Apostelgeschichte 4,32–37
Setzen wir keine rosarote Brille auf! | 1. So. n. Trinitatis | 07. Juni 2026 | Apg 4,32–37 | Sabine Handrick |
Setzen wir keine rosarote Brille auf!
Liebe Gemeinde!
Vor zwei Wochen haben wir Pfingsten gefeiert. Wir freuten uns mit unseren Jugendlichen, die – so wie sie sind – hinstanden und sich zum christlichen Glauben bekannten. Das ist nicht selbstverständlich und ein guter Grund zur Freude.
Die Konfirmation liegt in unserer Gemeinde meistens auf dem Pfingstfest. Man kann die frühsommerlich- fröhliche Stimmung und die lockere Atmosphäre geniessen, wenn Jugendliche beim Gottesdienst mitmischen. Sie erinnern uns an unsere eigene Jugend, an unsere Sturm- und Drangzeit, wo wir voller Energie waren und mit optimistischem Blick in die Zukunft schauten…
Und wenn dann beim Apéro alle beisammenstehen, fangen ältere Gemeindeglieder gern an, von ihrer Konfirmation zu erzählen … mit den grossen Jahrgängen, zu denen sie gehörten. Ich sehe auch einen sorgenvollen Zug um ihren Mund: Ach, nur so wenige Konfirmanden, kaum eine Handvoll… und unausgesprochen steht zwischen den Zeilen die bange Frage: Was soll nur aus unserer Kirche werden, wenn das so weitergeht?
Ja, die Zeiten haben sich geändert und ich verstehe die Bedenken. Wenn man die gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet, dann wird’s jedem kirchenverbundenem Menschen schwer ums Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der man in früheren Generationen zu einer bestimmten Konfession gehörte, in die man hineingeboren wurde, die gibt es nicht mehr. Die Mitgliedschaft in einer Kirche ist zu einer bewussten Entscheidung geworden. Und gegenwärtig ist es wohl nicht besonders «in», sich zum christlichen Glauben zu bekennen. Nicht wenige Zeitgenossen/innen entscheiden sich dagegen und treten aus der Kirche aus. Der Anteil der Reformierten sinkt auch in der Schweizer Bevölkerung. Der Anteil der Konfessionslosen wächst. – Und deshalb ist die Konfirmation von einer Handvoll Jugendlicher um so mehr ein Grund zur Freude, besonders wenn man spürt, dass ihr JA aus dem Herzen kommt und sie meinen, was sie sagen.
Liebe Gemeinde, wir haben heute aus der Apostelgeschichte Erinnerungen an die Frühzeit der Kirche gehört. Da scheint das Gemeindeleben so gänzlich anders gewesen zu sein. Es wird als sehr harmonisch und vorbildlich geschildert, dass sich unsereiner eigentlich nur im Keller verstecken möchte. Und wenn wir dann auch noch an Pfingsten denken, wo die Begeisterung für den Glauben so hohe Wellen schlug, dass sich bald darauf Tausende an einem Tag taufen liessen – wie es in Jerusalem geschehen sein soll – dann könnte man glatt in Depressionen versinken. Aber nein, meine Lieben, das wollen wir nicht!
Ich muss Euch ehrlicherweise sagen, dass manche Bilder, die die Apostelgeschichte malt, durchaus geschönt sind. Sie vermitteln den Eindruck einer christlichen Gemeinschaft, in der alle ein Herz und eine Seele sind, wo viele Zeichen und Wunder geschehen, und einmütige Gottesdienste stattfinden. Die frühen Christen hätten miteinander alles geteilt, was sie besassen, heisst es. Und ihre Ausstrahlung sei so toll und so anziehend gewesen, dass der Zustrom an neuen Mitgliedern in die Gemeinde nie abriss. Kann man das wirklich für bare Münze nehmen?
Ihr hört an meinem ironischen Tonfall, dass ich dies nicht tue. Denn wenn wir genauer hinschauen – und das machen theologische und exegetische Arbeiten, dann sehen wir, wie es wirklich war: Es lief in der jungen Christenheit gar nicht so vorbildlich, wie die Apostelgeschichte uns glauben lassen will. Die Euphorie des pfingstlichen Anfangs verflog schnell und es menschelte recht bald in den Gemeinden. Streit und Konflikte kochten hoch, es kam zu Trennungen und sogar zu Todesfällen. Im grauen Alltag der Gemeinde wurde nicht immer geschwisterlich miteinander geteilt und die Gemeinden wuchsen auch nicht mehr so rasant wie früher.
Es war eine eher deprimierende Realität, in der sich der Autor der Apostelgeschichte befand. Deshalb wollte er einen Gegenentwurf zeichnen, so etwas wie eine Utopie seiner Traumkirche beschreiben. Die Begeisterung des Anfangs, das Feuer des Heiligen Geistes wollte er für die düstere Gegenwart retten, damit die Kirche überhaupt eine Zukunft hätte.
So könnte Gemeinde Christi sein im Idealfall. Stellt Euch vor, was möglich wäre, wenn… !
Ich muss an die Leitbildprozesse denken, die mir in den letzten Jahrzehnten meiner Berufspraxis immer wieder begegnet sind. Dass wir in herausfordernden Zeiten stecken, auch auf kirchlicher Seite, das sieht jeder. Und natürlich versuchen wir, die Probleme zu lösen, soweit wir es können. Eine gemeinsame Vision ist dabei sehr hilfreich. Wo wollen wir miteinander hin, jetzt, heute, hier, wenn wir im 21. Jahrhundert Christen/innen sein wollen? Ein Leit-Bild beschreibt das, woran sich eine Gemeindeleitung orientieren kann in ihren alltäglichen Entscheidungen.
Und in diesem Sinne macht die Apostelgeschichte nichts anderes, als ein Idealbild der christlichen Gemeinschaft zu malen. Nur darf man nicht der Illusion erliegen, dieses Bild würde die Realität widerspiegeln.
Also, wir lesen von der sogenannten «Gütergemeinschaft» in der Jerusalemer Gemeinde, in der das Vermögen geteilt wurde, damit niemand Not leiden musste. Barnabas wird als leuchtendes Beispiel genannt, weil er sein Grundstück verkaufte und den Ertrag der Gemeinde zur Verfügung stellte. Das Geld sollte denen zugutekommen, die es dringender brauchten. Er brauchte für sich selber nicht viel, denn er reiste mit leichtem Gepäck. Es war eine sehr grosszügige Geste!
Stellen wir uns ähnliches in unserem Umfeld vor … unsere Kirchgemeinde müsste sich auf Jahre keine Sorgen ums Budget machen. Und wir würden für den edlen Spender mindestens eine Gedenktafel an der Kirche anbringen.
Die «Gedenktafel» für Barnabas sind ein paar Erwähnungen in der Apostelgeschichte. Er hätte eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient, leider kennt kaum jemand noch seinen Namen. Wenn von Aposteln der frühen Kirche gesprochen wird, denken die meisten an Paulus. Fraglos war er ein wichtiger Theologe und Verbreiter des entstehenden Christentums, aber er war nicht der Einzige! Schade, dass Barnabas und andere Verkündiger und Ermöglicher der frühen Kirche in seinem Schatten bleiben.
Ursprünglich war Barnabas der Mentor von Paulus. Er hatte viel mehr Erfahrung als Apostel zu der Zeit, als Paulus gerade erst anfing, einer zu werden. Also nahm Barnabas den Paulus unter seine Fittiche, öffnete ihm die Türen zur Jerusalemer Gemeinde. Beide arbeiteten lange gut zusammen. Aber Barnabas war der Seniorpartner. Sie reisten zusammen nach Zypern, Kleinasien, und im östlichen Mittelmeerraum und verbreiteten das Evangelium überall, wo sie hinkamen. Sie gründeten neue Gemeinden, zogen weiter – bis sie sich zerstritten… Und fortan kam Barnabas bei Paulus kaum noch vor und erscheint nur unter «ferner liefen» wie irgendein unbedeutender Mitarbeiter.
Tja, Paulus hatte den Dreh bald raus und wusste, wie’s funktioniert: «Wer schreibt, der bleibt.»
Es geht immer um Reichweite und Einfluss, ähnlich wie heute in den sozialen Medien. Sichtbarkeit ist alles. Wer online nicht vorkommt, wird nicht gesehen, nicht wahrgenommen, mag er/sie noch so Wichtiges beizutragen haben.
Barnabas selbst hat eben keine Briefe oder theologische Schriften hinterlassen. (Es gibt zwar einen Barnabasbrief, aber der entstand später, stammt nicht aus seiner Feder.) Doch zu seiner Zeit war Barnabas ein sehr geschätzter Lehrer des Glaubens. In der Jerusalemer Gemeinde genoss er hohes Ansehen – sicher wegen seiner grosszügigen Gabe – aber auch, weil es ihm gelang, in Streitfragen zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen zu vermitteln. Der Verzicht auf sein Eigentum gab ihm grosse Glaubwürdigkeit. Er war eine echte Führungspersönlichkeit, würde man heute sagen.
Man nahm ihm ab, was er sagte. Denn da war keine Spannung zwischen dem, was er predigte und dem, was er tat. Barnabas gab sein Vermögen der Gemeinde – im monetären Sinn wie im geistlichen Sinne. Er gab, was er hatte und was er vermochte. Das war das Entscheidende.
Wenn andererseits aber Kirchenleute Wasser predigen und Wein trinken, merken das die Menschen schnell. Man sieht die Diskrepanzen, wenn Wort und Tat nicht übereinstimmen. Viele von denen, die heute der Kirche den Rücken kehren, mögen solche Widersprüche nicht mehr mittragen. Es ist fatal, sich nur um das schöne Image von Kirche zu sorgen. Und der Harmoniezwang, der «bei Kirchens» oft herrscht, vielleicht auch gespeist durch Idealbild der Urkirche, wie es die Apostelgeschichte erzeugt, verstärkt die Probleme. – Also hinsehen und sich nicht blenden lassen! Denn wenn der Lack ab ist, dann sieht man die unschönen Stellen und den Rost, der an der Konstruktion frisst.
Man lese nur ein paar Verse weiter, Apg. 5, wo am Beispiel von Hananias und Saphira gezeigt wird, dass es in der Gemeinde durchaus auch eigensüchtige Menschen gab, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen und andere hinters Licht führen wollten. Doch die beiden mussten es teuer bezahlen – mit ihrem Leben. Denn: Gott kann man nicht betrügen.
Es geht im Grunde um die richtige Haltung des Herzens. Wer erfüllt ist von der Kraft des Heiligen Geistes, der gewinnt so eine Haltung, wie sie Barnabas hatte. Dann nutzt man das eigene Vermögen, um die Not anderer zu lindern. Und in diesem Sinne ermutigt uns dieser Text zu Grosszügigkeit.
Sehen wir unseren persönlichen, kirchlichen, gesellschaftlichen Reichtum und setzen wir unser Vermögen (Geld, Macht, Einfluss, Wissen und Können) nicht nur für uns selbst sondern für andere ein?
Wenn unter uns Christen/innen das Teilen so selbstverständlich geworden sein wird, wie es in einer Familie normal ist, dann wird die christliche Gemeinde immer eine Zukunft haben. Wenn für die christlichen Geschwister das Gleiche gilt, wie für die Verwandte und Freunde: «Was mein ist, ist dein… Komm rein… fühl dich wie zuhause.»
Herzlich und willkommen heissend, selbstverständlich und ohne nachzurechnen, echt und ehrlich sollen wir miteinander umgehen, denn wir alle sind beschenkt.
Das ist die Vision von einer Kirche, die wir noch nicht haben. Aber wir könnten sie realisieren, wenn wir der Geistkraft Gottes vertrauten!
Ich gebe, was ich kann, weil ich weiss, dass ich alles, was ich bin und habe, letztlich Gott verdanke. Das ist das Prinzip der freien überfliessenden Gnade Gottes, des Segens, den wir mit allen anderen teilen dürfen.
Mit diesem Glauben zogen einst die Apostel los, um mit anderen die frohe Botschaft zu teilen, sie ihnen mit-zu-teilen.
Hätte Barnabas sein Grundstück nicht verkauft und wäre er nicht mit leichtem Gepäck und frei von Immobilien-Besitz losgezogen, dann hätte er Paulus vielleicht nie getroffen. Er hätte ihn nicht unterstützen können und Paulus wäre nicht der Apostel geworden, der den christlichen Glauben nach Europa brachte… unsere Kirchen gäbe es möglicherweise nicht.
Es ist schon gut, sich an Barnabas zu erinnern.
Er hat eine tröstliche Botschaft für uns.
Und wenn wir – jede/r von uns – wir uns wenigstens eine kleine Scheibe von seiner Grosszügigkeit abschneiden, dann mache ich mir um die Zukunft unserer Gemeinde keine Sorgen. Amen
Verfasst von:
Sabine Handrick