Johannes 15,1–8
Jubilate | 26.04.2026 | Joh 15,1–8 | Stephan Lorenz |
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Gärtner. Jede Rebe, die keine Frucht bringt, schneidet er ab; und eine jede, die Frucht bringt, beschneidet er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon beschnitten aufgrund des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe. Bleibt vereint mit mir, wie ich mit euch, denn wie der Zweig nicht aus sich selbst, ohne den Weinstock, Frucht bringen kann, könnt ihr auch keine Frucht hervorbringen außerhalb von mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Die vereint mit mir bleiben und ich mit ihnen, sind die, die viel Frucht tragen, denn außerhalb von mir könnt ihr nichts tun. Wer ein Mensch nicht mit mir vereint bleibt, wird er weggeworfen wie eine Rebe und vertrocknet. Solche Reben werden gesammelt und ins Feuer geworfen, wo sie verbrannt werden. Wenn ihr in mir vereint bleibt und meine Worte mit euch, dann bittet, worum ihr wollt, und es wird für euch geschehen. So wird mein Vater verherrlicht, indem ihr viel Frucht tragt, so werdet ihr euch als meine Talmidim (Schüler) erweisen.[1]
Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben. Eine bekannte Stelle. Wegen ihrer Wirkungsgeschichte auch eine schwierige, problematische. Im Bild des Weinstocks beschreibt sie die Verbindung, die wir zum auferstandenen Christus haben können. Christen und Christus sind wie Reben an einem Weinstock.
Johannes lässt Jesus sagen: Ich bin der wahre Weinstock. Nicht irgendeiner, nein, der wahre. Es gibt auch andere Weinstöcke. Zur Zeit Jesu und des Johannes ist der religiöse Markt voll. Viele Philosophien, Lebensentwürfe, Religionen, esoterische Zirkel bieten sich an. Überall werden Gedanken zur Lebenskunst verbreitet. Wenig Unterschied zum Heute. Lebensversprechungen werden uns viele gemacht. Manch einer läuft von Versprecher zu Versprecher, ohne letztlich zu finden, was sie für sein Leben versprechen.
Was macht Jesus zu einem Weinstock der besonderen Art, zum wahren Weinstock? Für mich ist es die Art und Weise, wie Jesu uns Menschen nahekommt. Er stellt nicht zuerst Forderungen oder Regeln, die man erfüllen muss, um zum Vertrauen in Gott und ins wahre Leben zu gelangen. Nein, zuerst ist Jesus jemand, der einen annimmt: Du bist wer! Du musst nicht erst jemand werden! Der einfache Fischer, der unbeliebte Zöllner, der politische Aktivist, der Verräter, der Verleugner, der Aussätzige, die Hure, der Gottlose, jeder und jedem wendet sich Jesus zu. Eine Beziehung zu Jesus und Gott muss nicht erst erarbeitet werden, sie ist von Anfang an und immer da. Von Gott wird sie niemals unterbrochen. Wir können sie annehmen und erfahren. Darauf können wir vertrauen. Heute würde man sagen: Jesus macht uns ein niederschwelliges Beziehungsangebot: ‚Wie auch immer Du lebst und was auch immer du gemacht hast, Du bist es wert, dass ich mich dir zuwende‘.
Das zweite: Er gibt. Im Vergleich zu vielen anderen religiösen Führern und Gruppen steht vornehmlich sein Geben, seine persönliche Hingabe. Im Bild des Weinstocks: er erbringt seine Früchte nicht für den Eigenbedarf, sondern damit sich andere daran freuen können, andere leben können. Jesus will nichts für sich, hat keinen Hintersinn, kein Interesse, seine eigene Person zu bereichern, bestimmte persönliche Bedürfnisse befriedigen. Der Mensch, das Vertrauen in Gott und die Freude am Leben, die Liebe zu den Menschen, ja die Ermöglichung eines sinnvollen Lebens sind Ziele seines Werbens um uns. Das will Jesus geben.
So könnte man das Bild vom wahren Weinstock, der wirklich uns und unser Leben im Blick hat, verstehen. An ihn können wir uns anhängen, aus ihm können wir Lebenskraft ziehen. Von diesem Weinstock werden wir gut versorgt.
Mein Vater ist der Gärtner, sagt Jesus. Die Reben werden gereinigt – so geht das Bild weiter. Das löst widersprüchliche Gefühle aus. Vielleicht Furcht, oh je: Wenn ich nicht genug Frucht bringe, werde ich abgeschnitten, und werde ins Feuer geworfen.
Doch für Johannes ist Jesus keiner, der Angst machen will. Reinigen bedeutet wieder Beachtung: wir sind wichtig. Ich als Rebe bin wichtig für das ganze Wachsen. Eine wichtige Rebe wird auch gereinigt. So wie wir es gerade in unseren Gärten tun, wenn wir die Bäume, Büsche und Blumen beschneiden, damit sie umso frischer wachsen können.
Wir sind nicht perfekt. Da gibt es manches, was wir lieber verbergen wollen, worauf wir nicht stolz sind. Das Bild der Reinigung heißt auch, Jesus kennt diese Seiten und nimmt sie weg. Sie werden unser weiteres Leben zum Guten nicht mehr behindern.
Die Beziehung zu Jesus bedeutet aber auch: Ich setzte mich mit seinem Lebensangebot, mit seiner Haltung auseinander. So geht Nachfolge, seinem Vorbild folgen, sich von seinem Lebensentwurf leiten lassen. Heißt auch: Selbstreinigung. Busse tun. Mich besser machen wollen.
Wir sehen und erleben manches, was andere menschliche Vorstellungen vom Leben propagieren, aber letztlich unser Leben verhindert. Möglicherweise ist es vorteilhafter, Verzicht zu üben, anderen Raum geben. So wie Gott Raum zum Leben gibt. Das könnte gerade in diesen Kriegszeiten wichtig sein. Wir, die wir in Sicherheit und Wohlstand leben dürfen, sollten vielleicht bereit sein, unseren Konsum einzuschränken. Wir sollten nicht den Tyrannen, die der Papst benannt hat, das Wort reden und hinter ihnen herrennen.
Johannes lässt Jesus sagen: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Die vereint mit mir bleiben und ich mit ihnen, sind die, die viele Frucht tragen, denn außerhalb von mir könnt ihr nichts tun.
Wer Jesus nachfolgt, wird sich von seiner Liebe zu den Menschen leiten lassen, wird Frucht bringen. Jede an Jesus hängende Rebe wird ihre Frucht in diese Welt bringen, jede auf ihre Weise, jede mit ihren Möglichkeiten, jede so wie sie kann. Wir gehen nicht den Weg des eigenen Vorteils, sondern versuchen, das uns geschenkte Leben weiterzugeben. Liebe, Annahme, Verzicht und Ermutigung wird als Frucht für andere in uns wachsen und nach außen dringen. Wie es ja jetzt auch viele kreative Ideen und Taten gibt, Flüchtlingen, Obdachlosen und in unserer Gesellschaft Abgehängten zu helfen und zu unterstützen. So kann man das verstehen: Die vereint mit mir bleiben und ich mit ihnen, sind die, die viele Frucht tragen, denn außerhalb von mir könnt ihr nichts tun.
Eine Irritation gibt es vielleicht. Wir wissen: es gibt viele Menschen, die nicht an Gott und/oder Jesus glauben und doch gute, nützliche Dinge tun. Ist das alles nichts, weil es nicht aus der Beziehung zu Jesus kommt? Natürlich können Menschen Gutes tun, auch ohne Jesus, keine Frage.
Was unsere Verbindung zu Gott und Jesus bedeutsam macht, ist, dass wir glauben, unser Tun des Guten kommt von Gott. Auf ihn hin wollen wir uns beziehen. Von seinem Wort fühlen wir uns ermutigt, unseren Weg zum wahren Leben weiterzugehen. Wir wissen aus eigener Erfahrung: Wenn wir ein Problem gelöst haben, haben wir als nächstes vier neue Probleme. Auch das merken wir gerade in diesen fürchterlichen Kriegszeiten. Unsere Schritte erweisen sich dann als gut, wenn sie das Konfliktpotential minimieren. Unsere ‚Frucht‘ könnte sein, nicht aufzugeben, das Gute und Wahre für so viel Menschen wie möglich zu tun. Für die Überfallenen genauso wie für die Aggressoren.
So weit, so gut. Nun hat dieser Text eine schwierige und problematische Wirkungsgeschichte. Johannes schreibt wohl als Jude. Sein Griechisch ist einfach, trägt starke semitische Züge. In seinem Evangelium verlässt Jesus niemals das Gebiet Israels. Ja bisweilen ist er Nichtjuden gegenüber ziemlich reserviert. Seine Adressaten sind zuerst die Juden und Heiden, die sich zu Jesus als dem Messias halten. In zweiter Linie die Synagogengemeinde, repräsentiert durch die Pharisäer, die späteren Rabbiner. Die johanneische Gemeindegruppe wehrt sich gegen die Ausstoßung durch die Synagoge. Der Grund des drohenden Ausschlusses ist offenbar nicht die Behauptung Jesus sei Messias. Wohl auch deshalb kein Grund, weil auch heute noch alle paar Jahre jemand auftritt, der behauptet ‚der‘ Messias zu sein. Der Grund für die heftige Reaktion ist der Anspruch, der gekreuzigte Jesus sei der messianische König. Für einen frommen Juden auch heute noch ein ‚no go‘. Das konnten sie von der Schrift her gut begründen. Johannes begegnet diesem Einwand: Gott hat sich in diesen Tod hineinziehen lassen, in der Auferstehung habe er den Tod ins Leben für alle gewendet. Deshalb ist der Tod Jesu seine Verherrlichung und Erhöhung durch Gott. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Akt der Neuerschaffung der Welt. „Wär‘ er nicht erstanden, wär‘ die Welt vergangen“, dichtet Luther.
Johannes meint, mit dem Bekenntnis zum auferstandenen Jesus als dem messianischen König würde der jüdische Glaube nach der Katastrophe des verlorenen Krieges und der Zerstörung des Tempels ‚von Grund auf‘ bewahrt werden. Die Reaktion war kränkend. Die an Jesus als den Messias glaubenden geraten in die Ecke der Häretiker. Und kontern: ihr habt von Gott keine Ahnung. Vielleicht lässt sich so der zunächst innerjüdische Streit in der Synagogengemeinde um die Person Jesu beschreiben.
Nun wird verständlich, dass Johannes Jesus sagen lässt: „Ich bin der wahre Weinstock“ Nachfolgende Theologen schlossen daraus, das jüdische Volk sei von Gott durch Jesus verworfen worden, nehmen als Beleg 5. Mose 32,32: Denn ihr Weinstock stammt von Sodoms Weinstock und von dem Weinberg Gomorras; ihre Trauben sind Gift, sie haben bittere Beeren… Johannes kämpft um den Verbleib in der Synagogengemeinde, spätere christliche Tradition interpretiert ihn als Generalverurteilung des jüdischen Volkes.
Das ist die problematische Traditionslinie dieses Textes. Daraus nährt sich christlicher Antijudaismus, ja Antisemitismus, der in der Theologie und Philosophie des Abendlandes so verbreitet, wie immer noch wirkmächtig ist und schließlich den Holocaust, den Völkermord der Nazis an den europäischen Juden christlich-theologisch und ideologisch vorbereitet hat. In der letzten Woche, am 14.4. gedachte man in Israel des ‚Jom h Shoa‘ im Gedenken an den Holocaust.
Ich kann das Evangelium des Johannes nicht lesen, ohne mich dieser antijüdischen Auslegungsgeschichte zu stellen. Sich zu stellen, heißt für mich: Scham empfinden. Christliche Kirchen haben es zu wenig geschafft, die Botschaft von der Liebe Gottes, die durch den Juden Jesus allen Menschen offenbart worden ist, für alle offen zu halten. Hören wir also auf, fatale Feindbilder, nicht nur antisemitische, zu schaffen, die Menschen immer wieder mit ihrem Leben bezahlen müssen.
Ich lese das Bild vom wahren Weinstock wieder in seinem jüdischen Kontext: Die vereint mit mir bleiben und ich mit ihnen, sind die, die viel Frucht tragen
Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen
Confiteor:
Im Psalm 57 lesen wir: Deine Güte Gott reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. Viele bewundern Gottes Güte und seine Schöpfung nicht. Für sie ist alles selbstverständlich und gegeben. Viele bewundern lieber ihre eigene Stärke, gebrauchen ausbeuterisch die Erde und ihre Ressourcen nach dem größten Profit. Führen vernichtende Kriege. Dass wir Menschen nur Staubkörner auf einem Staubkorn in den unermesslichen Weiten des Alls sind, wie die letzte Weltraummission gezeigt hat,
kein Argument. Unsere Erde geht kaputt, Leben wird für viele nachkommende Menschen unmöglich gemacht. Wir kommen hier zusammen, um die Bewunderung für Gottes Schöpfung nicht zu verlernen. Wir wissen: Wir sind ein Sternenstaub, geschaffen und aufgefordert zu bewahren. Deshalb bitten wir am Anfang: Gott, erbarm dich, vergib uns unsere Allmachtsphantasien. Führe uns zu einem nützlichen Leben. Lass uns diesen Gottesdienst mit einem unbeschwerten Herzen und fröhlichen Lippen feiern durch Christum, unseren Herrn. Und wir erhalten als Antwort: Gott erbarmt sich. Er zeigt in Jesus, wie Leben geht. Alle, die darauf vertrauen, sind Gottes Kinder, und sein Heiliger Geist wir mit ihnen sein. So werden wir selig. Das verleihe Gott uns allen. Amen
Kollektengebet
Gott, der du uns trösten willst in unseren Sorgen und Ängsten, sei uns gnädig und erhöre unser Gebet. Jesus Christus, in den Evangelien wird das Geheimnis deines Lebens und Sterbens erzählt. Wir bitten dich, dass ihre Erzählungen auch uns Kraft geben, unser Herz erreiche und unsere Taten inspiriere. Das bitten wir in deinem Namen, der Du mit dem Vater und dem Heilgen Geist uns Kraft und Mut zum Leben gibst, heute und für immer. Amen
Fürbitte
P: Gott, wunderbar ist deine Schöpfung. Täglich dürfen wir das Blau des Himmels schauen, blühende Wiesen und Felder, das Grün der Bäume. Bei Dir, in deinem Wort, finden wir, was unser Leben darüber hinaus lebenswert macht: Liebe, Hoffnung, Vertrauen.
A: Gott, wir bitten Dich, hilf uns friedfertig zu werden, damit Frieden werden kann. Lass uns aufstehen gegen die Tyrannen, die Leben vernichten wollen, Gewalt anwenden, Krieg führen, Städte und Dörfer zerbomben, Menschen verschleppen, Frauen und Kinder missbrauchen. Wir rufen: Kyrie eleison
B: Gott, lass uns zu unserer Verantwortung stehen, wo wir uns mit unserem Lebensstil an der Zerstörung der Erde beteiligen. Wir wissen, sich verändern ist leicht gesagt und schwer getan, aber wir wollen mit der Kraft deines Wortes unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt hinterlassen. Mach uns stark. Wir rufen: Kyrie eleison
C: Gott, lass uns fürsorglich werden. Alle Menschen brauchen ihr tägliches Brot, wir wollen es gerecht verteilen. Erwecke unser Gefühl für Gerechtigkeit, auf dass wir nicht nur für uns sorgen, sondern auch die im Blick haben, die Hunger leiden, obdachlos geworden sind, fliehen müssen, Angst um ihr Leben haben. Alle Menschen sollen sich an deinen Gaben freuen können. Dazu lass uns beitragen Wir rufen: Kyrie eleison
P: Gott, deine Liebe erfülle uns. Auf dass wir den Trauernden nahe sind, den durch Krieg und Flucht Traumatisierten beistehen. Dein Geist berühre uns. Stärke unser Vertrauen in Dich. Das bitten wir im Namen Jesu Christi, der für uns vom Tod auferstanden ist. Auf dich hoffen wir heute so dringend wie morgen. Amen. Laudate omnes gentes
Lieder:
317 Lobe den Herren o meine Seele
262 Sonne der Gerechtigkeit
100 Wir wollen alle fröhlich sein
115 Jesus lebt, mit ihm auch ich
108 Mit Freuden zart
99 Christ ist erstanden
Verfasst von
Stephan Lorenz, Pastor i.R
stephan.lorenz@evlka.de
Fussnoten
[1] Übersetzung nach David H. Stern: Das jüdische Neue Testament.