Apostelgeschichte 2,1–18

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Von Gottes Geist erfüllt, getragen und gestärkt | Pfingstsonntag | 24.05.2026 | Apg 2,1–18 | Peter Schuchardt |

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen! Amen

Der Predigttext für heute steht in der Apostelgeschichte im 2. Kapitel:

Als das Pfingstfest kam, waren wieder alle zusammen, die zu Jesus gehörten. 2Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. 3Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen. Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder. 4Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden – ganz so, wie der Geist es ihnen eingab. 5In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. 6Als das Rauschen einsetzte, strömten sie zusammen. Sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7Erstaunt und verwundert sagten sie: »Sind das nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden? 8Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? 9Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asia, 10aus Phrygien und Pamphylien. Aus Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier. 11Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat.« 12Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?« 13Wieder andere spotteten: »Die haben zu viel süßen Wein getrunken!« 14Da trat Petrus vor die Menge, zusammen mit den anderen elf Aposteln. Mit lauter Stimme wandte er sich an die Leute: »Ihr Leute von Judäa, Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu! 15Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages. 16Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt: 17›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben. 18Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden. (Apg 2, 1-18 BasisBibel; Hinweis: ich würde den Text vorher als Epistellesung lesen lassen)

Von Gottes Geist erfüllt, getragen und gestärkt

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir feiern das Heilige Pfingstfest. Wie die anderen beiden großen Feste unserer Kirche, Weihnachten und Ostern, feiern wir es gleich mit zwei Tagen. Das zeigt, wie wichtig und bedeutsam dieses Fest ist. Viele freuen sich über dieses lange Wochenende. Und doch: Pfingsten, das ist das unbekannte Fest. Wir feiern Pfingsten, aber nur wenige wissen, warum wir das tun. Das ist schade, denn natürlich ist das Pfingstfest ein wichtiges Fest für unsere Kirche. Und es kann in unserer so verworrenen und gespaltenen Zeit uns helfen, einen Weg zum Miteinander und zur Hoffnung für unsere Gesellschaft zu finden.

Zuallererst gibt das Pfingstfest uns die Antwort auf die Frage: Was ist die Kirche? Viele denken bei Kirche an die Gebäude, an die großen wunderbaren Kirchen in unserem Land, die das Bild einer Stadt, eines Dorfes prägen. Mancher denkt an seine Heimatkirche, mit der er wunderbare Erinnerungen verbindet wie seine Konfirmation oder die Hochzeit. Ja, das sind Kirchen: Wahrzeichen eines Ortes, Heimat des persönlichen Glaubens. Andere denken an die Institution Kirche, an Verwaltung, an Gebührenbescheide, an Kirchensteuer. Und auch das ist Kirche. Eine Institution bedeutet im Grunde ja erst einmal nichts anderes als: Bestimmte Aufgaben werden an einzelne Leute verteilt. Wer schon einmal ein Straßenfest oder ein Fußballturnier organisiert hat, weiß das. Natürlich braucht man solche Einrichtungen, um für 40 Millionen Christen in unserem Land da zu sein. Aber Kirche ist zuallererst und im Kern viel mehr als die Gebäude und die Verwaltung. Wie so oft, lohnt es sich, auf die Anfänge zurückzugucken. Wie fing es denn an mit der Kirche? Denn in den Anfängen stecken Grundlinien, wichtige Erkenntnisse und Entscheidungen, die die weitere Entwicklung dann prägen und bestimmen. Das gilt für jede Ehe. Deswegen erinnern sich Paare an jedem Hochzeitstag daran, wie sie sich kennengelernt haben. Weil da die Entscheidung des Herzens gefallen ist: Wir möchten zusammenbleiben! Mit dem Pfingstfest erinnern wir daran, wie es mit der Kirche angefangen hat. Das ist schon lange her, doch wie bei einer langen Ehe gilt: Das, was damals wichtig war, das prägt unser Kirchesein auch heute. Und wenn wir uns die Anfänge der Kirche angucken, dann sehen wir:  Kirche ist zuallererst die Gemeinschaft, die von Gottes Geiste erfüllt, bewegt und ermutigt wird. Kirche, das sind die Menchen, die sich zu Christus bekennen und die Botschaft seiner Liebe in die Welt weitertragen.

Über das 1. Pfingstfest berichtet Lukas. Er hat ja neben seinem Evangelium mit der Weihnachtsgeschichte („es begab sich aber zu der Zeit …“) auch die Apostelgeschichte geschrieben. Darin erzählt er, wie es denn weiterging mit den Jüngern und Jüngerinnen, nachdem Jesus zu Ostern auferstanden ist. Lukas ist der Vater vieler Feste in unserem Kirchenjahr. So beschreibt er die Himmelfahrt Jesu. Und er berichtet ausführlich über Pfingsten. Lukas kennt natürlich das Alte Testament, und darum weiß er um die Bedeutung von Zahlen in der Bibel. 40 Tage nach Ostern, nach der Auferstehung, feiern wir Christi Himmelfahrt. 40 ist immer die Zahl der Vorbereitung. Darum ist das Volk Israel 40 Jahre in der Wüste, bevor es in das Gelobte Land kommt. 40 Tage nach Ostern zeigt sich der Auferstandene seinen Jüngern, um sie auf die Zeit nach seinem Weggang vorzubereiten. Er kündigt den Heiligen Geist an, den Tröster, den Begleiter, die Kraft Gottes, die auch nun noch in unserer Welt wirkt und Menschen erfüllt und bewegt. Und dieser Geist kommt 10 Tage später, heute, am Pfingstfest. Mancher fragt sich vielleicht, was der Name Pfingsten bedeutet. Er kommt vom griechischen pentekoste und heißt ganz einfach „der 50.“. Es ist der 50. Tag nach dem Osterfest. Aber die Zahl 50 bedeutet auch: Nun fängt etwas ganz Neues an. Jetzt, mit dem 1. Pfingstfest fängt wirklich etwas Neues an. Denn jetzt beginnt die Zeit der Kirche.

Doch, liebe Schwestern und Brüder, Kirche ist nur da, wo Gottes Geist ist. Darum schenkt Gott uns seinen Geist. Wo er wirkt, da können Menschen einander verstehen. Da verlassen Menschen das Alte, das Gewohnte. Und dieser Geist hilft, Gottes Wort zu verstehen und auf sein Leben zu deuten. Davon will Lukas uns erzählen. Er macht das ganz wunderbar und beginnt mit den Jüngern und Jüngerinnen, die sich regelmäßig treffen. Jesus war ja nicht mehr da, der Auferstandene war nun im Himmel bei seinem Vater. Aber Jesus hatte ja versprochen: Gott wird euch den Geist schicken. Also warten die Frauen und Männer miteinander. Manchmal lese ich, die Jünger seien damals ganz verzagt und mutlos gewesen. Ich denke: sie waren ganz erwartungsvoll. Sie waren gespannt, wann und wie Jesus sein Versprechen einlösen wird.

Wie ist es mit uns, liebe Schwestern und Brüder? Vertrauen wir auf Gottes Wort und seine Zusagen? Erwarten wir etwas von ihm? Die Jünger tun das, und sie werden nicht enttäuscht. Denn plötzlich kommt Gottes Geist mit Brausen, in Windeseile. Und die Jünger werden nicht nur durchgepustet. Sie werden erfüllt mit diesem Geist. Und das kann man sogar sehen. Denn da sind so was wie Feuerzungen zu sehen, die über den Köpfen hin und her tänzeln. Nun sind die Jünger vollauf begeistert, sie sind Feuer und Flamme für Gott. Das erinnert an den brennenden Dornbusch, in dem Gott Mose erscheint. Ein Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt. So ist es, mit Gottes Geist erfüllt zu sein. Und dann gehen die Jünger nach draußen, auf die Straßen Jerusalems. Die Stadt ist voll mit Menschen aus aller Herren Länder. Denn an diesem Tag wird Erntedank gefeiert in Jerusalem. Und es zeigt sich, wie bunt Gottes Welt ist. So viele Menschen sind da, so viele Sprachen sind da zu hören. Aber diese Sprachen erklingen nebeneinander, es ist ein großer Wirrwarr. Das fällt gar nicht mehr auf, das kennen die Menschen. Irgendwie verständigt man sich, redet mit Händen und Füßen. Aber nun erleben die Menschen ein Wunder. Sie hören die Jünger – und sie verstehen sie. Das aber verwirrt sie. Denn an das Nichtverstehen haben sie sich gewöhnt. Nun aber erleben sie, dass sie den anderen verstehen – und das verwundert und verwirrt sie. Ja, es erstaunt sie auch, was sie hören. Denn die Jünger erzählen und reden von Gottes großen Taten. Sie erzählen von Jesus Christus, von seinem Weg ans Kreuz und vor allem von seiner Auferstehung und dass er seinen Geist nun geschickt hat. Ist das nicht toll?

Aber, liebe Schwestern und Brüder, das bricht jetzt keine große Freude auf, keine Verbrüderung in den Straßen Jerusalems. Nein, die Leute bleiben verwirrt, denn sie können sich das nicht erklären. Ja, einige sagen sogar: „Ach lass sie, die sind bloß betrunken.“ Nun, betrunken sind sie nicht, dann könnten man ja gar nichts verstehen von dem, was sie sagen. Sie reden klar und deutlich. Aber sie sind begeistert. Manch einer verwechselt Begeisterung mit einem Rausch. Aber ein Rausch durch Alkohol und Drogen, der lässt dich nur für kurze Zeit high und scheinbar sorglos sein. Im Rausch fängst du an zu lallen. Ein Mensch im Rausch, der erzählt oft nur dummes Zeug. Ganz anders aber, wenn Gott dich begeistert. Diese Begeisterung öffnet den Blick und das Herz und führt zu einem tieferen Verständnis der Wirklichkeit und des Lebens. Das können wir bei Petrus sehen. Der stellt sich nämlich voller Mut hin und spricht laut zu den Menschen: „Hört mir gut zu! Die Jünger sind nicht betrunken. Nein, hier geschieht das, was der Prophet Joel schon lange angekündigt hat. Gott gießt seinen Geist aus über alle Menschen. Frauen, Männer, Junge, Alte, Freie und Sklaven.“ Wir Menschen machen so oft Unterschiede, grenzen uns ab von anderen. Gott aber macht genau das Gegenteil: sein Geist gilt allen Menschen und will zu allen hin. Er will jedes Herz erfüllen. Gottes Geist bewirkt wirkliche Gleichheit aller Menschen, einerlei, wie alt, welches Geschlecht, wie hoch sein Einkommen ist. Denn Gottes Geist ist der Geist seiner Liebe. Und die haben die Menschen doch schon bei Jesus erlebt: Gottes Liebe, die alle menschengemachten Grenzen überschreitet und Gemeinschaft mit Gott schenkt. So kann Paulus das, was hier passiert, erklären. Und das in klaren verständlichen Worten. Begeistert, aber nicht berauscht.

Liebe Schwestern und Brüder, heute bekommen wir die Antwort auf die Frage, was „Kirche“ ist: Sie ist immer die Gemeinschaft, die durch den Heiligen Geist verbunden wird, über alle Grenzen hinweg. Diese Gemeinschaft, seine Gemeinde hört auf sein Wort und deutet damit das Leben und die Welt. Denn das ist Pfingsten: Gott beschenkt uns mit seinem Geist. Er ist bei uns mit diesem Mutmacher, Tröster, Lebensbegleiter, Helfer. So oft träumen Menschen von einer großen Menschheitsfamilie, in der alle gleichberechtigt miteinander leben. Die Geschichte zeigt uns, dass leider alle menschlichen Versuche gescheitert sind, immer wieder. Hier aber ist die Menschengemeinschaft möglich, weil sie von Gott kommt. Der Geist, das Feuer, das die Jünger erfüllt, das kommt vom Himmel, von außen. Und nur so kann diese neue Zeit anbrechen, kann etwas Neues, etwas anderes geschehen. Denn Kirche lebt immer von dem, was von Gott, von außen in sie kommt, nicht von dem, was Menschen in sich tragen. Guter Wille, Freude, ein offenes Herz, Verständnis füreinander: alles das sind Gottesgeschenke. Das kennen wir nur zu gut aus unserem eigenen Leben. Wenn wir einen guten Einfall haben, dann ist etwas von außen in uns hineingefallen. Noch mehr erkennen wir das in dem Wort „Inspiration“. Denn da steckt das lateinische Wort „spiritus“ drin – und das bedeutet nichts anderes als Geist. Jemand, der inspiriert ist, ist also voller Gottes Geist, ist be-geistert. Wir leben als Kirche immer von Gottes Geist. Wir sind immer beschenkte Kirche. Eine Kirche, die versucht, Dinge wie Verständnis, Eintracht, Miteinander zu erzwingen, wird scheitern. Eine Kirche, die offen ist für den guten Geist Gottes, die wird durch diesen Geist lebendig und strahlend. Denn, liebe Schwestern und Brüder, auch das wird in dem Wort aus dem Propheten Joel deutlich, an das Petrus erinnert: Gott gibt seinen Geist so reichlich, da ist genug für alle da. Frauen, Männer, junge alte, Sklaven, Freie, sein Geist will zu allen Herzen, zu wirklich allen Menschen und ihr Herz erfüllen. Und wenn das geschieht, dann kommen Menschen in Bewegung wie die Jünger, dann erleben sie Verstehen wie die Menschen in Jerusalem, dann werden sie mutig und erheben laut ihre Stimme wie Petrus, dann loben alle miteinander die großen Taten unseres Gottes. Dieser Geist möge auch unsere Gesellschaft erfüllen, damit aus dem ständigen Gegeneinander ein Miteinander wird, in dem alle ihren Platz und ihr Recht haben. Das schenke uns Gott.

Ich wünsche euch allen frohe und gesegnete Pfingsten!

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen


Liedvorschläge

EG 136 O komm, du Geist der Wahrheit
EG 130 O Heilger Geist, kehr bei uns ein
EG 133 Zieh ein zu deinen Toren, bes. Str. 6,7+8
HELM 31 Unser Leben sei ein Fest


Pastor Peter Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: peter.schuchardt@kirche-nf.de

Peter Schuchardt, geb. 1966, Pastor der Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), seit 1998 Pastor an der St. Nikolai Kirche in Bredstedt/Nordfriesland (75%), seit 2001 zusätzlich Klinikseelsorger an der DIAKO NF/Riddorf (25%).