Johannes 15,1–8
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben | Jubilate | 26.04.2026 | Joh 15,1–8 | Hansjörg Biener
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
(Joh 15,1-8)
0 Das Bild vom Weinbau
Es gibt Bibelstellen, bei denen wird mir etwas mulmig. Dazu gehört der heutige Predigttext. Er stellt uns Gott als Weingärtner vor, der an einem Weinstock arbeitet. Hier etwas wegschneiden, da etwas abschneiden. Man sagt: „Das wichtigste Werkzeug des Gärtners ist die Gartenschere.“ Dennoch frage ich mich: „Tut das den Pflanzen nicht weh?“ Mir tut die Vorstellung weh, auch wenn es am Ende der Ernte guttut.
Ich kenne Weinbau nicht aus eigener Anschauung. Mir hat deshalb eine Sachgeschichte bei der „Sendung mit der Maus“ geholfen. „Die Sendung mit der Maus“ ist eigentlich eine Kindersendung der ARD, aber sie gehört zu den wenigen Fernsehsendungen, die ich schauen will. Vor Jahren gab es da eine Serie über den Weinbau. Das Fernsehteam begleitete Weinbauern durch das Jahr. Die Sendungen zeigten viel Mühe an den steilen Hängen: Immer wieder ausputzen. Schwache Triebe abschneiden und starke Triebe festbinden. Schlechte Trauben entfernen, Pflanzenkrankheiten und Schädlinge bekämpfen. Überhaupt: Alles, was dem Wein schaden könnte, aus dem Weinberg entfernen.
Fachbegriffe wie „Erziehungsschnitt“ lösen bei mir Schaudern aus. Man sagt: „Der Erziehungsschnitt in den ersten Jahren ist entscheidend für den Ertrag.“ Er soll dafür sorgen, dass sich ein starker Stamm und gute Seitentriebe entwickeln. Schwache oder überflüssige Seitentriebe werden entfernt; so wird sich die Kraft des Weinstocks auf die starken Triebe konzentrieren. Ich frage mich: „Geht es nicht vielleicht doch anders?“ Das Filmteam hatte sich das wohl auch gefragt und eine gute Idee: Ein Weinstock blieb unbearbeitet. Er durfte sich frei entwickeln. Das Ergebnis: Dieser Weinstock war grün und riesig. Aber: Er hatte Schimmel und Pilze; die Trauben waren klein und sauer, weil sie zu wenig Sonne gehabt hatten.
Monatelange Arbeit: Ergebnis – gute Ernte. Monatelanges Wachsenlassen ohne Schneiden und Ausputzen, Kontrollieren und Binden: Ergebnis – keine gute Ernte. Ich bin kein Weingärtner, aber vielleicht sind einige unter uns Gärtner und können vielleicht aus ihrer Erfahrung manches nachvollziehen. Ich jedoch musste Sachwissen dazulernen, um den Bibeltext zu verstehen. Und das gilt wohl auch beim Lebenswissen, das uns im Predigttext begegnet.
Drei Verse aus dem Bibeltext will ich besonders herausnehmen.
- Jesus der Weinstock.
- Ihr Reben.
- Ich Rebe.
Einen vierten nehme ich zum Schluss noch auf.
1 „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.“
Eine erste Beobachtung: Wer ist das „Ich“ im Bibeltext? Jesus! Er sagt: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater [ist] der Weingärtner.“ Das deutet Jesu Leben und Lebensaufgabe. Bisher hatte ich damit gelegentlich meinen eigenen Lebensweg gedeutet. Ich habe mir gesagt: Manche Ranke muss abgeschnitten werden, damit andere Ranken besser wachsen. Diese Idee hat mir geholfen, berufliche Misserfolge z. B. bei Bewerbungen zu bewältigen. Der Misserfolg war nicht schön, aber so konnte ich ihn bei Gott abgeben.
Aber eigentlich ist das „Ich“ im Predigttext Jesus. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Das heißt: Jesus trägt die Hauptlast und muss der starke Stamm sein, der die Reben trägt. Jesus hat den Hauptschmerz, wenn der Weinstock erzogen und beschnitten wird. Jesus ist die Quelle der Lebenskraft, ohne die aus den Reben nichts wird. Man kann das tröstlich hören: „Es kommt nicht alles auf mich an.“ Aber es bleibt ein Ineinander von Weinstock und Rebe, so wie wir auch im Alltag nicht einfach unterscheiden können: „Das ist jetzt Jesus; das bin ich.“ Es ist immer ein Ineinander, auch wenn der Weinstock wohl mehr tut, weil er die Rebe trägt und mit ihr die Frucht bewirkt.
2 „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. […] ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Eine zweite Beobachtung „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Das ist ein Plural und verweist auf die Reben der ganzen Christenheit. Man kann das tröstlich hören: „Du bist nicht allein. Du bist Teil einer großen Gemeinschaft.“ Wenn da nicht der Nachsatz wäre: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Ich höre da aus den Kirchen weniger ein getrostes „Wir sind ein kleiner Teil der großen Gemeinschaft Jesu“, sondern eher ein kleinmütiges „Wir können nicht mehr alles tun.“ Wir haben in Mitteleuropa Kirchen, die nicht wachsen, und Kirchengemeinden, die schrumpfen. Aber: Gemeinden und Gesellschaft haben sich an die Kirchen als vielfachen Dienstleister gewöhnt. Kindergarten, Diakonie, Seniorenheime, Vesperkirche – Kindergruppen, Mutter-Kind-Kreise, Kleiderkreisel, Seniorenkreise – Selbsthilfegruppen, Asylanten-Café, Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Man kann die Liste fortsetzen, doch gehen dafür die Menschen und Mittel aus. Was sicher nicht gehen wird: dass bisher hauptamtliche Arbeit durch ehrenamtliche ersetzt wird. Selbst wenn sich Freiwillige fänden, braucht man immer noch Geld für den Erhalt von Kirchen, Gemeindehäusern, Treffpunkten usw.
Wir können Gott nicht über die Schulter sehen, aber wir können nicht ausschließen, dass ein Wildwuchs von Arbeitsgebieten zurückgeschnitten wird, damit „man“ [Anführungsstriche mitsprechen] sich wieder auf das Wesentliche konzentriert. Was das ist, wird in allen Gemeinden debattiert. Als Gemeindepfarrer habe ich das immer pragmatisch gesehen: Was läuft, weiter unterstützen. Dazu Energie in ein Projekt in einem Bereich, der nicht so läuft. Wenn es schon keine Kindergottesdienste oder Kindergruppen gibt, dann vielleicht doch Kinderbibeltage. Wenn es schon keine Haus- und Bibelkreise gibt, dann vielleicht doch einmal im Jahr Bibelabende oder in regelmäßigen Abständen religiöse Themen zur Erwachsenenbildung.
3 „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“
Wenn im Bild vom Weinbau der Platz des Weinstocks schon besetzt ist, bleibt „uns“ nur die „Rebe“. Trotzdem komme ich von der Vorstellung, jemand arbeitet an mir und beschneidet meine Möglichkeiten, nicht völlig los. Nun halt nicht Arbeit an mir als Weinstock, sondern Auslese und Säuberung an der Rebe. Ich habe schon gesagt, dass ich damit versucht habe, Misserfolge zu bewältigen. Die Idee dahinter: Gott schneidet Wege ab und beschränkt uns, damit unsere Kraft konzentrieren. Wir wissen alle, dass wir nicht alles gleichzeitig tun und haben können. Dazu reichen weder unsere Kraft noch unsere Lebenszeit. Wir wissen das – im Kopf. Aber: Handeln wir auch danach? Man kann das tröstlich hören: Gott sorgt selbst dafür, dass wir uns beschränken können. So werden wir das mit richtigem Einsatz tun können, was wir tun können. Und jedenfalls die Alten wussten: Niemand muss für immer vorne stehen, aber jedermann kann für andere beten.
„Wir modernen Mitteleuropäer“ tun uns schwer, „Gott am Werk“ zu sehen. Ich wollte und will aber keinen säkularen Kopf-hoch-Trost nach dem Muster „Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf.“. Wer Christ sein will, braucht auch Deutungen, die Gott ins Leben ziehen. Gott als Weinbauer, der einen Weinstock pflegt, aber auch schneidet, das ist immerhin ein biblisches Bild. Und immerhin hat sie noch eine Verheißung: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ Manche Leute könnten nun breit über Lebensstile und -orientierungen reden. Manche wissen sehr genau, was christlich ist und was nicht. Ich nicht so. Bzw.: Ich weiß es definitiv für mich. Die lutherische Tradition hat in Streitfragen die persönliche Beziehung Gott Mensch in den Vordergrund gestellt. Sie würde schon ausreichend auf die Menschen wirken. Trotzdem soll ein guter Baum gute Früchte bringen, wie ein biblisches Sprichwort aus der Bergpredigt (Matthäus 7,17) besagt. Paulus verwendet das Bild vom Fruchtbringen auch: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5,22-23). Damit haben wir eine Menge Hinweise auf christliche Grundhaltungen. Manches passt besser zum christlichen Glauben als anderes. Was also passt besser zum christlichen Glauben: Auf seine Gesundheit zu achten oder unnötige Risiken einzugehen, wie etwa sich zum Fanraufen von Fußballmannschaften zu verabreden? Oder gerne auch: Was passt besser zum christlichen Glauben? Selbst in der Bibel lesen als scheinbar christliche Hassbotschaften im Internet anzusehen. Insgesamt würde ich auf jeden Fall festhalten. Wenn ein Leben in Gottes Urteil Frucht bringt, ist es über alles betrachtet sicher auch für uns „gut“.
Zum Schluss noch ein Wort zu einer bedrohlichen Seite im Bibeltext, die eine Konsequenz des verwendeten Bildes ist.
Auslegung 4: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt.“
Das ist der zweite Grund, warum ich bei dieser Bibelstelle ein mulmiges Gefühl habe. Zur Arbeit im Weinberg gehört nicht nur das Abschneiden, sondern auch das Beseitigen. Alles, was übersteht oder von Schädlingen befallen ist, muss auch aus dem Weinberg raus. Der einfachste Weg damals: alles auf einen Holzstoß zusammentragen und verbrennen. Das gilt auch bei Jesu Bild vom guten und schlechten Baum (Matthäus 7,17–19). Diese Idee vom Abschneiden oder Umhauen, Beseitigen und Verbrennen kann uns nicht gefallen. Man könnte sich in der Frage verrennen, „Bin ich eine fruchtlose Rede, ein fruchtloser Baum?“.
Diese Sorge kann ich nicht einfach abwehren. Trotzdem will ich ein paar Grundsätze festhalten.
- Wir können nicht anders von Gott reden als in menschlicher Sprache und ihren Bildern. Deshalb gilt: Jedes sprachliche Bild von Gott wird schief, wenn man es bis ins Kleinste ausdeuten will.
- Niemand von uns kann sich in Gott hineinversetzen. Deshalb können wir nicht eindeutig wissen, was für ihn eine Rebe mit guter Frucht ist. Ebenso wenig können wir sicher wissen, welche Rebe abgeschnitten und beseitigt werden muss.
- Den Ernst biblischer Rede soll man ruhig spüren. Aber: Es wäre falsch, jede einzelne Aussage auf uns auslegen zu wollen. Wichtig bleibt das große Bild: Gott ist ein sorgfältiger Weinbauer, der mit dem Blick auf eine gute (!) Ernte Hand an einen Weinstock legt.
Und er meint es auch gut mir Dir. Amen.
Dr. Hansjörg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg tätig. Außerdem ist er außerplanmäßiger Professor für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)