Lukas 14,25-35
Predigt zum Zweiten Sonntag nach Trinitatis | 14. Juni 2026 | Lk 14,25-35 | von Leise Christensen |
Rockkonzert und Thermoskaffee
Wenn es sich herumspricht, dass die Rolling Stones noch ein Konzert in Kopenhagen planen, stelle ich mich geduldig in die Online-Warteschlange, um Karten zu kaufen. Beim letzten Mal dachte ich, ich würde mir etwas Besonderes gönnen und Sitzplätze kaufen, nachdem ich bei genügend vielen Konzerten im Stehen gedrückt, gestoßen und herumgeschubst worden war. Gesagt, getan. Der große Konzertabend kam, mein Mann und ich fanden unsere Plätze, begrüßten freundlich die Nachbarn, mit denen wir ein paar Stunden verbringen sollten – und dann kam der Schock. Das gepflegte Ehepaar, das die Plätze neben uns belegt hatte, hatte für den kühlen Sommerabend eine selbst gehäkelte Kuscheldecke aus buntem Nylongarn mitgebracht sowie eine ausladende Zwei-Liter-Thermoskanne mit fröhlichen Blumenmotiven und Pumpverschluss im Schraubdeckel – nicht unähnlich jener, die wir beim Kirchenkaffee verwenden. Ein Konzert des selbsternannten “greatest rock’n’roll band in the world”, angereichert mit Kuscheldecke und Thermoskanne mit kirchlicher Assoziation. Während der damals knapp 75-jährige Mick Jagger stöhnte, sich wand und schrie im verzweifelten Versuch, wie ein Siebzehnjähriger auszusehen, saßen wir artig und tranken Kaffee, den uns die Nachbarn auf den Plastiksitzen großzügig anboten. Kuscheldecke über den Knien. Irgendetwas stimmte da nicht. Irgendwelche Vorstellungen vom typischen Stones-Fan deckten sich nicht mit der Wirklichkeit. Irgendwie wollte sich das mit “sex, drugs and rock’n’roll” nicht bis zu den Sitzplätzen verbreiten. Der stärkste Stoff waren die koffeinhaltigen Tropfen. Irgendwie stimmten Idee und Wirklichkeit nicht überein.
Das Gefühl, die Dinge passen nicht so zusammen, wie man es erwartet, kann sich auch beim Lesen des heutigen Evangeliums melden. Rockkonzert und bunte Nylonkuscheldecke – Jesus und eine Forderung nach Hass. Das passt schlecht zusammen, und dennoch steht es da. Wir sollen unsere Nächsten hassen, unseren Ehepartner, Kinder und Geschwister, ja, das ganze Leben hassen. Und das ausgerechnet an einem Tag, an dem wir das schönste Baby zur Taufe getragen haben, innig geliebt von seiner Familie. Es kommt bestimmt im Leben vor, dass wir unserer Familie gehässig sind. Wie oft schreit ein Teenagekind nicht, es hasse Vater und Mutter und den kleinen Bruder? Ist es nicht ein Beispiel für Jesu Forderung, die Nächsten zu hassen? Aber kann es wirklich sein, dass Jesu Bild vom Jünger in wahrer Nachfolge einem unmöglichen Teenager vergleichbar ist – mit Ring in Augenbraue, Nase und Bauchnabel, Tattoo auf dem Hinterteil und mit jenem ganz besonderen unwilligen Gesichtsausdruck, den nur ein Teenager hinbekommt, wenn er den Mülleimer rausbringen soll? Sollte das wirklich der Inbegriff von Christusähnlichkeit sein?
Allem Anschein nach verhält es sich so, denn genau so stellt Jesus die Sache dar. Bei allem Guten, das sich über die Familie sagen lässt, muss man dem alten Professor P.G. Lindhardt {dän. Theologe, 1910-1988, A.d.Ü.} manchmal recht geben, wenn er sagte: “Familie – das ist aller Krieg gegen alle.” Das ist freilich ein wenig dystopisch formuliert, ein wenig bedauerlich, ein wenig lästig – aber vielleicht auch, im Stillen eingestanden, ein wenig wahr. Die Familie ist, wenn überhaupt etwas, ein wunder, empfindlicher und widerspruchsvoller Ort. Es ist der Ort, wo wir lieben – aber auch der Ort, wo wir die härtesten Urteile über die anderen fällen können, Urteile, gegen die keine höhere Instanz Berufung einlegt: eine schlechte Mutter, ein abwesender Vater, eine liebeslose Ehe – und was sonst noch unter Anklage gestellt wird. In wenigen Wochen beginnt der Sommerurlaub. Auch sie kann die Familie belasten. Alle sollten glücklich und froh und frei und einträchtig sein, aber… Nicht selten sehnt man sich nach dem friedlichen Studierzimmer zurück. Das ist mein Gefühl – aber es bleibt unausgesprochen, denn es ist tabuisiert, es einzugestehen.
Da ist Jesu Aussage also zu viel, zu undifferenziert. Könnte Jesus nicht ein bisschen weniger kompromisslos sein? Könnte er nicht etwas lauwarmer sein? Es ist schwer, in seinen Ansagen so absolut zu sein – wir liegen im Streit in der Straße von Hormus und sanktionieren Russland, wären aber trotzdem sehr unglücklich, wenn sie das Gas nach Europa ganz abdrehen würden, und wenn der Benzinpreis zu sehr steigt… Wir sind mit nationalen Kompromissen verschiedenster Art aufgewachsen und meinen im Grunde, die Verhältnisse sind so gut und vernünftig, wie es nun möglich ist. Nicht alle bekommen alles, aber etwas bekommen wir alle. Was also fangen wir mit Jesu völlig kompromisslosem Zugang zum Leben heute an? Ja, die Familie kann mühsam sein; nein, Familienurlaub ist keine Erholung; ja, die Scheidungsrate nähert sich der 50-Prozent-Marke. Und macht es nicht alles nur schlimmer, wenn wir uns im Freundeskreis völlig stur zeigen, in der Familie stets auf die kleinen Fehler pochen, im Beruf auf Perfektion bestehen? Würden wir mit anderen besser zurechtkommen, wären wir biegsamer, etwas flexibler, kompromissbereiter?
Also, Jesus – was sollen wir mit diesem heutigen Evangelium anfangen?
Alles, glaube ich. Alles. Denn wir wissen tief in uns, dass wir manchmal standhaft sein müssen. Manchmal müssen wir Stellung beziehen, koste es, was es wolle. In der echten Liebe muss man Farbe bekennen. Deshalb glaube ich, wir verstehen, dass Jesus recht hat – auch wenn es provokant klingt. Wir kennen aus unserem eigenen Leben unzählige Situationen, in denen wir nicht auf der Stelle treten können, sondern Stellung beziehen müssen – auch wenn es etwas kostet. Die mittlere Position der Neutralität lässt sich dort wählen, wo es nur darum geht, ob man zu dem einen oder anderen Fußballclub hält – aber in den entscheidenden Augenblicken des Lebens wird eine klare Antwort von uns gefordert; eine klare Haltung wird uns abverlangt. Und genau hier legt Jesus den Finger auf einen wunden Punkt: Denn mit Gott und dem Christsein ist das keine Sonntagsfreizeitbeschäftigung zwischen zehn und elf – nein, es berührt alle Winkel des Lebens. Es ist schlicht und einfach eine Lebenshaltung, die bei uns Spuren hinterlässt.
Und nein, ich will damit niemanden radikalisieren oder für irgendeine Art heiligen Krieg rekrutieren. Aber ich will die Frage stellen: Was ist in genau dieser Situation das Richtige als Christ? Was wählst du? Was sagst du? Was tust du? Wie verwendest du dein Leben – deine Zeit – dein Geld? Beugst du ängstlich den Nacken, schaust du weg, verschließt du die Augen vor dem Unrecht, wählst du den bequemen Weg? Denkst du, die Thermoskanne mit Pumpverschluss sei das Richtige in deinem Leben, obwohl es eigentlich um Rock’n’Roll geht? Hältst du inne, bleibst du standhaft, nimmst du die Konsequenzen entgegen, zahlst du den vollen Preis, gehst du bis ans Ende für das, was dir am wichtigsten ist? Und nein, ich weiß es – das tut keiner von uns; ich jedenfalls nicht, und jedenfalls bei weitem nicht immer. Aber Jesus selbst hat es getan: Er wählte die Wahrheit und die Liebe und die Gerechtigkeit und die Aufrichtigkeit – auch wenn sie ihn das Leben am Kreuz kostete. Er tat es für lauwarm-halbherzige Typen wie dich und mich – er tat es, um uns den Weg zu weisen – um uns zu zeigen, dass die Liebe keinen Kompromiss mit der Wahrheit schließt. Die Liebe glaubt alles, hofft alles, erträgt alles.
Amen.
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Leise Christensen
Pastorin, Skt. Johannes Kirke, Aarhus
lec@km.dk
A.d.Ü.: Diese Fassung kann Spuren von künstlicher Intelligenz enthalten.