Numeri 6,22-27
Im Haus des Segens ist es licht und hell | Trinitatis | 4. Mose 6,22-27 | Katharina Wiefel-Jenner
Ihr Lieben,
der Segen ist eine Herberge, in die wir müde und bedürftig eintreten können und aus der wir mit Zuversicht in die Welt aufbrechen werden.
Der Segen ist Gottes Willkommen. Gottes weit geöffnete Arme begrüßen uns und Gottes liebender Atem verabschiedet uns. Im Segen ist alles pur und klar. Hier verbirgt sich Gott nicht, hier lässt sich Gott finden und wir sind hier zuhause. Hier gibt es diesen einen lichten Moment und dann sendet uns Gott wieder zurück in die Welt. So macht Gott das mit dem Segen: Gott ist da, knüpft sein Band mit uns, gibt uns einen Ort der Ruhe und wir gehen gestärkt weiter.
Das war schon in den Zeiten der Erzväter und Erzmütter so. Ein Blick zum Sternenhimmel und eine Begegnung am Fluss wurden zur Herberge bei Gott. Inmitten der Zeit gab es für Abraham, Sara und Jakob ein Zuhause, das Gott für sie allein gebaut hat. Auf Israels Flucht vor dem Pharao wurde dann ein Zelt zur Herberge für einen auflodernden Moment der Gewissheit inmitten der Unwegsamkeit. In der Wüste baute Gott aus den uns vertrauten Worten das Segenshaus, das immer noch steht und in das wir Sonntag für Sonntag einkehren.
Numeri 6,22-27:
Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
So, wie Mose es ihnen aufgetragen hat, heben die Söhne Aarons ihre Hände zum Segen und segnen Israel. Die Kinder Aarons halten ihre Hände über ihren Kopf, strecken ihre Handflächen über den Versammelten aus. Sie legen den Segen auf die Geliebten Gottes mit Worten, die klingen, wie aus der Ewigkeit kommend. Sie öffnen die Tür zum Haus des Segens. Wer hineingeht, den nehmen die Worte in Empfang. Wer hier über die Schwelle tritt, wird von Gottes Gegenwart eingehüllt.
Die ersten die in das Haus des Segens eintraten, waren Adam und Eva. Ach nein – es gab schon die Fische und die Vögel vor ihnen und auch der Weizen und die Trauben, waren schon vor Adam und Eva von Gottes Segen umhüllt. Die ganze Schöpfung ist gesegnet, denn Gott sah an alles. was er gemacht hat, und siehe es war sehr gut. Sonne und Mond, Wale und Ozeane, Berggipfel und Lämmer gehören zum Haus des Segens. Die Schöpfung lebt durch Gottes Atem und Segen. Sie ist durch Gottes Wort und Atem ins Leben gekommen. Adam und Eva waren nur die ersten, die verstanden haben, dass der Segen und das Leben zerbrechlich sind. Sie waren die ersten, die sahen, was es bedeutet, wenn Gott seinen Atem wieder wegnimmt. Sie lernten die Verzweiflung kennen, die brennt, wenn der Blick Gottes auf die eigenen Fehler und das eigene Versagen fällt. Sie waren die ersten, die lernen mussten, dass nicht sie über die Quellen zum Leben bestimmen. Sie lernten unter Schmerzen, dass nur Gott über den Segen verfügt. Allein Gott ist die Quelle allen Segens. Wäre der Segen in den Händen von Adam und Eva ein selbstverständliches Gut gewesen, bräuchte es nicht die Worte, die die Kinder Aarons zu ganz Israel und auch zu uns sprechen: Der HERR segne dich und behüte dich.
Der Segen Gottes ist eine Herberge, in die wir gebeugt und mutlos eintreten und aus der wir gelöst in die Welt aufbrechen werden. Die Kinder Aarons sprechen uns die Segensworte vor und öffnen uns die Tür zum Haus des Segens. Viele sind vor uns eingetreten und wurden hier durch den liebenden Blick Gottes erlöst. Der Blinde vor den Toren Jerichos hat sich danach gesehnt. Als ihm Jesus begegnete, wandte sich ihm das erlösende Angesicht Gottes zu. Gottes Antlitz schaute ihn durch Jesu Augen an. Jesu Blick hat ihm gegeben, was er bei keinem Menschen finden konnte. Er sah die Welt neu. In Jesu Gegenwart leuchtete Gottes Antlitz auf und nicht nur der Blinde von Jericho wurde heil. Die Gekrümmten, Mühseligen und Beladenen, die Trauernden und Schuldigen spürten durch Jesus den Segen der Gegenwart Gottes und hörten von den zum Segen geöffneten Armen, mit denen Gott an der Türschwelle des Hauses auf die Umkehrenden und Verlorenen wartet. Sie alle lud Jesus ein, ihm in das Haus des Segens zu folgen. Hier, im Haus des Segens sind Krümmungen, Wunden und Narben im Leben nicht mehr eine Frage von Schuld. Der segnende Blick Jesu verwandelt Trauer und Wut. Die Dunkelheit weicht und die Angst verliert ihre Macht. Gekrümmtes darf sich aufrichten und dem tausendfach Versäumten muss niemand mehr nachtrauern. Denn die Worte Gottes für die Kinder Aarons sind größer als alles verpasste Leben: Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Segen Gottes ist eine Herberge, in die wir einsam und friedlos eintreten und aus der wir wieder mit Freude in die Welt aufbrechen werden. Die Kinder Aarons sprechen uns am Ende jedes Gottesdienstes die nötigen Segensworte vor und dann senden sie uns aus. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Im Haus des Segens herrscht Frieden. Es ist der Friede, den wir in dieser Welt so schmerzlich vermissen. Im Haus des Segens können wir eine Ahnung von dem Frieden empfangen, für den aus Schwertern endgültig Pflugscharen geschmiedet wurden. Im Segen legt sich ein Vorgeschmack von Gottes Frieden auf unsere Zungen, in dem die Worte des Hasses und der Verachtung endgültig verstummt sind. Im Segen leuchtet eine Vorahnung von dem Frieden auf, der der Normalzustand der Welt ist, wie Gott sie gemeint hat und zu der Jesus am Ostermorgen aufgebrochen ist. Dieser Friede ist schon da. Im Haus des Segens erfüllt er jeden Raum, begrüßt uns und erwartet uns in jeder Ecke, spricht zu uns, nimmt uns an die Hand und lässt uns zur Ruhe kommen. Der Friede lädt uns ein, miteinander Brot und Wein zu teilen. Im Haus des Segens ist Gottes Friede ganz und gar wirklich. Hier können wir von ihm kosten und unsere Zungen an ihn gewöhnen. Aber wir können im Haus des Segens und seinem Frieden immer nur einkehren, um dann wieder aufzubrechen. Immerhin haben wir – wenn wir aufbrechen – die tröstlichen Zusagen des Evangeliums im Ohr. Wenn wir aus dem Haus des Segens in unseren Alltag zurückkehren, tragen wir den Duft des Segens auf unserer Haut und haben seinen Geschmack auf der Zunge. Wir nehmen die guten Worte der Kinder Aarons mit uns mit. Wenn wir sie Wort für Wort, Silbe für Silbe wiederholen und sie nachsprechen, gewöhnen sich unsere Münder an ihren Klang und unsere Herzen üben sich darin, Gottes Wirklichkeit im eigenen Leben zu suchen, zu ahnen, zu ertasten, zu schmecken, zu hören, zu finden. Wenn wir die Worte der Kinder Aarons nachsprechen, kommen wir mit jeder Silbe Gott nahe und einander näher – und dann geht in glücklichen Momenten über uns der Himmel auf.
Amen.
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Katharina Wiefel-Jenner, geb.1958, Pfarrerin i.R., bildet in Berlin als Dozentin für Liturgik und Homiletik Ehrenamtliche für den Verkündigungsdienst aus.