2. Chronik 5,2–14

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Die Intensität der zweiten Welle | Kantate | 03.05.2026 | 2. Chr 5,2–14 | Manfred Mielke |

Liebe Gemeinde

heute sind wir eingeladen, ein großes Open-Air-Konzert mitzuerleben. Schirmherr ist König Salomo, Ort ist der Tempelvorplatz in Jerusalem. Der Star ist die Bundeslade. (Papp-Truhe zeigen) Ich beginne mit der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens. Bei der Flucht durch die Wüste führt Gott seine Israeliten; er orientiert, versorgt und bewahrt sie. Dafür legen sie jeweils einen symbolischen Gegenstand in die Truhe: Die Tafeln der 10 Gebote, ein Krug mit Manna und das Zepter Aarons (des älteren Bruder Moses). Die Holzkiste ist vergoldet, sie bekommt zwei Tragstangen, zwei Engelsfiguren obendrauf. Bei der Flucht durch die Wüste wird sie vorneweg getragen. Sie strahlt Gottes Allmacht aus. Nur durch sie gelingt dem Volk die Durchquerung des Jordans, die Zerstörung Jerichos und die Eroberung des Gelobten Landes. – Dann allerdings wird die Bundeslade von den Philistern gestohlen und versteckt – bis König David seine Stadt Jerusalem und seinen Palast errichtet hat. (1008–965 v. Chr.) Als Sahnehäubchen „organisiert“ er sich die Bundeslade zurück und parkt sie erst einmal in einem Zelt.

(Tempelsäulen) Sein Nachfolger Salomo braucht sieben Jahre Bauzeit, dann ist der „Tempel Salomos“ fertig. Zur Großen Einweihung bestellt er (951 v. Chr.) alle Fürsten und Stämme Israels ein. Die Könige-Bücher berichten, dass der Tag mit der Opferung unzähliger Tiere beginnt. Dann schultern die Priester-Leviten die Bundeslade und bringen sie in den hinteren Raum des Tempels.

(Bundeslade in den Tempel stellen) Als sie aus dem Heiligtum heraustreten, erfüllt eine Wolke den Tempel. Dann endlich eröffnet der Schirmherr Salomo ein zweiwöchiges Opfer- und Musikspektakel. – Die Bundeslade und somit Gott sind nun nicht mehr mobil, ab jetzt sind sie sesshaft. Im Tempel steigert sich die Heiligkeit von außen nach innen bis zur allerheiligsten Kammer. Die Bundeslade darin gilt ab jetzt als „Thron Gottes“. Einmal im Jahr – am „Jom Kippur“ – darf der Hohepriester dort die Versöhnung mit Gott zelebrieren.

So vergehen die Jahrhunderte, bis die Assyrer die Nordhälfte und danach die Babylonier die Südhälfte überfallen und Jerusalem mit Palast und Tempel zerstören. 364 Jahre nach seiner Einweihung legen die Babylonier den Tempel Salomos in Schutt und Asche (587 v. Chr.). (Säulen wegstellen) Dabei zerstören sie auch die Bundeslade. (Bundeslade wegstellen) Die Schatztruhe, die von der Bewahrung bei der Flucht erzählt, deren Tragstangen an die gemeinsame Mobilität mit Gott erinnern, ihre Vergoldung, die Gottes Allmacht symbolisiert, all das landet mit ihr im Sperrmüll der Geschichte. Was bleibt, ist eine gähnende Leere. – Was nun? Gott austauschen? – Nein. Die Bundeslade nachbauen? – Bloß nicht. – „Aber wir müssen doch was tun!“ Also Ärmel hochkrempeln nach der Devise: „Sparen, Schaffen, Häusle bauen“.

(Halbe Säulen aufstellen)

So errichten sie den „Zweiten Tempel“, der jedoch ohne eine Bundeslade eingeweiht wird (515 v. Chr.). Über diese zweite Einweihung berichtet die Bibel ein paar hundert Seiten weiter im Buch der Chronik. Der Bericht ähnelt dem der ersten Einweihung, jedoch mit einigen Abweichungen. Wir hören:

(Aufschlagen der Bibel) „König Salomo trug alles Silber und Gold und alle Geräte, die sein Vater David geheiligt hatte, zum Tempelschatz zusammen.“ Dann setzte er das nächste Laubhüttenfest an für das Große Festival. Stammeshäuptlinge und Leviten hoben die Lade gemeinsam auf und brachten sie auf den Vorplatz. Dort wurden unzählige Tiere geopfert. Dann wurde die Bundeslade ins Allerheiligste gestellt, hinter den großen Vorgang. „Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose hineingelegt hatte.“ Unterdessen stellten sich die Musiker mit Zimbeln und Harfen auf, gekleidet „mit feinsten Leinengewändern“, wobei 120 Priester sie mit Trompeten unterstützen. „Aber es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Als sie alle den Psalmvers sangen: »Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewiglich«, wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke. Ihretwegen konnten die Priester nicht weiter zelebrieren; denn die Herrlichkeit Gottes erfüllte das Haus Gottes.“

Soweit der zweite, überarbeitete Bericht im Alten Testament. Doch legten sie nicht gemeinsam mehrere Gegenstände in die Bundeslade, aber in der Erinnerung nur Mose persönlich seine 2 Tafeln? Kam die Wolke in den Tempel sofort, oder kam sie erst als Antwort auf das Psalmensingen? Im Bericht über die zweite Tempeleinweihung wird die erste Erzählung umgeschrieben, um die neuen Machtverhältnisse zu festigen. Für mehr Mose, mehr Musik und mehr Monarchie.

Was das mit unserer Glaubensausrichtung und Glaubensgeschichte macht, dazu sage ich gleich noch etwas. Aber wir müssen nochmal hinschauen, wie es dem Tempel weiter ergeht. Der bleibt ein Provisorium, das erst König Herodes zu einem prunkvollen Gottes-Palast erweitert (21 v. Chr.). Dessen Haltbarkeitsdatum läuft aber schon nach wenigen Generationen (70 n. Chr.) ab, als die Römer ihn in Brand setzen und zerstören. Nur die Klagemauer bleibt stehen. Ende im Gelände.

(Wegnahme der Holzsäulen) Mittlerweile ist aber Jesus Christus aufgetreten und wieder abgetreten. Auch er hinterlässt eine gähnende Leere. Doch seine Christen erfinden neue Formen. Sie feiern ihre Gottesdienste vorerst unbehaust und unmöbliert, dafür aber im Namen des dreieinigen Gottes.

(Anzünden der Kerze) Die drei Dochte stehen für die Dreieinigkeit Gottes und für das neue Miteinander der Christen. „Sie blieben beständig (1.) in der Gemeinschaft, (2.) in der Lehre der Apostel und (3.) im Brotbrechen und im Gebet. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man alle mit einer Stimme loben: »Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewiglich«. Das waren bereits die Auswirkungen des Heiligen Geistes, der wie mit einer Feuerwolke Haus und Herzen erfüllte.

Liebe Gemeinde,

wir haben ein Panoptikum gesehen, aber wessen Geschichte ist hier abgebildet? Deine und meine, oder unsere gemeinsame? Es ist zuerst die Geschichte der Juden; ohne sie gäbe es uns nicht. Sie ist wohl auch eine des Christentums und auch unsers persönlichen Glaubensweges.

Hatte ich persönlich einmal Kontakt zur Bundeslade? Nein – oder doch ein wenig. Das Bistum Köln hat im Jahr 2000 – wie alle 25 Jahre – ein Heiliges Jahr ausgerufen. Dann darf jeder quer durch den Dom pilgern und dabei unter dem Drei-Königsschrein hindurchgehen. In ihm liegen wohl nur Knöchelchen von Kaspar, Melchior und Balthasar – aber egal, der grell beleuchtete goldene Schrein strahlt eine sagenhafte Majestät aus. Er steht auf einer kleinen Brücke, darunter ist eine Unterführung. Ich ziehe den Kopf ein, gehe durch und schaue staunend zurück. Ich glaube, ich habe den Schrein dort stehengelassen. – Jeder von uns hat schon mal eine Kathedrale besucht und deren wechselvolle Geschichte gespürt. Jeder von uns darf mitschreiten mit der Bundeslade Israels und dabei Glaubenshilfe und Lebenshilfe erfahren. Wie ist es Dir dabei ergangen?

Irgendwie wurde die christliche Religion in dein Leben hineingetragen wie die Bundeslade in den Tempel. „Was der Alten Väterschar höchster Wunsch und Sehnen war“, vermachten sie dir als spirituelle Aussteuertruhe. Du hast sie geöffnet und den Inhalt bestaunt: Trost und Kampf, Psalmen und Lieder, Kriegserfahrungen und Geburtshilfen. Du hast deinen Glaubensschatz freudig begrüßt, ähnlich wie die Geldumschläge bei deiner Konfirmation, jeden mit 120 Trompeten. Dein kindlicher Glaube war hell und fröhlich. Dann wurde er anregend, dann anstrengend, dann überflüssig. Was tun mit der alten Schachtel? Sie ist zu werthaltig fürs Wegwerfen und zu altbacken fürs Wohnzimmer. Also ab in den Keller, oder auf den Dachboden.

Doch dann zerbricht dein komplettes Lebenshaus. Gewaltige Kräfte wirken von außen und zu wenige von innen dagegen. Alles kracht und stürzt ineinander – vom Dachboden bis zum Keller. Wie beim biblischen Hiob: Job weg, Haus weg, Gesundheit weg, Kinder tot. Nur Gott bleibt – aber als was? So sitzt Hiob auf einem Aschehaufen und schabt sich mit einer Scherbe. – Wie bei ihm schlagen auch bei uns die Krisen immer näher ein. Bitte nicht nach 15 Jahren die gleiche Diagnose noch einmal, die zweite Umschuldung wird noch schwieriger, die dritte Arbeitssuche ist entwürdigend. Ich war völlig überrascht, als über mich so eine Krise hereinbrach, obwohl ich auf einer Erfolgswelle war. Aber der Zerbruch ist endgültig. Du kramst in den Trümmern, aber findest kaum noch Erinnerungsstücke. Da passt das Bild: Die Babylonier haben dir deinen Tempel zerstört und dir deinen Safe geklaut.

Wie aber Ersatz schaffen? Der Abriss des „Palastes der Republik“ in Berlin, also „Erichs Lampenladen“, wurde genutzt, um den historischen Stadtpalast der Hohenzollern wieder auferstehen zu lassen. Mit einer stilechten Fassade, die zwar Geschichte vorgaukelt; die aber keinen Mut macht, die Demokratie zu erneuern.

Auch in unserer Kirche streiten wir darüber, ob wir nach dem Traditionsabbruch alles Alte nachkopieren müssen oder mit einem Ruck Neues beginnen sollten. So einen starken Ruck erfuhr die Arche Noah. Sie musste das Alte untergehen lassen, sie musste drauflos schwimmen, sie musste zerbrechen und zum Feuerholz eines Dankopfers werden. Sonst hätten wir nicht ausschwärmen können auf dem Neuland. Zurück zum Paradies konnten wir nicht, aber unter dem Regenbogen neu anfangen im Vertrauen auf das Vertraute – das sollte uns gelingen.

Warum erzählt die Bibel von der Tempeleinweihung zweimal? Vom Jubel mit Bundeslade und vom fast gleichen Jubel ohne sie? Ich glaube, weil sie Dir und mir zutraut, die Freude des Anfangs wieder wachzurufen. Dein jugendlicher Glaube war mal rappelvoll, jetzt bist Du dabei, das zwischenzeitliche Vakuum wieder anzureichern mit erwachsenen Erlebnissen. Nun mit Zweifeln und Aufrichtigkeit, mit Glauben, Hoffnung und Liebe, mit Widerstand und Risikobereitschaft. Vor allem aber als Mitglied einer Empathie-Gemeinschaft, sozusagen als Lagerfeuergruppe Zwei-Punkt-Null. Anstelle eines Gottes, der über dir thront, hast Du Platz gemacht für einen, der in dir wohnt. Du kannst die erste Erfahrung nicht wiederholen, aber dich bereithalten für eine zweite Intensität aus Gottes Hand. Denn mittlerweile bist du erlöst, vergnügt und befreit. Du hast freie Hände und vor deinen Füßen weite Räume. Und bei den Seiten in der Bibel, die dich irre machen, blättere doch weiter.

Beim Kantate-Fest ohne Bundeslade klang es in der Erinnerung noch einmal so, „als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme singen: »Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewiglich«. – Der Verlust der Bundeslade ist für uns Christen vergleichbar mit der Himmelfahrt Christi. Er hinterließ auch eine Leere, aber er schickte uns als Vertreter den Heiligen Geist. So haben wir letztlich einen dreieinigen Gott als ein Kompetenzteam, das neuen Glauben und neue Glaubensformen in uns entfacht. Auch bei leeren Schatztruhen und bröckelnden Kathedralen.

Deswegen ist es gut, anstelle der Trümmer eine symbolische Kerze mit drei Dochten anzuschauen. Sie zeigt drei Flammen, die in Einigkeit ein starkes und sanftes Licht abstrahlen. Drei Flammen, die in Einigkeit Wärme ausstrahlen. Eine Orientierung, die uns als Wandergruppe zusammenhält und eine Melodie, die Jedem Mut macht für einen nachhaltigen zweiten Glauben. Amen

Vorschläge Lieder:

Tut mir auf die schöne Pforte

Gott baut ein Haus, das lebt

Gott ist gegenwärtig

Komm, bau ein Haus, das uns beschützt

Sende dein Licht und deine Wahrheit

Komm in unsre stolze Welt

Alternativer Text:

Ich gab am 13.04.2026 in die KI ein: „Predigt in Versen Bundeslade“ und bekam umgehend die folgende „Reimpredigt“. Auf Rückfrage nach dem Verfasser erhielt ich die Antwort, dass sie auf meine Frage erstellt worden sei. Bei weiteren Aufrufen kamen andere Versionen.

„Die Bundeslade: Gottes Thron auf Erden“

In der Wüste, heiß und weit, machte Gott sich selbst bereit.
Er gab dem Volk ein heil’ges Pfand, zu führen sie durch Sand und Land.
Die Lade, ganz aus Gold gemacht, ein Zeichen Seiner Gnad’ und Macht.

Was trug sie tief in ihrem Schoß? Drei Dinge, klein, doch geistlich groß:
Zuerst die Tafeln mit dem Wort, Gottes Gesetz an jedem Ort.
Dann Manna, Brot aus Himmels Hand, das sie in öder Not bestand.

Und Aarons Stab, der grünte fein, sollte ein ew’ger Zeuge sein:
Gott schenkt das Leben dort, wo Tod, Er hilft aus jeder großen Not.
Der Deckel, rein aus Gold geformt, wo Gottes Segen auf uns kommt.

Doch heute brauchen wir kein Gold, kein Zelt, in dem die Lade rollt.
Seit Jesus an dem Kreuze starb, Er uns den Weg zu Gott erwarb.
Der Vorhang riss, das Herz ist frei, Gott ist uns heute ganz nahbei.

Die Lade ist nun nicht mehr fern, wir tragen selbst den Geist des Herrn.
In unsrem Herzen will Er wohnen, nicht mehr auf goldenen Thronen.
Sein Wort, Sein Brot, Sein Lebensstab – das größte Geschenk, das Er uns gab.


Manfred Mielke, Pfarrer der EKiR im Ruhestand, geboren 1953, verheiratet, 2 Söhne. Sozialisation im Ruhrgebiet und in Freikirchen. Studium in Wuppertal und Bonn (auch Soziologie). Mitarbeit beim Christival und DEKT. Partnerschaftsprojekte und -besuche in Ungarn (1988-2011) und Ruanda (2001-2019). Musiker und Arrangeur. (Manfred.Mielke@ekir.de)

Papp-Truhe, Tempelsäulen, 3-Docht-Kerze