Römer 12,9-21
Geht’s raus und spielt’s | 4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026 | Röm 12, 9-21 | Ralf Reuter
Gott gibt dir den Ball. Auf dem Spielfeld des Lebens. In seinem Team. Auf Zeit. Mit anderen. Könnte so die Predigt auf der Kanzel beginnen? In der Kirche, mit 40 kleinen Fähnchen geschmückt, von allen Ländern der Fußball-Weltmeisterschaft. Seid nicht träge, so ginge dann die Predigt weiter. All die guten Ratschläge und Regeln aus dem Römerbrief würden folgen. Seid fröhlich in Hoffnung, freut euch mit den Fröhlichen, seid auf das Gute bedacht, haltet mit allen Menschen Frieden.
Links und rechts sitzen die Besucher, sie sehen aus wie Fans, einige mit Trikots und Schals. Viele Kinder. Auch ganze Familien sind dabei. Sie alle sehen auf den Ball in der Hand des Pastors. Der Ball ist rund wie das Leben. Geist und Körper, Leib und Seele, Herz und Verstand sind darin enthalten. Und die Anstrengung und das Bemühen, das Trainieren und Besserwerden. Rund wie das Leben, die Freude gehört ebenso dazu, und der Spaß, und das Spiel, sonst wird das Leben zu schwer.
Schwer wie der Römerbrief. Die Ethik des Paulus, wie kann sie anders als spielerisch die Menschen von heute erreichen? Wo alles mit der Aufforderung beginnt, den Leib hinzugeben als ein lebendiges Opfer (12,1). Im Sport ist das unmittelbar verständlich. Wie wird man besser, fragt mich mein Fitness-Coach oft, und sagt dann: Durch Wiederholung. Die Eleganz eines Dribblings, der geniale Pass in den Lauf des Mitspielers, die wunderbare Schusstechnik, das alles ist auch Training und Übung.
Seid brennend im Geist, geduldig in Trübsal, weint mit den Weinenden, gebt euren Feinden zu essen und zu trinken, das ganze Spektrum einer christlichen Haltung verlangt nach lebenslangem Lernen. Immer auf der Grundlage der Liebe. In den unterschiedlichen Teams, in den Abschnitten des Lebens. Doch es darf auch nicht zu schwer werden. Natürlich muss der Ball fest sein, aber zugleich leicht. Er muss auch bewegt werden. Und er muss fliegen können, und ins Tor treffen.
Nun sind wir schon ziemlich weit hineingeraten in eine Predigt zum Fußballgottesdienst. Nicht alle Beispiele passen. Nicht immer überzeugt der Vergleich. Auch werden einige die Nase rümpfen, und schimpfen über die politischen Umstände und die ökonomische Ausbeutung dieser Spiele. Und doch: Nirgends sonst als im weltweiten Sport hängen die Fahnen von verfeindeten Ländern nebeneinander, steht der Gedanke von Fairness im Mittelpunkt, gelten die Regeln einheitlich für alle.
Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor, übt Gastfreundschaft, seid eines Sinnes untereinander, vergeltet niemandem Böses mit Bösem, da stell ich mir Jesus Christus als Trainer vor, der dies sagt und einübt. In unseren kirchlichen Gruppen. Und wie wir damit rausgehen auf das Spielfeld einer weltweiten Bewegung, um dieses zu bewähren. Immer versuchen, wie die kleinsten Länder, das bestmöglichste Ergebnis rauszuholen. Für den Frieden, für die Liebe.
Wo Jesus Christus der Trainer, da ist Gott der Schiedsrichter. Auch dies ist ein tiefes Bild. Seine Allmacht drückt sich darin aus, wie er uns auf den Platz stellt und wieder rausnimmt. Daher: Trachtet nicht nach den hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Seid beharrlich im Gebet. Immer schon gab es Fußballer, die vor dem Spiel beten. Manche öffentlich in einem Gebetskreis, wie bei diesen Spielen, viele für sich, andere schlagen ein Kreuz.
Rund wie der Ball ist die Sonne und die Erde. Beides hat Gott geschaffen. Und mit der Erde immer wieder neuen Generationen den Ball gegeben, damit sie ihr Leben zuversichtlich spielen. Um dabei niemals ihre Wurzeln zu vergessen. Seid brennend im Geist, schreibt Paulus, und dient dem Herrn. Wer einmal für ihn gespielt hat, und sei es auch nur für kurze Zeit, der oder die hat einen festen Platz in seinem ewigen Team. Mit dieser Zuversicht spielt es sich leichter und besser auf Erden.
Entscheidend ist immer auf dem Platz, das ist mein Lieblingsspruch als Bolzplatzkind aus der Sprache des Fußballs. Da kann noch so viel geplant und oder geschrieben werden, wenn es nicht umgesetzt wird, zählt es nicht. Daher haben unsere Konfirmanden das Eisessen nach dem Gottesdienst im heißen Sommer abgelehnt, weil sie noch ein Spiel hatten und das Eis sie nur belasten würde. Auf mich hat das Eindruck gemacht, im Sinne von Paulus: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
In diesem nun beginnenden zweiten Halbjahr mit den weltweiten Herausforderungen und den Wahlen im eigenen Land rächt euch nicht selbst, sondern überlasst dies Gott, gebt seinem Zorn Raum. Denn nur so werdet ihr feurige Kohlen auf die Häupter der Menschen sammeln, und hoffentlich auch die Harten zum Nachdenken bewegen. Im Fairplay des Handelns ist das Böse nur mit Gutem zu überwinden. Alles andere ist Gottes Sache. Er leitet das Spiel auf Erden.
Fußballgottesdienste landauf, landab, die Kirchen als Arena des Glaubens, mit der Leichtigkeit eines Spiels, das ist wunderbar. Wir haben die Kirche geöffnet, geschmückt, gesungen, gebetet, gepredigt und Fürbitte für den Frieden gehalten. Sie ist ganz voll geworden. So lasst uns diesen Sommer nutzen. Der Ball ist rund und schön wie das Leben. Oder, wie Franz Beckenbauer es einmal vor dem Finale zu seinen Spielern sagte und sie damit aufs Feld schickte: Geht’s raus und spielt’s.
Pastor Ralf Reuter
Göttingen
E-Mail: Ralf.Reuter@evlka.de