2. Korinther 5,19–21

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Lasst euch versöhnen mit Gott! | Karfreitag | 03.04.2026 | 2. Kor 5,19–21 | Thomas Muggli-Stokholm |

 

Lasst euch versöhnen mit Gott!

Von Versöhnung ist in unserer Zeit wenig zu spüren. Im Gegenteil: Konflikte und Kriege haben dramatisch zugenommen. Die sogenannte regelbasierte Weltordnung ist innert kürzester Zeit zusammengebrochen. Nun gilt wieder das Recht des Stärkeren. Und dieses nehmen die Machthaber hemmungslos und auf äusserst gewalttätige Weise wahr: Die Kriege, das schreiende Unrecht und das grauenhafte Leiden zahlloser Unschuldiger machen uns sprachlos. Ich bekenne, dass ich voller Wut und Hass auf die starken Männer bin, welche die Hauptverantwortung für das aktuelle Chaos und die Gewalt tragen. Ich frage mich, wo Gott bleibt und wünsche mir sehnlichst, dass er doch endlich eingreift und die Tyrannen beseitigt. Die nettere Form wäre, wenn Gott diese Wölfe in Lämmer verwandelt, so dass sie zu Friedefürsten werden, die alles tun für die Gerechtigkeit und den Schutz der Schwachen. Doch zugegeben: Oft überfallen mich Rachegefühle, und ich hoffe, dass die Gewalttäter bestraft werden und all das Schlimme am eigenen Leib erleiden müssen, welches sie Wehrlosen zufügten.

Doch solche Gedanken, Phantasien und Gefühle werden heute, am Karfreitag, fragwürdig, ja unmöglich. Zwar greift Gott in Jesus sehr wohl in die Weltgeschichte ein, aber ganz anders, als ich mir das wünsche: Um Frieden auf Erden zu schaffen, gibt er in Jesus sein Liebstes hin. Er vergibt uns die Schuld, indem er sie in seinem Sohn auf sich nimmt. Er schafft Sühne und stellt so die Gerechtigkeit wieder her. Damit versöhnt er die Menschheit und die Welt mit sich selbst. All dies klingt an in unserem Predigttext: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich, indem er den Menschen die Verfehlungen nicht anrechnete. Gott macht Jesus, seinen Sohn und zugleich einzigen Menschen ohne Sünde zur Sünde für uns. Er lässt ihn den Tod des Sünders sterben, um unsere Sünde zu sühnen und uns damit zu Gerechten zu machen. Darin besteht grob zusammengefasst die sogenannte Satisfaktionslehre, die im Mittelalter von Anselm von Canterbury entwickelt wurde und die Theologie bis heute massgeblich beeinflusst. Sie ist geprägt vom menschlichen Rechtsverständnis: Schuld kann nicht einfach mir nichts dir nichts aus der Welt geschafft werden. Sie muss zwingend gesühnt werden. Und so muss der vollkommen unschuldige Jesus ausgeliefert werden und sterben, damit die Gerechtigkeit, die mit dem Sündenfall verlorenging, wieder hergestellt werden kann. Das ist alles theologisch korrekt und biblisch begründbar (Lk 9,22 und 24,7). Ich könnte es nun noch genauer ausführen und hätte dann relativ schmerzlos eine anständige Karfreitagspredigt beisammen.

Anständig? Blicke ich auf das Chaos der Welt, muss ich mich fragen, was die Lehre vom Sühnetod Jesu bringt. Hilft sie auch nur einem einzigen Menschen, der Unrecht und Gewalt erleidet? Ja, ist es nicht sogar hochgradig unanständig, das Leid der Welt und seine Überwindung theologisch korrekt und rechtgläubig weg zu erklären?

Wir werden Paulus nicht gerecht, wenn wir unseren Predigttext als distanzierte theologische Abhandlung interpretieren. Was er den Römern und uns heute schreibt, ist eng verknüpft mit seinem eigenen Lebensweg. Sein Schlüsselerlebnis vor Damaskus spielt dabei die zentrale Rolle. Paulus zieht hoch erhobenen Hauptes hin, um die Christinnen und Christen, seine Feinde, zu verfolgen und vernichten. Doch vor den Toren der Stadt wirft ihn eine Vision buchstäblich zu Boden: Ihm erscheint der auferstandene Christus und fragt ihn, warum er ihn verfolge. Diese Vision verwandelt Paulus von Grund auf: Aus dem Verfolger wird ein Verfolgter, aus dem stolzen Pharisäer der Verkündiger des Evangeliums, der dafür Spott und unerträgliches Leiden auf sich nimmt. Paulus sieht sich dadurch nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Das Mitleiden mit Christus ist für ihn das Zeichen und die Bedingung dafür, dass er als Miterbe Christi mit ihm verherrlicht wird (Röm 8,17). Unser Predigttext wird erst auf dieser Grundlage verständlich. Er umfasst drei Verse und drei Spitzensätze, Sätze, die nicht bloss theologische Einsichten vermitteln, sondern berühren und wehtun.

So schreibt Paulus als Erstes: Gott war in Christus. Die Tragweite dieses Satzes wird uns erst bewusst, wenn wir uns einfühlen in das unsägliche Leiden des Gekreuzigten. Jesus bewältigt dieses Leiden nicht tapfer und heroisch. Er zerbricht beinahe daran und sieht sich von allen verlassen: Seine Freunde sind weg. Das Volk beschimpft und verspottet ihn. Gott, sein Vater, schweigt zu alldem. Ja, wo bleibt Gott in dieser gottlosesten aller möglichen Situationen? Jesus schreit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» Dieser Schrei lässt sich nicht theologisch schönreden. Wir müssen auf ihn hören, so weh er tut. Schweigen wir einen Moment und fühlen uns ein in die Verlassenheit Jesu:

Stille

«Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» So trostlos sie klingen, es liegt doch ein winziger Hoffnungsschimmer in diesen Worten. Sie sind ein Zitat aus dem Klagesalm 22. In der äussersten Not findet Jesus in diesem Gebet Halt und eine Sprache, um vor Gott sein ganzes Elend hinauszuschreien, vor ihm zu klagen, ihn anzuklagen, ohne ihn zu lästern und verfluchen. In diesem Licht wird der erste Spitzensatz unseres Textes verständlicher. Gott war in Christus: Das meint nicht, dass Gott distanziert die Fäden zog und Jesus ans Kreuz steuerte, um so das notwendige Opfer als Voraussetzung der Versöhnung zu leisten. Wenn Gott selbst am Kreuz in Christus war, heisst das, dass er auch in der äussersten Not gegenwärtig blieb und bleibt. Es gibt keinen absolut gottlosen Ort, keine totale Leere. Gott war in Christus – im Moment seiner Kreuzigung. Das bedeutet, dass Gott erst da wirklich gegenwärtig ist, wo alle Güter und Sicherheiten weg sind, wo in irdischer Sicht völlige Leere und Verlassenheit herrschen.

Die meisten von uns kennen die Verlassenheit Jesu am Kreuz nur ansatzweise. Wir leben behütet und friedlich in sattem Wohlstand. Gerade das führt uns jedoch weg von Gott. Wir meinen, wir könnten unser Leben aus eigener Kraft meistern und verdrängen die Tatsache, dass hinter allen Zerstreuungen unseres Alltags das Nichts des Todes lauert. Gott war in Christus. Zum einen trösten uns diese Worte: Sie nehmen uns die Angst vor dem Nichts. Keine Not dieser Welt kann uns von Gott trennen. Zum andern fordern sie uns heraus, zu unterscheiden, was wirklich zählt im Leben: Kein Reichtum und keine Macht, keine noch so hohe gesellschaftliche Stellung schenken uns die Fülle, die bleibt. Wollen wir Gott erfahren, folgen wir wie Paulus Christus nach und leben seine Liebe – auch dann, wenn uns der Wind entgegenbläst.

Ich komme zum zweiten Spitzensatz: Lasst euch versöhnen mit Gott! Eine merkwürdige Aufforderung. Denn eigentlich ist es umgekehrt: Wir stehen in Schuld vor Gott. Wir sind angewiesen darauf, dass er sich mit uns versöhnt. Das ist der Sinn der Opferrituale in den verschiedenen Religionen: Menschen bringen Gott Opfer dar, um ihn versöhnlich zu stimmen, so dass er auf Strafen für ihr Fehlverhalten verzichtet. Im übertragenen Sinn kennen wir diese Rituale bestens. So entschuldigen sich bei mir viele Leute, dass sie nicht in den Gottesdienst kämen. Sie schauten dafür, dass sie im Alltag Gott dienten, nett seien mit den Nachbarn oder einem Hilfswerk spendeten. Ich nehme mich selbst nicht aus. Auch ich kann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich zu wenig bete. Gott opfern, etwas ihm Wohlgefälliges tun, damit er uns gnädig gestimmt ist. Das steckt tief in uns. Paulus kehrt nun den Spiess um: Gott bittet uns, dass wir uns versöhnen mit ihm, dass wir uns nicht abwenden, wenn er unsere Wünsche nicht erfüllt, dass wir uns öffnen für seine Barmherzigkeit, die unsere Vorstellungen sprengt. Lasst euch versöhnen mit Gott! Auch dieser Spitzensatz hat zwei Seiten. Zum einen ist er ein unerhörter Zuspruch: Wir können das Opfern definitiv sein lassen. Die Versuche, den allmächtigen Gott mit Sühneleistungen gnädig zu stimmen, sind kindisch und unnötig: Mit der Kreuzigung Jesu hat uns Gott seine Gnade und sein Erbarmen erwiesen, voll und ganz, unumkehrbar. Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Gottes Angebot verändert uns jedoch von Grund auf: Wenn wir uns auf seine Versöhnung einlassen, werden unsere Wünsche nach Vergeltung und Rache fragwürdig. Wir müssen damit zurechtkommen, dass Gott seine Gerechtigkeit nicht mit Gewalt, sondern mit Erbarmen durchsetzt. Es gibt vernünftige Gründe, warum Gott nicht mit Gewalt eingreift. Würde er das nämlich tun und alle Männer und Frauen, die wir für böse halten, von einem Augenblick auf den andern aus der Welt schaffen, dann käme es im Moment vielleicht zu einem äusseren Frieden. Dieser wäre jedoch alles andere als nachhaltig, weil das Entscheidende nicht geschehen würde: Wir würden, unversöhnt mit Gott, bei unserem Hass und unseren Rachegelüsten bleiben. Sie würden sich einfach auf neue Feinde beziehen.

Lasst euch versöhnen mit Gott! Ein grossartiger Zuspruch – aber auch ein enormer Anspruch: Von uns aus werden wir die destruktiven Gedanken und Gefühle nie los. Wir müssen stets neu unter dem Kreuz durch, den Blick auf den aushalten, der am Unrecht und an der Gewalt stirbt und auf ihn hören. Noch unmittelbar vor seinem Tod betet Jesus für seine Verfolger: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Noch im Moment seines Todes bleibt Jesus bei seiner Liebe und seinem Erbarmen. Diesem Anspruch haben wir uns bei der Gestaltung unseres Alltags zu stellen.

Ich komme zum dritten und letzten Spitzensatz: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Dieser Satz spitzt das Ungeheure, das am Karfreitag geschieht, nochmals zu: Jesus stirbt nicht als verehrter und gepriesener Erlöser und Versöhner. Er wird brutal hingerichtet als Verbrecher. Da ist niemand mehr, der ihn lobt und anbetet. Jesus ist für alle, Mächtige und Kleinbürger, Reiche und Arme, Gebildete und Dummköpfe, der verachtete Verlierer, der Sünder aller Sünder, den man mit bestem Recht beschimpfen, verspotten und bespucken kann. Sogar der eine der beiden Verbrecher, die links und rechts von Jesus am Kreuz hängen, verhöhnt ihn und findet Trost in der Meinung, dass es mit Jesus wenigstens einen Menschen auf der Welt gibt, der noch erbärmlicher und verachtenswerter ist als er selbst.

Nur ein einziger Mensch lässt sich nicht in die Spirale von Hass, Verachtung und Zerstörungswut hineinziehen: Der andere Verbrecher am Kreuz. Er weist den Spötter zurecht. Und er allein erkennt, dass Jesus ohne Sünde sterben muss, während er selbst seine Strafe zu Recht verbüsst. Jesus verspricht ihm: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Ein Verbrecher wird zum ersten versöhnten und erlösten Menschen und damit zum Vorbild des Glaubens!

Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Am Kreuz kommt unser Grössenwahn ans Ende. Wir sind und bleiben Sünderinnen und Sünder. Wenn wir diese Tatsache leugnen und uns einbilden, wir seien bessere Menschen als andere, manövrieren wir uns nur weiter in den Sumpf der Sünde hinein. Wenn wir jedoch wie der Verbrecher zu unserer Schuld stehen und um Vergebung bitten, finden wir Erlösung und Anteil an Gottes Gerechtigkeit. Und wir leben in der Hoffnung auf das Paradies, wo wir die endgültige Versöhnung und den Frieden mit Gott und den Menschen finden. Amen.


Verfasst von:
Thomas Muggli-Stokholm