2. Korinther 5,14–21

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Das Kreuz – Zeichen der Versöhnung | Karfreitag| 03.04.2026 | 2. Kor 5,14–21 | Sabine Handrick |

 

Liebe Gemeinde!

Karfreitag – Tag der Kreuzigung Jesu. Der heutige Tag richtet unseren Blick auf das Kreuz. Kreuze als Zeichen des christlichen Glaubens begegnen uns im Alltag häufig. Doch was sehen wir da eigentlich, was verbinden wir damit? Ist es einfach ein vertrautes Symbol wie bei einem Schmuckstück oder Tattoo? Oder wenn es als Icon auf Websites auftaucht, ist es selbsterklärend und verweist auf christliche Inhalte? Was denken wir, wenn wir im öffentlichen Raum Kreuze sehen?

Meine Lieben, ich möchte mit Euch heute bewusst das Kreuz Christi in den Blick nehmen. Nicht im Sinne eines voyeuristischen Interesses, so wie einst das Volk nach Golgatha zur Hinrichtung strömte. Diese allzu menschliche Neugier, die sich am Leid anderer ergötzt, meine ich nicht. Sie steckt zwar in vielen und veranlasst Menschen, bei Unfällen und Katastrophen das Handy zu zücken und zu filmen, statt zu helfen … Nein, mit dem Hinschauen auf das Kreuz geht es mir darum, dass wir uns fragen, was das Kreuz Christi für uns bedeutet.

Hier steht ein sehr einfaches Kreuz, das zwei dünne Metall-Streben miteinander verbindet. Anders als in anderen Konfessionen haben wir in unserer reformierten Kirche kein Kruzifix und verwenden keine bildlichen oder plastischen Darstellungen, die den Körper des leidenden und sterbenden Jesus zeigen. In reformierter Tradition ist man vorsichtig angesichts der suggestiven Wirkung von Bildern und orientiert sich am Bilderverbot. So fixieren sich unsere Gedanken und unser Glauben nicht allein am Anblick des Schmerzensmannes, sondern öffnen sich für das, was das Kreuz Christi bewirkt. Darum soll es heute gehen.

In den Augen der Welt starb Jesus am Kreuz wie tausende andere Menschen auch, die machtpolitischen Ränkespielen zum Opfer fallen. Man beschuldigte ihn als Verbrecher, hielt ihn für grandios gescheitert und gar von Gott verflucht. Die Passionsgeschichten erzählen davon, wie sich Schimpf und Schande über den Gekreuzigten ergossen, wie sich Anhänger und Zuschauer abwandten und er einsam und verlassen starb. Erwartbar wäre gewesen, dass Jesu Tod auf Golgatha im Dunkel der Geschichte versänke und kein Hahn je mehr danach krähte… Doch, genau dies geschah nicht.

Die biblischen Überlieferungen von Jesu Leben, seinem Leiden und Sterben und seiner Auferstehung überdauerten die Zeit. Paulus hat mit seinen Briefen daran grossen Anteil. Er war der erste Theologe, der versuchte, Worte für das Geschehen am Kreuz zu finden, nicht in Verzweiflung und Schrecken stecken zu bleiben, sondern aller Abgründigkeit zum Trotz einen Sinn zu entdecken. Wie kann man verstehen, was da geschah? Wie kann man die Gottverlassenheit des Gekreuzigten und Gott zusammendenken?

Aussenstehende, Kirchenferne und Atheisten schütteln den Kopf und fragen: «Was gibt es für Christen am Karfreitag zu feiern?» – «Es ist doch absurd, das Leiden und ein Folterwerkzeug zu verherrlichen!»

Bereits Paulus sah, dass «das Wort vom Kreuz eine Torheit ist für die, die verloren gehen, für die aber, die gerettet werden, für uns, ist es Gottes Kraft.» (1.Kor.1,18)

Nun, es ist wohl so, dass viele Menschen in unserer Gegenwart keinen Zugang mehr zum christlichen Glauben haben und sich erst recht nicht mit dem Kreuzesgeschehen auseinandersetzen wollen. Die Diskussion um die Feiertagsruhe am Karfreitag zeigt das. Menschen fühlen sich von Kirche bevormundet und wollen «auf Teufel komm raus» am Karfreitag Party machen…

Doch mir macht die wachsende Zahl derer mehr zu schaffen, die im christlichen Glauben aufgewachsen sind und immer weniger damit anfangen können.

Für unseren Glauben ist es wichtig, dass wir verstehen oder ahnen, was es mit dem Kreuz Christi auf sich hat. Deshalb liegt mir daran, liebe Gemeinde, dass wir uns auch heute am Karfreitag stärken lassen. Denn wir vertrauen doch auf den Gekreuzigten und Auferstandenen! Und wir dürfen mit Ostern im Rücken glauben.

Mit dem Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief haben wir einen Text zum Nachdenken, in dessen Mitte ein wunderbar helles Wort strahlt. Es ist ein bekannter Vers, der gern als Taufspruch verwendet wird: «Denn wenn jemand in Christus ist, dann ist er ein neues Geschöpf. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist entstanden.» – Und dann geht es aber entscheidend weiter: «Und das alles durch Gott, der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung übertragen hat» -Neuwerden höre ich als Stichwort, Neuwerden durch die Versöhnung in Christus! Und dass wir Christinnen und Christen für Versöhnung in dieser Welt in Dienst genommen werden.

Was für ein Auftrag! Wie herausfordernd, denke ich und: wie grossartig! Aber sofort melden sich Zweifel: Kann ich das? Kann ich so versöhnungsbereit sein wie Jesus, der Feindesliebe nicht nur predigte, sondern wirklich lebte? Und wenn ich in meinem kleinen Leben schon scheitere, was ist dann im Grossen? Wie geht Versöhnung bei gegensätzlichen Interessen und Spannungen? Wie soll es im Konfliktfall, gar im Krieg gelingen? Wie wird Versöhnung möglich, ist nicht nur die grosse Frage, an der sich Juden und Muslime seit Jahrzehnten die Zähne ausbeissen. Alle Krisen und Kriege dieser Welt drehen sich darum, wie sich die Unversöhnlichkeit der Gegner auflösen liesse… wie die Logik der Eskalation gestoppt werden kann, wie Feinde einen Ausweg aus der Spirale von Hass und Vergeltung finden. – Meine Lieben, kennt Ihr angesichts der aktuellen Weltlage die Atemlosigkeit solcher Gedanken?

Halten wir einen Moment inne und lesen wir noch einmal: Und das alles durch Gott, der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung übertragen hat. Gott hat den ersten Schritt getan und uns mit sich versöhnt! Das ist die Voraussetzung. Gottes Handeln setzt den Anfang, damit alles neu werden kann.

Paulus versucht den Korinthern … und schliesslich auch uns klarzumachen, dass Gott sich in Jesus identifiziert hat. In Jesu Worten und Taten spiegelt sich Gottes Handeln wider. An ihm verstehen wir, wie wahres Menschsein aussieht, so wie es Gottes Willen entspricht.

Wären wir Menschen, die den Wegweisungen Gottes folgen, dann würden wir – bildlich gesprochen – den Weg ins «gelobte Land» finden. Ich meine die 10 Gebote – wir erinnern uns. Die geben uns eine gute Richtschnur für eine gerechte, würdige, lebensförderliche Existenz.

Aber, meine Lieben, wir wissen alle, wie schwer sich Menschen im Allgemeinen mit der gottgegebenen Freiheit tun und wie regelmässig wir selbst scheitern: Selbstüberschätzung, Hybris, Gottesverachtung, Masslosigkeit, Egoismus, Eigennutz, Mord und Totschlag, Missachtung, Ausbeutung, Gewalt, Missbrauch, Lügen und Betrug, Eifersucht und Gier … (gern könnt Ihr diese Liste in Gedanken fortsetzen). Was für Abgründe tun sich nicht alles im menschlichen Miteinander auf. Können wir im Ernst meinen, dass so ein Leben aussieht, das Bestand haben kann?! (nein)

Leider lernen wir nur selten aus unseren Fehlern, unserem Scheitern, unserem schuldhaften Versagen. Pessimisten würden es für aussichtslos halten, dass Menschen sich ändern können. Aber, die Schuld, die nun mal in der Welt ist, soll wieder «aus der Welt geschafft» werden. Darum geht es Gott. Deshalb geht er bis zum äussersten. Im unschuldigen Sterben des Gekreuzigten war Gott selbst am Wirken. Paulus schreibt (V19): «Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung unter uns aufrichtete.»

Es brauchte den einen, der uns die Augen öffnet: Christus, der uns Weg, Wahrheit und Leben gezeigt hat – durch das Kreuz hindurch.

Paulus hat es am eigenen Leib erfahren. Er ist ein Parade-Beispiel fürs Neuwerden! Aus einem erbarmungslosen Gegner und Verfolger der frühen Christen wurde ein Christusgläubiger. Der erhellende Strahl der Gottes-Erkenntnis ging ihm durch Mark und Bein, Herz und Verstand. Paulus wurde zu Jesu Freund, Anhänger, Apostel. Er verstand: «Wenn einer an Stelle aller starb, starben alle. Wenn er an Stelle aller starb, leben sie ja nicht mehr für sich, sondern für den, der statt ihrer starb und auferweckt wurde.»

D.h. meine Lieben: Unser Tod liegt bereits hinter uns. – Ja, ich weiss: Dies widerspricht natürlicher Logik, denn unser aller Leben läuft darauf hinaus, dass wir eines Tages sterben werden… Nehmen wir aber den Tod als Metapher, als Abbruch aller Beziehungen und als Zustand der Verlorenheit und Gottesferne. Diesen Tod ist Christus für uns gestorben, ein für alle Mal. Dieser Tod ist besiegt. Gott hat den Gekreuzigten nicht dem Tod überlassen!

In drei Tagen werden wir Ostern feiern! Nicht die Mörder, Menschenschinder, Kriegstreiber, Lügner und selbsternannten Herren der Welt werden das letzte Wort behalten, sondern der, den Gott zu neuem Leben erweckt.

An seinem neuen Leben haben wir Anteil, meine Lieben. Uns, die wir getauft sind, ist ein neues, unzerstörbares Leben geschenkt worden: Wir dürfen das Leben ganz neu verstehen. Wir verdanken uns nicht uns selbst, sondern der Schöpferkraft und dem Versöhnungswillen Gottes.

Vergebung ist das Werkzeug, das die Verstrickungen von Sünde und Schuld löst. Lasst Euch versöhnen mit Gott, bittet Paulus (V20) Das ist die zentrale Botschaft.

Jedes Kreuz, das wir vor Augen haben, will uns daran erinnern: Lass dich versöhnen. Lass dich versöhnen durch Gott, mit Gott, mit deinen Mitmenschen:

  • mit deinem Nachbarn, mit dem du seit Jahren über Kreuz liegst,
  • mit deiner Schwester, mit der du dich wegen des Erbes überworfen hast,
  • mit dem Kollegen, der dir zu nahegetreten ist,
  • mit dem politischen Kontrahenten, dessen Argumente du nicht teilst,
  • mit dem Feind, an dem du nicht ein gutes Haar findest…

Es gibt so viel Abwertung, Hass, Spaltung, Abgrenzung und Engstirnigkeit in dieser Welt. Wie wäre es, wenn wir Christ/innen, dem bewusst etwas entgegensetzten? Wenn wir aus dem tiefen Vertrauen heraus, dass wir «in Christus» leben, uns unseren Mitmenschen versöhnungsbreit zeigten?

Ich denke, wir Christ/innen sind unverzichtbar für unsere Welt, die gerade vor so vielen Herausforderungen steht. Es braucht jede/n von uns, um das Wort der Versöhnung aufzurichten, wie es Paulus nannte. Und es ist klar, dass es keine Lippenbekenntnisse sein dürfen, die nur etwas behaupten, sondern es soll stimmen!

Wer ein Kreuz sieht, soll darin die erlösende, befreiende, versöhnende Wirkung erkennen können! Dann würden auch Fernstehende im Kreuz nicht mehr nur ein Zeichen des Scheiterns oder des grausamen Sterbens sehen, sondern eine Kraft, die Menschen zusammenbringt.

Du denkst: Das ist nicht möglich? – Doch!

Nehmen wir z.B. Frère Roger. Nach dem 2. Weltkrieg gründete er mit einer Handvoll junger Männer in Taizé eine ökumenische Gemeinschaft. Sie begannen sich um Kriegsgefangene zu kümmern, die ehemaligen Feinde. Später bauten sie eine schlichte «Kirche der Versöhnung», die inzwischen immer wieder vergrössert wurde, um Platz zu haben für Tausende von Menschen aus aller Welt. Seit Jahrzehnten strömen sie nach Taizé, um die Kraft des Glaubens zu spüren, um Versöhnung und Frieden suchen.

Die Taizé-Gesänge entfalten ihre Wirkung in den Herzen. Wo Güte und Liebe gelebt werden, da ist Gott nahe. «Ubi caritas et amor deus ibi est.» Neben solchen Melodien, die sich in die Seele hineingesungen haben, gibt es auch andere Lieder, die auf einmal wieder aktuelle Kraft bekommen, wie z.B.: «Gib Frieden, Herr, gib Frieden». (RG 827) Dieses Lied liess mich nicht los, als ich über Versöhnung meditierte und darüber nachdachte, wie ich sagen kann, warum Jesus am Kreuz für uns gestorben ist. Und ich fand die Antwort in den Zeilen:

… damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei,
und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

Und auch in der letzten Strophe:

…gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,

und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Amen, so sei es.


Verfasst von:
Sabine Handrick