Ansprache bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach

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Ansprache bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach | 9. März 2026 | Psalm 90,2; Jesaja 43,1 | Jochen Cornelius-Bundschuh |

 

Ansprache zu Psalm 90, 2 und Jesaja 43, 1 bei der Bestattung von Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach am 9. März 2026 auf dem Friedhof in Göttingen-Geismar

 

Liebe Familie Nembach, liebe Familie H., liebe Trauergemeinde,

ein langes, erfülltes Leben ist zu Ende gegangen. Im Dezember ist Ulrich Nembach 90 Jahre alt geworden und hat dankbar auf sein Leben zurückgeblickt. „Gott, du bist unsere Zuflucht für und für“. So beginnt der 90. Psalm, aus dem auch der Vers stammt, den Ihr Vater vor sechs Jahren über die Traueranzeige für seine Frau, Ihre Mutter gestellt hat und den Sie nun auch der Traueranzeige für Ihren Vater vorangestellt haben. Es ist dieses Vertrauen, das Ulrich Nembach durch sein Leben getragen hat: „Gott, du bist unsere Zuflucht für und für!“ „Du lässt die Menschen sterben und sprichst zu Ihnen: Kommt wieder, Menschenkinder!“

 

I

Ulrich Nembachs Kinderjahre waren schwer. Sie, lieber Herr Nembach, haben mir die Szene beschrieben, wie der 9jährige in der Nähe von Sontra in Nordhessen am Kriegsende im Mai 1945 vor einem amerikanischen Soldaten die Hände in die Höhe strecken musste. Ihr Vater und Großvater war von Breslau hierher geflohen; er sah Städte brennen und musste sich vor Bomben in Sicherheit bringen: ein halbverhungertes Flüchtlingskind, arm und traumatisiert – mitten in einer Trümmerwüste. Zerstört waren nicht nur Gebäude, sondern auch die Moral und das Recht lagen in Trümmern. Viele Deutsche realisierten erst jetzt, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Jahren des Naziregimes geschehen waren; viele hatten sie nicht sehen wollen und erkannten erst jetzt, wie sie daran beteiligt waren. Auf einmal erschienen „die unerkannten Missetaten“, von denen der Psalm 90 spricht, im hellen Licht deutlich vor aller Welt, nicht nur vor Gott.

 

II

Wie fasst ein Kind wieder Vertrauen, das die Schrecken von Krieg und Flucht erlebt und mit „Hände hoch“ vor einem bewaffneten Soldaten gestanden hat? Ulrich Nembach fand im Recht und im Glauben neue Orientierung. Deshalb wollte er nach der Schule in Goslar und dem Abitur in Düsseldorf Theologie studieren; um besser zu verstehen, was diese alten Worte bedeuten: „Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Und da seine Eltern fanden, es wäre gut, wenn er auch noch etwas „Richtiges“ machte, studierte er gerne auch noch Jura. Er hat dann in beiden Fächern promoviert; sein Hauptfach aber blieb die Theologie. Kirchenlehrer wollte er sein, also in der und für die Kirche wirken. Deshalb habilitierte er sich in Münster in Praktischer Theologie.

Pfarrdienst in Goslar, Studienleitung an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar und schließlich Professur in Göttingen: das waren seine Stationen. An allen ging es ihm darum, so vom Evangelium zu reden, dass es heute gehört werden kann. Deshalb interessierte er sich für Publizistik und neue Medien; deshalb gründete er die Göttinger Predigten im Internet – und überlegte noch in den letzten Jahren, wie KI für die Predigt hilfreich sein könnte.

Er war innovativ, fand das Glaube und Fortschritt kein Gegensatz sein dürfen, interessierte sich für die Veränderungen der Kommunikationsformen; wenn er einmal ohne Telefon und mediale Kommunikation war, fehlte ihm etwas. Offen und neugierig fragte er nach: Was erwarten die Menschen von Kirche im Privatfunk? Welche Möglichkeiten hat Seelsorge in der Klinik? Welchen Beitrag leistet Diakonie für die Gesellschaft? Seine Studierende ermunterte er, ihre Fragen zu stellen. Er war im engen Austausch mit denen, die bei ihm promovierten und engagierte sich für sie, aber er ließ ihnen auch Freiheit, ihren Weg zu finden. Er suchte das Gespräch mit anderen Fachrichtungen und auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus anderen Ländern, nahm gerne an internationalen Konferenzen teil und übernahm Gastprofessuren u.a. in Skandinavien und Osteuropa, in Polen oder der Slowakei.

Aber er zweifelte manchmal auch an seinem Tun, etwa angesichts der großen Unsicherheit in den Kirchen angesichts der Corona-Krise. Hatte er, hatten die Fakultäten die Kolleginnen und Kollegen im Pfarrdienst gut genug ausgebildet, damit sie mit einer solchen Krise zurechtkommen konnten? Als frommem, lutherisch geprägten Theologen war ihm klar, dass der Erfolg nicht in seinen Händen liegt, sondern an Gottes Segen; deshalb beten wir mit dem letzten Vers von Psalm 90: „Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!“

 

III

So schwer die Kindheit war, so dankbar war Ulrich Nembach für die vielen guten Jahre, die folgten: für seine beruflichen Möglichkeiten, für die langen Ehejahre mit seiner Frau, Ihrer Mutter, für Sie, den Sohn und die Tochter und Ihre Familien, für die fünf Enkelkinder. Als er mich vor Jahren fragte, ob ich ihn beerdigen würde, hat er mir stolz von Ihnen allen erzählt.

Er hat gerne und viel gearbeitet – manchmal hätten Sie sich wohl gewünscht, dass er mehr Zeit mit Ihnen verbracht hätte. Aber er lebte das klassische Modell; für die Familie war seine Frau, Ihre Mutter zuständig. Er hatte sie im Studium kennengelernt. Sie waren sehr eng miteinander verbunden und als sie vor sechs Jahren nach einer langen, schweren Krankheit starb, war das für ihn ein großer Einschnitt. Auf einmal war er allein in der Wohnung oben auf dem Berg mit dem herrlichen Ausblick, die beide so liebten. Vor allem aber war die, die die Familie über Jahrzehnte zusammengehalten hatte, nicht mehr da.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden“, auch darum bittet der 90. Psalm. Ulrich Nembach hat nicht gerne über Sterben und Tod gesprochen. Wahrscheinlich waren sie für ihn zu eng mit den Schrecken verbunden, die ihn seit seiner Kindheit nicht losließen und ihn immer wieder eingeholt haben: als sein Bruder starb, als er selbst schwer krank war, als seine Frau starb. Aber auch angesichts des Kriegs Russlands gegen die Ukraine, der Schrecken des 7. Oktober und der anschließenden Kämpfe in Gaza; diese Ereignisse haben Ulrich Nembach sehr belastet. Er konnte nicht verstehen, wie Menschen einander das antun können; für ihn war das gemeinsame Haus Europa und das friedliche Miteinander von Menschen und Nationen von zentraler Bedeutung.

 

IV

Als er bei seinem Weihnachtsbesuch in Leipzig erkrankte, haben Sie, liebe Frau H., ihn begleitet. Sie haben sich gefreut, dass Sie und Ihre Familie ihn dabei noch einmal anders erlebten: zugewandter, nahbarer, dankbarer. Er war klar und freute sich über Gespräche, hatte sogar Hoffnung, wieder zurück nach Göttingen in seine Wohnung zu können.

Dann kam der Schlaganfall am Todestag seiner Frau und schnell war deutlich, dass Sie Abschied nehmen mussten. Dass das für Sie möglich war, war gut und ein Geschenk.

Nun schauen Sie auf seinen Sarg und blicken zurück. Sie erinnern sich an schöne Tage, aber auch an schwierige Zeiten. Beides bringen wir heute vor Gott und vertrauen darauf, dass Gott, der die Menschen sterben lässt, spricht: „Kommt wieder, Menschenkinder!“ Gott hat seinen Sohn nicht dem Tod überlassen; Gott wird auch Ihrem Vater und Großvater über den Tod hinaus Zuflucht sein – und Ihnen Trost. Wir können einstimmen: „Gott, du bist unsere Zuflucht für und für!“