder einmal „Rivers of Babylon“ (Boney M. 1978), inspiriert von Psalm 137, wo die Verbannten einer ersten Zerstörung Jerusalems um die verlorene Heimat trauerten. In diesem Krieg ist übrigens auch das Judenchristentum untergegangen, jener Teil Israels, der Jesus als Messias angenommen hatte.
Die Christen allerdings hatten schon vorher über Jerusalem zu trauern gehabt. In Jerusalem war ja Jesus zum Tod verurteilt und vor seinen Toren zu Tode gebracht worden. Und damit sind wir bei den beiden Versen vor unserem Lernvers und dem Ort, der die Städtereihe durchbricht: Golgatha.
Golgatha
Die wissenschaftliche Auslegung quält sich mit dem Verständnis, weil der Hebräerbrief so viele verschiedene biblische Themen ineinander verschränkt. Assoziativ, wie wir vorhin die vielen Ideen zu den mythischen Städten unserer Zeit gesammelt haben.
12 Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.
Vier Themen werden hier nur angetippt und sind deshalb für uns erklärungsbedürftig.
„Heiligung durch Blut“, „draußen vor dem Tor“, draußen vor dem Lager und „seine Schmach“.
Blut, das wissen wir, ist ein besonderer Saft. Im Blut ist das Leben, sagten die Alten, und daran ist jedenfalls das richtig, dass wir innerlich und äußerlich verbluten können. Im Blut ist das Leben, sagten die Alten, und deshalb näherte man sich einer Gottheit früher niemals ohne ein Opfer. Nur so wurden die Menschen gottesdienstfähig. Wir heute können das kaum noch verstehen, denn für die Christenheit ist Jesus das letzte und ultimative Opfer gewesen.
„Vor dem Tor“ ist sicherlich wörtlich zu verstehen. Golgatha, der Ort von Jesu Kreuzigung, war nicht innerhalb der Stadtmauern Jerusalems. Wo genau, wissen wir nicht.
Bei vor dem Tor denkt der Autor des Hebräerbriefs automatisch an eine Vorausschattung in der Heiligen Schrift Israels. Jom Kippur. Zum Ritual des Großen Versöhnungstags gehörten zunächst Opfer, wo das Blut zur Heiligung des ausführenden Priesters und des Heiligtums verwendet wurde. Dann gab es aber noch ein weiteres Tier, den seit Luther so genannten „Sündenbock“. Ihm wurde symbolisch die ganze Schuld Israels aufgeladen und dann wurde er „außerhalb des Lagers“ sprichwörtlich „in die Wüste geschickt“.
Zuletzt noch „Schmach“: Das bezieht sich auf den Tod Jesu am Kreuz. Jesu Tod hatte nichts Romantisches und nichts Heldenhaftes. „Verflucht ist, wer am Holze hängt“ (Gal. 3,13 mit Bezug auf Dtn. 21,23) Das war die allgemeine Überzeugung. Wer also sollte noch zu so jemandem halten. Die ersten Jünger haben das damals erst einmal auch nicht gekonnt. Erst nach der Auferstehung.
Ich fasse die Erklärungen zusammen:
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir.“
weil uns ein Umzug in eine neue Stadt verheißen ist. Noch ist das in der Bibel andernorts so genannte „himmlische Jerusalem“ nicht da, doch ist es für uns bestimmt. Und dass es so ist, hat seine Begründung in Jesu stellvertretendem Sterben am Kreuz. Für den Hebräerbrief ist der Glaube daran die selbstverständliche Eingangsbedingung für Neu-Jerusalem und ein christliches Leben die selbstverständliche Folge.
Neu-Jerusalem – Gottes Stadt
Mit dem Predigttext könnte man sagen: Draußen vor dem Tor entsteht ein neuer Stadtteil, wo die Christen wohnen. Nicht in der alten Nachbarschaft und den alten Strukturen von oben und unten, von Klatsch und Tratsch, nicht in der gewohnten Welt, gewiss mit den Erinnerungen und den Verletzungen des Alten, wohl aber mit einer Verheißung des dauerhaft Neuen.
Um Neu-Jerusalem noch ein bisschen zu beschreiben, komme noch einmal auf unsere Städte. Bei vielen Großstädten haben wir, Achtung Fachbegriff, „Großwohnsiedlungen“. Heute haben sie keinen guten Ruf mehr. Aber: Die [Nürnberg-]Langwassers und [Berlin-]Marzahns, die [Bremen-]Vahrs und [München-]Hasenbergls der Republik linderten die Wohnungsnot und modernisierten das Wohnen ungemein. Dort zu leben, war in deren Anfangszeit ultramodern und attraktiv. Aufzug, Bad in der Wohnung, ergonomisch geplante Küchen. Heute gelten die Trabantenstädte als Problemzonen. Aber wer könnte behaupten, dass „wir“ heute die Wohnungsnot im Griff hätten und die Innenstädte besser dran wären als die Hochhausviertel. „Weiße Riesen“ [Duisburg] werden gesprengt, zu Recht, weil sie nach 50 Jahren abgewohnt sind. Doch wo kommen heutzutage die unter, die kein Einkommen haben, das Wohnen in der Stadt und gar den Zweitwohnsitz im Grünen ermöglicht? Jetzt mache ich den Lernvers des Predigttextes mal doch zur religiösen Sentenz: Solange Menschen in dieser Welt Wohnraum und Unterkunft suchen müssen, soll niemand die Christen verachten, dass sie dieses irdische Suchen im Himmel enden lassen wollen.
Nachdem ich am Anfang immer wieder einmal Lieder anklingen ließ, schließe ich mit zwei Versen aus einem Kirchenlied aus der Blütezeit evangelischer Liederdichtung. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ (Johann Matthäus Meyfart/Melchior Franck 1626). Es ist alte Sprache, zugegeben, aber ein anrührendes Christentum.
- Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat
und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg und Tale,
weit über Flur und Feld
schwingt es sich über alle
und eilt aus dieser Welt.
Propheten groß und Patriarchen hoch,
auch Christen insgemein,
alle, die einst trugen des Kreuzes Joch
und der Tyrannen Pein,
schau ich in Ehren schweben,
in Freiheit überall,
mit Klarheit hell umgeben,
mit sonnenlichtem Strahl.
Amen.
Dr. Hansjörg Biener