Matthäus 11,28–30

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Das milde Joch Jesu und das Joch der Weisheit – | 2.Sonntag n. Trinitatis | 14.06.2026 | Matthäus 11,28–30 | Thomas Bautz |

Liebe Gemeinde!

Wenn man sich abgemüht hat – für die Familie, für den Beruf, für ein Ehrenamt oder für die Ausbildung, für das Studium – und sich nach einer gewissen Zeit, mitunter beinahe täglich und nicht gerade unbelastet mit einem tiefen Seufzer auf die Couch fallen lässt, bräuchte man dann nicht jemanden, der Verständnis hat für das, was uns beschwert? Jemand, der unsere Belastungen und Sorgen fast unmerklich teilt? Wäre das nicht eine außergewöhnliche Einladung an uns (Mt 11,28–30):

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr euch abmüht und belastet (beladen) seid; ich will euch Ruhe geben [pausieren lassen]. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden [„pausieren“] für euer Leben. 30 Denn mein Joch ist mild (sanft), und meine Last ist leicht.

Gern möchte man dieser Einladung folgen, verspricht sie doch (zunächst) Erleichterung, Entlastung und Ruhe! Doch wartet der matthäische Jesus sogleich mit einer Aufforderung auf, die befremdlich klingt: „Nehmt auf euch mein Joch …“ Dabei wird ein Joch doch gerade mit Lasten, Belastung, harter Arbeit, gar mit Unterjochung, Unterdrückung u.ä. verbunden. Es wird in der Landwirtschaft gebraucht: als Zuggeschirr, mit dem zwei Tiere vor einen Wagen oder Pflug gespannt werden, im Wesentlichen aus einem Holzbalken bestehend. Aufgrund der harten Arbeit mit dem Zugtier wurde das Joch (Ol) (על)[1] in der Bibel zum Sinnbild für schwere Bürden bis hin zur Fremdherrschaft und Sklaverei.

Im Aramäischen (der Muttersprache Jesu)[2] ist „Joch“ zunächst mit (zu) hohen Steuerlasten verbunden, welche dem Volk zugunsten der Regierung, dem „Staatsapparat samt seinen Beamten“ und dem Tempel auferlegt werden. Die Politiker wie auch die Priester leben „auf Kosten der Armen“ im Luxus, und das Volk muss treu ergeben sein.[3]Verhältnisse, die nicht nur zur Zeit des Nazareners, sondern bis heute cum grano salis vorherrschen.

Steuererleichterungen wünscht man sich doch in jeder Gesellschaft, zumal weil andere, schwere Bürden viele Bevölkerungsgruppen belasten, die nicht gemindert werden: zu hohe Mieten bei de facto ungleichen Löhnen trotz gleicher Qualifikation, nicht funktionierende Infrastruktur bei der Deutschen Bahn und beim innerstädtischen Nahverkehr, extremer Mangel an Kindergartenplätzen, an Erzieherinnen, an Lehrern, an Pflegekräften, an Handwerkern usw. – Mangelt es Abgeordneten, Ministerien und Behörden in Kommunen an Sachverstand, an Bildung? – ganz sicher mangelt es ihnen an Weisheit! Oder sie haben sich längst den Mechanismen eines Neoliberalismus, den Gesetzes des Marktes, dem Konsumdenken (Wohlstand für alle!) und dem Streben nach Gewinnmaximierung einzelner Unternehmen unterworfen.

Welche Möglichkeiten hat ein Volk, dessen Gesellschaft noch nicht strikt trennt zwischen religiösem und politischem Denken und Handeln? In Israel versucht man bis heute, nach „Gottes“ Weisung, der Tora, zu leben; sie regelt das religiöse wie auch das profane und politische Leben.

Die Geschichte Israels, wie sie uns in der hebräischen Bibel begegnet, bezeugt, wie oft dem ganzen Volk ein Joch von JHWH auferlegt wurde – und zwar als Mittel politischer Korrektur, aber durchaus verbunden mit Verheißung einer Befreiung.[4] Mitunter konnte man auch um Erleichterung einst auferlegter Lasten seinen König bitten (cf. 1. Könige 12,4): „Dein Vater hat unser Joch hart gemacht, und nun mach du die harte Arbeit leichter, die wir für deinen Vater leisten mussten, und das schwere Joch, das er uns aufgebürdet hat, dann werden wir dir dienen.“

Sehr eindrücklich ist die Erzählung, wie dem Propheten Jeremia ein Joch auferlegt wurde (Jer 27 u. 28):

Jeremia erhielt von JHWH den Auftrag, sich ein Joch aus Holz zu bauen und es um den Nacken zu tragen. Damit lief er durch Jerusalem, um dem Volk und den Gesandten der Nachbarvölker zu demonstrieren: Wer sich kampflos dem babylonischen König unterwirft, wird am Leben bleiben.

Der falsche Prophet Hananja nahm Jeremia dieses Joch vom Hals und zerbrach es vor den Augen aller. Er behauptete, JHWH habe ihm gezeigt, dass die babylonische Herrschaft in zwei Jahren zerbrochen sei. Daraufhin erhielt Jeremia eine neue Botschaft: Hananja habe zwar das hölzerne Joch zerbrochen, aber JHWH werde es durch ein noch schwereres, eisernes Joch ersetzen. Dieses stehe für eine unumstößliche, härtere Knechtschaft unter Nebukadnezar. Das Resultat war die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier.

Immer wieder wird in der hebräischen Bibel das ambivalente Verhältnis zwischen JHWH und seinem Volk thematisiert, man möchte es fast als eine Art „Hassliebe“ bezeichnen. Straf- und Erziehungsmaßnahmen folgen Phasen der Versöhnung und Befreiung von der Bedrohung und Unterjochung durch Fremdvölker. So kann der Prophet Jesaja ausrufen (Jes 9,3): „Denn das Joch [Assurs], das auf ihnen lastet, und den Stab auf ihrer Schulter, den Stock dessen, der sie treibt, hast du zerschmettert.“ Oder (Jes 10,27): „Und an jenem Tag wird seine [Assurs] Last von deiner Schulter weichen und sein Joch von deinem Hals. Und weggerissen wird das Joch vom Nacken.“ Oder (Nah 1,13): „nun werde ich sein [Ninives/ Assyriens] Joch auf dir zerbrechen und deine Fesseln zerreißen.“

Das Joch unter den Assyrern war langwierig und mindestens so schwer zu ertragen, wie die Deportationen, die dem Volk später unter den Babyloniern widerfuhren. Assyrien eroberte Nachbarländer mit grausamer Härte; die neuen Gebiete wurden zu assyrischen Provinzen. Bei den Deportationen trennte man Gruppen, von denen Widerstand ausging, von anderen, siedelte sie in verschiedenen Gebieten an. Die Assyrer hatten eine hoch entwickelte Waffentechnologie (fahrbare Sturmböcke, Mauerbrecher, ausgefeilte Bogentechnik). Das riesige Reich wurde zentralistisch verwaltet.[5]

Selbstredend waren Zerstörung Jerusalems und Zerstörung des Tempels als Zentralheiligtum desaströs, aber der im Ausland lebenden Bevölkerung ging es gut: „Die deportierten Judäer führten in Babylon – anders als es die biblischen Texte nahelegen – ein durchaus komfortables Leben: Sie konnten Besitz erwerben, übten ihre Religion und ihre Berufe ungehindert aus und waren den Babyloniern rechtlich gleichgestellt.“ Ebenso waren sie wirtschaftlich erfolgreich. Später, „in persischer Zeit [waren] nur Wenige zur Rückkehr bereit.“[6]

Das mehrfach angesprochene Joch war nicht immer etwas absolut Belastendes, Bedrückendes – es konnte als etwas relativ Leichtes empfunden werden, oder es erwies sich – sicherlich anders als erwartet – objektiv „einfach“ als etwas Neues, verbunden mit Chancen zur Veränderung oder sogar Verbesserung. Es kommt noch hinzu, dass Propheten Israels immer wieder verkündeten, dass JHWH sie auch wieder vom jeweiligen Joch befreien würde, selbst wenn Er es dem Volk auferlegt hatte. Dennoch hat der Gedanke an ein Joch, wie auch immer geartet, einen „hölzernen“, bitteren Beigeschmack.

Und dann kommt zu Beginn des 1. Jh. (u.Z.) der Nazarener, schon im Knabenalter jemand, der bald über sich hinauswächst; der die einfachen, armen Leute mit seiner sanften, gewinnenden Art beeindruckt; der in der Synagoge, im Tempel Pharisäer mit seiner Weisheit verblüfft und Schriftgelehrte provoziert[7] – das Elend  der Menschen erkennend, ruft Jesus ihnen zu:

Kommt her zu mir, alle, die ihr euch abmüht und belastet (beladen) seid; ich will euch zur Ruhe kommen lassen (Ruhe geben) [pausieren lassen].[8] Nehmt auf euch mein Joch [ζυγός][9] und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden [„pausieren“] für euer Leben. Denn mein Joch ist mild (sanft), und meine Last ist leicht.

Das Jesuswort führt in die Weisheitsliteratur, die im Kern schon in den Schriften der hebräischen Bibel enthalten ist und sich dann in den apokryphen Büchern[10] Weisheit Salomos[11] und Jesus Sirach[12] verdichtet hat. In beiden Büchern spricht ein Lehrer im Namen der Weisheit; man stößt auf Begriffe wie Joch der Weisheit, Joch der Gebote, Joch der Tora– und sogar Joch Gottes oder Joch der Gottesherrschaft.[13] Ein Text aus Sirach (Sir 51,23–30 Luther, rev. 2017) weist weit über seine Zeit hinaus, wo er Weisheit und Bildung anspricht:

„Kommt her zu mir, ihr Ungebildeten, und wohnt im Haus der Bildung! Warum wollt ihr noch warten und eure Seelen dürsten lassen? Ich habe meinen Mund aufgetan und gesprochen: Kauft euch Weisheit – ganz ohne Geld! Beugt euren Nacken unter ihr Joch und nehmt ihre Erziehung an. Sie ist nahe und leicht zu finden.[14] Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden. Nehmt Bildung an, die wertvoll ist wie Silber, und gewinnt Gold durch sie. Freut euch an der Barmherzigkeit Gottes […]. Tut euer Werk zur rechten Zeit, so wird er euch belohnen zu seiner Zeit.“

Weisheit bei Jesus Sirach ist als angewandte Weisheit allgemein die Grundlage richtiger Einstellung, die sich dann – auf Israel konzentriert – vor allem in der Achtung vor JHWH konkretisiert, welche die individuelle Frömmigkeit prägt und ferner die Befähigung und Fertigkeit darstellt, das Leben in Krisen zu bewältigen. Sie ist daher für theologische Grundeinsichten und Darstellung zentraler Zusammenhänge genauso wichtig wie für alle Bereiche des Lebens, individuelle wie gesellschaftliche, wirtschaftliche wie politische.[15]

Nach jüdischer Auffassung ist das Joch der Weisheit oder das Joch der Tora mit Lebenspraxis verknüpft und bringt Freude, Ruhe, Klarheit, Erfüllung, Gelassenheit, auch Freiheit und Macht mit sich,[16] ein Leben mit der Weisheit, der Weg mit ihr ist gangbar, leicht, weil die Weisung dazu in der Tora, im „Joch der Tora“ offenbar ist. Die Tora muss nur gelesen und studiert werden.[17] Die Beachtung zentraler Gebote ist wegweisend:[18] die Zehn Gebote,[19] das Schma Jisrael („Höre Israel“) und das Doppelgebot der Liebe (Dtn 6,5; Lev 19,18):

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.

Im Judentum sind diese beiden Dimensionen untrennbar miteinander verwoben. Der berühmte jüdische Gelehrte Rabbi Akiba (ca. 50–135 n.d.Z.) sah den Satz aus Leviticus als das „große Grundprinzip der Tora“. Historisch und inhaltlich vertritt das Judentum die Auffassung, dass die Tora als Ganzes, einschließlich ihrer 613 Gebote und Verbote, als eine Entfaltung dieser beiden Liebesgebote verstanden werden kann. Die Nächstenliebe schließt nach traditionellem jüdischem Verständnis explizit auch den Fremden mit ein.

 Noch vor Rabbi Akiba sagt ein berühmtes Jesuswort (Antwort auf die Frage eines Gesetzeslehrers; Mt 22):

36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? 37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten (cf. Lk 10,25–28).

Es spricht einiges dafür, das leichte Joch Jesu mit dem Joch der Weisheit, der Tora in Verbindung zu bringen. Damit wird aber klar, dass der Nazarener sein Gefolge („Nachfolger“) nicht zum beschaulichen Spaziergang oder gar zu einem Denken ohne Tiefgang einlädt. Eine Nachfolge Jesu ist nicht minder verantwortungsvoll und mit zum Teil harter Arbeit verbunden wie ein Leben nach der Tora, zumal Rabbi Jesus zur Gültigkeit der Tora Folgendes unmissverständlich hinterlassen hat (Mt 5,17–20):

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Es ist irritierend, wenn einerseits die Torafrömmigkeit als ein Kennzeichen auch des modernen Judentums betont wird, andererseits aber behauptet wird, das beträfe nur eine religiöse Minderheit. Aus zuverlässiger Quelle heißt es dazu: „Religion spielt für die Mehrheit der Israelis im Alltag eine Nebenrolle. Sie leben einen westlichen Lebensstil, halten sich nicht an religiöse Vorschriften und besuchen höchstens an Feiertagen die Synagogen. Doch selbst laizistische Juden erhalten viele Traditionen aufrecht und begehen religiöse Rituale, ohne an die Existenz Gottes zu glauben. Ein Beispiel ist das Pessach (Passahfest).“[20] Für uns europäische Nichtjuden schwer nachzuvollziehen sind Kontroversen zwischen religiösen und säkularen Bereichen, die teilweise kontrovers oder konträr behandelt werden, die teilweise aber auch einander durchdringen; das betrifft z.B. Eheschließung und Bestattung.[21] Jerusalem und Tel Aviv trennen Welten. Das tägliche Joch ist eindeutig leichter in Tel Aviv zu tragen: „Leicht. Tel Aviv ist leicht“, lautet ein bekanntes Bonmot.[22]

Schaut man sich die reiche kulturelle und religiöse Tradition oder Überlieferung der Geschichte Israels an und konzentriert sich auf die Weisheitsliteratur, auf das Joch der Tora und der Weisheit, dann fragt man sich doch, ob das Ringen um Weisheit heute allein einer Talmud- oder Toraschulen (Jeschiwa) überlassen wird.[23]

Das Streben nach Bildung, nach Weisheit – mag das Bemühen darum auch als JOCH erlebt werden, weil religiöse Erziehung[24] einschließlich der Selbsterziehung sicher kein Zuckerschlecken ist – beinhaltet Leben, verspricht eine ungeahnte Lebensqualität, die weit über bloße Konsumbefriedigung hinausgeht. Ich habe nicht den Eindruck, dass religiöse Erziehung im modernen Judentum unter Zwang geschieht, wenn ich z.B. Kinderchöre bei youtube wahrnehme oder Kinder beim Studium beobachte. Angesichts der immer noch dominierenden Rolle, die Israel im Nahen Osten spielt und der Unnachgiebigkeit des politischen Führers, Benjamin Netanjahus, der mit seinem Rachefeldzug jegliche Chancen um einen Friedensvertrag verspielt, wird die Heranführung der jüngsten Generation an jüdische Weisheitstraditionen notwendiger denn je.

Sprüche Salomos vermitteln, wie bedeutsam und TODERNST die WEISHEIT ist (Spr 8 in Auszügen):

1 Ruft nicht die Weisheit, und erhebt nicht die Einsicht ihre Stimme? 5 Werdet klug, ihr Einfältigen, und ihr Dummen, werdet verständig! 6 Hört zu, denn Richtiges will ich reden und meine Lippen öffnen für das, was recht ist. 7 Meine Zunge spricht Wahrheit, und Frevel verabscheuen meine Lippen. 8 Gerecht sind alle Worte meines Mundes, nichts Hinterlistiges und Falsches ist in ihnen. 9 Recht sind sie alle für den Verständigen und richtig für die, die Wissen erlangen wollen. 12 Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und finde umsichtiges Wissen. 13 JHWH fürchten heißt das Böse hassen. Hochmut, Anmaßung, Weg des Bösen […] hasse ich. 14 Ich verfüge über Rat und Klugheit, ich bin die Einsicht, ich habe Macht. 15 Durch mich herrschen Könige, und Mächtige setzen fest, was Recht ist. 17 Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, werden mich finden. 20 Ich gehe auf dem Pfad der Gerechtigkeit, auf den Straßen des Rechts. 21 Denen, die mich lieben, verschaffe ich Besitz, und ihre Schatzkammern fülle ich. 32 So hört nun auf mich, ihr Söhne! Wohl denen, die auf meinen Wegen bleiben. 33 Hört auf die Unterweisung und werdet weise, und schlagt sie nicht in den Wind. 34 Wohl dem Menschen, der auf mich hört, der Tag für Tag an meinen Türen wacht, die Pfosten meiner Tore hütet. 35 Denn wer mich gefunden hat, hat das Leben gefunden und Wohlgefallen erlangt bei JHWH. 36 Aber wer mich verfehlt, schädigt sich selbst; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Was eine mögliche, unmögliche Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser[25] anbelangt, bedarf es Weisheit, Gerechtigkeitssinn und Vergebungsbereitschaft. Seit jeher ist es weder den beiden Parteien noch diversen Vermittlern gelungen, auch nur Voraussetzungen für einen Friedensvertrag zu schaffen. Kürzlich meinte ein Künstler, der ein Café in Nordisrael kurz vor Ausbruch des jüngsten Krieges eröffnet hatte, die Gesellschaft in Israel sei in der Palästinenserfrage gespalten.

Netanjahu[26] jedenfalls ähnelt solchen Königen in der Geschichte Israels, denen die Propheten im Auftrag JHWHs gehörig die Meinung geigten, indem sie ihnen ihre Irrtümer aufdeckten und ihre Augen öffneten, wenn sie sich sinnlos verrannt hatten und das ganze Volk gefährdeten. Es ist doch offensichtlich, dass der Rachefeldzug gegen die Hamas[27] in keinem Verhältnis steht zum faktischen Genozid an den Palästinensern. Wie hartherzig muss man sein, um den gesamten Gazastreifen in eine Steinwüste zu verwandeln, dabei den Tod von Kindern, Frauen, Männern in Kauf zu nehmen, noch lebende Familien wie Viehherden hin- und her zu treiben und sie als Flüchtlingsexistenzen noch größtenteils von Nahrungszufuhr abzuschneiden! Hat der Ministerpräsident, gegen den noch Gerichtsverfahren anhängig sind, keine Unterweisung in der Tora oder überhaupt keine religiöse Erziehung bekommen?! Man fragt sich auch: Wo sind die Propheten heute?

Aber was bedeuten uns Weisheit und Bildung? Sie werden heute nicht synonym verwendet. Nach meinem Sprachgefühl kann Bildung dem Erlangen von Weisheit vorausgehen, muss es aber nicht, weil Weisheit meist mit Lebenserfahrung verbunden ist. Nicht zufällig wurden seit jeher ältere Menschen häufig als weise angesehen, etwa die eigenen Großeltern: „Oma hat immer gesagt …!“ Allgemein anerkannt sind ebenso die Weisheitslehrer verschiedener Kulturen und Religionen, aber auch Schriftsteller und Persönlichkeiten, die sich für Frieden oder gegen Rassentrennung eingesetzt haben: Mahatma Gandhi, Rabindranath Tagore, Martin Luther King, um nur wenige zu nennen. Sie trugen das Joch der Weisheit und zeigten der Welt Wege des Friedens und der Versöhnung auf.

Amen.

Pfarrer Thomas Bautz

im Unruhestand

bautzprivat@gmx.de

[1]Dieser Begriff (ʿol)  findet sich auch in der Übersetzung des griechischen NT ins moderne Hebräisch (Ivrit) zu Mt 11,29a); The New Testament in Hebrew and English (32000), z. St.

[2]George M. Lamsa: Die Evangelien in aramäischer Sicht (1. Aufl. der autorisierten. dt. Fassung, 91963): Einleitung des Verfassers, 25–42: 37.

[3]Lamsa: Die Evangelien in aramäischer Sicht (1963): Mein Joch ist sanft, 136–137.

[4]Jes 9,3; 10,27; Nahum 1,13 – mit jeweiligem Kontext!

[5]Barbara Schmitz: Geschichte Israels (2., aktual. Aufl. 2015): (4.) Die Königszeit in Israel und Juda (10.–6. Jh.) (4.1.) Das assyrische Reich (935–612), S. 75–80: 75; Karte: Das neuassyrische Großreich, S. 76–77.

[6]B. Schmitz: Geschichte Israels (2015): (2.) Babylonisches Exil und Perserzeit (6.–4. Jh.) (2.5.) Das Leben in Juda, Babylonien und Ägypten (597/587–520), S. 35–45: In Babylonien, S. 36–41: 37.

[7]Cf. Lk 2,41–52.

[8]Dem griechischen Wort ἀναπαύω liegt das Lexem παύω zugrunde, beide mit gleicher Bedeutung.

[9]Joch (ζυγός) kommt in den Evangelien nur bei Mt 11,29.30 vor.

[10]https://www.die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-at/apokryphen.

[11]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/weisheit-salomos.

[12]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/jesus-sirach-jesus-sirachbuch.

[13]Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8–17), EKK I/2 (1990): Die Einladung des Sohns an die sich Mühenden und Belasteten (S. 196–224): Weisheitswort, S. 217–219.

[14]Zürcher Bibel (V. 26): „Beugt euren Nacken unter das Joch, / eure Seele soll Bildung annehmen! / Sie ist nahe, so dass man sie findet.“

[15]Cf. https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/jesus-sirach-jesus-sirachbuch; Friedrich Vinzenz Reiterer: Jesus Sirach / Jesus Sirachbuch, wibilex (2006): (6.) Ziel, pdf, S. 14f.

[16]Cf. Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8–17), EKK I/2 (1990), S. 218.

[17]https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/534925/jewish/Tora-Studium.htm.

[18]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wirelex/7-inhalte-iv-didaktik-der-religionen/religioese-erziehung-im-judentum.

[19]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/dekalog-zehn-gebote-at.

[20]Gil Yaron: Jerusalem. Ein historisch-politischer Stadtführer (3., erw. u. aktual. Aufl. 2013): Die Geschichte Jerusalems (16–78): Warum Palästina oder: Was ist ein Jude?, 57–59: 58. Nach Auskünften und Statistiken der humanistischen Giordano Bruno Stiftung ähneln die Gegebenheiten durchaus unseren, was sich bei uns bei der Mitgliederzahl der Großkirchen darstellt; https://www.giordano-bruno-stiftung.de/, s.v. Mitgliederzahlen Kirchen.

[21]Gisela Dachs: israel kurzgefasst (2010): Aktuelle Streitpunkte, 31–33.

[22]Dachs: israel kurzgefasst (2010), 32.

[23]https://de.wikipedia.org/wiki/Jeschiwa.

[24]https://www.die-bibel.de/ressourcen/wirelex/7-inhalte-iv-didaktik-der-religionen/religioese-erziehung-im-judentum.

[25]Dachs: israel kurzgefasst (2010): Krieg und Frieden – Gedanken zum Nah-Ost-Konflikt, 74–85.

[26]Gil Yaron: Jerusalem (2013): Von der Hoffnung zum Hass – der Weg zur Mauer (243–263): Friedensbemühungen (1993–2000), 243–247: Netanjahu wird Premier (1996–1999), 246–248; Der Frieden entrückt – Jerusalem nach der zweiten Intifada (264–280): Netanjahu baut weiter, 273–274.

[27]Dachs: israel kurzgefasst (2010): Kampf gegen den Terror – eine heikle Gratwanderung, 86–94: Hamas, 87.