Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen

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Abendlied mit weltweitem Horizont | Predigt am Vorabend des 3. Sonntags nach Trinitatis 13. Juni 2026, in der Klauskapelle Goslar über das Lied  „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ (EG 266) |

„Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ (EG 266)

von Gerhard Valentin (1994) nach dem Gedicht „The day thou gavest, Lord, is ended” (1870)

von John F. Ellerton mit Melodie und Satz von Clement Cotterill Scholefield (1874)

Liebe Gemeinde!

Zu meinem 75. Geburtstag, vor knapp 10 Jahren, bekam ich ein besonderes Geschenk: „Lieder sind Lebensbegleiter“ heißt das Buch, das meine Kollegen vom Lehrstuhl Religionspädagogik in Nürnberg, Manfred Pirner und Werner Haußmann, mir zugeeignet haben. Anknüpfend an meine Bücher mit Liedpredigten haben sie 60 Freundinnen und Freunde gebeten, Besinnungen zu einem ihrer Lieblingslieder zu schreiben. Ein wunderbarer Schatz.

„Lieder sind Lebensbegleiter“: Das Lied, das wir eben gesungen haben, ist solch ein Lebensbegleiter. Meine Tochter Charlotte schildert, wie ich mich manchmal nach dem Abendessen in unserer Familie, bei dem es munter, manchmal auch nicht ohne Disput, zugegangen war, ans Klavier setzte, dieses Lied anstimmte – und sich Ruhe ausbreitete.

Wie bringt man einen Tag gut zu Ende? Ich denke, dieses Lied kann dazu beitragen. Da ist schon diese besondere Melodie. Der Rhythmus, ein 6/4 Takt, hat etwas von einem Wiegenlied oder auch etwas von Wellen, die sich langsam ausbreiten. Würde man die Melodie in einer Linie nachzeichnen, ergäbe sich auch hier das Bild von Wellen. Die Melodie von Clement Cotterill Scholefield ist fast so alt wie der Text des Liedes, der 1870 von John Ellerton gedichet wurde. „The day thou gavest, Lord, is ended“, das klingt in der Melodie nach. Ins Deutsche übersetzt hat ihn Gerhard Valentin. Er war Lehrer, Schauspieler und ab 1967 Musikreferent im Landesjugendpfarramt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er hat den englischen Originaltext wunderbar erfasst.

  1. Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen
    und wird vom Dunkel überweht.
    Am Morgen hast du Lob empfangen,
    zu dir steigt unser Nachtgebet.

Der Vers lässt uns zurückschauen, wie die Helligkeit schwindet, wenn das Dunkel den Tag ausklingen lässt. Wie haben wir diesen Tag verbracht? Was haben wir erlebt? Ist der Tag  gut gewesen? Ist er schmerzfrei gewesen? Haben wir unsere Aufgaben bewältigen können? Haben wir gute Nachrichten erhalten? Haben wir schlimme Nachrichten erhalten?

Das Lied lädt ein, dem Tag einen Rahmen zu geben, einen Rahmen, mit dem wir über unseren Horizont hinausschauen, nämlich Gott zu loben am Morgen wie am Abend. Das heißt nicht, dass die Sorgen und die Anstrengungen des Tages gleichgültig würden. Aber es heißt, dass es Momente der Besinnung geben kann, in denen wir aus dem Kreisen um uns selbst heraustreten, in denen wir wahrnehmen, dass wir auf jeden Tag, den wir erleben können, als auf eine Gabe, ein Geschenk blicken können und dass wir ihn in den Horizont der liebenden Kraft, wie sie uns in Gott und Jesus begegnet, hineinstellen können.

Das Lied öffnet dazu einen weiten, ja einen weltweiten Horizont, der sich von Strophe zu Strophe erschließt mit Bildern, die wir so in keinem anderen Abendlied finden.

  1. Die Erde rollt dem Tag entgegen;
    wir ruhen aus in dieser Nacht
    und danken dir, wenn wir uns legen,
    dass deine Kirche immer wacht.

Ist Ihnen dieser Gedanke schon einmal gekommen? Während wir schlafen, dreht sich die Erde, der ganze Erdball! Er ist immer in Bewegung und schenkt uns damit Tag und Nacht. In diesem Rhythmus, in dieser Ordnung können wir, dürfen wir leben, dürfen wir uns legen, dürfen wir ausruhen, während sich die Erde weiter dreht. Und wir dürfen uns vorstellen, dass immer irgendwo auf der Welt glaubende Menschen da sind, die nicht schlafen, sondern wach sind, die Verantwortung übernehmen, um für Andere da zu sein, um das Gute zu stärken und sich dem Bösen entgegenzustellen – in dem Sinn, wie Dietrich Bonhoeffer es als Aufgabe für Christen hingestellt hat, nämlich beides zusammen zu sehen, das Beten und das Tun des Gerechten.

Bei der dritten Strophe können wir uns in ein besonders schönes Bild hinein versetzen:

  1. Denn unermüdlich, wie der Schimmer
    des Morgens um die Erde geht,
    ist immer ein Gebet und immer
    ein Loblied wach, das vor dir steht.

Können wir uns das vorstellen, wie überall um den Erdball herum das Licht wandert, das Ende der Nacht ankündigt und den neuen Morgen begrüßt? Von Osten nach Westen – von Deutschland über Großbritannien, über Nordamerika und den unendlichen Pazifik mit seinen Inseln, über Japan, Korea, China, die Mongolei, Russland, Polen, ja auch die Ukraine. Und überall werden Menschen sein, die Gott ein Loblied bringen.

Vertieft wird dieser Gedanke in der vierten Strophe unseres Liedes.

  1. Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben
    den Menschen überm Meer das Licht:
    und immer wird ein Mund sich üben,
    der Dank für deine Taten spricht.

Am intensivsten habe ich die große Ökumene der betenden Menschen erfahren, als ich 1989 zum ersten Mal an einer Weltversammlung der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden in Melbourne/Australien teilnehmen konnte.

Früh am Sonntagmorgen, dem 28. Januar 1989 – hier in Deutschland war es noch tiefste Nacht – versammelten sich die 600 Teilnehmenden der Konferenz – aus insgesamt 17 Religionen und allen Erdteilen – am Strand des südlichen Ozeans in Mornington. Alle verrichteten die Morgenandacht in ihrer besonderen Tradition: Buddhistische Nonnen waren still in Meditation versunken, neben ihnen Hindus. Juden rezitierten leise in Hebräisch aus den Psalmen, Christen hatten in Andacht die Hände zum Gebet gefaltet. Als die Morgensonne langsam den Weg über das Wasser fand, stiegen zwei Angehörige der Jain-Religion, dieser Religion der Gewaltlosigkeit aus Indien, in ihren weißen Gewändern in die Fluten und verrichteten im Angesicht der Sonne ihr Morgengebet. – Ich selbst nahm mein kleines Horn und blies im Hintergrund zwischen den Bäumen den Choral „Morgenglanz der Ewigkeit“ von Christian Knorr von Rosenroth, der mit seinen von Strophe zu Strophe wechselnden Bildern  die Größe Gottes  preist  und gleichsam ein interreligiöser Choral ist. Pastor Johannes Achilles, damals lutherischer Geistlicher der deutschsprachigen Gemeinde in Melbourne, schrieb später in einem Bericht über die Konferenz: „Es lag ein Hauch von Ewigkeit über dieser Morgenstunde.“

Und nun folgt die letzte, die abschließende Strophe, die nochmal einen neuen, universalen Blickwinkel eröffnet.

  1. So sei es, Herr: die Reiche fallen,
    dein Thron allein wird nicht zerstört;
    dein Reich besteht und wächst, bis allen
    dein großer, neuer Tag gehört.

Es ist ein Blick in die Weltgeschichte. Wie viele Großmächte sind es, die im Laufe der Geschichte gefallen sind: vom babylonischen Reich über das römische Weltreich, das osmanische Reich bis hin zum vermeintlich 1000-jährigen Reich, das die Nationalsozialisten begründen wollten. Das sollten sich die Potentaten vor Augen halten, die gegenwärtig ihre Macht mit allen Mitteln, Tricks und Kriegsaktionen ohne Rücksicht auf Menschen und Menschenwürde aufrecht erhalten. Keine weltliche Macht ist ewig. Sie sollten sich die Königin Victoria als Vorbild nehmen, die sich dieses Lied zu ihrem diamantenen Thronjubiläum im Jahr 1897 gewünscht hat. Da war sie nach außen hin die mächtigste Frau der Welt: Königin von Großbritannien und Irland, Kaiserin von Indien und Oberhaupt des weltweiten Commonwealth, in dem die Sonne nie unterging. Sie wusste, dass es nur einen Thron gibt, der nicht zerstört wird, und ein Reich, Gottes Reich, das besteht und wächst. Aber was ist das für ein Reich? Wenn meine Tochter Charlotte im Religionsunterricht davon spricht, dann spricht sie von Gottes guter neuer Welt und erzählt die Jesusgeschichten, in denen diese neue Welt mitten in allen umgebenden Nöten aufbricht: Heilung, Frieden, Barmherzigkeit. Es gibt Menschen, die mit dieser Vision gelebt und für sie gelebt haben – wie Mahatma Gandhi, der die Bergpredigt wörtlich genommen und Gewaltlosigkeit praktiziert hat, oder Martin Luther King, der von Gandhi für seine Bürgerrechtsbewegung gelernt hat. Er hatte den großen neuen Tag vor Augen, von dem unser Lied spricht, und von daher Kraft für seinen Weg gewonnen. Er hat das so ausgedrückt:

Komme, was mag. Gott ist mächtig!

Wenn unsere Tage verdunkelt sind

und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte,

so wollen wir stets daran denken,                     

dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt,

die Gott heißt.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.

Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln –

zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.

Lasst uns mit allem, was uns gegenwärtig bedrängen kann, von dieser Hoffnung leiten lassen. Lasst uns in der Gemeinschaft derer, die aus dieser Hoffnung leben, daran mitwirken, Dunkles in Helles zu verwandeln – in unserer Familie, in unserem Freundeskreis, in unserer Gemeinde, in unserem Land und im Einsatz weltweit für alle, die im Dunkeln leben.

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Prof. em. Dr. Johannes Lähnemann, Goslar, johannes.laehnemann@gmail.com

Johannes Lähnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universität Erlangen-Nürnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligiöser Dialog, Interreligiöses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission Interreligious Education der Bewegung Religions for Peace (RfP) und Leiter der Arbeitsgruppe Interreligiöse Bildung-Friedenspädagogik bei Religionen für den Frieden Deutschland.

Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel „Lernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosität.“ Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2017. Die Predigt wird in der Klauskapelle, der alten Bergmannskapelle, mit Liedbegleitung durch den Frankenberger Posaunenchor,  gehalten.

Liedempfehlungen: EG 487: Abend ward, bald kommt die Nacht; EG 488: Bleib bei mir, Herr, der Abend bricht herein; EG 266: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen; EG 489: Gehe ein in deinen Frieden.