Johannes 15,1–8
Natürlich dranbleiben. Natürlich wachsen. Natürlich Frucht bringen | Jubilate | 26.04.2026 | Joh 15,1–8 | Kira Busch-Wagner |
Natürlich dranbleiben. Natürlich wachsen. Natürlich Frucht bringen
Liebe Gemeinde, wer häufig Gottesdienste feiert, stellt am Ende des Kirchenjahres und zu Beginn des neuen, also in der Adventszeit, fest: irgendwie ähneln sich die Themen. Der Übergang vom alten ins neue Kirchenjahr ist wie ein mathematischer Spiegel. Auf der einen wie auf der anderen Seite: die gleichen Themen. Wir erwarten Jesus am Ende der Zeit – zum Ende; wir erwarten die Ankunft Jesu, seinen Advent, jetzt unter uns, so an den Adventssonntagen.
Ähnliches fällt mir gerade auf im Blick auf die Zeit vor und nach Ostern. In der Passionszeit nähert man sich dem Karfreitag, dem Abschied von Jesus. Und nach Ostern verzeichnet die liturgische Ordnung abermals Evangelienabschnitte mit Gedanken des Abschieds. Schließlich wird Jesus nicht bleiben. Seine Leute lernen – und wir lernen von ihnen, seine Anliegen auch ohne seine leibliche Nähe zu vertreten.
Nach Ostern ist vor Ostern und vor Ostern ist zugleich nach Ostern – so ist das, seit Paulus und nach ihm die Evangelisten die Auferweckung verkündeten. Wer Paulusbriefe oder die Evangelien liest, weiß ja schon um Tod und Auferweckung und Himmelfahrt. Und liest sie immer neu. Wir wissen für Jahre voraus die Daten von Karfreitag, Ostern und Pfingsten. Und gehen mit den neutestamentlichen Worten immer wieder drauf zu. Und schauen von heute aus immer wieder zurück auf das, was damals bei Jesus geschah.
So hören wir auch heute, drei Wochen nach Ostern, auf Abschiedsworte Jesu. Aus dem großen Abschnitt von Abschiedsreden im Evangelium nach Johannes.
Von Johannes sollte man ein bisschen noch wissen, um seine manchmal sehr brüske Redeweise einzuordnen. Er ist wohl der letzte, der späteste der Evangelisten. Er lebt in einer Zeit der Krisen. Zeitlich so weit von Jesus entfernt wie wir vom Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Jene Jahre, als die Jesusleute selbstverständlicher Teil der jüdischen Gemeinden waren und in ihrem Schutz leben konnten, sind vorbei. Der Tempel, den Jesus als Wallfahrer aufgesucht hat, und mit ihm ist ganz Jerusalem zerstört. Eine ganze Generation ist seitdem groß geworden. Die jüdischen Menschen des Landes Israel, soweit sie überlebt hatten, waren in Gefangenschaft geraten, in Sklaverei. Meist irgendwo in der Diaspora, zerstreut im ganzen Mittelmeerraum. Ein kleiner Rest lebt in dem verwüsteten Land zwischen Galiläa und den judäischen Bergen in Armut und auf der Suche nach Orientierung. Und mit ihnen und neben ihnen die Jesusgemeinden. Die Zustände führen nicht zu Solidarität, zu gegenseitiger Verständigung, zu Ausgleich. Johannes ist ein Evangelist der Profilierung, der klaren Kante, der klaren Worte. Und so gibt er Jesus in seinem Abschied wieder:
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Jesus beschwört es im Johannesevangelium als einen natürlichen, unvermeidlichen, selbstverständlichen Vorgang, dass seine Schülerschaft, seine Leute bei ihm bleiben, in ihm bleiben werden, er in ihnen. Auch dann, wenn er nicht mehr unter ihnen irdisch lebt. Seine Worte sind beständig unter ihnen, nahe und lebendig, seine Leute leben aus seinen Worten. All ihre Kraft, ihr Vermögen, ihr gutes Wirken, kommt aus den Worten Jesu. So ist er für sie wie ein Weinstock, der seine Reben nährt. Und zwar keine Geiztriebe, keine Nebentriebe. Sondern sie sind wie Reben, an denen die Trauben hängen werden, die Frucht bringen und nicht etwa Holzwuchs ausbilden oder wildes Grünzeug.
Das Bild kommt dann auch an seine Grenzen. Jesu Schüler werden beschworen, von dieser Kraftquelle nicht Abstand zu nehmen. Doch: eine einzelne, vom Weingärtner als Fruchttrieb vorgesehene Rebe kann sich in der Natur ja nun nicht für sich selbst entschließen, etwas anderes zu wollen. Jesus im Johannesevangelium lässt uns daran als unnatürliche Natur, eine letzte, äußerste, tatsächlich aber unmögliche Möglichkeit denken. Dass es zur Frucht vorgesehene Reben geben könnte, die nicht aus der Kraft des Weinstocks leben wollen. Es wäre ein Paradox. Stattdessen gilt: bei Jesus in die Schule zu gehen wird Taten nach sich ziehen. An Jesus dran zu sein, heißt gute Frucht bringen. Teil der Jesusgemeinschaft zu sein, bringt die einzelnen richtig zur Entfaltung, für sie selbst und für andere zum Genuss, zu einem besseren Leben.
Gott ist im Bild vom Weinstock der Weingärtner. Gott selbst sorgt für guten Boden, guten Schnitt, gute Bearbeitung, dass gute Früchte an diesem Rebstock gedeihen können. Gott reinigt die Reben von den Nebentrieben. Und Jesus spricht seinen Leuten fest zu: ihr seid schon gereinigt. Ihr gehört schon zu den bearbeiteten Reben. Aus euch werden Früchte ans Tageslicht treten. Werdet, seid euch dessen gewiss!
Das Bild von Gott als Weingärtner ist nicht neu in der Bibel. In den Prophetenbüchern versichert Gott: Israel ist meine Pflanzung, mein Weinberg. Ich lege diesen Weinberg voller Liebe an.
Und wenn die frühen Rabbinen, die nach der römischen Katastrophe der Tempelzerstörung im Jahr 70 unserer Zeitrechnung sich selbst als Weinberg Gottes verstehen, dann nicht, weil sie so selbstbewusst wären oder gar selbstherrlich. Sondern sie sagen das zum Lobe Gottes. Gott lässt seinen verwüsteten Weinberg nicht im Stich.
Da sind die Rabbinen und Jesus einander näher, als der Evangelist Johannes vielleicht hat sehen können. Beide Schulen leben je aus Gottes Wort. Ohne diese Düngung, ohne diese Pflege würden sie auslaugen, verdorren, ungepflegt bleiben.
Und was hätten wir ohne Jesus, soweit entfernt durch Zeit und Raum, mit diesem Gott zu tun? Wenig. Nichts. Der Weinstock Jesus aus dem Weinberg Gottes ist der, der seine Schulgemeinschaft, die Kirche aus vielen Völkern, mit der Kraft des Wortes nährt, damit wir gute Früchte bringen. Nur durch ihn – alles andere ist für die Völker unmögliche Möglichkeit.
Im Bild vom Weingärtner und vom Weinstock, vom Weinstock und den fruchttragenden Reben, vom Dranbleiben und Weiterwachsen sieht der Evangelist Johannes für seine Gemeinde Trost in der Krise, Zusammenhalt in den Trennungen, Verbindung beim Abschied. Für sie und für uns. Beim Zugehen auf den Karfreitag – so die Abschiedsreden in der Chronologie, in der zeitlichen Abfolge des Evangeliums. Oder wenn wir Ostern hinter uns lassen, den Jubel, die Freude und auch im Kirchenjahr uns einlassen auf die Mühen der Ebene.
Eigentlich ganz natürlich: Kraft zu schöpfen, immer wieder, aus dem Wort und der Zuwendung Gottes. Amen.
Liedvorschläge:
365 1.4.5. Von Gott ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir
265, 1+3 Nun singe Lob, du Christenheit
406 1+4 Bei dir Jesus will ich bleiben …. (Motiv vom Weinstock!)
268, 2-5 (Zweige wachsen viele)
358 Es kennt der Herr die Seinen 5+6 (Werk der Gnadentriebe)
384, 1+4 lasset uns mit Jesus ziehen
503,1.6.15 Geh aus mein Herz
133 Zieh ein zu deinen Toren
Verfasst von:
Kira Busch-Wagner