Jesaja 40,26–31

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Adlerflügel unter blauen und unter grauem Himmel | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Jes 40,26–31 | Katharina Wiefel-Jenner

 

Adlerflügel unter blauen und unter grauem Himmel

In Glaucha, einem kleinen Ort vor den Toren Halles, übernahm 1692 ein ambitionierter und frommer Theologe seine erste Pfarrstelle. Er hieß August Herman Francke. Was er in seiner Gemeinde erlebte, war desaströs. Die Menschen lebten unter prekären Bedingungen. Armut, Alkoholismus, Krankheiten und Arbeitslosigkeit herrschten. Die Kinder konnten nicht lesen und mit dem Glauben an den Gottes Gnade waren sie auch nicht vertraut. Als Francke 4 Taler und 16 Groschen in seiner Kollektendose fand, gründete er mit dem Geld eine Armenschule. Mit Hilfe von vermögenden und mächtigen Sponsoren entstand aus dieser kleinen Schule eine weltbekannte Bildungsinstitution, die Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale. Das Zentrum dieser Stiftungen war eine regelrechte Schulstadt. Einflussreiche Familien schickten ihre Kinder nach Halle und diese trugen die Ideen Franckes in alle Welt. Das Herzstück der Schulstadt war das Waisenhausgebäude, ein barocker Bau, schlicht und prachtvoll zugleich. Im Giebel leuchtet eine goldene Sonne, auf die zwei Adler mit gespreizten Flügeln zufliegen. Die Vögel halten mit ihren Füßen ein blaues, gewelltes Schriftband mit den Worten: „Die auf dem Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Daneben steht Jes. 40.31 – also der abschließende Vers unseres Predigtabschnitts.

Ja, so hat Francke das empfunden. Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft. Er hat auf den Herrn geharrt und gründete seine Armenschule in Glaucha. Er hat auf den Herrn geharrt und es entstand ein gigantisches Unternehmen, das Beziehungen in alle Welt pflegte und die Lebenshaltung von Generationen prägte. Alles scheint ihm gelungen zu sein. Als sei sein Projekt wie ein Adler von seinem Horst aufgestiegen und majestätischen durch den Himmel geflogen. Rückschlage wären für ihn wohl ein Zeichen von der Müdigkeit gewesen, die schon der Prophet beklagt. Francke sah den Erfolg seiner Unternehmungen als Folge seines unerschütterlichen Vertrauens auf Gott. Wer auf Gott harrt, kann gegen die lähmende Müdigkeit etwas ausrichten. Wer auf Gott harrt, wird nicht mehr vor Müdigkeit stolpern und das Werk zur Ehre Gottes in Gefahr bringen. Wer auf Gott harrt, ist hellwach und hat Kraft, das Unmögliche zu tun. Das Prophetenwort im Giebel des Waisenhauses war ein Bekenntnis, eine Botschaft, ein Motto und Ausdruck von Franckes Gewissheit. Francke kannte schließlich nicht nur diesen einzelnen Vers, den er auch noch ein wenig kürzen musste, damit er in den Giebel passt. Er kannte unseren gesamten Predigtabschnitt. Er hatte vor Augen, welche Müdigkeit der Prophet meint.

             Jesaja 40,26–31

Jesaja spricht zu den Müden, deren Müdigkeit chronisch ist. Kein Ausschlafen hilft gegen solche Müdigkeit. Der Prophet sah die Menschen, die ihre Müdigkeit nicht abschütteln können, die sich am Ende angekommen fühlen. Die Welt hat sich im Elend eingerichtet und die Menschen mit ihr. Was blieb ihnen anderes übrig, als sich an das anzupassen, was die Mächtigen von ihnen erwarten. Sie müssen Kompromisse schließen, um ihren Kindern die Zukunft nicht zu verbauen. Sie müssen sich damit zufriedengeben, dass sie halbwegs sicher leben, aber von der Freiheit träumen sie nur. An den Tempel in Jerusalem haben nur die Alten noch Erinnerungen. Von Gott haben sie auch schon lange nichts mehr gehört. Jeder Gedanke an die Zukunft macht müde. Die Mächtigen beuten diese Welt mit ihrer Gier aus und preisen sich als Sieger.

Franckes Waisenhaus hat goldene Zeiten erlebt – so golden wie die Sonne auf dem Giebel. Die Schulstadt, das Waisenhaus und seine Betriebe entwickelten sich. Die Fassade mit dem Giebel verkündete die stolze Botschaft vom Gottvertrauen.

Die Menschen müssen nur ihre Köpfe heben und die Schrift auf dem Giebel lesen. Das Prophetenwort ist in der Welt. Immer noch spricht der Prophet und verkündete den Müden und denen, die durch das Leben stolpern, woher sie Lebenskraft und ihren Mut finden können. Selbst in den Zeiten, als die Mächtigen von Gott nichts hielten, blieb das Prophetenwort lesbar. – Haben die Mächtigen nicht verstanden, was da unter dem Himmel gehängt war? Unter grauem Himmel leuchtete immer weiter das Motto des Gottvertrauens für die, die schon lange nichts mehr von Gott gehört haben.

Gelegentlich fühlten sich die Machthaber in Franckes Stadt dazu veranlasst, die Fassade des Waisenhauses neu zu streichen. Dann wurde auch das Prophetenwort aufgefrischt und die von Gott ferngehaltenen Menschen konnten die Botschaft in goldenen Buchstaben über ihren Köpfen lesen. Sie mussten nur ihre Köpfe heben und aufschauen. Der Himmel war zwar grau, aber die Schrift war da. Der Himmel war gesättigt von giftiger Chemie und Gestank. Eine futuristische Hochstraße wurde mitten durch das Waisenhausgelände gebaut. Die Schrift blieb. Die Mauern drum herum verfielen, der Putz bröckelte. Die Adler und die Sonne wurden unansehnlich. Die Schrift verblasste. Als die Mächtigen das Haus dem Verfall preisgaben, konnte man die Worte des Propheten trotzdem lesen. Als auch die Macht der Mächtigen allmählich verfiel, konnte man die Schrift immer noch mitten im Grau entziffern.

Als der Prophet seine Worte an die Müden richtete, ging es ihm nicht nur darum, dass die Müden mutig werden und Gott vertrauen. Er zeigte den Erschöpften, wer wirklich Macht hat. Macht haben nicht die, die über die Erde und ihre Ressourcen zu herrschen meinen. Nicht die, die in der Lage sind, die Luft zu vergiften, den Himmel mit Blut zu tränken und Trümmer hinterlassen. Wirkliche Macht ist nicht in den Händen derer, die mit Angst vor der Zukunft regieren und die Menschen um ihrer Kinder willen zu Kompromissen zwingen. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ist Herr der Welt. Gottes Macht ist größer. Selbst wenn der Himmel grau ist und alles verfällt, bleibt das Versprechen des Propheten gültig. Die Müdigkeit angesichts der aussichtslosen Zustände schwindet mit dem Vertrauen zu Gott. Die Mächtigen können mit ihrer Maßlosigkeit die Schwachen in eine bleierne Müdigkeit zwingen. Gottes Macht weckt auf und schenkt neues Leben. Gott gibt denen recht, die die Augen heben und nicht auf die Mächtigen dieser Welt vertrauen.

Die Müden, zu denen der Prophet sprach, haben es dann erlebt, wie sich Gottes Macht zeigte. Sie konnten aus dem Exil nach Jerusalem zurückkehren.

Die Schrift im Giebel des Waisenhauses blieb unter dem Grau immer sichtbar. Als die Sonne nicht glänzte und die Adlerflügel von Schmutz schwer waren, blieb das Versprechen des Propheten weiterhin gültig. Und dann geschah es: Die Sonne strahlte in neuem Glanz, die Adler hielten wieder mit goldenen Klauen das Prophetenwort fest.

Die Rückkehr der Müden nach Jerusalem war großartig. Das Versprechen des Propheten war zuverlässig. Aber die Heimgekehrten haben das Glück nicht festgehalten.

Das Waisenhaus ist saniert und zieht Besucher aus aller Welt an. Die Sonne glänzt, der Himmel ist unbelastet, die Luft sauber und die Botschaft des Propheten ist sichtbar. Aber wer schaut zu ihr heute auf? „Die auf dem Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“


Katharina Wiefel-Jenner, geb. 1958, Pfarrerin i.R., bildet in Berlin als Dozentin für Liturgik und Homiletik Ehrenamtliche für den Verkündigungsdienst aus.