Apostelgeschichte 4,32–37

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Ein Herz und eine Seele | 1. So. n. Trinitatis | 07. Juni 2026 | Apg 4,32–37 | Luise Stribrny de Estrada |

Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.

 

 Ein Herz und eine Seele

 Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Warum bin ich Christin? Warum sind Sie Christinnen und Christen? Für mich ist ein Grund, der wichtigste Grund, eine faszinierende Erfahrung. Davon möchte ich erzählen: Als Jugendliche kam ich nach meiner Konfirmation in Kontakt zu einer Gruppe, die sich jeden Freitagabend zu einer Andacht traf. Sie war anders gestaltet als die Gottesdienste, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Diese Andacht lebte von einfachen schönen Gesängen, die oft wiederholt wurden. Es gab eine Bibellesung und anschließend Stille. Wir saßen in der Kirche auf dem Boden und hatten zur Betrachtung neben dem Kreuz eine Ikone, die Maria mit dem Kind darstellte. Die anderen erzählten mir, dass sie diese Art der Andacht in der Gemeinschaft von Taizé in Frankreich kennengelernt hatten. – Nach der Andacht trafen wir uns im Gemeindehaus und aßen zusammen Abendbrot. Fast jede/r brachte etwas mit und wir teilten Käse, Quark, Brot, Gurken, Wurst und Wasser. Es war immer genug da. Alle wurden satt. So erinnere ich es. Die meisten, die zur Taizé-Andacht kamen, waren Jugendliche, aber es gehörten auch Erwachsene und Ältere dazu. Wir waren eine Gemeinschaft, das Alter spielte keine Rolle.

„Sie waren ein Herz und eine Seele“ (V.32), hören wir in der Apostelgeschichte über die frühe christliche Gemeinde. Ich male mir aus, dass das so ähnlich war wie die Gemeinschaft, die ich als Jugendliche in der Kirche erlebt habe. Sie verband die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das Brotbrechen und das Gebet, lesen wir über die erste Gemeinde (Apg. 2,42), sie hielten die Mahlzeiten mit Freude (Apg. 2,46). Mir fällt auf, wie wichtig das Essen ist. Sie trafen sich reihum in den Häusern und feierten zusammen das Abendmahl in Erinnerung an Jesus Christus. Es gab unter ihnen viele Jünger, die dabei gewesen waren, als Jesus beim letzten Abendmahl das Brot brach, so wie später sein Leib gebrochen wurde. Sie hatten selbst erlebt, wie Jesus ihnen den Kelch gab und den Wein als sein Blut deutete. Das war alles noch nicht lange her! Und nun taten sie das in einer neuen Gemeinschaft mit anderen Menschen und Jesus war durch den Pfingstgeist bei ihnen und verband sie miteinander.

Nach dem Abendmahl aßen sie gemeinsam. Oft brachten die, die das konnten, etwas zu essen mit und sie teilten Brot, Oliven, Wein, Käse und Früchte. Manchmal lud der Hausherr und die Hausherrin alle ein und bewirtete sie. Sie redeten miteinander über das, was sie tagsüber erlebt hatten, teilten ihre Freunde und Sorgen. Sicherlich erzählten die Apostel, Petrus, Thomas, Philippus und all die anderen, von ihren Erlebnissen mit Jesus. Sie fassten auch zusammen, was jetzt für die junge Gemeinde wichtig war: an den Auferstandenen glauben, Buße tun, in der Gemeinschaft bleiben. Ich stelle mir vor, dass für alle diese Mahlzeiten wichtig waren, bei denen sie ihren Glauben und ihren Alltag teilten.

Wir haben in der Apostelgeschichte weiter gehört: „…auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“. Danach wird beschrieben, dass viele ihr Land oder ihre Häuser verkauften und den Erlös den Aposteln übergaben, damit sie jedem und jeder zuteilten, was er oder sie brauchte. Ich habe dabei gemischte Gefühle. Wenn alle, die etwas Wertvolles besitzen, es verkaufen und der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, ist das eindrucksvoll. Es spricht von großem Vertrauen in die Gemeinde und insbesondere in die Apostel, die das Geld verwalten. Wenn die Reicheren mit den Ärmeren teilen und alle genug zum Leben haben, ist das sehr gut und vorbildlich. Was aber geschieht, wenn das nicht funktioniert?

Die Apostelgeschichte verschweigt dieses Problem nicht und berichtet unmittelbar nach unserem Predigtabschnitt von einem Ehepaar, das die Gemeinschaft belügt und Geld für sich privat abzweigt: Hananias und Saphira verkaufen ihren Acker, bringen aber nur einen Teil des erlösten Geldes zu den Aposteln. Dabei behaupten sie, das sei der volle Betrag, den sie erwirtschaftet hätten. Petrus erfährt das und stellt sie zur Rede. Er wirft ihnen vor, sie hätten nicht Menschen, sondern Gott belogen. Beide fallen tot um. – Die Erzählung ist sehr drastisch und die Strafe erscheint uns unverhältnismäßig, aber sie weist drauf hin, dass es schon in der frühen Gemeinde Schwierigkeiten gab, alles miteinander zu teilen.

Ich glaube, den Besitz zu teilen, funktioniert höchstens so lange einigermaßen gut, wie alle sich persönlich kennen. Aber die urchristliche Gemeinde wuchs schnell und breitete sich von Jerusalem bis nach Europa aus. Die Menschen aus den verschiedenen Gemeinden kannten einander nicht mehr, nur die Apostel wie Paulus und Barnabas hielten sie durch ihre Besuche und ihre Briefe zusammen. Da wurde es sogar schwierig, eine gemeinsame Kollekte zu sammeln. Das Ideal der Gütergemeinschaft verblasste bald, weil es in der Realität schwer umzusetzen war – und ist.

Während ich die Predigt schreibe, werde ich zweimal unterbrochen von Menschen, die an meiner Tür klingeln. Beide sind wohnungslos. Sie waren schon früher hier und wissen, dass sie bei der Pastorin einen Essensgutschein bekommen. Jetzt, am Ende des Monats, ist das Geld verbraucht, das sie vom Staat bekommen. „Ich habe nur noch 2 Euro in der Tasche“, sagt mir der eine. Im Namen der Gemeinde helfe ich Menschen weiter, wenn sie in Not sind. Nächstenliebe gehört zum Christsein dazu wie das Amen in der Kirche. Wir lassen uns nahe gehen, wenn unser Mitmensch Hunger hat und nehmen uns seiner an.

Ich behaupte nicht, dass ich wirklich mit ihnen teile, denn den Gutschein, den sie von mir bekommen, hat die Gemeinde bezahlt. Außerdem hätte Teilen viel größere Dimensionen. – Aber ich behandle diejenigen, die zu mir kommen, so, wie es ihrer Würde als Menschen entspricht, auch wenn sie sich länger nicht gewaschen haben und zu unpassender Stunde kommen. Ich gebe ihnen wenigstens etwas, um ihnen weiterzuhelfen.

Die „Brüder von der Landstraße“, wie der Theologe Friedrich von Bodelschwingh sie genannt hat, führen mir vor Augen, welches der Auftrag Jesu Christi ist: Den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken zu geben (Mt. 25,35).

Wie in der Zeit als Jugendliche faszinieren mich Gemeinschaften immer noch. Dass Menschen ihre Zeit, ihr Essen, ihren Alltag, ihre Arbeit, ihre Träume und Hoffnungen miteinander teilen. Ich kenne verschiedene christliche Gemeinschaften, eine davon ist der „Hoffnungsgrund“ im Lauenburgischen: In einem ehemaligen Pastorat wurde vor 11 Jahren eine Flüchtlingsherberge gegründet. Lexa und Johannes, die Herbergseltern, nehmen Menschen dort auf, die aus ihren Heimatländen fliehen mussten, viele aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran. Im Hoffnungsgrund finden sie Kirchenasyl. Ihr Fall muss dann noch einmal vor Gericht verhandelt werden. „Wir wurden hier alle als Menschen aufgenommen“, sagt Humi aus Afghanistan, die sieben Wochen im Hoffnungsgrund gelebt hat. Sie teilte mit den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen die gleichen Sorgen und Nöte. „Das ist gelebtes Gottvertrauen“, sagt Lexa, die Herbergsmutter. Bischöfin Fehrs, die das Projekt zum 10-jährigen Geburtstag besuchte, formuliert es so: „Dieser Ort ist ein sagenhaft mutiges Projekt tätiger Nächstenliebe“.[1]

Immer wieder ist das Zusammenleben schwierig, wenn dort Menschen zusammentreffen, deren Nationen verfeindet sind. Oder wenn Menschen schwer traumatisiert im Hoffnungsgrund landen. Manchmal kommen die Herbergseltern an die Grenzen ihrer Kraft. Inzwischen wohnen sie in einem Haus, das 200 Meter entfernt liegt, um sich zurückziehen zu können. Gemeinschaft ja, sagen sie, aber nicht um jeden Preis. Wir brauchen auch Raum für uns zu zweit und jeder für sich allein.

In unserer Gemeinde teilen wir nicht so viel Leben miteinander wie die Menschen im Hoffnungsgrund. Aber in vielen Gruppen und in zahlreichen Gesprächen nehmen wir Anteil an dem, was die anderen beschäftigt. Im Seniorenkreis berichtet ein alter Herr, dass er seine Frau im Altersheim besucht hat. Es gehe ihr trotz ihrer Demenz gut und sie habe ihn erkannt. Die anderen im Kreis kennen seine Frau und sind mit ihm erleichtert, dass sie sich in der neuen Umgebung eingelebt hat. – In einem Gespräch beim Kirchencafé erzählt eine Frau im kleinen Kreis, dass ihre Tochter psychische Probleme hat und sie nicht weiß, wie sie ihr helfen kann. Eine andere kennt eine Therapeutin, mit der sie gute Gespräche geführt hat, und vermittelt ihr den Kontakt.

Ich spüre Vertrauen und Nähe. Menschen öffnen sich und teilen ein Stück ihres Lebens. Sie tun das im Raum der Kirche.
Sie tun das im Geist Jesu Christi, der gesagt hat:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt. 18,20).

Amen.


Pastorin Luise Stribrny de Estrada
Am Pohl 13
23566 Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de

Luise Stribrny de Estrada, geb. 1965, Pastorin der Nordkirche. Seit 2009 tätig an der St. Philippuskirche in Lübeck, inzwischen Pastorin der fusionierten Gemeinde Marli-Brandenbaum im Pfarrsprengel Lübeck-Ost. Vorher EKD-entsandte Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Mexiko.

Den „Hoffnungsgrund“ habe ich mehrmals besucht und kenne die Herbergseltern gut. Ich habe große Achtung vor ihrem Engagement und finde wichtig, dass es so eine Flüchtlingsherberge in unserem Kirchenkreis gibt.


Liedvorschläge:

EG 449 Die güldne Sonne (zum 350. Todestag von P. Gerhardt)
EG 302 Du, meine Seele singe (Paul Gerhardt)
EG 420 Brich mit dem Hungrigen dein Brot
EG 382 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
EG 612 Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt
EG 170 Komm, Herr, segne uns

Fürbittengebet

Gott, du Quelle des Lebens,
wir danken dir für die Wunder des Lebens
und gerade jetzt im Frühsommer
für die Sonne und die Schönheit der Welt,
die du ins Leben gerufen hast.
Wir bitten dich:
Höre das Seufzen deiner Schöpfung,
die wir Menschen oft blindlings zerstören.
Hilf uns, im Alltag
unsere Mitwelt gut zu behandeln
und achtsam mit ihr umzugehen.
Wir rufen zu dir: Gott, erhöre uns.

Gott, du Trost unseres Lebens,
wir danken dir für allen Segen und bitten dich:
Steh denen bei, die krank oder einsam sind.
Sei den Jugendlichen, die wir konfirmiert haben,
mit deiner Liebe nahe.
Gib den Menschen,
die sich in der Kirche engagieren,
deinen Geist
und stärke sie immer von neuem für ihr Engagement.
Wir rufen zu dir: Gott, erhöre uns.

Gott, du Ziel allen Lebens,
wir bitten dich um Frieden
in unserer von Kriegen zerrissenen Welt.
Wir denken an die Menschen in der Ukraine,
die in ständiger Angst vor russischen Angriffen leben.
Wir bitten dich für die Menschen im Iran,
dass sie an der Hoffnung
auf Freiheit in Frieden festhalten.
Wir denken vor dir an die Menschen im Sudan
und in vielen anderen afrikanischen Ländern.
Setze du den Kriegen ein Ende
und nimm den Kriegstreibern
den Wind aus den Segeln.
Wir rufen zu dir: Gott, erhöre uns.

Dreieiner Gott,
Schöpfer des Lebens,
Erlöser der Welt,
Kraft der Liebe,
dir vertrauen wir uns an,
heute und alle Tage.

Alle unsere Gebete lassen wir einfließen in das Gebet,
das dein Sohn Jesus Christus uns geschenkt hat:

Vater unser im Himmel…


Fussnote

[1] https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/kirchenasyl-im-hoffnungsgrund-ein-ort-des-willkommens-und-der-solidaritaet, abgerufen am 01.06.2026