1. Petrus 2,21b-25
Mit Badeschlappen im Hochgebirge | Misericordias Domini | 19.4.2026 | 1. Petrus 2,21b-25 | Udo Schmitt |
Jesu geh voran. Er hat euch ein Vorbild hinterlassen, lesen wir hier. Eine Druckvorlage. Ein Ausmalbild. Der Rahmen ist vorgegeben, wir müssen es mit Farbe füllen. Mit Leben füllen. Mit unserem Leben füllen. Klingt leicht. So malen – das kann doch kann jeder, oder?
„Ihr sollt nachfolgen“, lesen wir hier weiter, in seine Fußstapfen treten. Der Weg ist vorgezeichnet. Eine Spur ist gelegt, wir sind ihm auf den Fersen. Es ist wie im Urlaub am Strand, da ist eine Spur, deutlich und klar. Pfeifend schlendere ich hinterher. Singe und lobe Gott. Und die Sonne scheint dazu. Es gibt kein Vertun. Klingt doch einfach. Alles „easy“. Kann doch jeder, oder?
Ja. Klingt gut. Und dann lese ich weiter: „Er hat keine Sünde getan.“ Und schon stocke ich. Komme ins Grübeln. Und frage mich: Und ich? Ich: Keine Sünde?? Also, O.K., nichts Schlimmes, kein Mord und so. Aber andererseits… Der Weg am Strand, der gerade noch so gerade war, erscheint mir auf einmal ganz schön steil. Unversehens bin ich im Hochgebirge. Und habe nur Badeschlappen an.
„Und in dessen Mund sich kein Betrug fand“, so heißt es weiter. Nichts Falsches. Nie ist ein nutzloses und unwahres Wort über seine Lippen gekommen. Wenn er etwas gesagt hat, dann hatte er auch was zu sagen, und was er sagte, war wahr. Klingt gut. Und ich? Ich verstumme. Im Hochgebirge wird die Luft schnell dünn. Da spare ich mir lieber jedes Wort, jede Antwort. Jetzt nichts Falsches sagen.
„Der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, der nicht drohte, als er litt.“ Also als Ideal find‘ ich das schon schön. Aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Manchmal da wünsche ich mir sogar, ich hätte eine Antwort parat. Wenn mir einer frech kommt. Mir die Vorfahrt nimmt. Mir über den Mund fährt. Und mich zurücksetzt. Also manchmal, da möchte ich… Also, da würde ich schon gern…
„Aber er stellte es anheim dem, der gerecht richtet.“ Gut. Da komme ich wieder ein Stück weit mit. Wir sollen nicht selber richten. Uns nicht rächen. O.K., manchmal ist das hart, manchmal möchte ich schon zurückschießen (also mit Worten), aber wir sind ja in einem zivilisierten Land. Und selbst wenn nicht: Besser ich vertraue darauf, dass Gott mich rächen wird. Jesus konnte verzichten, weil er wusste, dass Gott das letzte Wort hat. Also verzichte ich auch.
Weiter heißt es über Jesus: „Der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.“ Er hat unsere Sünden hinaufgetragen. Also nach Golgatha. Er hat es selbst getan. Wir hätten es auch nicht tun können. Wir sind Teil dieser Welt. Einer Welt, die sich nach Frieden sehnt. Und die diesen Frieden doch nicht selbst machen kann. Immer wieder beklaut der Reiche die Armen. Immer wieder fliehen die Armen vor Hunger und Krieg. Immer wieder regiert Gewalt und immer wieder reagiert Gegengewalt darauf. Und danach heißt es dann: Ich kann nichts dafür. Der andere hat angefangen. Eigentlich bin ich ja ganz anders. Ich komm nur viel zu selten dazu.
Darum, weil wir es nicht selbst tun können, hat er, der eine Reine, der von keiner Schuld wusste und kein unwahres Wort gesprochen hat, unsere Schuld mitgenommen, sich aufgeladen, hinaufgetragen an das Holz. Damit wir leben. Aber nicht so weiter wie bisher. Sondern damit wir jetzt für die Gerechtigkeit leben. Also so leben können, wie es vor Gott richtig erscheint. Im Lichte von Ostern. Im Lichte der Auferstehung. Durchglüht von Gottes Liebe zu allen Menschen.
„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ Das ist der Sinn von Karfreitag, der Sinn eines an sich sinnlosen Todes. Dass Gott diesen einen nicht im Tod lässt, sondern wieder belebt, leben lässt, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren sind, sondern das ewige Leben haben. Für euch ist er gestorben. Für euch ist er auferstanden, damit auch ihr lebt. Für euch! Vielen Menschen (auch vielen Theologen) ist dies heute ein Ärgernis. Eine Provokation. Sie wollen das nicht so stehen lassen. Und es nicht annehmen für ihr Leben. Dass auch sie dessen bedürfen. Dass sie, ja sie, es bitter nötig haben, lebens-not-wendig nötig haben, dass einer hingeht und sich für sie opfert. Also für mich, sagen sie dann gern, hätte das ja nicht sein müssen. Das wär‘ doch nicht nötig gewesen! Klingt höflich. Ist aber vielleicht nur dümmlich. Oder eitel. Was dasselbe ist. Nein. Für mich. Für mich hat er dies getan. Ich hätte es nicht selber tun können – für mich. Und auch für keine andere, keinen andern. Wir haben ja schon genug damit zu tun, uns selbst im Blick zu behalten. Und nicht mal das klappt.
„Denn ihr wart irrende Schafe“, heißt es hier weiter: „aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten
und Bischof eurer Seelen.“ Hier liegt eine weitere Provokation: Schafe! Schafe!! Pffft! Ich bin doch kein Schaf. Ich bin eine selbstbestimmte Frau, oder ein Mann, der weiß, was er kann, ich habe mein Leben im Griff. Also, bitteschön, erzähl das woanders, dass ich ein Schaf bin.
Schön, schön. Sage ich und denk bei mir: Die gleichen Leute sind es meistens und übrigens, die nichts von Gott wissen wollen, solange es ihnen gut geht, die dann jammern, wenn es ihnen schlecht geht und anklagend fragen: Wo war da Gott! Das ist dann ja schön sortiert: Wenn es läuft, dann war das meine eigene Genialität. Wenn es nicht läuft, ist Gott schuld. Oder irgendwer anders.
So sieht sich der moderne Mensch. Und so sieht er sich gern. Dass er die Dinge im Griff hat. Dass er alles bestimmen kann. Nicht nur das Fernsehprogramm. Auch sein Aussehen, Ansehen, sein Alter und sein Ableben. Alles fest im Griff. Oder? Denkste! Habt ihr euch etwa das Jahrhundert aussuchen können, in dem ihr lebt? Oder habt ihr entscheiden dürfen, ob ihr Spanier seid, Griechen, Türken, Syrer oder Deutsche? Was könnt ihr also dafür, dass ihr Sauerkraut mögt und beim Tanzen eine lächerliche Figur abgebt? Was können die anderen dafür, dass man sie foltert, verfolgt und vertreibt aus ihrem Land? Bloß weil sie das falsche Aussehen haben, die falsche Religion oder die falschen Vorlieben, sei es musikalischer oder literarischer oder anderer Natur. Wie auch immer.
So vieles in unserem Leben ist nicht planbar und steuerbar. Je nachdem wo und wann du geboren wirst, entscheidet darüber, ob du reich geboren wirst oder arm bleibst, ob du überhaupt leben darfst oder ob du stirbst. Wie sprecht ihr dann von Selbst-Bestimmung und Autonomie? Das ist eine Fata Morgana, oder bestenfalls ein Luxus für die Reichen. Für die oberen Zehntausend. Aber all die Angestellten und Ausgebeuteten, all die Unfreien und Sklaven, an die sich der Petrusbrief auch wendet, könnten euch sagen: Freiheit, Selbstbestimmung? Das ist etwas, das man sich leisten können muss.
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Obwohl ihr ausgebeutet, vertrieben, geschmäht werdet, Wertlose seid in den Augen der Reichen und Mächtigen, nicht weiter der Rede wert, bestenfalls Stimmvieh, ist Jesus für euch eingetreten, hat sich selbst aufgeopfert, sein Leben gegeben. So kostbar, so wertvoll seid ihr ihm. Jesus: er, der für euch litt, starb und auferweckt wurde von Gott, er ist der Hirte eurer Seelen. Er tritt auch weiterhin für euch ein beim Vater, übernimmt die Verantwortung für euch. Und er gibt euch die Richtung vor. Und wenn ihr das Wort vom Hirten und den Schafen nicht mögt, dann sagt: Gott ist wie ein D.J., er legt die Platten auf und bestimmt den Rhythmus meines Lebens. Er ist mein Personal-Coach, er sagt mir, was gut für mich ist, führt mich durch mein Trainings-Programm. Oder: Gott ist mein Trainer und Jesus mein Spielmacher, er gibt mir die Steilvorlage, er spielt die Pässe in den Raum. Ich brauche nur hinzulaufen. Und das Tor steht offen vor mir. Ja! Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.
Sucht es euch aus. Aber das eine ist klar: Jesus ist der Herr. Er ist der, der vorausgegangen ist. Und wir folgen ihm nach. Er ist die Folie, die Vorlage, das Ausmalebild. Und wir müssen es mit Farben füllen, mit Leben füllen, mit unserem Leben füllen.
Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.
Liedvorschläge:
EG 391 Jesu, geh voran
EG 395 Vertraut den neuen Wegen
EG 210 Du hast mich, Herr, zu dir gerufen
GL 822 Zeige uns den Weg, wenn der Morgen winkt
Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.
Dorfstr. 19 – 42489 Wülfrath (Düssel)
udo.schmitt@ekir.de