Matthäus 28,1–8

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Die Zeit des Bebens | Ostersonntag | 05.04.2026 | Matthäus 28,1–8 | Rasmus Nøjgaard |

 

Die Zeit des Bebens

„Fürchtet euch nicht. Er ist auferstanden“, sagt der Engel zu den Frauen. So wiederholen wir es heute – es ist wieder der Morgen der Auferstehung, Ostersonntag, und der Engel sagt zu den Frauen: Er ist auferstanden! Das ist der Kern des Evangeliums, so wie es auch uns trifft. Wenn wir selbst einen geliebten Menschen verlieren: Fürchtet euch nicht. Sie ist auferstanden! Es ist ein Engel, der uns ins Ohr flüstert, wenn wir hören und spüren, wie der Glaube erwacht. Dieser erste Tag einer neuen und verwandelten Zeit. Eine Verwandlung, die geschieht jedesmal, wenn der Engel es wiederholt und wir die ganze Fülle der Worte hören: Er ist auferstanden. Da schlägt das Herz ein wenig schneller, und es geschieht, dass wir eine Gänsehaut bekommen und die Haare sich aufstellen – als stünden wir selbst vor dem Grab, wo das Zittern eines Erdbebens die Beine ins Wanken bringt und ein leuchtender Engel hervortritt und den Stein vom leeren Grab fortwälzt: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat.

Das Verbum, das Matthäus verwendet (ἐσείσθησαν von σείω), bedeutet erschüttern oder beben, und davon abgeleitet ist seismos (σεισμός) – eine Erschütterung, ein Erdbeben –, genau das Wort, das Matthäus verwendet, um zu beschreiben, was in dem Augenblick geschieht, als der Engel des Herrn auf die Erde herabsteigt und den Grabstein fortwälzt. Es wird erlebt wie ein Erdbeben. Die ganze Szene ist dramatisch und umwälzend.

Ich stelle mir vor, es war ein Erlebnis, das bis ins Mark erschütternd war. Die dänische Schriftstellerin Suzanne Brøgger nannte es von dieser Kanzel aus ein Beben. Ein Beben, das wie eine Geburt die Welt neu erschafft und verwandelt – sowohl leiblich als auch geistlich. Ein lebensveränderndes Beben. Wie bei einer Geburt kann man sich diese Erfahrung nicht erlesen; aber jeder, der einer Geburt beigewohnt hat – geschweige denn sie am eigenen Leib erlebt hat –, weiß, dass danach alles wie verwandelt ist. Es lässt sich kein Beweis für das Erlebnis erbringen, aber es ist spürbar. Lebensverändernd. Wir erkennen es in den Frauen am Grab, die eilends fortliefen, mit Furcht und großer Freude – eben nicht nur mit Freude, sondern auch mit Furcht –, vielleicht weil sie noch nicht verstanden, welche Bedeutung dieses Beben für ihr Leben haben würde; genauso wie wir heute wissen, dass es keine Rechnung war, die aufging und ihre Fragen ein für alle Mal beantwortet und ihre Sorgen beseitigt hätte. Es gibt keine rationale Erklärung für diesen Morgen, in dessen Mitte wir stehen – aber es gibt eine Botschaft, die unseren Glauben weckt. Eine Verkündigung, die ein Tor zu einer neuen Welt öffnet, mit einem anderen Horizont als dem, den wir bisher hatten; ein Evangelium, das wir uns im Glauben aneignen können und dessen Botschaft die tiefsten Gefühle der Liebe und der Furcht in uns weckt. Eine Freude über die Gnade, die uns begegnet, und eine Demut darüber, dass das Größte seinen Weg zu uns fand. Ich glaube, wir alle tragen an diesem Ostermorgen diese Erfahrung in uns: dass wir die Auferstehung nicht erklären können, sie uns aber offenbart wird, wenn sie verkündigt wird. Worte sind auch Fleisch geworden, und die Sprache kann sowohl Geist als auch Leib lebendig machen – so wie die Musik einen Körper zum Tanzen erwecken kann, so können die Worte auch den Geist lebendig machen und das Herz zum Schlagen bringen. Der Engel sagte zu den Frauen: Er ist auferstanden!

Die Welt um uns ist ein Chaos aus Unglück, Tod und Leid. Das war sie auch damals. War es nicht stets eine Bedingung des Menschenlebens, dass es gebrechlich, verletzlich und verdorben ist? Wenn der Ostersonntag dennoch so wunderbar ist, dann darum, weil Christus allen Widrigkeiten zum Trotz die Fesseln des Todes bricht und uns zur Hingabe in der Liebe ruft. Christi Antwort auf das Böse ist Liebe, seine Antwort auf den Tod ist Auferstehung. Das leere Grab schenkt uns neue Hoffnung und neuen Mut. Gott begegnet uns mitten in dem Leben, das wir leben, und das leere Grab verkündigt, dass der Auferstandene in unserer Mitte ist. Die Frauen waren von Furcht ergriffen, aber der Engel sagt: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat! Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat. Die Frauen verstehen kaum, was geschehen ist, aber sie wissen, dass es bedeutsam ist, dass es lebensverändernd ist – sie wissen nur nicht wie; sie kennen ihre Zukunft nicht; sie sind zugleich erfüllt von Freude und Furcht angesichts der Verwandlung, die geschehen soll. Nicht unähnlich einer Geburt, die ebenfalls von Freude und Furcht getragen wird und eine Erfahrung jenseits aller Vernunft ist.

Es war auch jenseits aller Vernunft für die Frauen am Grab – und dennoch liefen sie fort. Der Engel beauftragte sie, nach Emmaus zu gehen, denn dort würden sie Jesus begegnen. Als die ersten Apostel gaben sie den Auferstehungsglauben weiter. Das Beben, das sie gespürt hatten, hatte in ihnen Wurzeln geschlagen, so dass sie in der Lage waren, es weiterzugeben: Er ist auferstanden!

Sie verkündeten die Auferstehung, ohne den Auferstandenen gesehen zu haben – sie gaben die Botschaft weiter mit dem Herzen, gestützt auf den Glauben, den Christus in ihnen begründet hatte. Nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Dieses Beben der Liebe wurde an jenem Morgen geboren und hinausgetragen in die Welt, so dass dasselbe Beben uns heute trifft.

Wie begegnen wir ihm? Mit einem Thomas-Glauben, der Beweise haben wollte; mit dem blinden Glauben jener Jünger, die nicht sahen, mit wem sie auf dem Weg nach Emmaus gingen. Erst als Jesus das Brot brach und den Wein segnete, erkannten sie ihn. Gestehen wir es ruhig ein: einen solchen Glauben kennen wir – den Glauben des Zweiflers. Aber auch wir können auf dem Weg geholfen werden am Tisch des Abendmahls, wenn das Brot gebrochen wird. Das Mahl des Zweiflers. So dass auch wir sehen und hören und den Glauben neu geschenkt bekommen.

Die Auferstehung ist ein Beben, das die ganze Existenz erschüttert. Es geschieht, wenn wir unsere Schutzmauern gesenkt haben und wir es am wenigsten erwarten. Wenn wir zuhören und es plötzlich vor unseren Augen geschieht, wenn die Worte lebendig werden und wir das Zittern und das Beben und die Gänsehaut spüren. Eigentlich können wir die Auferstehung nicht lebendig predigen, denn sie geschieht, wann und wo sie will. Das sind Gottes Wunder. Hier in der Kirche begegnen wir der Verwandlung, wenn der Geist sich mit Wasser und Wein vermischt: Vom Bad zum Tisch, so lautet Gottes Wort [Zitat von einem dän. Kirchenlied von N.F.S. Grundtvig: „fra badet til bordet lyder Guds-Ordet“, A.d.Ü.]. Auf diese Weise ist jeder Sonntag eine Feier des Osterbebens und kann eine lebenswichtige Wiederholung jenes Wortes sein, mit dem der Engel die Frauen tröstet: Er ist auferstanden.

Das Besondere am Ostersonntag ist die kurze Bewegung: vom Fest des Palmsonntags, dem gemeinsamen Mahl am Gründonnerstag, dem leidvollen und entsetzlichen Karfreitag zur reinen Auferstehungsfreude dieses Morgens. Es ist ein Spiegel des Lebens, in dem sich die Tage schnell wandeln und uns an dem einen Tag Freude und am nächsten Trauer bringen. Das Überraschende ist, dass der Tod niemals das letzte Wort hat, denn Christus hat uns bereits seine Liebe, die Vergebung und den Segen des ewigen Lebens geschenkt.

Die zwei Frauen laufen fort vom Grab Jesu mit Furcht und großer Freude. Sie schauen in das leere Grab und spüren nun, wie ihr Herz schneller schlägt; sie ahnen, wie sich der Himmel öffnet, und Maria Magdalena und die andere Maria spüren, wie die Trauer des Karfreitags sie loslässt im Glauben an den lebendigen Christus. Ich stelle mir vor, dass sie die Ewigkeit gespürt haben müssen – die Befreiung der Versöhnung, die aus Gottes grenzenloser Liebe strömt.

Es ist ehrfurchtgebietend und es ist wunderbar; es ist lebensverändernd: Fürchtet euch nicht. Christus ist auferstanden!


Rasmus Nøjgaard
Pastor, Skt. Jacobs Kirke, København
rn@km.dk