Johannes 19,17–37
Das unvollendete Kreuz | Karfreitag | 03.04.2026 | Joh 19,17–37 | Jan Asmussen |
Das unvollendete Kreuz
Kann ein Kreuz unvollendet sein? So jedenfalls hat es der Künstler Joseph Beuys gedacht, als er ein Kreuz aus Filz schnitt – mit nur einem Querbalken rechts – und es in eine Collage einfügte[1]. Ein Kreuz kann unvollendet sein. Ja, es kann gar nicht anders sein: Der Karfreitag ist nichts ohne den Ostermorgen. Oder besser gesagt: Ohne ihn wäre diese Geschichte von Jesus am Kreuz so sinnlos wie das Leben von Menschen, die durch Projektile eines Terroranschlags sterben oder die durch Bomben zerfetzt werden. Wenn alles im Tod endet, sind sowohl das Leben als auch der Tod ohne Sinn.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb das Kreuz von Joseph Beuys unvollendet ist: Es zeigt nach vorn auf etwas anderes. Was das ist, kann man an dem kleinen Papierfetzen erkennen, der irgendwo in der Collage angebracht ist: das Rote Kreuz – Symbol der Hilfe, der Heilung und der Erlösung. Denn erst in der Auferstehung findet das Kreuz seine Vollendung.
Im Johannesevangelium, aus dem wir soeben gehört haben, gibt es – anders als in den übrigen Evangelien – keinen Angstschrei der Not, kein „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nein: Im Laufe des gesamten Evangeliums hat Jesus sich selbst an die Jünger hingegeben, sodass sie von einem Status als seinen Schülern zu seinen Dienern und schließlich zu seinen Freunden wurden.
Es fehlt nur noch ein Schritt: dass sie aus seinen Freunden zu ihm selbst werden, so dass Jesus in seiner Gemeinde weiterlebt. Unter dem Kreuz stehen Maria und jener Jünger, von dem es heißt, dass Jesus ihn liebte. „Siehe, das ist dein Sohn“, ruft Jesus zu seiner Mutter. „Und hier ist deine Mutter“, sagt er zu ihm über. So tauscht Jesus seinen Platz mit diesem Jünger, der die Gemeinde verkörpert, die nach Ostern entstehen wird. So findet das Kreuz seine Vollendung.
Das Kreuz stand von Anfang an als Zeichen des sogenannten „wunderbaren Tausches“: Christus trägt unsere Sünde – und wir empfangen alles, was er ist. Ihr seid mein Leib. Ihr seid mein Blut.
Im Mittelalter schwebte den Menschen besonders ein Bild vor Augen: das des Heiligen Grals. Den Kelch, den unser Herr Jesus Christus an jenem Abend nahm, als er verraten wurde, und ihn seinen Jüngern reichte mit den Worten: „Das ist mein Blut.“ Diesen Kelch hatte die Jungfrau Maria am nächsten Tag auf Golgotha dabei. Als der Soldat Longinus seine Lanze in Jesu Seite stieß, damit das Leben völlig aus dem Gekreuzigten herausfloss, sammelte Maria im Gral das Blut. Von dort fließt es bis auf den heutigen Tag durch die Abendmahlskelche in christlichen Gemeinden.
Der Gral wurde zum konzentrierten, mystischen Bild dafür, dass wir Heilung durch seine Wunden empfangen, dass unsere Rettung in Jesu Tod liegt – dass wir, mit einem weiteren Bild gesprochen, aus der Macht der Sünde und des Todes losgekauft sind durch das, was auf Golgotha geschah.
Der Heilige Gral wurde Teil der Ritterideologie und ein zentrales Element des abendländischen Kulturmythos. In einer Welt voller Tod und Verfall gibt es eine einzige Quelle des Lebens und der Seligkeit: den Tod des Gekreuzigten für uns. In einer Welt, in der Sünde und Teufel mit Gott um die Seelen der Menschen kämpfen, gibt es einen Ort, an dem Gott mit sich eine unzerbrechliche Gemeinschaft anbietet. Das ist Christus, der sich ganz der Bosheit der Menschen hingibt und sich zerbrechen lässt, damit wir Heilung durch seine Wunden empfangen. Und das steht uns allen offen, jedes Mal, wenn wir am Altar Anteil an der Kraft seines Todes nehmen, indem wir den Wein empfangen: „Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“
All das sammelt sich im Gral, der nicht nur das Blut als Zeichen von Jesu Tod enthält, sondern auch Gottes ganze Kraft, den verlorenen und vom Tod gezeichneten Menschen lebendig zu machen. Longinus sticht mit seiner Lanze, und Maria hält den Gral darunter, fängt jeden einzelnen Tropfen auf und reicht ihn all denen weiter, die zum Altar gehen, um Heilung für ihre Sünde und ihren Tod zu empfangen.
Einer muss sterben, damit alle gerettet werden können. So kurz ist vielleicht die Botschaft des Karfreitags. Es gibt viele Spekulationen darüber, warum Christus leiden musste. Manche haben versucht, in das Verhältnis zwischen dem Vater und dem Sohn einzudringen: Wie erging es Gott bei dem Leiden seines Sohnes? Dazu sagen die Evangelien, dass der gesamte Karfreitag vorherbestimmt war und Teil eines Plans: Es musste so geschehen, bis ins kleinste Detail. Die nächste Frage lautet dann: Warum dieser Plan? Warum dieses Blutbad als Abschluss von Jesu Erdenleben?
Es gibt eine ganze Strömung im Christentum, die die Frage »Warum?« beantwortet, indem sie vom Zorn Gottes spricht. Im Grunde war es nicht Christus, der Kreuz, Leiden und Tod verdient hatte. Nein, jeder von uns könnte dieses Schicksal verdienen – ungehorsame, unwürdige, misslungene Geschöpfe.
Gab es nicht einmal eine Zeit, in der Gott sah, wie schlecht der Mensch war, und eine Sintflut über die Erde sandte, um neu anfangen zu können? Ist es vielleicht besser geworden? Gott hat Grund, nicht nur zornig, sondern auch enttäuscht zu sein. Daran müssten wir eigentlich zugrunde gehen. Aber Gott schont uns und lässt stattdessen den Zorn seinen Sohn Christus treffen – als Teil seiner selbst. Und aus diesem innergöttlichen Ringen fliesst es von der Seite des Gekreuzigten in den Gral hinab, mit Rettung und Sündenvergebung , jenen Gral, den Maria trägt.
Es ist problematisch, sich in den innergöttlichen Konflikt der Dreieinigkeit einzumischen: dass Gott seinen Sohn für das bestraft, was andere getan haben. Was wir sehen, gibt uns keine Antwort darauf, warum er gekreuzigt werden musste. Das Undurchdringliche am zentralen Symbol des Christentums – dem Kreuz – besteht darin, dass es keine andere Antwort gibt als jene dort auf Golgotha, wenn Jesus spricht: „Es ist vollbracht.“ Und das Vollbrachte ist eben nur sein Tod – als ein Schritt hin zu seiner Auferstehung. Es ist vollbracht. Das bedeutet: Ohne seinen Tod ist seine Auferstehung nicht möglich.
„Jesus Christus, Gottes eingeborener Sohn“ – so nennt ihn das Bekenntnis. Und etwas später heißt es: „gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Nüchtern und schlicht: Es ist vollbracht.
Und dennoch ist es gerade diese Tatsache, die den römischen Hauptmann unter dem Kreuz ausrufen lässt: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!“ Denn es gab keinen Teil des menschlichen Lebens, an dem dieser Jesus nicht teilgenommen hätte. Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus: enger mit einem Menschenleben konnte er nicht verbunden sein, tiefer unter die Haut armer, verlorener Menschen konnte er nicht dringen.
Und in all dem, sagen wir, zeigt Gott seine Liebe. Wo Gott selbst gekreuzigt wird, ergibt es mit einem Mal keinen Sinn mehr, von Distanz zwischen Gott und Mensch zu sprechen. Es fliesst zusammen in Christus, dessen menschliche und göttliche Natur am Kreuz als untrennbar verbunden sind.
Weiter in das undurchdringliche Geheimnis kommen wir nie – denn hier hört all unsere Weisheit und Erkenntnis auf. Aber Longinus sticht seine Lanze in Jesu Seite, sodass das Leben ganz aus ihm herauströmt. Und Maria steht dort mit ihrem Gral und fängt jeden Tropfen auf – damit es für alle Christen reicht. Damit alle, Sonntag für Sonntag im Kirchenjahr, zum Altar gehen und schmecken können, wie gut er ist.
Es ist noch lange nicht vollbracht. Das Kreuz ist unvollendet. Das Kreuz ist erst der Anfang.
Amen.
Jan Sievert Asmussen
Pastor in Farum
jsas@km.dk
[1] Aus lizenzrechtlichen Gründen hier nur ein Link zum Bild: https://josephbeuysfanclub.wordpress.com/wp-content/uploads/2013/12/beuys-halbiertes-filzkreuz-mit-staubbild-martha-1960.jpg