Apostelgeschichte 4,32–37

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«Taxmenow» | 1. So. n. Trinitatis | 07. Juni 2026 | Apg 4,32–37 | Martina Janßen

 

«Taxmenow»

Ich habe kürzlich ein Buch entdeckt. „Toxisch reich“ (2025) heißt es. Das klingt ein bisschen nach linkem Reichen-Bashing. So einfach ist es aber nicht. Es sind nicht immer die üblichen Verdächtigen, die Mega-Vermögen kritisieren und Solidarität einfordern. Sebastian Klein, der Autor des Buches, ist Unternehmer, sehr reich und engagiert sich für „Taxmenow“ (= „Besteuert mich jetzt“). In dieser Initiative sprechen sich vermögende Menschen für mehr Steuer- und Vermögensgerechtigkeit aus. Das finde ist gut. Wenn zu wenige zu viel haben und zu viele zu wenig, gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Das vergiftet das Klima und wird auf die Dauer ungesund, „toxisch“ eben. Dagegen wollen die Unternehmer:innen etwas tun und nutzen ihre privilegierte Position gerade nicht, um ihren Reichtum zu vermehren, sondern um machtkritisch zu agieren. „Wir wollen Wohlstand, Teilhabe und soziale Sicherheit für alle. Die Voraussetzung dafür ist ein starkes und gerechtes Steuersystem, das auf demokratische und transparente Weise für Umverteilung sorgt und durch die Finanzierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen das Gemeinwohl stärkt.“  ​​(https://www.taxmenow.eu/). Um diese Vision Realität werden zu lassen, machen die Menschen hinter „Taxmenow“ auch vor sich selbst nicht halt. „Enterbt uns doch endlich“ (2022) – so der Buchtitel eines anderen Autors, Yannick Haan. Mich beeindruckt das. Da sind die, die viel haben, bereit, weniger zu haben, damit andere etwas mehr haben. Mehr zum Leben, mehr Chancen, mehr Teilhabe. Das stützt und schützt die Demokratie und schafft sozialen Frieden. Davon haben am Ende alle etwas.

 

Lesung Apg 4,32–37: 32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Ob Josef Barnabas heute bei „taxmenow“ mitmachen würde? Passen würde es. Seinen Acker verkauft er, gibt das Geld den Aposteln, damit das, was seins gewesen ist, allen zugutekommt. Er macht ernst damit, etwas zum Wohl aller beisteuern zu wollen. Es bleibt nicht bei einem gut gemeinten Vorsatz oder einem leeren Versprechen. An Josef Barnabas, einem der einflussreichten Männer im frühen Christentum, kann es jeder sehen; an seinem Handeln wird es aller Welt vorbildlich vor Augen gestellt. Die, die an Christus glauben und vom Geist erfüllt sind, sind ein „Herz und eine Seele“. Lukas beschreibt die erste christliche Gemeinde als einmütige Gütergemeinschaft. Die Antike ist voll mit ähnlichen Gedanken, Visionen, Utopien. „Es sei Freunden alles gemeinsam“ – so lautet ein Programmsatz des hellenistischen Freundschaftsideals (vgl. Cicero, de officiis 1,51). Exklusiv ist das urchristliche Gemeinschaftsmodell vielleicht nicht, aber exklusiv ist die Begründung. Wer Gott liebt, liebt auch seinen Nächsten. Nicht nur Familie und Freunde, auch Fremde und selbst Feinde.

„Es war ihnen alles gemeinsam“ – ein hohes Idal, mit dem die älteste Kirchengeschichte ganz zu Beginn startet, gleich zweimal erzählt Lukas davon (Apg 2,44–46; 4,32–37), doppelt hält besser. Das zeigt, wie wichtig ihm dieses Ideal ist. Doch Lukas ist nicht nur Idealist, er ist auch Realist. Dass nicht immer alles gleich klappt, verschweigt er nicht. Es gibt Geschichten über jene, die etwas unterschlagen (Apg 5,1–11). Das geht nach Lukas gar nicht und für die beiden, die das tun, geht die Geschichte auch nicht gut aus. Und es gibt Geschichten vom Übersehen-Werden, die gut ausgehen: Als eine Gruppe von Witwen nicht bedacht und beachtet wurde, wird ein Amt eingeführt, deren Inhaber dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert: die ersten Diakone (Apg 6,1–7). „Ein Herz und eine Seele; es war ihnen alles gemeinsam“ – einfach war das auch an den Anfängen des Christentums nicht. Das finde ich, ehrlich gesagt, auch irgendwie tröstlich.

Geht es in der Apostelgeschichte um eine reale oder ideale Gemeinschaft? Darüber streitet sich die Forschung. Haben die Menschen in der ersten christlichen Gemeinde wirklich so miteinander gelebt? Oder ist das nur eine Utopie einer fiktiven Christianopolis? Auf jeden Fall eins der Lieblingsthemen von Lukas, sei es in seinem Evangelium, sei es in der Apostelgeschichte. Bei Lukas geht es ja oft um arm und reich, und für wen Lukas Partei ergreift, ist offensichtlich, von Anfang an: „Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ (Lk 1,48). Das Bewusstsein dafür, dass Reichtum toxisch und Armut quälend und elend sein kann, findet sich bei Lukas überall; so manches hat geradezu sozialrevolutionäres Potential: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen (Lk 1,52f). Nicht umsonst gilt Lukas als der „Evangelist der Armen“, als der Che Guevara unter den Evangelisten, der immer wieder den Finger in die Wunde der sozialen Ungerechtigkeit legt und bei dem die Reichen oft nicht gut dastehen und gut wegkommen (Lk 16,19–31 [Evangelium des Tages]). Andere Evangelisten haben andere Lieblingsthemen. Relativiert das die Vision von Lukas? Ist er vielleicht nur das verträumte „Enfant terrible“ unter den biblischen Autoren, das noch nicht verstanden hat, dass es in der wirklichen Welt anders zugeht und dass real existierender Sozialismus in der Regel nicht gut ausgeht?

So leicht kommt man nicht davon. Die Option für die Armen zieht sich durch die gesamte Bibel; den Zehnten soll man geben (3 Mos 27,30–32), denn: „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein.“ (Dtn 15,4). Die Fülle des Lebens ist unteilbar und steht jedem zu; es gilt allen: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.“ (Psalm 34, [Tagespsalm]). Da muss niemand wie Lazarus draußen vor der Tür kauern und lauern, um sich „zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.“ (Lk 16,21). So soll es nicht sein. Der Kuchen ist für alle da, niemand soll nur von Krümeln leben oder gar hungern müssen. „Brich dem Hungrigen dein Brot“ (Jes 58,7). Barnabas ist in der Apostelgeschichte nicht der einzige, der das tut. Auch „Tabita tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen“ (Apg 9,36); Kornelius „war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott.“ (Apg 10,2). Viele andere auch. Das ist nicht als Enteignung von oben misszuverstehen, das ist Liebe, die von innen fließt – freiwillig und freudig. „Jeder [soll geben], wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ (2 Kor 9,7).

In der ersten Gemeindeordnung, der Didache, wird die Vision des Lukas wiederholt und bekommt quasi kirchenrechtlichen Charakter: „Du sollst dich nicht abwenden von den Bedürftigen; du sollst vielmehr alles teilen mit deinem Bruder, und sollst nicht sagen, etwas sei (dein) Eigentum. Denn wenn ihr Teilhaber seid in dem Unsterblichen, um wieviel mehr in den sterblichen Dingen?“ (Did 4,8). Bis heute ist Nächstenliebe eine Eigenschaft, die mit Kirche assoziiert wird. Wer Kirche hört, hört Diakonie und Caritas mit. Das finden auch Menschen gut, die sonst nicht so viel mit Kirche anfangen können. Das war damals auch so. Als Lukas das erste Mal die Gütergemeinschaft und das gemeinsame Brotbrechen beschreibt (Apg 2,44–46), sagt er auch etwas über die Außenwirkung. „Sie fanden Wohlgefallen beim Volk“. Doch darum geht es nicht, zumindest nicht in erster Linie. Es geht um Liebe und um Gott, der Liebe ist und Liebe will. Wer Gott liebt, liebt den Nächsten, lässt ihn nicht leer ausgehen und hungrig dastehen. „Meine Kinder, lasst uns lieben […] mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (1 Joh 3,18).

Und nun? Was heißt das nun heute? Gut gemeint, aber nicht umsetzbar? Vielleicht ist das ein Freundschaftsideal im privaten Umfeld, aber gesellschaftstauglich ist es nicht. So zu denken sei ferne! Solidarität ist kein sozialromantisches Luftschlösschen, sondern eine Grundfeste der Demokratie. Also: Zurück zur Gütergemeinschaft? In Klöstern ist das ja so. Aber für alle? Alles allen und nichts eigenes für mich? „Und du sollst nicht sagen, etwas sei (dein) Eigentum.“ (Did 4,8). Ist Eigentum also Diebstahl?  Immerhin ist die Vision des Lukas als „religiöser Liebeskommunismus“ (Ernst Troeltsch) bezeichnet worden. Also Enteignung als Lösung? Ich denke, auch das ist kein Weg. Nicht jeder muss gleich viel haben. Leistung darf sich lohnen. Aber jeder muss die gleichen Chancen haben. Und niemand darf unter dem Tisch fallen und außen vor bleiben, während die anderen sich satt essen. Alle brauchen ihren Platz am Tisch der Gesellschaft und ihre Chance, auch ein Stück vom Kuchen abzukriegen. Und selbst wenn sie ihre Chance verpassen, gilt: „Brich den Hungrigen dein Brot“ und sagt zu ihnen: „Schmecket und sehet.“ Das wäre christlich und menschlich sowieso. Doch so geht es ja heutzutage leider immer weniger zu. Die Zahl der Superreichen steigt, die der Menschen, die Flaschen sammeln und zur Tafel gehen, auch. Wir lesen über Armut und Reichtum, über Gerechtigkeit und Spaltung täglich in den Nachrichten: Umbau des Sozialstaates, Gesundheitsreform, Reform der Erbschaftssteuer. Bei allen Unterschieden scheinen sich alle einig zu sein: Es ist nicht gut, wie es ist. Doch wer ist schuld? Die, die den Mund nicht voll genug kriegen, oder die, die den Hintern nicht hochkriegen? Sind das wirklich die richtigen Fragen? Polemik, Polarisierung und Populismus helfen ja nie. So einfach ist es nicht. Es gibt Arme, die habgierig sind, und Reiche, die freigiebig sind.

Vielleicht wäre es Zeit für „Taxmenow“. „Taxmenow“ ist nicht nur was für Reiche. „Taxemenow“ ist eine Haltung, die jeder und jede einnehmen kann. Mein eigenes Wohl und das Wohl anderer sind verbunden. Darum will ich etwas beisteuern zum Wohl aller, so wie ich eben kann, sei es das Scherflein der Witwe (Lk 21,1–4), seien es 5 Millionen. Ganz konkret und im Kleinen: Steuern zahlen und auf legal-illegale Steuertricks verzichten, weniger kreative Buchführung und mehr karikatives Engagement, weniger Worte und mehr wohl-tätig sein. „Wenn jeder gibt, was er hat, werden alle satt.“ Das gilt übrigens auch für Kirchensteuer. Nicht jede Gemeinde hat einen Barnabas, eine Tabitha oder einen Kornelius, die mit einem Förderverein Stellen aufstocken und vieles andere finanzieren können. Kirchensteuer ist innerkirchliche Solidarität, damit um die Leuchttürme herum das Licht nicht ganz ausgeht. „Taxmenow“ wäre für jeden und jede an der Zeit. Aus ökonomischer Vernunft, aus demokratischer Leidenschaft, aus menschlicher Solidarität – und weil sich für die, die es sehen oder sehen wollen, in dieser Haltung nichts weniger als der Geist Gottes zeigt. „Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ (1 Joh, 4,21 [Epistellesung des Tages]).

Amen


PD Dr. Martina Janßen
Hildesheim
dr.martina.janssen@evlka.de

Martina Janßen, geb. 1971, Privatdozentin für Neues Testament (Universität Göttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers