Jesaja 40,26–31

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Gestärkt und getragen von Gottes Liebe | Quasimodogeniti | 12.04.2026 | Jes 40,26–31 | Peter Schuchardt |

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen! Amen

 

Gestärkt und getragen von Gottes Liebe

Liebe Schwestern und Brüder,

„Ich fühle mich wie neugeboren!“: Ich bin stark, ich bin jung, ich kann alles. Zumindest verspricht mir das das Duschgel in der Werbung. Einmal unter die Dusche springen, einseifen, abspülen – und zack! –bin ich wie neu. Dasselbe versprechen mir auch der Kaffee und die Diät, die ich unbedingt ausprobieren soll. Einfach nur die Nahrung umstellen, oder diesen oder jenen neuen Trendsport machen. Dann bin ich wie neugeboren! Habt ihr das schon mal gehört? Habt ihr das schon mal erlebt? Also, ich weiß, wie erfrischend eine Dusche nach einer langen Wanderung sein kann, oder auch ein Bad im kühlen See. Und meine Tasse Kaffee am Morgen schmeckt mir auch. Doch bin ich dadurch wie neugeboren? Wurdet ihr schon mal durch eine Dusche oder einen Kaffee ein neuer Mensch? Ein alter deutscher Schlager singt „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben!“ Da steckt wie in manchem simplen Schlagertext ja eine tiefe Wahrheit und Erfahrung drin. Wenn du dich nach langer Zeit des Alleinseins, nach einer schwierigen Beziehung, nach dem Tod der Partnerin wieder neu verliebst: das kann wie ein neuer Anfang sein. Und ich gönne es allen von Herzen, die das nach Trauer und Alleinsein erfahren dürfen.

Es gibt aber auch das andere, den unbedingten Wunsch: ich möchte jetzt noch mal neu anfangen! Das passiert oft bei Männern und Frauen in den mittleren Lebensjahren, so mit 45, 50. Midlife crisis, sagt man dann. Die Kinder sind aus dem Haus, die Karriereleiter ist erklommen, das beginnende Alter zeigt sich körperlich und auch in der Seele. Da lassen dann manche Männer Frau und Kinder und manche Frauen Kinder und Mann hinter sich, um mit einem neuen, oft jüngeren Partner neu anzufangen. So etwas passiert. Ich glaube, bei vielen steckt da der Gedanke und das Gefühl dahinter: ich bin noch nicht alt – auch wenn ich älter geworden bin.

Solche Affären und Liebesbeziehungen machen aber nicht automatisch glücklich. Und sie schenken eben kein neues Leben. Denn ich werde ja weiterhin älter, auch wenn ich eine neue Partnerin, einen neuen Partner habe. Doch es gibt eine Riesenangst davor, alt zu werden, bei Frauen und bei Männern. Denn alt bedeutet ja schwach werden, weniger zu können, weniger leisten zu können, unnütz zu sein. Und darum ändern in dem Zeitraum von 45–55 viele Menschen plötzlich ihre Ernährung, treiben wieder Sport, gehen vielleicht sogar zum Schönheitschirurgen. Nur, um nicht alt zu sein, um jünger zu erscheinen. Manche Wissenschaftler träumen davon, den Alterungsprozess aufhalten, verlangsamen oder gar ganz stoppen zu können. Ich halte das für den verkehrten Weg. Denn es ist eine Flucht, ein weggucken vor dem natürlichen Lebensweg eines Menschen. Bei diesem Weggucken sind es auch Fragen, die einen bedrängen, Fragen wie: Wer kümmert sich um mich, wenn ich nicht mehr so kann, wer beschützt mich, wer ist an meiner Seite, wer liebt mich denn, wenn ich alt und hinfällig werde, krank und am Boden bin?

Die Bibel kennt diese Fragen. Wer ist bei mir, wenn ich alt werde, wenn Krankheit mich schwächt? Und sie kennt auch das Gefühl der Jünglinge und Männer, die allmählich an Kraft und Ausdauer verlieren. Aber die Bibel kennt auch das, was uns wirklich neue Kraft gibt, was uns aufstehen und mit Freude unseren Weg gehen lässt. Davon erzählt uns der heutige Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat!
Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl.
Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei. Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen. Wie kannst du da sagen, Jakob, wie kannst du behaupten, Israel:
»Mein Weg ist dem Herrn verborgen! Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!«
Hast du’s noch nicht begriffen? Hast du es nicht gehört? Der Herr ist Gott der ganzen Welt.
Er hat die Erde geschaffen bis hin zu ihrem äußersten Rand.
Er wird nicht müde und nicht matt. Keiner kann seine Gedanken erfassen.
Er gibt dem Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark.
Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen.
Aber alle, die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft.
Sie fliegen dahin wie Adler.
Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde. (Jes 40,26–31 BasisBibel)

 

Diese Worte, liebe Schwestern und Brüder, sprechen in eine besondere Situation des Volkes hinein. Ihren Staat gibt es nicht mehr, die großen und mächtigen Babylonier haben ihn erobert. Der Tempel ist zerstört. Die Oberschicht des Landes, Priester, Wissenschaftler, Politiker und ihre Familien, verschleppt ins Ausland – so machte man das damals. Und Gott? War nicht die Niederlage des Volkes auch eine Niederlage Gottes? Hatten die anderen Götter sich nicht als stärker erwiesen? Wo war denn nun der große Gott Israels, der damals doch das Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten herausgeführt hat? Hatte er sich zurückgezogen? Hatte er sein Volk vergessen? Waren ihm die Menschen, die auf ihn vertrauen, letztlich egal und schnuppe? Da fängt der Prophet an zu erzählen: „Kopf hoch!“, das ist das Erste, was er sagt. „Guckt nach oben!“ Wir sagen das ja auch gerne zu Menschen, die eine Niederlage erlitten haben oder denen etwas Schweres widerfahren ist: „Kopf hoch, wird schon wieder. Also lauf nicht geknickt durch die Welt, auch wenn dir danach ist. Nein, Kopf hoch, mein Junge, mein Mädchen, lass dich nicht unterkriegen!“ Wenn wir das so sagen, dann ist das ein Vertrösten. Jesaja aber sagt viel mehr: „Guck mit den Augen nach oben, aber richtig nach oben in den Himmel. Da siehst du die Sonne, den Mond und die Sterne, das große Himmelsgewölbe. Dann erkennst du, wer das alles erschaffen hat.“ Gott, unser Gott, hat den Himmel und die Erde, die Planeten und Gestirne erschaffen. Und wenn es Abend wird, dann lässt unser Gott diese Sterne nach und nach leuchten, er lässt sie aufmarschieren, sagt Jesaja. Nun müsst ihr wissen, liebe Schwestern und Brüder, dass die Sterne im alten Babylon als Götter angebetet wurden. Ja, das Volk der Babylonier hatte sich als mächtiger als Israel erwiesen. Doch nun sagt Jesaja: „Deren Götter sind nur wie Spielzeug für Gott. Er ruft sie, und sie müssen kommen. Die Götter der Babylonier sind gar keine Götter, das sind nur gehorsame Diener unseres Gottes.“ Mancher der Israeliten mag geschmunzelt haben bei diesen Worten. Gott, der Gott Israels hat die Welt, den Himmel und die Sterne erschaffen. Und dieser große und mächtige Gott, der sorgt sich um sein Volk sorgt sich um seine Menschen. Junge Männer und starke Krieger, auch die Krieger Babylons, die werden irgendwann müde und fallen hin. Auch das mächtige Heer der Großmacht wird einmal in sich zusammenfallen. Aber alle, die auf Gott vertrauen und auf seine Hilfe warten, die werden von Gott neue Kraft bekommen. „Und dann“, sagt Jesaja, „wie durch ein Wunder: sie rennen und laufen und werden gar nicht müde. Sie fliegen wie die Adler, höher, immer höher und weiter.“

Das ist ein Mutmachtext, liebe Schwestern und Brüder, ein Mutmacher für alle im Volk Israel, die damals auf Hilfe und Trost warten. Und es ist ein Mutmacher für uns heute. Denn auch die Lage in der Welt heute kann uns ja viel, viel Kraft kosten. Können wir denn mit unserer kleinen Kraft, mit unserem geringen Einfluss überhaupt etwas tun? Sind wir nicht einfach den Großen und Mächtigen ausgeliefert? Nein, das sind wir nicht, liebe Schwestern und Brüder. Denn in uns Christen lebt eine Hoffnung und eine Erfahrung, die wir seit dem 1. Ostermorgen in uns tragen. Es ist die Erfahrung: „Jesus ist auferstanden!“ Der Tod hat nicht gesiegt, sondern Gottes grenzenlose Liebe. Diese Liebe ist so stark, sie kann uns verwandeln. Sie macht aus Trauer Freude, aus Angst Hoffnung, aus Verzweiflung Zuversicht. Und sie macht aus geknickten, enttäuschten, trostlosen Jüngern und Jüngerinnen die große weltweite Gemeinschaft, die von der Hoffnung auf Gottes Liebe lebt. Mit jedem Gottesdienst, mit jedem Gebet, mit jedem Lied, das wir zur Ehre Gottes singen, tragen wir diese Hoffnung und diesen Trost weiter. Die ersten Frauen und Männer, die die Auferstehung erfahren, die sind wirklich wie neu geboren. Sie fliegen dahin wie Adler, sie strahlen vor Freude, sie gehen in die Welt und erzählen unermüdlich von dieser frohen Botschaft. Und diese Botschaft heißt: Du bist getragen und wirst gestärkt durch Gottes Liebe. Die kann uns wirklich dazu bringen, dass wir uns wie neugeboren fühlen. Denn Gott schenkt uns diesen neuen Anfang. Er bricht die Macht des Todes. Er leuchtet mit seinem Licht in unser Dunkel. Er vergibt uns unsere Schuld. Er lässt uns einen neuen Anfang in unserem Leben wagen.

Quasimodogeniti, so heißt dieser 1. Sonntag nach dem Osterfest seit alter Zeit. „Wie die neugeborenen Kinder“ meint das übersetzt, „wie neugeboren“. Eine Woche zuvor, in der Osternacht wurden diejenigen, die Christ werden wollten, getauft. Nach einer Woche voller Feiern und Lernen trugen die Neugetauften im Gottesdienst an diesem Sonntag das weiße Taufkleid, das sie als Zeichen ihres neuen Weges mit Gott an hatten. Sie waren ja „wie neugeborene Kinder“ im Glauben. Daher heißt dieser Sonntag auch „Weißer Sonntag“ abgeleitet, den einige von euch vielleicht kennen.

In unserer Zeit tragen die Täuflinge nicht mehr oft ein weißes Kleid, und die als Erwachsene zur Taufe kommen, erst recht nicht. Aber weiter gilt:  In der Taufe beginnt der neue Weg eines Menschen mit Gott.  Dieser Gedanke zieht sich durch die Zeiten hindurch. Er zeigt uns: Wer auf Gott vertraut, der kann neu anfangen. Der kann aufstehen nach einer schweren Zeit. Der kann auferstehen, schon jetzt in diesem Leben. Auferstehen mit Gottes Kraft. Er wird nicht müde, er wird laufen und wirken können, weil Gott ihn stärkt und trägt – jeden und jede von uns, liebe Schwestern und Brüder.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen


Liedvorschläge
Er ist erstanden, Halleluja EG 116
Du meine Seele, singe EG 302
Nun lob, mein Seel, den Herren EG 289, bes. 1
Gott gab uns Atem EG 432
Ins Wasser fällt ein Stein EG 620


Pastor Peter Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: peter.schuchardt@kirche-nf.de

Peter Schuchardt, geb. 1966, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), seit 1998 Pastor an der St. Nikolai Kirche in Bredstedt/Nordfriesland (75%), seit 2001 zusätzlich Klinikseelsorger an der DIAKO NF/Riddorf (25%).