Römer 12,17–21
4. Sonntag nach Trinitatis | 28.06.2026 | Röm 12,17–21 | Andreas Schwarz |
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Mitten hinein in unser menschliches Miteinander schreibt Paulus an die christliche Gemeinde in Rom. Die kennt er nicht persönlich. Hinter seinen Hinweisen stehen also keine konkreten Beobachtungen. Es sind allgemeine Empfehlungen, praktisch für alle Menschen, die mit anderen zusammenleben. Also alle Menschen.
Aber er spricht Christen an.
Menschen, die in einer persönlichen Verbindung mit Jesus Christus leben, die an ihn glauben, die ihm vertrauen, dessen Worte und Handlungen für ihr Leben eine entscheidende Bedeutung haben. Und zwar besonders dann, wenn das Leben nicht locker und leicht von der Hand geht. Es wird bedeutsam, wenn es schwierig wird, wenn Menschen schlecht behandelt werden, wenn sie verletzt und enttäuscht werden. Es geht um die Gefühle, die dann entstehen. Ärger, Wut, Wunsch nach Rache und Vergeltung.
Das lasse ich mir nicht gefallen.
Das wirst du noch bereuen.
Das wirst du mir büßen.
Das zahl ich dir heim.
Wie du mir, so ich dir.
Da, wo wir uns am nächsten sind, ist es am Schönsten, aber dort tut es auch am meisten weh. Da entstehen die deutlichsten Gefühle.
Liebe und Enttäuschung.
Die Sehnsucht nach Nähe und der Wunsch nach Rache.
Eine solche Familiengeschichte wurde uns in ihrem Ende vorhin erzählt. Es ist eine Geschichte, in der erzählt wird, wie Geschwisterkinder von den Eltern unterschiedlich behandelt werden. Einer wird bevorzugt, andere eben nicht. Darum ist es eine Geschichte von Eifersucht und Mobbing.
Es ist die Geschichte von Jakob und seinen zwölf Söhnen. Die Brüder hatten eine spannungsreiche Beziehung. Josef, der zweitjüngste, wurde offenbar vom Vater bevorzugt. Er musste nicht mit auf dem Feld arbeiten, brachte aber immer Essen und Trinken. Dabei erzählte er von merkwürdigen Träumen, die seine besondere Stellung zum Ausdruck brachten. Als wäre er einmal ihr Herr und sie alle seine Untergebenen.
Irgendwann war es denen damit genug und sie planten, ihn zu töten. Nur der Widerspruch des Ältesten verhinderte die Tat, stattdessen verkauften sie ihn an eine vorbeiziehende Karawane nach Ägypten. Am dortigen Königshof machte Josef mit Gottes Hilfe Karriere und spielte eine entscheidende Rolle bei der Nahrungsverteilung, als eine große Hungersnot ausbrach. Da begegneten sich die Brüder nun wieder. Er der Herr, sie die Bittseller, die Untergebenen. Da war sie also gekommen, nach vielen Jahren: die Chance auf Vergeltung. Jetzt sind sie in seiner Hand, er hat die Macht und kann sich rächen.
Und sie haben das geahnt, hatten Angst, dass der Fluch ihrer bösen Tat auf sie zurückkommt. Sie berufen sich auf ihren gemeinsamen Vater und bitten in seinem Auftrag um Vergebung.
Damit die Rache ausbleibt.
Damit sie vor der Vergeltung verschont bleiben.
Es war ja schon in der Generation davor zu Spannung und Streit gekommen, zwischen Jakob und seinem älteren Zwillingsbruder Esau. Da ging es um das Erstgeburtsrecht und den Segen des Vaters, der genau daran hing. Völlig ausgehungert von der Arbeit hatte Esau dieses Recht für eine Mahlzeit verscherbelt und wollte es später doch wieder zurück. Es fehlte nicht viel und es wäre zu einem Mord gekommen.
So wie bei den ersten Brüdern, von denen die Bibel erzählt: Kain und Abel. Eifersucht, das Gefühl, schlecht behandelt zu werden, weckt üble Gefühle. Ärger und Wut zuerst, der Wunsch nach Rache und Vergeltung danach und dann entsteht der Plan einer Gewalttat. Schließlich die Tat.
Menschen haben sich wohl von Anfang an bis heute nicht geändert. Darum ist die Welt so, wie sie ist. Im Kleinen von Ehe und Familie, über Schulklassen, Arbeitskollegen bis zu Volksgruppen und Nationen. Rache und Vergeltung – in einer Spirale, die kaum noch Grenzen kennt und jedes Opfer als Kollateralschaden in Kauf nimmt. Das ist die Welt, in der wir leben. Da spielen Gefühle eine Rolle, die wir kennen.
Paulus weiß Bescheid. Er beobachtet und kennt den Menschen, ob in Rom oder in Jerusalem. Das ist kein Unterschied. Die Gefahr, dass aus einer persönlichen Verletzung ein Drama größeren Ausmaßes entsteht, lauert dort wie hier. Zwar gibt es aktuell ernst zu nehmende Psychologen, die es durchaus hilfreich finden, sich nach erlittener Verletzung zu rächen. Als Ventil für angestaute Wut – ohne Verletzung und Unbeteiligte zu treffen. Aber das System, dass auf jede Aktion wieder eine Reaktion folgt, wird so jedenfalls nicht aufgelöst. Das wäre für die Chance auf Frieden aber nötig.
Die Empfehlungen des Apostels Paulus weisen darum in eine ganz andere Richtung.
Vergeltet nicht Böses mit Bösem.
Rächt euch nicht selbst.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Das sind nicht die Spielregeln, die wir kennen und erleben. Das entspricht auch nicht unserem Naturell. Darum kostet es Überwindung. Nicht nur das Böse zu überwinden. Sondern mich selbst. Oder das Böse in mir. Die Lust auf Rache. Den Drang nach Vergeltung. Der Blick, zu dem Paulus uns einlädt, geht in zwei Richtungen.
Wo kommt die Kraft dafür her?
Und wohin wird uns das führen?
Wer den Glauben an Jesus Christus für sich entdeckt hat, wer sich nach ihm ausrichtet und ihm vertraut, der hat eine grundlegende Orientierung bekommen. Eine, die nicht nach dem Recht des Stärkeren fragt, nicht danach, wer sich mit Gewalt durchsetzt, wer die letzte Patrone oder das letzte Wort für sich beansprucht. In seinem Umgang mit den Menschen hat Jesus Christus gezeigt, was ihm wichtig ist.
Als sie ihn angeklagt haben, hat er sich nicht verteidigt. Als sie ihn mit falschen Vorwürfen belastet haben, wurde er nicht zornig. Als sie ihn geschlagen haben, hat er sich nicht gewehrt. Er hat seine Möglichkeiten nicht eingesetzt, um seinen Leben, seinen Ruf, sein Recht zu sichern.
Und wenn es um andere Menschen ging, hat er sich für sie eingesetzt, auch wenn Tradition und Gepflogenheiten anderes erwartet hätten. Er hat die Ehebrecherin in Schutz genommen, er hat der offenkundigen Sünderin verziehen, er hat sich von dem Betrüger zum Essen einladen lassen.
Immer ging es um Zuwendung zu den Menschen. Immer ging es darum, Menschen in schwierigen, wenn nicht aussichtslosen Lagen einen Weg zu eröffnen.
Und immer war die Motivation die Liebe. Er lebte und lebt Gottes Liebe, die darauf aus ist, Menschen für das Leben zu gewinnen. Nie ging es darum, einen Streit zu gewinnen oder das letzte Wort zu haben oder sogar Menschen die Botschaft mitzuteilen: Jeder kriegt, was er verdient.
Wir leben von seiner Liebe. Die Taufe ist heute wieder ein wunderschönes Bild dafür. Gott verschenkt seine Liebe und fragt nicht danach, ob es jemand verdient – bei einem Säugling ist das ja ohnehin nicht möglich. Aber auch Eltern werden nicht nach gelingender Frömmigkeit gefragt. Wer um die Taufe bittet, gesteht ja schon ein, die Zuwendung und den Segen Gottes nötig zu haben. Denn diese Gaben verschafft sich kein Mensch selbst. Die gibt es nur geschenkt – oder es gibt sie gar nicht. Woher also kommt die Kraft für den Verzicht auf Rache und Vergeltung? Von dem Glauben an Christus und seine Liebe zu jedem von uns.
Wohin es führt, ist bei Jesus selbst offensichtlich. Sein Weg der Liebe und Zuwendung hat ihn ans Kreuz gebracht. Nach den Regeln dieser Welt ist er gescheitert. Aber im weiten Blick hat er die Spirale von Gewalt und Tod durchbrochen. Am Ende setzt sich nicht durch, wer die meiste Macht, das meiste Geld, das höchste Ansehen hat. Sondern die Zukunft gilt dem, der auf Christus vertraut.
Und wer weiß, was es mit Menschen macht, wenn wir uns diesem Weg in all den Herausforderungen unseres Lebens anschließen? Wenn wir darauf verzichten, uns zu rächen, Vergeltung zu üben und damit ja dazu beitragen, dass es immer gewalttätiger wird. Vielleicht merken Menschen auf, staunen und fragen.
Martin Luther King hat mit seinem gewaltfreien Weg viele Menschen erreicht und eine Bewegung gegründet, die das Leben vieler Menschen zum Guten verändert hat.
Wir werden die Gewalt auf dieser Erde nicht beenden, auch keinen Krieg. Aber in unserem Leben, für das wir Verantwortung tragen, entscheiden wir. Richten wir uns nach der Liebe, mit der Gott uns in Christus beschenkt? Dann ist Rache keine Option. Dann sehen wir den Menschen, der leidet und helfen nach unseren Möglichkeiten. Dann verzeihen wir Fehler und eröffnen Wege, in Frieden miteinander umzugehen. Weil wir zu Christus gehören, sind wir tatsächlich befreit, auf das Böse zu verzichten und das Gute zu tun.
Dass wir mit diesem Weg unseren Frieden schließen und dafür gestärkt werden in all unseren mitmenschlichen Begegnungen, dazu schenke Gott uns seine Liebe immer wieder neu. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Verfasst von:
Andreas Schwarz, Karlsruhe
p.andreas.schwarz@mail.de